Jürgen Fuchs und die DDR

Die körnig gewordene Erinnerung

Von Matthias Jügler
21.04.2021
, 21:25
Jürgen Fuchs stellt im März 1998 sein damals aktuelles Buch „Magdalena“ in Hamburg vor.
Als sich die Wirklichkeit selbst aufschrieb: Wie der Schriftsteller Jürgen Fuchs das Unrecht der SED-Diktatur zu spüren bekam. Ein Gastbeitrag.
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Mit dem Vergessen ist es ja so eine Sache: Manchmal geschieht es, einfach so – und schon ist ein Moment für immer verschwunden, die Erinnerung an den ersten Kuss beispielsweise. Manchmal aber kann auch mit Vorsatz vergessen werden und wider besseres Wissen. Dass dem so ist, habe ich in den letzten Wochen erfahren müssen. Regelmäßig habe ich Leserbriefe zu meinem Roman „Die Verlassenen“ erhalten, die mir zeigten, dass viele Ostdeutsche sich offensichtlich vorgenommen haben, etwas zu vergessen, von dem ich bisher dachte, es sei so fest in den Köpfen verankert wie der eigene Name: Die Rede ist vom Bewusstsein für das Unrecht der SED-Diktatur, das Bewusstsein dafür, dass bei all den schönen Seiten der DDR allem voran stehen muss, dass es sich um einen Unrechtsstaat handelte, der Andersdenkende gebrochen hat und genau die Urteile fällte, die halfen, unliebsame Menschen aus dem Weg zu räumen. Vor 75 Jahren, am 21. April 1946, wurde die SED gegründet. Diese drei Buchstaben, so dachte ich, stehen im kollektiven deutschen Bewusstsein für nichts anderes als Unrecht.

Dass dieses Bewusstsein und der reflektierte Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte offensichtlich ein Verfallsdatum haben, war mir neu. Zumeist haben mir Menschen geschrieben, die meine Eltern oder Großeltern sein könnten. Diese Nachrichten an mich waren vor allem eines: voller Wut. Wie kannst du uns unsere schöne DDR nur so kaputtmachen? Irgendwann ist aber auch mal gut mit diesem Thema, ja!?

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Es stimmt – in der DDR musste niemand um einen Kindergartenplatz bangen und schlimmstenfalls sein Recht auf Betreuung vor Gericht erkämpfen. Auch ein kostenloses Gesundheitssystem ist etwas Wunderbares oder der unbedingte Zusammenhalt untereinander, wenn irgendjemand Hilfe brauchte. Nicht zuletzt gab es in der DDR Vollbeschäftigung, und niemand musste fürchten, keine Arbeit zu bekommen. Oder etwa doch? Die positiven Aspekte des Lebens in der DDR, die oft genannt werden, schließen all jene aus, die das Pech hatten, ins Visier der Staatssicherheit gekommen zu sein. Genau hier fängt das Unrecht an. Und dies zu vergessen, nicht zu erwähnen oder in den Erzählungen über „damals“ einfach außen vor zu lassen, so wie es in den Leserbriefen an mich immer wieder gemacht wird – das geht nicht.

Zahlreiche Schicksale belegen das Unrecht

In meinen Antworten auf diese Briefe erzähle ich immer wieder auch von einem, der Schriftsteller war in der DDR, Bürgerrechtler und Sozialpsychologe: Jürgen Fuchs. Er musste am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn der Staat willkürlich Recht spricht. Und so schreibe ich in meinen Antworten oft auch vom 19. November 1976, also von jenem Tag, an dem Jürgen Fuchs im Wagen seines engen Freundes Robert Havemann sitzt, der wie Fuchs selbst ein vehementer Regimekritiker war.

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Ich erzähle, dass sie auf dem Weg nach Berlin sind, um gegen die Biermann-Ausbürgerung zu protestieren. Doch so weit kommen sie nicht. Die Staatssicherheit stoppt den Wagen, zerrt Jürgen Fuchs heraus und bringt ihn in das nahe Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen. Dort wird er neun Monate lang psychisch und physisch gequält werden, dort wird man ihn mit allen Mitteln versuchen zum Reden zu bringen – um den von der SED so gehassten Robert Havemann zu belasten. Was er nicht tun wird.

