Festival Literaturm

Und plötzlich soll man Auskunft über Waffen geben?

Von Sandra Kegel
30.06.2022
, 16:43
Die Autorinnen Lea Ypi und Tanja Maljartschuk im Frankfurter Volkstheater
Hoffen, das ist etwas für Verzweifelte: Eine Diskussion mit Lea Ypi und Tanja Maljartschuk im Zeichen der Ukraine zum Auftakt des Frankfurter Festivals Literaturm.
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Tanja Maljartschuks orangefarbene Bluse ist dem Krieg geschuldet, nicht der Orangenen Revolution. Zwar hatte die Autorin im Jahr 2004 als Studentin selbst an den Kiewer Protesten teilgenommen – doch in einer, wie sie heute rückblickend sagt, so romantischen wie naiven Hoffnung, dass nun alles gut werde mit der Ukraine. Dabei nahmen die Herausforderungen mit dem aggressiven Nachbarn Russland damals gerade erst an Fahrt auf. Orangefarben war die Bluse, weil diese zur Eröffnung des Frankfurter Diskursfestivals Literaturm das letzte noch saubere Kleidungsstück in Tanja Maljartschuks Koffer war.

Seit dem 24. Februar ist die ukrainische Schriftstellerin, die seit vielen Jahren in Wien lebt und 2018 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann, praktisch ununterbrochen auf Reisen. Sie wird zu Gesprächsrunden eingeladen, zu Festivals und Diskussionen in Universitäten, um über den Krieg zu sprechen, den sie einen europäischen Krieg nennt. Sie erzählt kenntnisreich und bewegend, manchmal aber, gesteht sie, überfordere sie das auch: „Ich bin Schriftstellerin, zuletzt habe ich Gedichte über die Liebe geschrieben, und jetzt soll ich Auskunft über Waffen geben?“

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Dass auch Lea Ypis strahlend europablaues Kleid keinesfalls als politisches Statement zu lesen war, bemerkte man spätestens an der Bitterkeit, mit der die 1979 in Tirana geborene Philosophin über Aufnahmerituale der Europäischen Union sprach. Zeigte sich Tanja Maljartschuk eben noch im Gespräch erleichtert über den so lange ersehnten EU-Kandidatenstatus der Ukraine, erwiderte Lea Ypi ihr illusionslos: „Willkommen im Club.“ Sie weiß, wovon sie spricht. Ihr Heimatland Albanien führt seit 2003 Gespräche mit der EU, reichte 2009 das entsprechende Gesuch ein und ist seit 2014 EU-Beitrittskandidat, doch was daraus folgt, ist nach wie vor ungewiss.

Das bittere Erwachen nach 1990

Auch die nach 1990 erlangte Freiheit Albaniens geriet für Lea Ypi wie für so viele ihrer Landsleute zur traumatischen Erfahrung, als innerhalb weniger Jahre das Leben dort auseinanderfiel, durch Auswanderung, Anarchie auf den Straßen und einen Bürgerkrieg sowie durch die Verarmung großer Teile der Bevölkerung, die auf betrügerische Pyramidensysteme hereingefallen waren. Die Länder der Europäischen Union, die eben noch den Freiheitskampf bejubelt hatten, schlossen ihre Grenzen. Die Frage, mit welcher Vorstellung Lea Ypi ihr Land zu jener Zeit verließ, beantwortete sie nüchtern: mit keiner. In meinem Land herrschte Krieg, ich wollte nur fort.

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Die Professorin für politische Philosophie an der London School of Economics hat jüngst mit ihrem inzwischen in mehr als zwanzig Sprachen übersetzten Buch „Frei – Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“ auch hierzulande Aufsehen erregt. Dass der Titel ironisch gemeint sei, weil sie sich wirklich frei auch nach dem Wendejahr 1990 nicht gefühlt habe, führte die Autorin jetzt in der Frankfurter Volksbühne noch einmal aus. Denn ihr Leben wurde durch den Kollaps des Sowjetreichs geteilt in ein Davor und ein Danach.

Strategien innerer Freiheit

Albanien unter der paranoiden Herrschaft des Diktators Hodscha war eines der ärmsten Länder der Welt, doch für das Kind, das sie damals war, die beste aller Welten. Dass diese Annahme, im Land der großen Freiheit zu leben, so wie Ypi es jahrelang von ihren Eltern oder ihrer Lehrerin gehört hatte, sich als Lüge erwies, ließ den Zweifel und die Unsicherheit in ihr zuvor als authentisch erfahrenes Dasein einbrechen. Vielleicht führte sie das ja zur Philosophie. In Frankfurt jedenfalls überraschte sie ihr Publikum zugleich mit der Erkenntnis, dass es zwar gesellschaftliche Freiheit in der Steinzeit-Diktatur Albaniens nicht gab, die Menschen aber gleichwohl auch innerhalb der totalen Unfreiheit Strategien einer inneren Freiheit entwickeln konnten, wie sie dies am Beispiel eines Verwandten erläuterte, der zwar nie einen Fuß nach Rom gesetzt hatte, sich aber durch Lektüre die Stadt erschlossen habe wie ein Römer.

Als die Leiterin des traditionell programmatisch ausgerichteten Festivals Sonja Vandenrath vor Monaten den Titel „Risse“ entwickelte, spielte sie damit auf Heines Klage über die Zerrissenheit der Welt ebenso an wie auf Kracauers Brief an Adorno, in dem dieser 1923 schrieb: „Der Riß der Welt geht auch durch mich.“ Damals konnte sie nicht ahnen, dass nur wenige Wochen später ein russischer Angriffskrieg Europa buchstäblich zerreißen würde. Dass Literaturm auch in seinen Veranstaltungen auf diese neue Gegenwart reagiert hat, ist richtig, wie man bei der Eröffnungsveranstaltung erleben konnte. Denn während des Gesprächsabends, an dem neben Lea Ypi und Tanja Maljartschuk auch der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew teilnahm, der mit Kriegsausbruch sein Land verlassen musste, sowie der auf Osteuropa spezialisierte Historiker Gert Koenen, wurden die Risse nicht nur zum Gegenstand theoretischer Erörterungen, sondern sie verliefen spürbar auch zwischen den Gesprächspartnern. Hoffen wolle sie nicht, sagte Tanja Maljartschuk, denn das sei etwas für Verzweifelte. Und wer wie Lea Ypi erlebt hat, dass sich alles von jetzt auf gleich ändern kann, weiß, dass das jederzeit wieder möglich ist.

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Quelle: F.A.Z.
Sandra Kegel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Sandra Kegel
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.
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