Martin Walser

Über Rechtfertigung, eine Versuchung

Von Martin Walser
10.11.2011
, 06:24
Martin Walser
Die Universität Harvard hat Martin Walser eingeladen, eine Rede zum 9. November zu halten. Die Ansprache des Schriftstellers zielt ins Zentrum seines Selbstverständnisses.
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1.

Gerechtfertigt zu sein, das war einmal das Wichtigste. Staaten legitimieren sich durch Gesetze. Regierungen durch Wahlen. Aber der Einzelne?

Das durchdringendste Beispiel einer Suche nach Rechtfertigung hat Kafka geliefert im „Prozess“-Roman. Josef K. wird eines Morgens verhaftet, ohne dass er etwas Übles getan hätte. Zur Verhandlung gegen ihn muss er in die Vorstadt, wo die Ärmeren wohnen. Alle Angeklagten, die dort vernommen werden, stammen, heißt es, aus den „höheren Schichten“.

Als Josef K. zum ersten Mal am Sonntag in einem dieser schlechtbeleuchteten Säle die Masse von Menschen bemerkt, die offenbar seine Vernehmung erleben wollen, hat er den Eindruck, es „handle sich um eine politische Versammlung“; in der ersten Fassung stand da, es handle sich um eine „sozialistische Versammlung“.

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Es ist nur eine gelinde Trivialisierung zu sagen, der „Prozess“ sei der Roman einer Gewissenserforschung, ein Roman auf der Suche nach Rechtfertigung. Und der, dem diese Rechtfertigung so fehlt, dass er den Prozess förmlich auf sich zieht, das ist „der Prokurist einer großen Bank“. Josef K. sucht dann Hilfe überall, auch in der Kunst, schließlich in der Religion. Alles umsonst. Er kann, wie er ist und lebt, nicht leben.

Die Schande, die er als Parasit ist

Kafka hat den Werktag, die politische Spur, nicht ganz und gar getilgt. Trivialisiert könnte man sagen, Josef K. habe ein schlechtes Gewissen den Ärmeren gegenüber. Josef K. erwacht und wird verhaftet, Gregor Samsa erwacht und findet „sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“. Man hat sich angewöhnt und das auch in Illustrationen ausgedrückt, Samsa als Käfer zu sehen. Aber ein „ungeheures Ungeziefer“ ist doch noch einmal etwas anderes als so ein Käfer. Da steht nicht: Er war in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt, sondern: er „fand sich eines Morgens in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt.“

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Wie es dazu kommt, dass der Tuchreisende Samsa sich als Ungeziefer erlebt, das wird sorgfältig erzählt. Er, der Handlungsreisende, wacht auf, sieht, dass er seinen Zug versäumt hat, gerät in Panik, er wird das Geld nicht verdienen, also ist er ein Parasit, also ein „ungeheures Ungeziefer“. Und die Umwelt tut das Ihre, ihn darin zu bestätigen. Bis auch er bereit ist, „freiwillig“ zu sterben, weil er nur so die Familie von der Schande befreien kann, die er als Parasit ist.

Fünfzig Jahre vorher lässt Dostojewski im Roman „Aus dem Dunkel der Großstadt“ einen Kanzleisekretär sagen: „Ich versichere Ihnen feierlichst, schon mehrere Male wollte ich ein Insekt werden, doch selbst dazu langte es nicht.“ Und fast einhundert Jahre davor schreibt Jean Paul in seinem Roman „Hesperus“: „ . . . ihm fiel in jede große Freude der Zweifel wie ein bitterer Magentropfen hinein, ob er sie verdiene“ und fährt fort, dass Kindern aus besseren Häusern dieser alles verbitternde Zweifel von Anfang an wegerzogen wird.

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Und wie recht er da hatte, hat wiederum gute hundert Jahre später Thomas Mann seinen Tonio Kröger sagen lassen: „Es ist gerade genug, dass ich bin, wie ich bin und mich nicht ändern will und kann . . .“ Er sieht sich mit allem, was er fühlt und denkt, gerechtfertigt.

Und fast zur gleichen Zeit, also am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, sagt Jakob, die Romanfigur Robert Walsers: „Wie glücklich bin ich, dass ich in mir nichts Achtens- und Sehenswertes zu erblicken vermag! Klein sein und bleiben. Und höbe und trüge mich eine Hand, ein Umstand, eine Welle hinauf, wo Macht und Glück gebieten, ich würde die Verhältnisse, die mich bevorzugten, zerschlagen und mich selber würde ich hinabwerfen ins niedrige, nichtssagende Dunkel. Ich kann nur in den unteren Regionen atmen.“ Das ist die radikale Absage an die Lebensmöglichkeit. So weit war aber im Jahr 1794 auch schon Jean Paul in seinem „Hesperus“: „Dann spei ich aufs Ganze, wenn ich das Opfer bin, und verachte mich, wenn ich das Ganze bin.“

Entzug der Lebenserlaubnis

Sie sind alle gleich radikal, Jean Paul, Dostojewski, Kafka, Robert Walser. Radikal in der Selbstverneinung. Radikal im Erlebnis, dass es für sie keine Rechtfertigung mehr gibt. Radikal in der Absage an Geschichte überhaupt. Jede gesellschaftliche Veränderung zu ihren Gunsten wird verneint, man könnte sagen: absolut verneint. Was für ein Mangel muss erlebt worden sein, dass Jean Paul, Dostojewski, Kafka und Robert Walser zu solchen Selbstverneinungsorgien hingerissen werden? Den Figuren, in denen sie sich ausdrücken, ist auf dieser Welt, unter den herrschenden Umständen nicht zu helfen. Ja, ihnen ist sogar unter keinen Umständen zu helfen.

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Nun hat ja immer noch die Arbeit getaugt zur Rechtfertigung dieser und jener Art von Leben. Thomas Mann denkt für Hans Castorp auch darüber nach, ob Arbeit für ihn eine Rechtfertigung erbringen könnte, und schließt diese Überlegung mit „der Vermutung“, „dass die Arbeit in seinem Leben einfach dem Genuss von Maria Mancini etwas im Wege war“. Dieses die Arbeit Verhindernde ist wahrscheinlich eine Zigarrenmarke. Und überhaupt: „Hans Castorp legt dann lieber Debussy-Platten auf: Hier gab es kein ,Rechtfertige dich‘!, keine Verantwortung . . .“

Auf Debussy-Platten ist Kafka nicht gekommen. „K. lebte doch in einem Rechtsstaat“, heißt es bei ihm, und er mobilisiert alles, alle Mittel, von denen er sich Rechtfertigung erhofft. Ihm ist doch an seinem dreißigsten Geburtstag vom Gericht aufgetragen worden, eine Eingabe zu machen, in der er alle wesentlichen Momente seines Lebens aufzählen und bewerten, also rechtfertigen sollte. Und je mehr er jetzt zu seiner Rechtfertigung tun will, desto ungerechtfertigter kommt er sich vor. Das führt zum Entzug der Lebenserlaubnis, das führt zu der von ihm selbst veranstalteten Selbst-Hinrichtung. Fazit: Wer nur gerechtfertigt leben kann, kann nicht leben.

Diese Schreibweise Kafkas lässt gelten, was gilt, als gelte es. So hat es Hegel formuliert, als er Wesen und Praxis der Ironie formulieren wollte. Ich habe hinzugefügt: Es ist das Ja zum Nein der Welt. So radikale Seinsweisen kommen in der Literatur kaum noch vor. Seit langem gilt Gesellschaftskritik. Und damit die Frage: Wer hat Recht. Verglichen mit der Frage nach der Rechtfertigung ist das ein bescheidener Anspruch.

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2.

Es ist kein Vergnügen, sich als neiderfüllt zu erleben. Ich beneide den und jenen, weil er sich gerechtfertigt fühlt. Das muss er nicht aussprechen, das strahlt er aus, das ist seine Wirkung. Nehmen wir als weltbekanntes Bespiel Jean Ziegler.

