Reihe „Mein Fenster zur Welt“

Mailand – Ein Zeitalter geht hier zu Ende

Von Antonio Scurati, Mailand
Aktualisiert am 24.03.2020
 - 11:00
Sie sind zugleich bedrohlich und bedroht: Wartende vor einem Supermarkt in Mailand.zur Bildergalerie
Gestern hatten sie den kleinen Laden singhalesischer Einwanderer noch links liegenlassen, jetzt stehen sie vor seinen kahlen Schaufenstern für Brot an: Über den Mut der Italiener und den Weg in ein noch ungewisses Leben.

„Wie kann ich meine Frau davon überzeugen, dass ich, während ich aus dem Fenster schaue, arbeite?“ – fragte sich Joseph Conrad zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Ich hingegen frage mich: Wie kann ich meiner Tochter erklären, dass ich, während ich aus dem Fenster schaue, das Ende einer Epoche sehe? Die Epoche, in die sie hineingeboren wurde, aber von der sie nicht wissen wird, dass es das Zeitalter der längsten und selbstvergessensten Phase des Friedens und des Wohlstands war, die die Geschichte der Menschheit jemals erlebt hat.

Ich lebe in Mailand, bis gestern die am weitesten entwickelte und strahlendste Stadt Italiens, eine der attraktivsten Städte der Welt. Die Stadt der Mode, des Designs, der Expo. Die Stadt des Aperitivos, die der Welt den Negroni sbagliato und die Happy Hour beschert hat und die heute die Welthauptstadt von Covid-19 ist und die Hauptstadt einer Region, die allein 30.000 Infizierte zählt und 3000 Tote zu beklagen hat.

Die Sterblichkeitsrate liegt bei zehn Prozent, vor den Krankenhauseingängen stapeln sich die Särge. Es ist eine dampfende Pest, die über den Türmen des Doms schwebt wie über den verfluchten Städten antiker griechischer Tragödien. Die Sirenen der Krankenwagen sind der Soundtrack unserer Tage geworden; unsere Nächte werden von erwachsenen Männern gestört, die im Schlaf jammern: „Was ist los, geht es Dir nicht gut?“ – „Nichts, es ist nichts, schlaf wieder ein.“ Tausende ihrer Freunde, Verwandten, Bekannten husten, bis sie in den Betten ihrer von berühmten Architekten eingerichteten Einzimmerwohnungen Blut spucken; allein, außerhalb jeder Statistik und ohne jede Hilfe.

Wenn ich in diesem Augenblick aus dem Fenster schaue, sehe ich einen einfachen Lebensmittelladen, der mit bewundernswertem Fleiß von singhalesischen Einwanderern betrieben wird. Bis gestern war er die einzige Anomalie und unharmonische Note in diesem nicht ganz zentral gelegenen, auf eigene Art eleganten Viertel. Heute ist der Laden ein Wallfahrtsort. Ich sehe Männer und Frauen, die ihn gestern noch links liegengelassen haben, weil es dort nicht ihre Lieblingskleie zu kaufen gibt, und die jetzt vor seinen kahlen Schaufenstern für Brot anstehen. Sie halten, gestützt auf der Disziplin des tiefen Kummers, einen Meter Abstand voneinander, sie sind zugleich bedrohlich und bedroht, mit ihren behelfsmäßigen Masken aus Stofffetzen, die bis gestern noch die exotischen Pflanzen auf ihren Dachgärten geschützt haben; ausgefranste Gaze, die mit der schlaffen Melancholie des letzten Überbleibsels eines zu Ende gegangenen Zeitalters von ihren Gesichtern herabhängt.

Ich sehe diese traurigen Männer und Frauen, die sich selbst nicht gerecht werden. Ich sehe sie mir an. Ich habe nicht die Absicht, sie abzuwerten oder zu verspotten. Es sind erwachsene Männer und Frauen und doch sieht man über den Masken den bestürzten Blick vernachlässigter Kinder. Sie sind völlig unvorbereitet zu dem Treffen mit ihrer eigenen Geschichte gekommen; und genau deshalb sind sie mutige Männer und Frauen. Sie gehörten zum wohlhabendsten, geschütztesten, langlebigsten, am besten gekleideten, ernährten und gepflegtesten Stück Menschheit, das je auf der Erde gewandelt ist; und jetzt, da sie in ihren Fünfzigern sind, stehen sie Schlange für Brot.