Ich schreibe in meinen Antworten auch, dass die Stasi schon 1975 dafür gesorgt hatte, dass Jürgen Fuchs, der gerade das Examen mit „sehr gut“ bestanden hatte, kurz vor dem endgültigen Abschluss seines Studiums der Sozialpsychologie noch schnell exmatrikuliert wurde. Wer keiner Arbeit nachging, machte sich zu DDR-Zeiten strafbar. Vollbeschäftigung ist relativ. Fuchs’ Vergehen in den Augen der Diktatur: Er schrieb und nahm dabei kein Blatt vor den Mund. Die Stasi nannte seine Texte Staatsverleumdung – Grund genug für Haft. Der unausgesprochene Vorwurf lautete, so wird es Fuchs 1990 im Interview mit dem Rias sagen, immer auch „Gruppenbildung“. Havemann, Biermann, Fuchs und andere – das war die Opposition. In den Augen der Stasi durfte das einfach nicht sein.

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Verschärfte Staatshetze als Vorwurf

Irgendwann, als die Vernehmer in Hohenschönhausen merkten, dass aus Fuchs nichts Belastendes herauszudrücken war, verschärften sie das Strafmaß. Aus Staatsverleumdung machten sie Staatshetze. Wochen vergingen, Fuchs aber schwieg. Dann war es auf einmal verschärfte Staatshetze, die sie ihm vorwarfen, und wieder wurden es ein paar Jahre mehr Haft, die sie ihm androhten. Aber auch jetzt schwieg Fuchs beharrlich und ließ sich nicht erpressen. Er überstand viel in diesen neun Monaten: tägliche Verhöre, mal sechs, mal zehn Stunden lang, dass sie ihn anschrien, dass sie ihm drohten, all die Lügen: dass seine Eltern jetzt auch verhaftet seien, seinetwegen. Seine Freunde verhaftet, seinetwegen. Fuchs schwieg. Irgendwann zog ein Mann in seine Zelle – ein Stasi-Spitzel, der ihm bald schon den Krieg erklärte, „Zellenkrieg“ nannte Fuchs das. Und immer wieder, sagte Fuchs, konnte er wahrnehmen, dass man ihm Psychopharmaka verabreicht hatte, ohne sein Wissen.

Wissen war nie wertvoller

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Ende 1977 wird Fuchs gegen seinen Willen ausgebürgert. Aber auch in West-Berlin lässt ihn die Stasi nicht in Ruhe. Jemand bestellt mehrfach einen Kammerjäger in seine Wohnung, Fuchs’ Tochter bekommt ein neues Fahrrad, bald darauf sind die Bowdenzüge der Bremsen durchgetrennt. Die Liste lässt sich fast beliebig erweitern: Telefonterror, Waren werden geliefert, die die Familie nie bestellt hat, und so weiter. Manche seiner westdeutschen Freunde halten Fuchs für paranoid, weil er die Stasi hinter allem vermutet – in West-Berlin. Nach der Wende liest er in seinen Stasi-Akten, und schon wird aus der Vermutung Gewissheit.

Gegen Ende meiner Antworten auf die bitterbösen Mails, ich möge doch bitte das Ansehen der DDR nicht beschmutzen, schreibe ich davon, dass man bei Jürgen Fuchs 1994 eine seltene Art von Blutkrebs diagnostizierte. Ich schreibe, dass Fuchs immer schon den Verdacht hatte, er könnte in der Haft radioaktiv bestrahlt worden sein, und dass das Gefühl, das er nach seiner Bestrahlung Mitte der Neunziger im Steglitzer Krankenhaus hatte, ihm sehr vertraut war.

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Ähnliche Fälle erhärten den Verdacht

Es fühlte sich an wie damals im Stasi-Knast: Nach ein paar Monaten Haft, als man schon gemerkt hatte, dass Fuchs sein Schweigen nicht brechen würde, führte man ihn zu einem angeblichen Fototermin. Man fixierte ihn auf einem Stuhl und ließ ihn allein. In einem Interview, das er 1996 gab, drei Jahre vor seinem Krebstod, sagte Fuchs, er habe während der langen Zeit, die er auf diesem Stuhl fixiert gewesen sei, ein lautes Lampengeräusch wahrgenommen – und direkt nach diesem Fototermin habe er starke gesundheitliche Probleme bekommen, die typisch für Patienten einer Strahlenbehandlung sind: entzündete Schleimhäute und eine Kraftlosigkeit, die so weit ging, dass er kaum noch Treppen steigen konnte.