In der Zeitung steht: „In Fragen des Welthungers ist Ziegler ein weltweit renommierter Experte.“ Also lädt ihn die Landeshauptfrau, die Ministerpräsidentin, im Frühjahr 2011 ein, am 27. Juli in Salzburg mit einer Rede die Festspiele zu eröffnen. Sie gibt ihm sogar einen Titel für seine Rede: Aufstand des Gewissens. Sie ist Ziegler politisch nahe, hat ihn schon einmal ausgezeichnet. Aber jetzt im Lauf des Frühjahrs entscheidet sie sich, „nach zwei ziemlich schlaflosen Nächten“, die Einladung zurückzuziehen. Für Ziegler und alle ihm näher Stehenden ist klar: Das sind die Sponsoren, Schweizer Großbanken und Nestlé, Audi usw.

Die Landeshauptfrau und die Konzerne legen unabhängig von einander dar, dass es keine solchen Einflüsse gab. Ziegler dazu: „Das ist Blödsinn.“ Für ihn ist klar: Die Konzerne, die er, der Globalisierungsgegner, unermüdlich angreift und verantwortlich macht für die Hungerkatastrophe in Afrika und sonst wo, die haben seinen Auftritt verhindert. Und so wollte er anfangen: „Sehr verehrte Damen und Herren, alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 37.000 Menschen verhungern jeden Tag und fast eine Milliarde sind permanent schwerstens unterernährt.“ Und zitiert den World-Food-Report, dass die Weltlandwirtschaft problemlos das Doppelte der Weltbevölkerung normal ernähren könnte. Also: „Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.“

Wie man als Gerechtfertigter wirkt

Das ist sein Ton, sein Stil, seine Wucht. Dann heißt es: „Viele der Schönen und der Reichen, der Großbankiers und der Konzern-Mogule dieser Welt kommen in Salzburg zusammen. Sie sind die Verursacher und die Herren dieser kannibalischen Weltordnung.“ Diese Prägung, dass unsere Weltordnung eine kannibalische sei, kommt bei Jean Ziegler regelmäßig vor.

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Die Landeshauptfrau, eine Sozialdemokratin wie Ziegler selbst, hat glaubhaft dargelegt, dass sie ihn aus ganz anderen Gründen ausgeladen hat. Das fand ja statt im März und im April, und die Landeshauptfrau wollte verhindern, dass Ziegler in Salzburg angegriffen werden könnte wegen seiner langjährigen Kontakte zu Gaddafi. Es waren ja die Monate, in der die Welt zu einem Urteil über Gaddafi kommen musste. Und kam. Sie, sagte die Landeshauptfrau, „wollte Ziegler schützen“. So kam es dort nicht zum „Aufstand des Gewissens“, sondern zur Festrede, die von Joachim Gauck gehalten wurde.

Wie kommt uns das heute vor, der „Prokurist einer großen Bank“ kann sich nicht mehr um seine Arbeit kümmern, weil er in seiner Arbeit keine Rechtfertigung mehr findet. Für Jean Ziegler sind „Großbankiers“ und „Konzern-Mogule“ Agenten der Unmenschlichkeit. Jeden Versuch, denen halbwegs erträgliche Motive zu unterstellen, nennt er „Blödsinn“.

Dann also hält Joachim Gauck die „Festrede“. Und er spricht so: „In der Kunst wie in der Religion begegnen wir dem Absoluten, das wir weder in der Politik noch in der Ökonomie je antreffen werden.“ Das ist auch eher eine sonntägliche Flaggenhissung als etwas am Werktag Brauchbares. Es war eine „Festrede des deutschen Bürgerrechtlers“. Er will, dass wir „neu daran glauben, wichtig und wertvoll zu sein“. Dann lässt er lebhaft entstehen, was die Menschen in den kommunistischen Diktaturen mitgemacht haben und kommt doch wieder zurück auf die Kunst: „Und damit unsere dürstenden Seelen in den unwirtlichen Ebenen überleben können, haben wir die Kunst.“

Beide, Ziegler und Gauck, wirken auf mich als ganz und gar Gerechtfertigte. Natürlich kritisiert es dann in mir herum: Genau während die Absage an Ziegler das Medien-Thema war, hat die deutsche Regierung ihre Ostafrikahilfe ständig gesteigert: von dreißig bis auf neunzig und zuletzt auf 118 Millionen Euro. Vor allem: Darüber hinaus haben Bürger und Unternehmen in Deutschland in wenigen Wochen 91 Millionen Euro gespendet. Globalisierung hin oder her, diese Spenden-Millionen brauchte ich, um den Neid auf Zieglers Gerechtigkeits-Furor klein zu halten. Und Joachim Gauck schließt mit „der Freude an der Freiheit. An der Freiheit der Erwachsenen zumal, die wir bei ihrem Namen nennen: Verantwortung.“

Das ist die Gebärde, die Formel, das edle Tremolo, das jeder kennt, der diese Rede schon einmal halten musste. Da der Aufstand des Gewissens, dort die Freiheit als Verantwortung. Ob der heftige Ziegler oder der edel räsonierende Gauck, in beiden spüre ich unsere Armut, meine Armut, die Armut dessen, der sich gerechtfertigt fühlen muss und deshalb verhungernde Kinder vorführt oder aus der Kunst ein zitierbares Allheilmittel macht. Beide sind so erfolgreich, dass mein Bedauern sich nicht auf ihre persönliche Lage beziehen muss, sondern auf das, was uns, die Intellektuellen verbindet: der Mangel an Rechtfertigung, der uns zu solchen Auftritten zwingt.

3.

In meinem Tagebuch steht unterm Datum vom 14. Juni 2000: Da er öfter bemerkte, dass er etwas dagegen hat, dass es ungerecht zugeht in der Welt, sah er, als er sich umsah nach einer Bezeichnung für seine ungerechtigkeitsabweisende Empfindlichkeit, schließlich ein, dass er links war. Da er Menschen beobachtete, die auf Ungerechtigkeit nicht so reagierten wie er, musste er einsehen, dass er besser war als andere. Das führte dazu, dass er erkannte: der Linke ist der bessere Mensch.

Offenbar durfte ich mich, als ich das notierte, schon nicht mehr links fühlen, also ließ ich es zu, dass eine polemische Stimmung entstand gegen den, der sich, weil er links war, als der bessere Mensch vorkam. Ich musste vor mir selber rechtfertigen, dass ich nicht mehr als Linker gelten konnte.

Am liebsten würde ich in dieser Tonart heute noch fortfahren: Der bessere Mensch weiß nicht, dass er der bessere Mensch ist. Das darf für alle Zugehörigkeiten gelten, die ihren Mitgliedern Rechtfertigungen gewähren. Lebenslänglich SPD, das stell ich mir vor wie eine Allwetterkleidung fürs Bewusstsein. Mir ist keine derartige Zugehörigkeit gelungen.

Das Katastrophenprodukt der deutschen Teilung

Dreimal hat mich der Zeitgeist scharf zurechtgewiesen. In den Sechzigerjahren war ich dagegen, dass die Bundesrepublik dem amerikanischen Krieg in Vietnam Zustimmung liefert, dass unsere Höchsten, Bundespräsident und Bundeskanzler, Glückwunschtelegramme nach Washington senden, weil die Vereinigten Staaten einen Krieg führen „als Vorkämpfer der Freiheit gegen die Mächte der Unterdrückung in Ostasien“. Nur aus Franco-Spanien, Portugal und Südafrika wurden solche Telegramme nach Washington geschickt. Und schon im April 1967 sagte Martin Luther King: „Bis jetzt haben wir eine Million dieser Menschen umgebracht - meistens Kinder.“

Obwohl ich für meine Aktivitäten nie östliche Informationen nutzte, sondern nur amerikanische und französische, war ich dann, so hieß das, „nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes“, also ein Kommunist. Aber ein Kommunist konnte ich als auch gelernter Historiker nicht sein, weil ich die Geschichte nicht als Klassenkampf begreifen konnte.