Das Leben riskieren, um Gassi zu gehen

Ihre Schule des Lebens war eine lange Lehrzeit der Fernseh-Unwirklichkeit. Sie waren Zwanzig, als sie von ihren Wohnzimmern aus den ersten live im Fernsehen übertragenen Krieg der Menschheitsgeschichte mitverfolgen konnten; Dreißig, als sie vom Medienterror bombardiert wurden; Vierzig, als die Odyssee der Verdammten dieser Erde an ihren Urlaubsstränden landete. Es waren alles schicksalhafte Termine, die nicht verpasst werden durften. Die großen Szenen ihrer Existenz wurden als Medienereignisse konsumiert, sie waren Lounge-Krieger, Badegäste an den Stränden der Migranten, Veteranen, durch die Abende vor dem Fernseher traumatisiert. Und jetzt stehen sie Schlange für Brot.

Ihre Kindheit war ein japanisches Manga, ihre Jugend eine Poolparty – erinnern Sie sich? Es war Samstagabend; und man ging auf eine Party; es war immer Samstagabend; und man ging immer auf eine Party – ihr Erwachsensein war ein Tribut an eine banale und grausame Dreifaltigkeit: Arbeitswut, Outlet-Sommer und erstklassiger Spa. Sie lebten gut, besser als jeder andere, aber je länger sie lebten, desto lebensunerfahrener wurden sie: Sie haben nie den Biss des Krieges kennengelernt, sie wurden nie vom tragischen Gefühl der Existenz berührt, nie von der Frage nach ihrem Platz im Universum. Und jetzt, im Alter von fünfzig Jahren, mit schon weißem Haar, mit schlaffen Unterleibern und mit der Angst, die ihre Lungen füllt, stehen sie Schlange für Brot. Als zwanghafte Touristen haben sie die Welt bereist, ohne ihr Zuhause dabei jemals zu verlassen; und jetzt markiert ihr Zuhause für sie den Rand der Welt; sie haben fast nur innere Dramen erlitten; und jetzt katapultiert sie das Drama der Geschichte in die Schusslinie einer globalen Pandemie; sie haben ein Haus am Strand und ein Mobiltelefon der neusten Generation, und doch stehen sie jetzt Schlange für Brot; sie hatten mehr Hunde als Kinder, und jetzt riskieren sie ihr Leben, um mit ihrem Pudel Gassi zu gehen.

Meine plötzlich gealterten Jungs

Ich beobachte sie vom Fenster meines Arbeitszimmers aus, während ich schreibe. Ich beobachte sie, während die Zahl der Todesfälle auf 4000 ansteigt, während die Abszisse der Ansteckung exponentiell wächst, während ich den Atem anhalte, um nicht die Luft der jetzigen Zeit einzuatmen. Ich beobachte sie und trauere um sie, weil sie die glücklichste Generation der Menschheitsgeschichte waren und dann das Ende ihrer Welt genau dann erleben mussten, als sie schon zu alt waren, um auf eine neue Welt zu hoffen. Und dennoch werden sie es tun, sie werden es schaffen, da bin ich mir sicher. Sie werden sich die Welt vorstellen müssen, die sie in diesen Tagen gezwungenermaßen ausprobieren: eine Welt die sich fragt, wie sie ihre Kinder erziehen, wie sie atembare Luft erhalten, wie sie für sich und andere sorgen kann. Ein Zeitalter ist zu Ende gegangen, ein anderes wird beginnen. Morgen. Heute steht man Schlange für Brot. Heute titeln die Zeitungen: Mailand, halte durch! Und Mailand hält durch.

Ich werfe einen letzten Blick aus dem Fenster auf meine fünfzigjährigen Altersgenossen, meine Mailänder Mitbürger, auf meine plötzlich gealterten Jungs: wie groß und pathetisch sie mit ihren Laufschuhen und ihren chirurgischen Atemschutzmasken sind! Ich habe Mitleid mit ihnen, ich verstehe sie, sie tun mir leid. In wenigen Sekunden werde ich zusammen mit ihnen in der Schlange stehen.

Aus dem Italienischen von Karen Krüger.

Von Antonio Scurati, Jahrgang 1969, ist zuletzt auf Deutsch der Roman „M. Der Sohn des Jahrhunderts“ erschienen.

Quelle: F.A.Z.
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