Nobelpreis für Louise Glück

Die Tugend der Füchsin

Von Dietmar Dath
08.10.2020
, 17:39
Louise Glück bei der Verleihung der National Humanities Medal mit einem bekannten amerikanischen Politiker
Lustbringend, nicht lehrreich: Der Literaturnobelpreis für die Dichterin Louise Glück würdigt eine Dimension der Weltsprache Englisch, die zwischen Twitter und Popsong schnell übersehen wird: ihre schillernde Kraft kultureller Erinnerungsstiftung in größter Modernität.
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Man kann Gedichte durchaus unter Aussparung ihrer formalen Besonder- und Schönheiten nacherzählen, rein stoffbefangen; dann fehlt dem Witz halt die Pointe. Die allerbesten Witze halten das erstaunlicherweise aus, sie sind dann bloß lehrreich statt lustbringend. In Louise Glücks Gedicht „The Mountain“ erzählt lyrische Lebensklugheit irgendwelchen nicht näher bestimmten gelehrigen Ohren davon, dass das Leben der Kunst ein Leben endlos schwerer Arbeit sei. Als das die Horchenden nicht beeindruckt, wird es mit der Legende von Sisyphos illustriert. Denselben Stein immer wieder bergaufwärts zu schieben bringe durchaus Freude mit sich, eine besondere Sorte, man sei ganz bei sich und könne so etwa einem ominösen „Urteil“ einer anderen Instanz entgehen. Von ihrer eigenen kräftezehrenden Mühe mit dem ganz persönlichen Felsbrocken spricht die lyrische Stimme dann auch, etwas beiseite, und zur Bezeichnung der individuellen Art, wie sie sich da die steile Steigung empormüht, benutzt Louise Glück ein merkwürdiges Adverb: „slyly“. Nicht Verausgabung von Energie ist also der Punkt am Werk, sondern Schlauheit, die Tugend des Fuchses Reineke, der den königlichen Löwen anlügt und damit „der Verurteilung“ entgeht, eluding judgment. Schlaue Arbeit ist nichts, was Hände schwielig macht, aber sie hinterlässt Spuren in der Landschaft, sogar auf deren höchstem Niveau, auf den Gipfeln – das Gedicht endet so: „Both my hands are free. And the rock has added / height to the mountain.“

Die 1943 in New York geborene Amerikanerin Louise Glück erhält den Nobelpreis für Literatur des Jahres 2020. Erwartbare zänkische Rangbestimmungsbeißerei unter Leuten, die für moderne Lyrik in englischer Sprache brennen, fing zehn Minuten nach der Meldung aus Stockholm in Lesekreisen off- und online sofort an, wertlose Fragen zu stellen wie: „Wenn die größten Modernistinnen der angloamerikanischen Lyrik, Frauen wie Gertrude Stein, Hilda Doolittle oder Elizabeth Bishop, den Preis nicht gekriegt haben, wie kann man ihn dann einer Epigonin geben, die nur weiß, wie man den Brocken auf den Berg kriegt, weil andere ihr das vorgemacht haben?“

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Eine entschieden weibliche Stimme?

Das Versäumnis gegenüber Großen kann indes die Genugtuung über die Anerkennung einer nach sämtlichen von ebenjenen Großen aufgerichteten Maßstäben allemal Würdigen logisch nicht trüben; außerdem sind Emily Dickinson und Hildegard von Bingen auch leer ausgegangen, was solls? Glück selbst hat das Kontinuum, in dem sie wirkt, nie verschwiegen; sie weiß, dass sie nicht aus dem Nichts kommt, ihr Debütbändchen, „Firstborn“, das im Zäsurjahr 1968 erschien, widmete sie „my teacher“ – das Wort lässt in ihrer Sprache aparterweise kein Geschlecht erkennen.

Begönnert man die Dichterin mit modischer Gender-Galanterie, wenn man sie als entschieden weibliche Stimme liest? Ein altes, allerlei Gewohnheiten implizites Sozialdekret nicht nur des Abendlandes sieht „die Frau“, weil sie Kinder kriegen kann, während der Mann sich in Werken fortsetzt und verewigt, als Naturwesen. Louise Glück liebt dezente Irreführungen auf diesem Glatteis und spricht daher mit der Natur oft vertraulicher als mit dem lesenden menschlichen Gegenüber. Im Gedicht „Sunset“, das, umgeben von vielfältigen irdisch-kosmischen Übungen mit Titeln, die heraufziehende Stürme, Mittagsstimmungen und Zwielicht versprechen, den Band „A Village Life“ (2009) regiert, erlaubt Glück der Majestät Sonne königlich-geschwisterlich, so von Sprachmacht zu Gestirn, das Untergehen: „So it can set now.“ Im ersten Schnee legt sie ein andermal die ganze Welt schlafen, obwohl diese wie ein quengeliges Kind noch wach bleiben will.