In den siebziger Jahren, erst in den siebzigerer Jahren (!), fing ich an, dem offiziellen Gerede über die deutsche Teilung zu misstrauen. Ich arbeitete mich ein und nannte dann die Teilung Deutschlands ein „Katastrophenprodukt“ und wollte es für unerträglich halten, dass die deutsche Geschichte - so schlimm sie zuletzt verlief -, so ende. Die meisten Intellektuellen sahen in der Teilung eine Strafe für unsere Verbrechen in Auschwitz. Ich sagte: Die Teilung ist keine Strafe für Auschwitz, sondern eine Folge des Kalten Krieges.

Der Zeitgeist, vertreten durch prominente Linke, machte mich dann zum Nationalisten. Aber ein Nationalist konnte ich nicht sein, weil ich von Anfang an ein Leser war, weil mir nichts so wichtig war wie das, was in den Büchern stand. Und meine Bücher waren von Robinson Crusoe an Bücher aus aller Welt. Was Politik und Gesellschaft jetzt mühevoll lernen, war für den Leser von Anfang an Realität. Ich lernte Frankreich kennen durch Flaubert und Marcel Proust, England durch Dickens, Spanien durch Cervantes, Russland durch Dostojewski, Amerika durch Melville und Faulkner, Skandinavien durch Strindberg und Ibsen.

Und als ich 1998 eine Rede in der Paulskirche hielt, in der ich uns von dem befreien wollte, was Salomon Korn den „Jargon der Betroffenheit“ genannt hatte, als ich den Umgang mit unserer Vergangenheit nicht mehr der Lippengebetsroutine offizieller Gedenktagsreden überlassen wollte, sondern dafür eine Sprache suchte, die aus dem persönlichen Gewissen eines jeden Einzelnen stammte, da wurde ich Antisemit genannt.

Ich war 1964 im Auschwitz-Prozess in Frankfurt und habe, wahrscheinlich als erster, über diesen Prozess geschrieben, und das unter der Überschrift: „Unser Auschwitz“. Und 1979 habe ich eine Ausstellung mit Zeichnungen von KZ-Häftlingen eröffnet und gesprochen unter dem Titel: „Auschwitz und kein Ende“. Das ist eine Variation dessen, was der junge Goethe seinen Freunden vortrug unter dem Titel: „Shakespeare und kein Ende“. Das war, als Goethe Götz von Berlichingen schrieb und sich ganz und gar dem Einfluss Shakespeares verschrieb. Da hätten die Zeitgenossen merken können, dass es eine Zeit gab, in der ein Shakespeare den Ton für eine Epoche angab („Sturm und Drang“ nannte man das dann) und dass jetzt eine Zeit ist, in der Auschwitz bestimmt, was unser Ton sein kann. Meine Rede damals fing so an: „Seit Auschwitz ist noch kein Tag vergangen. Es gibt eine Zeitrechnung, in der man nicht diskutieren muss, ob Verbrechen verjähren oder nicht. Das ist die Zeitrechnung, die man Geschichte nennt.“

Vergangenheit ist mein Element

Nach 1998 wurde mir dann vorgeworfen, ich wolle einen „Schlussstrich“ ziehen, wolle die „Auseinandersetzung mit dem Holocaust“ beenden. Ein Wort wie „Schlussstrich“ ist bei mir nie vorgekommen, kann bei mir nicht vorkommen, ich bin Erzähler, also ist Vergangenheit mein Element. Ein Beispiel für die Art dieser Skandalisierung: Mir wurde vorgeworfen, dass ich, statt von „unserer Schuld“ immer von „unserer Schande“ gesprochen habe. Und weil von diesen unterstellungsfreudigen Zeitgenossen die Sprache nur noch nach Signaltönen abgeklopft wird, soll ich „Schuld“ sagen, wo ich „Schande“ sage.

Dazu, sozusagen als verspätetes Nachhilfe-Angebot: In meinem Sprachverständnis denkt man bei „Schuld“ immer an etwas, was bewiesen werden kann. „Schande“ ist eine Folge der Schuld, unabwaschbar, durch kein Argument zu schwächen oder gar löschbar. Und: „Schuld“ wendet sich an den erzogenen Kopf. „Schande“ überzieht dich ganz und gar. Und für immer. Unter Schande leide ich deutlicher als unter Schuld.

Ein Antisemit konnte ich nicht sein, weil während der wichtigsten fünf Jahre meiner Lehrzeit Kafka mein Vorbild war. Ich glaube, ich war der erste, der über ihn eine Dissertation schrieb. Dann lernte ich noch zwei Jahre bei Proust („Leseerfahrungen mit Marcel Proust“), und schrieb über Heine („Heines Tränen“ und „Heines Größe“). Ein bisschen übertreibend kann ich sagen: Ich war von Anfang an Schriftsteller. Ein Schriftsteller, wenn er halbwegs bei Trost ist, kann nichts anderes sein als ein Schriftsteller. Seine Rechtfertigung holt er sich nicht im Kommunismus oder Nationalismus oder Antisemitismus.

Kafka hat mich, sobald ich ihn zu lesen bekam, so angezogen und dann ganz und gar eingenommen, weil er alles formuliert hatte, was ich brauchte: „Alles, was nicht Literatur ist, langweilt mich . . .“ Oder: „Da ich nichts anderes bin als Literatur und nichts anderes sein kann und will . . .“ Solchen Sätzen war ich ausgeliefert und blieb ich ausgeliefert.

4.

Ich habe mein Leben als Schriftsteller auch im Reizklima des Rechthabenmüssens verbracht. Und habe erlebt, dass die ablenkungsstärkste Art des Rechthabens die moralische ist. Den Eindruck erwecken müssen, man sei der bessere Mensch. Wer diesen Eindruck einmal hat von sich, dessen Gewissen ist domestiziert. In unseren heutigen Literaturen kommen Fälle von gravierendem Rechtfertigungsmangel nicht mehr vor. Rechtzuhaben genügt zur Rechtfertigung. Dass das geschieht, ohne dass es bemerkt, erwähnt, kommentiert oder auch nur beklagt wird, heißt, im Jargon gesprochen, die U-Literatur hat sich durchgesetzt. Vor allem in der E-Literatur.

Es gibt aber einen, einen Religiösen, dem es tatsächlich gelingt, aus diesem Wettbewerb des Rechthabenmüssens auszusteigen, weil er die uralte Not, Rechtfertigung zu suchen, nicht betäuben konnte. Karl Barth.

Zur Ehre der Religion sei gesagt, dass sie von Paulus über Augustinus bis zu Calvin, Luther und Karl Barth die Frage, wie ein Mensch Rechtfertigung erreiche, nie hat aussterben lassen. Seit zweitausend Jahren wird gefragt, ob wir zu rechtfertigen seien durch das, was wir tun oder durch das, was wir glauben. Die Religion ist anspruchsvoller als jede andere Denk-und Ausdrucksbemühung.

Karl Barth schreibt in seinem Buch zum „Römerbrief“: „Wer sich einmal rühmen, wer einmal als Mensch vor Menschen und vor Gott rechthaben will, der wird sich auch der tiefsten Versenkung ins Nicht-Ich und Nicht-Sein immer noch rühmen (womöglich seiner Unsicherheit und Gebrochenheit) und - als Mensch (nur als Mensch) Recht habend dastehen. Nein, der Boden des ,Gesetzes der Werke’ muss uns unter den Füßen zusammengebrochen sein. Kein ,Werk’, auch nicht das feinste und geistigste, auch nicht ein negatives Werk kann mehr in Betracht kommen. . . unsere Religion besteht in der Aufhebung unserer Religion, unser Gesetz ist die grundsätzliche Außerkraftsetzung alles menschlichen Erfahrens, Wissens, Habens und Tuns. Nichts Menschliches bleibt übrig, was mehr sein wollte als Hohlraum, Entbehren, Möglichkeit und Hinweis, als unscheinbarste unter den Erscheinungen dieser Welt, als Staub und Asche vor Gott, wie alles, was in der Welt ist. Der Glaube bleibt nur als Glaube übrig, ohne Selbstwert (auch ohne den Selbstwert der Selbstverleugnung!“

Das wurde geschrieben, zeitlich gesehen, zwischen dem „Prozess“ und dem „Schloss“.