In diesem Interview sagte Fuchs, man müsse mit der nötigen Zurückhaltung über das Thema Bestrahlung in Stasi-Gefängnissen sprechen, aber es seien eben sehr harte Indizien. Damit meinte er beispielsweise den Umstand, dass Ende 1989 bei der Besetzung der Stasi-Untersuchungshaftanstalt im thüringischen Gera durch das örtliche Bürgerkomitee Dosimeter gefunden worden waren. In jenem Raum, in dem Gefangene fotografiert wurden, entdeckten die Geraer hinter einer Pappwand einen Vorhang. Dahinter verbarg sich auf Kopfhöhe ein Röntgengerät, das in Richtung des Gefangenen zeigte – als man der Sache später auf den Grund gehen wollte, war das Röntgengerät längst verschwunden.

Außerdem erstellte die Stasi die sogenannte Toxdat-Studie, in der sie über die „Schädigung durch Beibringung radioaktiver Stoffe“ berichtete. Neben Fuchs starben auch andere Regimekritiker, die in Stasihaft waren, an Krebs: beispielsweise 1997 Rudolf Bahro an Blutkrebs und im selben Jahr Gerulf Pannach an Nierenkrebs. Auch hier gibt es, um es mit Fuchs zu sagen, harte Indizien, die dafür sprechen, dass die Stasi ihre Finger im Spiel hatte.

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Mord ohne Nachweismöglichkeit?

Im Jahr 2000 wurden die Ergebnisse einer Forschungsgruppe veröffentlicht, die dem Verdacht nachging, politische Häftlinge seien in der DDR heimlich bestrahlt worden. Sie konnten keine Nachweise dafür finden. Ein Vorteil, den die Toxdat-Studie jedoch der Arbeit mit radioaktivem Material bescheinigte, war ihr sehr gutes Verschleierungspotential. Dass „strahlungsaktive Substanzen“ von der Staatssicherheit für operative Zwecke genutzt wurden – auf Kosten der Gesundheit der Bespitzelten, das konnte die Forschungsgruppe zumindest zweifelsfrei nachweisen.

Ich beende meine Antworten an die Briefschreiber mit einem Hinweis darauf, dass Jürgen Fuchs nicht nur eine Frau und eine Tochter hinterlassen hat. Sondern auch Lyrik und Prosa. Ich bitte diejenigen, die mir ihre Wut vor die Füße geworfen haben, doch einmal Fuchs’ „Vernehmungsprotokolle“ zu lesen, die in meinen Augen eindringlichste Prosa, die in den letzten Jahrzehnten auf Deutsch verfasst wurde. Mit dem Silberblattpapier einer Schokoladentafel schrieb Fuchs heimlich auf den Tisch in seiner Zelle: Was die Vernehmer ihn gefragt hatten, wie sie aussahen dabei, wie sie ihn versuchten zu brechen, wie es sich anfühlt, wenn es kein Entrinnen gibt – und lernte dann Satz für Satz auswendig. Fuchs’ Schweigen im Gefängnis war nur ein äußeres Schweigen. Kurz nach seiner Ausbürgerung erschienen diese Texte 1978 bei Rowohlt. Herta Müller, eine seiner Weggefährtinnen, schrieb über ihn und seine Texte: „Keine Fiktion im Inhalt, nur Erfindung im Ausdruck.“

Die subjektive Wirklichkeit vergisst gerne. Aber über die DDR nachzudenken, sich mit ihr zu befassen, auch und vor allem in unserer Gegenwart, in der nicht nur das Wort „Diktatur“ wieder vermehrt zu hören ist, sondern auch Wir-sind-das-Volk-Rufe, das bedeutet immer auch, einen Blick auf die zu werfen, die wirklich unter ihrem Staat zu leiden hatten und deren Wirklichkeit die Schattenseiten des Systems DDR zeigt. Ich empfehle in meinen Antworten die Lektüre von Jürgen Fuchs’ Texten, weil dies eine gute Möglichkeit sein könnte, das eigene, vielleicht zu körnig gewordene Bild der DDR mit dem eines anderen zu vergleichen. Herta Müller traf es auf den Punkt, als sie über seine Prosa sagte: „Die Wirklichkeit hat sich in diesen Texten selbst aufgeschrieben.“

Matthias Jügler, geboren 1984 in Halle, ist Schriftsteller. Kürzlich erschien sein Roman „Die Verlassenen“ (Penguin).

Quelle: F.A.Z.
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