Nachruf auf Andrew Vachss

Ein Leben für die Missbrauchten

Von Claus Leggewie
29.12.2021
, 17:29
Der amerikanische Schriftsteller Andrew Vachss
Er schrieb in allen Genres und hatte ein Ziel: die Verhütung von Kindesmissbrauch. Zum Tod des amerikanischen Autors Andrew Vachss.
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„Keep your strength“ lautete stets die Aufmunterung am Ende der kargen, schnörkellosen Mitteilungen, die mir Andrew Vachss während unseres zu Beginn der neunziger Jahre aufgenommenen Interviewprojekts zukommen ließ. Er wohnte um unteren Broadway, zur ersten Sitzung empfing er mich um halb sechs Uhr in der Frühe, und im Eingang seines Büros stand ein Rottweiler, der mir bitte keine Angst einflößen sollte. Große Hunde waren ständige Begleiter dieses Autors und Anwalts, der sich vor Gericht und schreibend mit kaum zu übertreffender Konsequenz für Rechte und Schutz missbrauchter Kinder einsetzte. Bekannt geworden ist Vachss in den USA und Europa als Verfasser von Kriminalromanen, deren Held Burke als Privatermittler ohne Auftrag einen gnadenlosen Feldzug für missbrauchte Kinder führt.

Diese hardboild detective novels sind in deutscher Übersetzung im Eichborn Verlag erschienen, der mich bat, mit Vachss das erwähnte lange Interview zu führen – gewissermaßen als Begleitbuch für einen Inhalt und Stil, der auch hartgesottene Krimileser zu schocken in der Lage war. Die Romane waren nämlich „explizit“, insofern dieser Burke – ohne Vornamen als von einer Prostituierten ausgesetztes Baby registriert und zweimal als Gewaltverbrecher verurteilt – die Täter wie ein Söldner verfolgte: „misstrauisch, hyper-wachsam, abwechselnd verängstigt und gewalttätig wütend, und zutiefst mit seiner ‚Wahlfamilie.‘ verbunden“, wie Vachss den Protagonisten beschrieben (und sich damit auch ein wenig selbst stilisiert) hat.

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In unseren langen Gesprächen wurde rasch klar, welches humanitäre Engagement ihn antrieb, der schon als Ermittler und Sozialarbeiter mit Fällen betraut war, deren Exzesse einem die Kehle zuschnüren. Einschlägige Wiederholungstäter be­trachtete er als Monster, denen man ein für allemal das Handwerk legen musste. Re­sozialisierung hielt er bei ihnen für ausgeschlossen. Wir kamen überein, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, die absolut böse sind; nicht zufällig schwenkte unser Dialog zum Ende auf die Bewertung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen ab.

Ein Racheengel war er selbst nicht

Vachss war kein Rachelustiger, wie ihm bisweilen unterstellt wurde, sondern befürwortete möglichst früh einsetzende präventive Maßnahmen, um zu verhindern, dass Opfer schweren Missbrauchs selbst einmal zu Tätern würden, wie es häufig der Fall war und ist. Und hier zog er eine absolute Grenze, an der Liberale aufhören sollten, großzügig zu sein: Wer die Rechte eines gewalttätigen Psychopathen über Schutz und Sicherheit potenzieller Opfer stelle, sei kein Liberaler, sondern ein Narr. Wenn Vachss einen Prozess verlor, war sein Albtraum, dass das betroffene Kind zu denen zurückmusste, die ihm Gewalt angetan hatten. Jüngst in Deutschland bekannt gewordenen Fälle zeigen, welche Rolle dabei kriminelle Energie, Behördenversagen und allgemeine Indifferenz spielen.

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Andrew Vachss hat weitere Krimiserien („Cross“, „Aftershock“), Novellen und Kurzgeschichten sowie Comics und Theaterstücke verfasst. Seine berufliche Karriere begann mit einem humanitären Einsatz in Biafra, er leitete ein Hochsicherheits­gefängnis für jugendliche Gewalttäter und wurde vor diesem Hintergrund zum Kinderanwalt in New York, der dafür sorgte, dass missbrauchte Kinder ordentlichen juristischen Beistand bekamen. Von Präsident Bill Clinton wurde er als Berater herangezogen und ausgezeichnet. Eine schwarze Klappe über dem rechten Auge, das ihm als Kind beeinträchtigt worden war, war sein äußeres Erkennungszeichen.

Für Vachss war die Entscheidung, ob ein Missbrauchsopfer im Lauf seines weiteren Lebens selbst zum Soziopathen oder ein empathiefähiger Mensch wurde, eine Angelegenheit des freien Willens. Den Kampf gegen sexuelle Gewalt haben er und seine Frau Alice, die als Bezirksstaatsanwältin in New York tätig war, ebenso leidenschaftlich wie professionell geführt, wohlwissend, dass er nie endgültig gewonnen wird. Am 27. Dezember ist Andrew Vachss im Alter von 79 Jahren gestorben.

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Quelle: F.A.Z.
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