Karl Barths eminenter Einfluss

Der Schweizer Pfarrer, der das von 1919 bis 1922 im Aargau schrieb, wurde sofort Honorarprofessor in Göttingen und dann zum einflussreichsten Theologen der Epoche. Und das durch die Auslegung des Paulusbriefes an die Römer. Dass weder in der Philosophie noch in der sogenannten schönen Literatur von diesem Erdbeben auch nur das Geringste gespürt wurde, eigentlich bis auf den heutigen Tag, das zeigt, wie anspruchslos diese Ausdrucksarten geworden und geblieben sind. Karl Barths Buch ist die praktizierte Zerstörung der Kulturkulisse, die uns vergessen macht, dass Rechtfertigung einmal unser Bedürfnis war. Übrig geblieben ist also das Rechthabenmüssen. Rechtzuhaben ist der akzeptierte Ersatz für Rechtfertigung. Eine Art Bewusstseinsimperialismus auch. Oft genug verbunden mit Macht und Machtgefühl. Zeitgeistopportunität. Was ist denn political correctness anderes als eine Domestizierung des Gewissens, eine Passe-partout-Rechtfertigung?

5.

Ich meine, Religion sei eine Ausdrucksart wie andere, wie Literatur, Musik, Malerei. Ich lese Religion als Literatur. Dass Texte, die für uns „nur“ noch zur Religion gehören, Dichtung sind, um es im Betriebsdeutsch zu sagen: große Dichtung, das kann man doch noch sagen. Die Psalmen. Das Buch Hiob. Das Weihnachtsevangelium, usw. usw. Andere lassen mich wissen: Religion, das war einmal. Es ist eine eher unglückliche Entwicklung, dass Religion etwas geworden ist, was nicht mehr ohne Kirchliches gedacht wird. Wer sich heute fast instinktiv erhaben fühlt über alles Religiöse, weiß vielleicht nicht, was er verloren hat. Polemisch gesagt: Rechtfertigung ohne Religion wird zur Rechthaberei. Sachlich gesagt: Verarmt zum Rechthaben.

Neulich im Fernsehen, das gewöhnliche Hin und Her zwischen Gegnern und Befürwortern. Der wortführende Gegner war verzeichnet als Publizist und als Atheist. Die Regie holte ihn oft ins Bild, wenn einer der Befürworter sprach. Er bot ein ausdauerndes Schmunzeln. Ein unangreifbares, ein allem überlegenes Schmunzeln. Es war deutlich, der Befürworter hatte keine Chance. Und die Regie und der Moderator waren ganz auf der Seite dieses unantastbaren Schmunzelns. Selbstzufriedenheit strahlte der Publizist aus. Wie kann man bloß noch an Gott glauben! Das strahlte der Publizist und Atheist aus. Und das darumherumsitzende Publikum zeigte durch Beifall, dass es auch dieser Meinung war. Der Moderator machte, wenn er zum Befürworter sprach, ein parodistisches Toleranzgesicht.

Ein Atheist ohne Ahnung

Mir fiel dazu ein: Die Medien sind der Stammtisch der Nation. Zu dem Atheisten fiel mir ein: Er hat keine Ahnung. Wer sagt, es gebe Gott nicht und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Führen wir uns ein Motiv der Religion vor von der Genesis bis ins zwanzigste Jahrhundert. Ein Motiv, das wissen will, ob Gott gerecht sei. Gründe so zu fragen, gab es in der Geschichte Europas genug.

Angefangen hat es damit: Isaaks Frau Rebecca war mit Zwillingen schwanger, da sprach der Herr zu ihr, so steht es bei Luther: „...zweierley Leute werden sich scheiden aus deinem Leibe / Und der Grösser wird dem Kleinen dienen“. Esau, der Größere, der Erstgeborene, muss Jakob, dem Kleineren, Zweitgeborenen dienen. Von da an kann man, was mit diesem Motiv passiert, lesen wie einen Roman. Paulus will mit einem provozierenden Beispiel seinen Römern glaubhaft machen, dass Gott gerecht sei. Darum sagt er von den Zwillingen, sie „waren noch nicht geboren und hatten weder Gutes noch Böses getan“, aber „Gottes freie Wahl und Vorherbestimmung“ will, dass Rechtfertigung nicht erlangt werde durch Werke, sondern nur durch ihn, der beruft oder nicht beruft. Paulus zitiert: „. . . es steht in der Schrift; Jakob habe ich geliebt, Esau aber gehasst“. In der Genesis steht das zwar nicht so, aber im Text des Propheten Maleachi, also zirka 500 Jahre vor Paulus. Da spricht der Herr: „Ist nicht Esau Jakobs Bruder? . . . und doch liebe ich Jakob, Esau aber hasse ich“.

Daher hat es also Paulus, und er ist damit bei seinem, bei unserem Thema: Heißt das nun, dass Gott ungerecht handelt? Wenn hier jemand abschaltet, weil es Gott für ihn nicht gibt, dass also die Frage, ob Gott gerecht sei, für ihn ein Nullproblem ist, zu dem sage ich vorläufig: Lesen wir’s als Roman. Madame Bovary und Iwan Karamasow gibt es auch nicht, und trotzdem wiegen und wägen wir in unserem Inneren, was sie tun und sagen und warum sie es tun und sagen.

Wichtig für unser Motiv ist schon einmal, wie unwichtig, wie klein Paulus den Menschen macht. Er sieht Gott als Töpfer, den Menschen als Ton. Gott macht „Gefäße des Zorns, die zur Vernichtung bestimmt sind“ und „Gefäße des Erbarmens, die er zur Herrlichkeit vorher bestimmt hat“.

Willkommene Radikalisierung

Wieder ein paar hundert Jahre später hat sich Augustin, der Bischof von Hippo, das 9. Kapitel des Paulus-Briefs vorgenommen. Er hat die paulinische Aussage ungeheuer radikalisiert. So hat Gott das gewollt: Durch „die Bestrafung der einen zeigt er, was er den anderen erlässt“. Und Augustin kann nicht oft genug wiederholen: Das findet nicht statt „auf Grund von Werken, sonst ist Gnade nicht mehr Gnade“. Wenn ich ihn sehe als den Autor, der den Esau-Jakob-Roman fortsetzt, sind mir seine Radikalisierungen sehr willkommen.

Viele sind berufen, wenige aber auserwählt. Und die Nichterwählten, sagt Augustin, dienen durch ihr schweres Schicksal dazu, bei allen Menschen „eine nützliche Furcht hervorzurufen“. In diesem Roman weiß nämlich kein Mensch, ob er zu den Erwählten gehört, zu den Geretteten oder zu den Bestraften. Nur die Gnade entscheidet, wie es dir geht. Und Gnade ist nur, was unverdient ist. Als Roman gelesen heißt das: Was müssen diese Autoren erfahren haben, dass sie Gott so groß und den Menschen so klein erlebt und dargestellt haben?

Aus dieser Erfahrung der vollkommenen Rechtlosigkeit und Ausgeliefertheit schreiben sie an einem Roman mit, in dem ein Gott zuständig ist für ihre Rechtlosigkeit. Es geht ihnen so schlecht, sie haben so gar keine Möglichkeit ihr Schicksal selber zu bestimmen, dass es nicht die unsinnigste Antwort ist, alles von einem Gott bestimmen zu lassen, dem gegenüber man so wenig zu bestellen hat wie in der Wirklichkeit. Er kann mit uns machen, was er will, es ist gut.

