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Milan Kundera zum Achtzigsten

Ein Migrant mit solidem Zuhause

Von Joseph Hanimann
01.04.2009
, 11:55
Der tschechische Schriftsteller Milan Kundera ist seit 1981 französischer Staatsbürger Bild: AFP
Milan Kundera lebt im Westen, kehrt aber im Geist oft nach Mitteleuropa zurück. Der Roman ist für ihn kein Genre, sondern eine Lebenshaltung. Hart traf ihn im vergangenen Jahr der Vorwurf, er habe 1950 einen Widerständler verraten. Heute wird er achtzig Jahre alt.
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Wer das Schreiben von Romanen so hoch ansetzt, könnte leicht von der Gattung erschlagen werden. Doch ist der Roman für Milan Kundera kein Genre, sondern eine Lebenshaltung, ein Weltwissen: eine europäische Erfindung, dank dem von Cervantes und Rabelais geprägten Humor eine der besten, die unser Kontinent hervorbrachte. Über zehn Romane hinweg hat Kundera aus diesem Erbe geschöpft, dann folgten Betrachtungen über den Roman. Sollte von ihm selbst auch kein eigener mehr kommen, sind diese Betrachtungen ebenfalls immer ein Publikationsereignis, wie das im französischen Original in diesen Tagen gerade erschienene Buch „Une rencontre“ (Eine Begegnung).

Es enthält Aufzeichnungen zu alten und neuen Lese-, Seh- und Hörbekanntschaften, Rabelais, Malaparte, Anatol France, Francis Bacon, Leos Janácek. Auffallend ist darin die Rückwendung zum Herkunftsland. Dessen ästhetische „Gene“ seien ihm dauerhaft eingepflanzt worden durch die Musik Janáceks, die er als Kind auf dem Klavier des Vaters täglich zu hören bekam, schreibt der Autor.

Nachdenken ohne Schwermutspose

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Wir haben wohl keinen beredteren Anwalt für die ironiegesättigte Kunstform des Erzählens als diesen öffentlichkeitsscheuen Schriftsteller aus Brünn, bei dem allein das gedruckte, nicht das gesprochene Wort gilt. Die beste Antwort auf das vom Surrealismus verbreitete Gerücht vom Ende des Erzählens sei „Hundert Jahre Einsamkeit“ von García Márquez gewesen, notierte Milan Kundera einmal. Aus Europa sei diese Kunst zunächst nach Nord-, dann nach Mittel- und Südamerika abgewandert - mittlerweile soll sie zwischen Ägypten und Indien gesichtet worden sein. Was in der ersten Halbzeit der Form des Romans als Irrfahrt Don Quijotes, als Spaziergang von Diderots Fatalisten Jacques, als Abschweifung Tristram Shandys freizügig begann, sei in der zweiten Halbzeit, vorab im neunzehnten Jahrhundert, unter Handlungsdruck geraten und zum Wettlauf geworden: am dramatischen Spannungsfaden entlang ins Ziel der Auflösung. Zu den „Verratenen Vermächtnissen“ - so der Titel eines Essaybands von Kundera von 1993 - gehöre aber auch Goethes Vision der Weltliteratur. Für diese Vision fände man kein besseres Beispiel als Kundera selbst.

Kundera 1967 in Prag Bild: AP

Die sieben ersten, auf Tschechisch geschriebenen Romane gehören so wenig zur „tschechischen Literatur“, wie die drei in Frankreich geschriebenen zur „französischen Literatur“ gehören. Es gebe in seinem Werk keine Brüche, hat Kundera stets betont. Migrantendasein ohne den Sound der Heimatlosigkeit, Nachdenken ohne Schwermutspose, Verlangsamungswunsch ohne Verwurzelungswahn sind Grundmotive seines Werks, mit dem Orgelpunkt einer gewichtlosen Schwere und eines Leichtigkeitsgefühls, das vor lauter Leichtsein Zentner wiegt. Kunderas Bücher bilden keine Entwicklungslinie, fast scheinen sie austauschbar. In „Die Unsterblichkeit“ wird der Romanautor gefragt, wie sein nächster Roman heißen werde. „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“, antwortet der Schriftsteller. „Diesen Titel hat doch schon jemand benutzt“, staunt der Gesprächspartner. „Ja, ich selbst“, lautet die Antwort des Romanciers, doch habe er sich damals im Titel geirrt, er gehöre zum Roman, an dem er jetzt gerade arbeite.

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Ihm sein Gewissen, uns seine Literatur

Nichts liegt dem seit 1975 in Frankreich lebenden Wahl-Pariser jedoch ferner als kosmopolitisches Gehabe. Seine mitteleuropäische Herkunft bleibt ein Horizont, den der Verschwiegene in seinen subtilen Selbstanalysen zu anderen Horizonten in Beziehung setzt. Rebellierte die westeuropäische, vor allem die französische Moderne lyrisch mit Malerei und Poesie gegen das realistische, naturalistische neunzehnte Jahrhundert, so kämpfte sie in Mitteleuropa aus der Erfahrung des Barock gerade umgekehrt mit Witz und Ironie gegen die romantisch, ekstatisch, musikalisch verkrustete Vergangenheit - schrieb Kundera in „Der Vorhang“.

Aus dieser Quelle schöpft er bis heute. Lyrische Stimmung ist im Unterschied zur Ironie des Erzählens anfällig für die totalitäre Versuchung. Entsprechend hart traf den Autor im vergangenen Herbst die Behauptung eines tschechischen Historikers, er habe als Student 1950 in Prag einen Widerständler bei der Polizei verraten. Kundera bestritt den Vorwurf, lässt sich aber durch diesen Vorfall nicht von seiner Verweigerung öffentlicher Verlautbarungen abbringen. Er, der sich nie als Intellektueller mit politischer Rechts- und Unrechtszuordnung aufspielte, sieht keinen Grund, dies nun in eigener Sache nachzuholen. Ihm sein Gewissen, uns seine Literatur. Diese gibt Grund genug, mit ihm an diesem Mittwoch den achtzigsten Geburtstag zu feiern.

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Quelle: F.A.Z.
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