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Von solchen Naturumständen weiß diese Lyrikerin aber stets, dass sie gar nicht da wären, wenn ihre Sprache sie nicht erschaffen könnte – „Go ahead: say what you are thinking. The garden / is not the real world. / Machines / are the real world“, heißt es unter dem tückisch unschuldigen Titel „Daisies“, ausgerechnet Gänseblümchen, in den neunziger Jahren. Die Sammlung „The Wild Iris“ (1992), in der diese Verse daheim sind, hat der Literaturwissenschaftler Kenneth J. E. Graham der Gattung „devotional poetry“ zugeordnet, welcher beispielsweise auch T.S. Eliots „Four Quartets“ zuzurechnen wären; deutsch ist das etwas wie „Andachtsdichtung“, wovon im Falle von „The Wild Iris“ so viel stimmt, dass Louise Glücks Ton in diesen wie in vielen von ihr komponierten Texten zwar nicht unbedingt (und schon gar nicht explizit) an etwas glaubt, das menschliche Erfahrungs- und Kommunikationshorizonte übersteigt, aber doch Respekt davor artikulieren kann, dass wir Menschen so etwas zu denken, zu empfinden und zu singen vermögen.

Der Nobelpreis als Identitätskulturpolitik?

Kunst muss ihre gesellschaftliche Nützlichkeit in einer Gesellschaft wie der vorhandenen, die so vielen Menschen so offensichtlich sehr wenig nützlich ist, weiß Gott nicht beweisen, aber die besondere Eigenheit lyrischer Andacht, Glaubensinhalte menschlichen Bewusstseins achten zu können, ohne ihnen völlig das eigene Reflexions-, nämlich Gestaltungsvermögen zum Opfer zu bringen, kann nicht nur in dem Land, in dem Louise Glück lebt, Vorbild sein: Wann hat eine öffentliche Äußerung in ernsten sozialen wie natürlichen (etwa massengesundheitsrelevanten) Belangen dort oder hier zuletzt den Umstand anerkannt, dass man immer auch was anderes glauben kann als das, was man da jeweils selbst behauptet?

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Das Fürwahrhalten eines Gesagten in der Schwebe halten zu können, die zwar zum Urteil strebt, aber es immer noch mal einen Atemzug weit hinausschiebt, weist Glück als Erbin einer der ersten aus literarischer Frühe überlieferten Autorinnen in englischer Sprache aus, der mittelalterlichen Mystikerin Juliana von Norwich, deren große Wortvision „All shall be well and all shall be well and all manner of thing shall be well“ sich säkularisierend be- und umschreiben ließe in Glücks Satz über einen sehr speziellen Moment auf Erden: „Not a sentence, but a breath, a caesura“ (der Schluss von „Labor Day“ im Band „Ararat“ aus dem Jahr 1990).

Ist das also, verstehbar als Echo auf Worte einer Ahnin, „Frauendichtung“, und der Nobelpreis dafür damit so etwas wie Identitätskulturpolitik? Wer amerikanische Literatur liebt, weiß etwas, das der billige Spott über Quotenästhetik nicht wahrhaben will, der weltweit inzwischen mindestens so lästig geworden ist wie die tatsächlich dümmsten kunstgewerblichen Hervorbringungen linksliberaler Frömmelei: Amiri Baraka, zum Beispiel, ist groß nicht weil oder obwohl, sondern indem er als African-American dichtet, genau wie Emily Dickinson ihre Weiblichkeit als großes Sichwundern über die von Männern eingerichtete Welt ästhetisierte. „Identitäten“ im heute geläufigen Wortsinn sind weder sichere Garanten noch unüberschreitbare Grenzen der Kunst, sondern Gelegenheiten für sie. Wer sie gattungsgerecht nutzt, schafft hohen Kunstwert.

Zwar ist es also Zufall, dass Sabine Scho, Ulrike Draesner oder Monika Rinck Frauen sind, aber an einem Zufall (etwa: dass sich zwei Wörter reimen) herumzudrehen, bis er sich als Sinnquelle zu erkennen gibt, ist seit Urzeiten das Grundgeschäft der Lyrik.

Das amerikanische Englisch der letzten hundert Jahre bis zur Gegenwart war und ist eine Weltsprache, deren lyrische Dimension sowohl lockende Dunkelheit (Djuna Barnes), auratische Rumpelkammern aus Marmor (Ezra Pound), schlecht aufgewärmten, aber toll vorgetragenen französischen Symbolismus (Jim Morrison), kosmopolitische Menschenfresserdämonie (die Lyrik des großen, bösen Frederick Seidel) als auch eleusinisches Genuschel (Bob Dylan) umfasst. Irgendwann einmal wird davon nur etwas übrig sein, das eine zu Unrecht vergessene Dichterin der Beat Generation, Joanna McClure, als Gruß an Sappho einmal in die Formel gefasst hat, dass dann, wenn lyrischer Wortlaut vergessen ist, Einfachheit und Dringlichkeit großer Dichtung in Resonanzen überleben können, die von der Fragmentierung der Erinnerung nicht geschwächt, sondern sogar wie magisch verstärkt werden. Die Kraft, von der da die Rede ist, heißt bei Louise Glück „schlau“ und versetzt Berge in Erstaunen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dath, Dietmar
Dietmar Dath
Redakteur im Feuilleton.
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