Man hat im Lauf der Geschichte alle möglichen Ermäßigungen dieses Unverhältnisses probiert. Zuerst die Rechtfertigung durch Werke, dann durch den Glauben, oder eben durch eine Gnade, die man verdienen konnte.

So geht es zu in der Welt

Augustin und die anderen, die einen Gott rechtfertigten, der Esau vorgeburtlich hasst und Jakob ebenso vorgeburtlich liebt, die haben damit ihre Welterfahrung ausgedrückt. Sie haben einen realistischen Roman geschrieben. Genau so geht es zu in dieser Welt. Und dass sie ihren Romanhelden Gott freisprechen, heißt nur: auch Gott ist nicht schuld daran, dass es so zugeht in der Welt. Es geht so zu, ohne dass jemand schuld ist. Auch Gott ist nur eine Ausdrucksfunktion des Weltgeschehens. Darin wird mehr ahnbar als sichtbar der Funke der Verbesserungswürdigkeit der Welt. Also der Funke, der Geschichte heißt oder Zukunft oder Utopie. Einfach weil wir, was ist und wie es ist, nicht bewegungslos ertragen.

Heute: Wir führen, wenn es uns gut geht, unser Wohlergehen auf uns selbst zurück. Also auf unsere Werke. Die, die ihre Gelungenheit noch als Gnade erleben, dürften seltener vorkommen. Schon lieber nennen wir’s Glück. Oder Zufall. Oder, um uns größer vorzukommen, Gerechtigkeit.

Worüber wir hinaus sind: Rechtfertigung überhaupt von, sagen wir, oben zu erwarten. Heute genügt es, dass es einem gut geht, dann ist sein Rechtfertigungsbedarf schon gedeckt.

Jeder kann heute selber beurteilen, ob ihm (in seinem Leben) Recht oder Unrecht geschehe. Egal, ob einem Recht oder Unrecht geschieht, er fühlt sich im Recht. Dass er sagen kann, ihm geschehe Unrecht, zeigt ja, dass er sich im Recht fühlt. Je mehr dir Unrecht geschieht, desto mehr fühlst du dich im Recht. Du erlebst dein Im-Recht-Sein so deutlich, weil dir Unrecht geschieht. Das Beispiel Kohlhaas. Gibt es darüber hinaus noch einen Mangel?

Was mit der Gnaden- und Prädestinationslehre Augustins dann 1500 Jahre lang passiert, drückt zumindest aus, was diesen Zeiten die Rechtfertigung wert war. Soviel Schreckliches wie Schönes. Und weil es sich jetzt um uns unmittelbar nahekommende Geschichte handelt, lassen sich die Handlungen nicht mehr als Roman lesen, sondern eben als Geschichte. Zum Roman gehört eine Portion Weltfremdheit, gehört eine außerordentliche Zumutung, gehört also mindestens, dass Gott gerecht ist, obwohl er Gnade ausschüttet, über wen er will, und dass dazu der Mensch nichts, absolut nichts tun kann. In diesem Verhältnis ist eben ausgedrückt, wie ungerecht es zugeht in dieser Welt. Wenn, wie durch Luther geschehen, der Mensch schon durch Glauben und Buße und so weiter ein bisschen Anspruch auf Rechtfertigung erwerben kann, ist das kein Roman mehr, sondern eben Kirchengeschichte.

Die Arbeit gegen Maria Mancini

Max Weber beschreibt in seiner Schrift „Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, wie die Gnadenwahl zwischen uns in Europa gelandet ist. Bin ich erwählt oder gehöre ich zum Rest? Es wird, schreibt Max Weber, eine „Pflicht im täglichen Kampf sich die subjektive Gewissheit der eigenen Erwähltheit und Rechtfertigung zu erringen . . .“ Gnade kann da kaum noch vorkommen. Nämlich, „um jene Selbstgewissheit zu erlangen, wurde als hervorragendstes Mittel die rastlose Berufsarbeit eingeschärft.“ Offenbar hat die protestantische Ethik in England deutlich länger, man darf sagen, geherrscht, als auf dem Kontinent.

Im „Zauberberg“ steht immerhin noch: „Wie hätte Hans Castorp die Arbeit nicht achten sollen? Es wäre unnatürlich gewesen. Wie alles lag, musste sie ihm als das unbedingt Achtungswerteste gelten, es gab im Grunde nichts Achtenswertes außer ihr, sie war das Prinzip, vor dem man bestand oder nicht bestand, das Absolutum der Zeit, sie beantwortete sozusagen sich selbst. Seine Achtung vor ihr war also religiöser und soviel er wusste, unzweifelhafter Natur. Aber eine andere Frage war, ob er sie liebte, denn das konnte er nicht, so sehr er sie achtete, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil sie ihm nicht bekam.“ Das führt dann eben dazu, dass Arbeit dem Genuss der Maria Mancini im Weg stand. Das ist angewandter Max Weber. Und Hegel („Phänomenologie des Geistes“) hat Hans Castorp natürlich nicht gelesen: „Arbeit hingegen ist gehemmte Begierde, aufgehaltenes Verschwinden oder sie bildet.“

An Letzterem hätte der Entwicklungsroman interessiert sein können. Jakob von Gunthen (1908) schreibt in seinem Lebenslauf, er sehne sich danach, „Hochmut und Überhebung, die ihn vielleicht zum Teil noch beseelen, am unerbittlichen Felsen harter Arbeit zerschmettern zu dürfen. Die Zufriedenheit desjenigen, der ihn engagiert, wird sein Himmel, und das traurige Gegenteil seine vernichtende Hölle sein, aber er ist überzeugt, dass man mit ihm und dem, was er leistet, zufrieden sein wird. Dieser feste Glaube gibt ihm den Mut, der zu sein, der er ist.“

Da steht das Wort, das jetzt jede Rechtfertigung prüft: „was er leistet“. Bei Max Weber hieß das noch, es sei eine „Pflicht im täglichen Kampf sich die subjektive Gewissheit der eigenen Erwähltheit und Rechtfertigung zu erringen . . .“ Obwohl Max Weber sich selber so gut wie nie in seine Durchschautheiten hineinziehen lässt, da passiert es doch einmal: „Der Puritaner wollte der Berufsmensch sein - wir müssen es sein.“ Vielleicht schafft man ohne Puritanismus kein Imperium. Und wenn man’s dann hat, legt man Debussy-Platten auf, weil da kein „rechtfertige dich“ hörbar ist.

So konnte man schreiben, nachdem ein ganzes Jahrhundert alle Fakultäten aufgeboten hat, um die Rechtfertigung nicht mehr der Religion zu überlassen. Philosophie, Schöne Literatur im Wettbewerb mit der Theologie. Um 1795 erschienen zwei Romane, die nur dieser Tendenz dienten: Selbstbewusstsein, Selbstrechtfertigung ohne Religion, sozusagen ganz auf eigene Rechnung. Jean Paul: „Hesperus“, Goethe: „Wilhelm Meister“. In seiner „Vorschule der Ästhetik“ sagt Jean Paul: Wir dringen jetzt „mit mehr Selbstbewusstsein auf mehr Selbstbewusstsein“.

Goethes Bürgersohn Wilhelm will Schauspieler werden, weil nur auf der Bühne auch ein Bürgersohn in einem Glanz erscheinen kann „wie in den oberen Klassen“. Und Jean Pauls Held emigriert ins eigene Innere, weil ihm nichts übrig bleibt „als die Zukunft oder Phantasie, das heißt, der Roman“. Aber Goethe endet nicht in der Kunst. „Der Bürger soll leisten und schaffen, er soll einzelne Fähigkeiten ausbilden, um brauchbar zu werden, und es wird schon vorausgesetzt, dass in seinem Wesen keine Harmonie sei, noch sein dürfe, weil er, um sich auf eine Weise brauchbar zu machen, alles übrige vernachlässigen muss.“

Also da schon: „Der Bürger soll leisten . . .“ Das 120 Jahre vor Max Webers Entdeckung, dass die protestantische Ethik den Kapitalismus fundiere. Und Goethe hat sich eben nicht mit einem Künstlerroman zufrieden gegeben. Sein Wilhelm wird Investment-Makler bei einer allerdings adeligen Firma. Und eben so früh und weit gehend - Fichte. 1797: „Wenn man anfangen wird, den Menschen für seinen eigenen Gebrauch und als Instrument für seinen eigenen Willen, nicht aber als seelenloses Instrument für andere auszubilden, dann wird die ,Wissenschaftslehre‘ allgemein verständlich sein.“ In dieser seiner Lehre hatte er vorgemacht, wie Selbstbewusstsein per Wissenschaft produziert wird, „more geometrico“ hat er es genannt. Und: „Solange Erziehung nur auf Brauchbarkeit durch andere hinarbeite, sei nichts zu hoffen.“

So nah waren sie einander in ihren Sprachen, und trotzdem musste Goethe den in Jena lehrenden Professor Fichte entlassen: wegen Atheismus. Das heißt: Fichte hat die Kulturkulisse offenbar nicht schonen können. Hegel liefert diesem erklärten Mangel, nämlich dem an Selbstbewusstsein, in seiner „Phänomenologie des Geistes“ (1807) die Analyse. Das Selbstbewusstsein durch Anerkanntsein. Das Selbstbewusstsein des Herrn existiert „nur als ein Anerkanntes“. Erst der Knecht macht den Herrn zum Herrn. Was der Knecht tut, „ist eigenes Tun des Herrn“.

Ohne Mangel ist man ärmer

Die Theologie wirkte auf ihre Art mit an der Säkularisierung der Rechtfertigung. Sie machte Gott erreichbar. Und ausgerechnet Nietzsche hat den Wandel vom ganz der Gnade ausgelieferten Calvinisten zum selber rechtfertigungsfähigen Menschen des neunzehnten Jahrhunderts am schönsten, wenn auch nietzschehaft eingreifend, beschrieben. Der durch „einige Irrtümer in das Gefühl der Selbstverachtung“ geratene Christ, habe erlebt, „wie jener Zustand der Verachtung, der Gewissensbisse, der Unlust überhaupt nicht anhält . . . der Mensch liebt sich wieder . . . aber gerade diese Liebe, diese neue Selbstschätzung kommt ihm unglaublich vor, er kann in ihr allein das gänzlich unverdiente Herabströmen eines Gnadenglanzes von oben sehen. Wenn er früher in allen Begebnissen Warnungen, Drohungen, Strafen und jede Art von Anzeichen des göttlichen Zornes zu erblicken glaubte, so deutet er jetzt in seine Erfahrungen die göttliche Güte hinein: dieses Ereignis kommt ihm liebevoll . . . seine ganze freudige Stimmung als Beweis vor, dass Gott gnädig sei . . . die Liebe, mit der er sich im Grunde selbst liebt, erscheint als göttliche Liebe . . .“ Und jetzt die Nietzsche-Pointe: Das, was Gnade und Vorspiel der Erlösung heißt, „ist in Wahrheit Selbstbegnadigung, Selbsterlösung“. (in „Menschliches Allzumenschliches“)

So hätte man Paulus, Augustin und Calvin „interpretieren“ können: alles macht doch der Mensch selber und macht es mit sich und für sich. Aber dann hätte man vor lauter Anwendbarkeit alles religiös Geleistete verloren.

So wie einmal der Ablasshandel in Luther den Zorn gegen die verkommende Kirche zur Reformation motivierte, so reizte Karl Barth der bürgerliche Zustand seiner Kirche. Dem Ablasshandel vergleichbar war auf seriöserem Niveau im neunzehnten Jahrhundert ein Rechtfertigungshandel entstanden. Max Weber hat das ohne Eifer wissenschaftlich beschrieben. Aber so nüchtern, so sachlich konnte der Pfarrersohn Karl Barth die Entwicklung seiner Kirche nicht sehen. 1920 erschien Max Webers Schrift, in der dargestellt wurde, was der Kapitalismus der protestantischen Ethik verdankt. 1919 erschien Karl Barths Kommentar zum Römer-Brief in der 1. Auflage, 1922 in der 2. Auflage. Darin steht: „Der Mensch Gott gegenüber, wie sollte er je und irgendwie etwas Anderes sein als der Angeklagte?“

Und Karl Barth kommt Augustin näher als alle, die inzwischen Augustin kommentiert hatten. Er ermäßigt Augustins Radikalität kein bisschen. Es ist fast ein Wunder, dass er ihn übertrifft, überholt, überbietet. Alles, was hundert Jahre lang in evangelischer historisch-kritischer, liberaler Theologie zu religiöser Gemütlichkeit geworden war, all das sprengt Karl Barth geradezu in die Luft, wenn er in diese bürgerlich-religiöse Szene hineinsagt, als wäre Augustin selber noch da: „Wieder ist es die ,Wahl der Gnade‘, die alle Menschen angeht und auf die Keiner ein Recht hat.“

Und das ist sein jetzt revolutionärer Anspruch: „Fehlt deinem Leben Rechtfertigung, die nur Gott ihm geben kann, dann fehlt ihm jede Rechtfertigung.“ Und da hatte gerade Max Weber begreiflich gemacht, wie die Menschen Pflicht und Arbeit in Rechtfertigung verwandelt hatten. Das Äußerste an Aussicht für uns heißt aber bei Karl Barth, dass der Mensch, der die Offenbarung Gottes empfängt nur „gerettet ist als der Verlorene, gerechtfertigt als der nicht zu Rechtfertigende.“

Also, wo sind wir jetzt, wenn wir angesichts der Bedürftigkeits-Größe Karl Barths zugeben müssen: In uns ist dieser Mangel eingeschlafen? Karl Barth kann in einem ein Bedürfnis produzieren, diesen Mangel zu wecken. Ich komme mir ohne diesen Mangel ärmer vor. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich einen Karl Barth brauche, um ihn in mir zu wecken. Wenn es Karl Barth nicht gäbe, wäre dieses Bedürfnis in mir mutlos und stumm geblieben. So aber, weil er eine solche Sprache hat, muss ich zugeben, dass ich mich seinem unanschaulichen Gott und seiner hoffnungslosen Hoffnung lieber aussetze als anderen Sprachen.

Noch zur Machart der Barthschen Schreib-Leidenschaft. Im „Vorwort zur dritten Auflage“ des Römer-Brief-Buches stehen die Sätze, die erklären können, warum Karl Barth im zwanzigsten Jahrhundert zum Kirchenvater wurde, warum, was er und wie er schrieb, so bewegend geworden ist. Der Kommentator, schreibt er, wird „nicht über Paulus, sondern gewiss oft nicht ohne Seufzen und Kopfschütteln, so gut es geht, bis aufs letzte Wort mit Paulus schreiben“. Dann noch einmal: „Reden über jemanden scheint mir hoffnungslos dazu verurteilt, an ihm vorbei zu reden und sein Grab dichter zu schließen.“ Das möchte man sich gerne gesagt sein lassen.

6.

Wenn ich von einem Atheisten, und sei es von einem „bekennenden“, höre, dass es Gott nicht gebe, fällt mir ein: Aber er fehlt. Mir. Wenn ich gefragt werde, wie das bei mir sei mit dem Schreiben, sage ich meistens: Mir fällt ein, was mir fehlt. Oder ich sage: Meine Muse ist der Mangel. Allerdings sage ich gern dazu: Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr. Dieser Satz ruht sich, wenn er gesagt ist, aus. Zu sehr. Es fehlt, dass auch nichts ohne das Gegenteil des Gegenteils wahr ist. Bei Karl Barth produziert jedes Ja ein Nein und jedes Nein ein Ja. Eigentlich müsste man sagen: Produziert jedes Ja sein Nein und jedes Nein sein Ja. Was auch immer der Mangel sei, man schreibt und spricht nicht, um ihn zu bestätigen oder ihm recht zu geben, sondern weil man ihn sich nicht gefallen lassen kann.

Ich muss daran interessiert sein, die Genauigkeitsfähigkeit der Sprache begreiflich zu machen. Dafür habe ich ein Beispiel, das mir zeigt, wie verlässlich Sprache sein kann.

Drei Zitate

Hölderlin: „Meine Seele ist wie ein Fisch aus ihrem Elemente auf den Ufersand geworfen und windet sich und wirft sich umher, bis sie vertrocknet in der Hitze des Tages.“

Robert Walser: „Was soll ich mit den Gefühlen anfangen, als sie wie Fische im Sand der Sprache zappeln und sterben zu lassen.“

Franz Kafka: „Gestern und heute ein wenig geschrieben ... Es ist trotz aller Wahrheit böse pedantisch, mechanisch, auf einer Sandbank ein noch knapp atmender Fisch.“

Und keiner hat vom anderen gewusst.

Der Mangel ist schwerer erfassbar als die Anwesenheit.

Wenn Nietzsche in seinem „Ecce homo“ sagt „Atheismus versteht sich bei mir aus Instinkt“, dann ahne ich doch, was das für ein Gott ist, der ihn in diesen -ismus trieb.

In „Ecce homo“ gibt er auch Auskunft, wie der „Zarathustra“ entstand: „Der Begriff Offenbarung, in dem Sinn, dass plötzlich, mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit etwas sichtbar, hörbar wird, etwas, das einen im Tiefsten erschüttert und umwirft, beschreibt einfach den Tatbestand.“ Und er scheut nicht das Wort „Offenbarung“! In der Vorrede zu „Ecce homo“ nennt er sich einen „Jünger des Philosophen Dionysos“. Wieder so ein Wort: „Jünger“! Also ganz am Schluss dieses Bekenntnis zu Dionysos, der auch den Anfang bestimmte: „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik.“ Jetzt, am Schluss, gibt er richtig Auskunft über das Dionysische. Es sei das „Jasagen zum Gegensatz . . . Das Werden mit radikaler Ablehnung auch selbst des Begriffs ,Sein‘.“ Und dass Dionysos, das Dionysische im Unterschied zum Apollinischen überhaupt nicht darstellbar sei, erreicht mich, seit ich Barth gelesen habe, deutlicher als früher.

Der Ursprung der Tragödie ist Dionysos, nicht Apollo, ist der Chor, nicht die Szene des Dramas. Die „dionysische Kunst“ ist nicht „in den Erscheinungen, sondern hinter den Erscheinungen“ zu suchen. Seinen Zarathustra nennt er später „einen dionysischen Unhold“. Es sei, sagt Nietzsche, „eine unanfechtbare Überlieferung, dass die griechische Tragödie in ihrer ältesten Gestalt nur die Leiden des Dionysos zum Gegenstand hatte . . .“ Nachdem ich Karl Barth gelesen hatte, souffliert mir Nietzsches Paar: Apollo und Dionysos dürfen mich erinnern an Karl Barths Paar Esau und Jakob. Die jederzeit vorstellbare Kirche Esaus - „Jerusalem, Rom, Wittenberg, Genf“ - wie die problemlose Präsenz Apollos.

Unvorstellbar und weitreichend aber die Kirche Jakobs und der Mythus des Dionysos. Barths Hauptwort für Gott ist Unanschaulichkeit. Der jüngere Karl Barth hat sich nicht vom jungen Nietzsche einnehmen lassen, der in seinem wilden Buch geschrieben hatte: „ . . . denn nur als ästhetisches Phänomen ist das Dasein und die Welt ewig gerechtfertigt.“

Ich habe mich von diesem Satz einnehmen lassen. Wenn auch nicht in der Castorpschen Version, dass Debussy-Musik die Rechtfertigungsfrage zum Schweigen bringe. Wir können dieses Zitat von der Rechtfertigung der Welt als ästhetisches Phänomen einreihen in die Unmenge von Zitaten, die den durch Gottes Abwesenheit entstandenen Mangel ausdrücken. Das neunzehnte Jahrhundert flirrt von Angeboten, die diesem Mangel sinnstiftend und rechtfertigungsbereit zu Hilfe kommen.

Und die Musik hat eine Rolle gespielt, die im Castorp-Zitat nicht vorkommt. Und wieder ist es Nietzsche, der hilft. „ . . . wie überhaupt die Musik, neben die Welt hingestellt, allein einen Begriff davon geben kann, was unter der Rechtfertigung der Welt als eines ästhetischen Phänomens zu verstehen ist.“

Er spricht da von der Dissonanz in der Musik. Und von der „lustvollen Empfindung der Dissonanz in der Musik“ und schließt: „Das Dionysische, mit seiner selbst am Schmerz perzipierten Urlust, ist der gemeinsame Geburtsschoß der Musik und des tragischen Mythus“. Dass wir die Dissonanz genießen können, das drücke unsere Fähigkeit aus, in der Tragödie mehr zu sehen als uns gezeigt wird. Da möchte man sagen: Und so weiter. Aber nicht ohne den Satz, mit dem Aischylos seine Prometheus-Tragödie und Nietzsche sein wildes Buch schließt: „wie viel musste dies Volk leiden, um so schön werden zu können!“

Die Maßlosigkeit der Kampfansage

Das ist es eben: Etwas muss schön sein, und schön wird es nur durch Schmerz, durch bestandenen Schmerz. Im Schmerz, den Prometheus bei Aischylos erleidet, erreicht er einen Grad der Einsamkeit, der in keinem heutigen Kunstwerk auch nur ahnbar ist. Aber wir verstehen diesen Extremisten der Wut und des Gekränktseins Wort für Wort. Es ist historischer Verlauf in mythischem Material. Es ist die extremste Kampfansage gegen Machtausübung, hier die Macht des Machthabers Zeus. Die Maßlosigkeit dieser Kampfansage in aller Qual und Einsamkeit schafft die dionysische Frequenz, das heißt: wir genießen das schlechthin Unzumutbare, die reine Verneinung unseres Fassungsvermögens. Bis zum letzten Prometheus-Satz: „Seht, welch Unrecht ich erdulde!“

Wem es heute nicht einleuchtet, dass durch diese Tragödie das Dasein der Welt gerechtfertigt sei, dem darf gesagt sein, dass diese Tragödie das Geschichtliche überhaupt zeigt. Der Prometheus-Text erhebt sich kein bisschen über die Situation der misslingenden Geschichte hinaus. Aber misslungen müsste die andauernd misslingende Geschichte erst genannt werden, wenn kein Prometheus mehr schriee. Dann hätte Zeus gesiegt: Aber das ist schon herausgepresste Interpretation, das ist der Verrat des unfassbar Dionysischen an das brauchbar Apollinische. Die absolute Dissonanz gibt keine Anweisung. Sie wirkt. Verstörend. Aber eine Wirkung ist eben: Die absolute Dissonanz tut gut. Macht und Machthaber und Machtausübung, eine einzige Hässlichkeit. Und selbst der, der durch die Macht zerstört wird, wird dadurch nicht schön. Shakespeares Richard II. kann, so lange er Macht ausübt, nur höhnen und quatschen. Nach dem Machtverlust wird er schön und weise, eine Art Dichter.

Wenn man diese Tonart vergleicht mit den herrisch-hygienischen Tiraden gegen das Christentum, ahnt man, was alles in einem einzigen Menschen vor sich gehen kann. Ab 1. Januar 1889 unterschreibt er, was er als Brief schreibt, nur noch mit „Der Gekreuzigte“ oder mit „Dionysos“.

Ich muss mir das durch keinen „Zusammenbruch“ erklären. Das wilde erste Buch verschreibt er ganz dem Dionysos. Ist dann die Schluss-Landung bei Dionysos nicht ganz von selbst sinnvoll? Und dass „Der Gekreuzigte“ ihm jetzt noch die Hand führt, muss man sich das damit erklären, dass der Autor da nicht mehr „normal“ gewesen sei? O ihr Gelehrten! Es geht um das Geständnis, dass die Dissonanz gut tut.

Unwillkürlich empfinde ich eine Art Dankbarkeit diesem unendlich empfindlichen Nietzsche gegenüber. Er hat in diesem aufs Beweisbare, Machbare versessenen neunzehnten Jahrhundert den Mangel nicht betäubt. Dass bei ihm die Rechtfertigung ein Bedürfnis blieb, darf man, wenn man sieht, was alles sonst er mit hellem Hohn zerrissen hat, bestaunen.

Nietzsches schönstes Gedicht

Was haben wir noch von denen, die vor uns diesen Mangel erlebten?

„O komm zurück, mein unbekannter Gott! Mein Schmerz!“

Diese Dithyramben sind Nietzsches schönstes Gedicht. In der fast gleichzeitigen „Ecce homo“-Prosa wütet er noch maßlos gegen Paulus. Da kommt er mir vor wie der „Gefesselte Prometheus“, zu dem der Zeus-Knecht Hermes sagt: „Du wärst unerträglich, wenn du glücklich wärst.“ Dann die dithyrambische Selbsterlösung. Wenn diese Dithyramben nicht so schön wären, wären sie nicht so erlösend. Ich reihe ihn ein unter die Gottesmänner von Augustin bis Karl Barth. Sie alle sind Anwohner, wie Karl Barth es ausgedrückt hat, des „leeren Offenbarungskanals“. Und was für eine Bewegungsenergie entwickeln sie genau dadurch, dass ihnen Gott fehlt.

Jetzt fehlt er offenbar nicht mehr. Darum fehlt die Bewegungsenergie um der Rechtfertigung willen.

7.

Nach mehr als einem Gerücht, ist Kafka der Autor, der in der ganzen Welt am meisten gelesen wird. Er ist aber auch der Autor, der waghalsigere Sprachexpeditionen in die Sphäre der Rechtfertigung geleistet hat als jeder andere Autor. Der „Prozess“: Die rücksichtsloseste Gewissenserforschung, die es gibt. Man sollte es eine Sportart nennen, um es vor landläufigen Missverständnissen zu schützen. Am besten als Hochsprung. Am allerbesten als Stabhochsprung. Kafka macht uns den Gewissens-Stabhochsprung vor. Dir macht er ihn vor.

Dass dir Unrecht geschehen ist, genügt nicht, dich im Recht zu sehen.

Weiter! Im Verachtetsein liegt die allergrößte Freiheits-Chance.

Weiter! Du bist nicht der, der du bist. Du wärst gern der, der du nicht bist.

Weiter! Sei einverstanden, ein Anfänger zu sein.

Weiter! Nichts ist so schwer zu fassen wie Lebensfreude.

Weiter! Die Sprache entspricht nichts als sich selbst.

Weiter! Ich gestehe also, dass ich mich nicht mehr berühren lasse von dem, was der Welt gerade am meisten wehtut.

Weiter! Das Lästige am Intellektuellendasein: man müsste andauernd an der eigenen Verurteilbarkeit mitarbeiten.

Dass wir etwas schön finden können, halte ich für unsere zukunftsreichste Fähigkeit.

Es geht um das Geständnis, dass die Dissonanz gut tut.

Das hat noch nichts mit Kunst zu tun. Prometheus: „Kunst ist so viel machtloser als Notwendigkeit.“

Weiter! Die Lage des Prometheus wäre trostlos, wenn es das Stück von Aischylos nicht gäbe.

Weiter! Dir war beigebracht worden, nach einem unverwechselbaren Gesicht zu streben. Es ist dir nicht gelungen, unverwechselbar zu werden. Eine Zeit lang wolltest du dich gar nicht mehr rühren vor Enttäuschung. Jeden Morgen hast du dein Gesicht gehasst. Im Spiegel. Was du dich dazu sagen hörtest, war dir widerlich. Es ekelte dich an, von dir immer wieder diese nach Unverwechselbarkeit trachtenden Sätze zu hören. Während du gesprochen hast, spürtest du, dass du es nicht ausgehalten hättest, das, was du sagen wolltest, einfach zu sagen. Ohne dass du etwas dagegen tun konntest, verunstaltete ein übermächtiger Wille alles, was du sagen wolltest, in einer ganz bestimmten Weise: kosmetisch. Immer würgte das interessante Wort das richtige ab.

Weiter! Du hast geglaubt, in deiner Vorliebe für das Gegenteil wirke auch eine Vorliebe für das Unterlegene. Peinlich blieb, dass du die Gegenmeinungen, die sich in dir bildeten, sowohl unterdrücken als auch verschweigen konntest. Zuerst hast du gedacht, durch dich werde ein neuer Ton entstehen, eine Sprache, in der, was bis jetzt nicht gesagt werden konnte, endlich ausgesprochen werde. Du hast dich nicht getraut. Es ist durch dich nichts möglich geworden.

Weiter! Wohin sich wenden, wenn man weg muss von sich?

Weiter! In deinem Zögern in deiner lächerlichen Unfähigkeit dich zu entscheiden, kommt deine ganze Illegitimität zum Ausdruck.

Weiter! Du reagierst wie ein auf Moral programmierter Computer. Kein besonders teures Modell. Du weißt, was gut ist. Du willst gut sein. Du schaffst es nicht. Du tust immer so, als würdest du es später einmal schaffen, deshalb verbirgst du, dass du es im Augenblick nicht schaffst. Du lügst den Unterschied zwischen dem, was du denkst und dem, was du sagst, weg. Tun tust du sowieso nichts. Du wirst immer reagieren, wie es sich gehört. Und du wirst nie, solange du lebst, mit deinen Reaktionen übereinstimmen. Ist das so?

Das ist so.

Was willst du dagegen tun?

Nichts.

Du willst nichts gegen dich tun.

Nein.

Dann bist du kein Ironiker.

Sondern?

Ein Heuchler. Der Heuchler, das hat schon Hegel gesagt, ist dem Ironiker ziemlich ähnlich. Der Unterschied ist nur, dass der Heuchler verbergen will, dass er heuchelt, während der Ironiker darauf hinweist, dass er heuchelt.

Ja, meint denn der Ironiker diesen Hinweis auf seine Heuchelei ernst?

Er weist darauf hin, so gut er kann. Den Grad seines Ernstes müssen die bestimmen, vor denen er es tut. Jeder wird in dem Geständnis des Ironikers, dass er ein Heuchler sei, so viel Ernst entdecken, wie er selber aufbringen würde, wenn er sich als Heuchler bezeichnen müsste. Wenn einer sagt: Des Ironikers Geständnis, er sei ein Heuchler, sei reine Ironie, also mehr Scherz als Ernst, aber als Ironie sei es so und so schön, dann sagt er dadurch nur, dass er, sollte er zu seiner eigenen Heuchelei Stellung nehmen, das immer nur im Scherz tun würde.

Er weiß, das lässt sich so machen, dass die Leute, auf die es ankommt, immer noch sagen: Was für eine reizende Ironie! Es ist eingeführt, das für eine Frage des Könnens zu halten beziehungsweise der Begabung. Es gibt da Genies. Und wenn es Genies der Ironie geben kann, dann heißt das, dass die genial sind in der Art, sich selber Vorwürfe zu machen. Was aber, möchte man da fragen, hätten sich solche noch vorzuwerfen?

Weiter! Erwachend kaum

und zugedeckt vom frommen Schnee

sinken wir zurück zur Frühe.

Dem Kristall der schönen Not

Entkommt nur Licht.

Ich möchte nichts wissen,

was die Kerze nicht weiß.

Die Welt gehört unter die Haube.

Quelle: F.A.Z.
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