Popsängerin Tracey Thorn

Das Sein und das Nichts in Hertfordshire

Von Tobias Rüther
07.05.2021
, 20:43
Mir dem Welthit „Missing“ wurde Tracey Thorn, Sängerin von Everything But The Girl, Mitte der neunziger Jahre ein Star. Heute schreibt sie Bücher über die Psychogeographie ihrer englischen Herkunft.

Ein junges Mädchen führt Tagebuch. Und schreibt darin auf, was nicht passiert. Sie kauft sich keine neuen Jeans. Sie küsst den Jungen nicht, in den sie verknallt ist. Es läuft nichts Interessantes im Fernsehen. Von der Schule ganz zu schweigen. Und trotzdem schreibt das Mädchen, Tracey Thorn heißt es und wird eines Tages eine einflussreiche Künstlerin werden, genau mit.

Es ist das England der siebziger Jahre, Tracey lebt in der Grafschaft Hertfordshire, in Brookmans Park, nah genug, dass die Leute zum Arbeiten nach London pendeln können, aber auch schon wieder zu weit weg: ein Dazwischen, nicht hier, nicht dort. Wie ein Teenager, letztlich. Damit Tracey weiß, wo sie ist, aber eben auch nicht ist, sind auf den vorderen Seiten ihrer Notizbücher Karten der großen Hauptstadt gedruckt. In die sie bald ziehen wird. Aber jetzt ist noch Brookmans Park. Und London – ein anderer Planet.

So heißt auch das neue Buch von Tracey Thorn: „Ein anderer Planet“. Es liest sich wie eine Landvermessung im Stil des momentan so beliebten „Nature Writings“, essayistisches Schreiben, das Mensch, Landschaft, Baum, Strauch und Tier ins Verhältnis zueinander setzt. Andererseits wirkt Thorns kurzes Buch aber wie eine englische Variante der berühmten „Rückkehr nach Reims“ des französischen Soziologen Didier Eribon. Nur versöhnlicher, unterhaltsamer, unideologischer, ohne es dabei aber weniger ernst zu meinen mit der Selbstanalyse.

Hier reist eine Frau von Mitte fünfzig, Angehörige der urbanen, intellektuellen Elite, heim an jenen Ort in der Provinz, den sie als junges Mädchen lieber heute als morgen hinter sich lassen wollte. Und reist zugleich zurück in der Zeit, sieht ihre Eltern und älteren Geschwister in der Konstellation der britischen Nachkriegsgeschichte, sieht sich selbst und ihren eigenen Aufbruch, ausgelöst durch die Punkbewegung Mitte der siebziger Jahre.

Thorn mildert die Konflikte dabei nicht nachträglich ab. „Ein anderer Planet“ ist ein Buch über Ort, Klasse und Gender, meidet aber solche großen Begriffe, sucht lieber nach Szenen, verdichtet Erkenntnis in Anekdoten: „In diesem Land verrät alles, auch der Vorgarten, welcher Gesellschaftsschicht man angehört“, schreibt sie einmal. „Es gibt einen vornehmen englischen Stil: mehrjährige Sträucher, Pflanzen, die angebunden werden müssen und über Stöcke und Stangen klettern, sich ranken und ausbreiten.“ Über eine Nachbarin ihrer Eltern wurde hinter deren Rücken getuschelt, die sei ja „so eine mit zu vielen Einjährigen im Vorgarten“. Also: oberflächlich. Nicht verwurzelt genug. Zugezogen.

In der Welt von Brookmans Park gelten Regeln, wie sie in einem Gesellschaftsroman von Proust nicht härter wirken würden, und ist der Ort auch noch so klein, so gibt es dort doch trotzdem eine gute und eine schlechte Gegend. „Anzustreben waren Anonymität und Unauffälligkeit, immer in der Hoffnung, dass solcherart Zurückhaltung auch diskret anerkannt und belohnt werden würde. Dies waren durch und durch vorstädtische Werte. Enthaltsamkeit und Pietät definierten die Vorstadt.“

Faschismusverdacht hinter jedem Strauch

Die junge Tracey vermutete den Faschismus hinter jedem Strauch von Brookmans Park, egal ob einjährig oder mehrjährig, und wollte alles andere als das haben, was ihre Eltern wollten und hatten. Die Tracey Thorn von heute twitterte im Oktober, wie sie ihren Garten winterfest machte. Beim Videointerview meldete sie sich jetzt aus ihrem Londoner Haus in Camden, im Hintergrund waren die Blumentöpfe säuberlich aufgereiht. „Je älter man wird“, sagt sie, „desto mehr arbeitet man sich durch sein Zeug, desto besser kann man seinen Frieden damit schließen: Darum geht es auch in diesem Buch: Frieden zu schließen.“ Auch mit der eigenen Rebellion.

„Ein anderer Planet“ ist schon das dritte von inzwischen vier Büchern, die Tracey Thorn seit 2013 geschrieben hat – nach einer erfolgreichen Karriere als Sängerin der Popgruppe Everything But The Girl. Eine Karriere, die Thorn auf dem Höhepunkt unterbrochen hatte, kurz vor der Jahrtausendwende, um mit ihrem Mann und Band-Partner Ben Watt eine Familie zu gründen. Und um herauszufinden, was jetzt noch folgen könnte: eine Frage, die sie sich in Form eines langen Textes selbst beantwortete, den sie erst einmal für sich selbst schrieb.

Daraus wurde dann „Bedsit Disco Queen“, ihre Autobiographie (2013), in der sich Thorn selbst als Nebenfigur größerer gesellschaftlicher Umbrüche verortete. Und ihr Sensorium für die sozialen, geographischen und historischen Verhältnisse zeigte, aus denen sie kommt. Auch in der Autobiographie konsultierte sie schon ihr Tagebuch über das Sein und das Nichts im Hertford­shire der siebziger Jahre. Das Buch wurde ein großer Erfolg, ein zweites folgte über die Gesangskunst – und dann dieses Herkunftsbuch, das also jetzt, als Thorns erstes auf Deutsch übersetzt erscheint.

Entstanden ist „Ein anderer Planet“ 2019, nachdem Thorn gefragt worden war, ob sie nicht tatsächlich in einer Reihe schmaler Natur-Monographien mitmachen wollte, vergleichbar den „Naturkunden“ von Matthes & Seitz. Das traute sie sich nicht zu. Dann fiel ihr ein, dass es ja eine Landschaft gab, die sie in- und auswendig kannte: die Vorstadt. Suburbia. Also fuhr sie hin. Recherchierte. Blätterte wieder in Tagebüchern. Schrieb parallel eine Platte, die fast zeitgleich erschien und sich wie ein Soundtrack zu diesem Buch anhört, „Record“ von 2018.

Ort, Erinnerung und Selbsterkenntnis

Schnell stellten sich Verbindungen her zwischen Erinnerung, Selbsterkenntnis und dem Ort, aus dem Tracey Thorn stammt. Wer sie als Sängerin von Every­thing But The Girl kennt, hat eine Stimme skeptisch-zurückhaltender Melancholie im Ohr: Hymnen hat diese Band, die erst im Jazz und dann im Club zu Hause war, nie geschrieben. Und selbst ihr größter Hit, „Missing“, zu dem Mitte der Neunziger fast die ganze Welt tanzte, war eine Verlustanzeige: Ich steige aus dem Zug, sang Thorn damals, ich laufe deine Straße entlang zu deiner Tür, aber du lebst dort seit Jahren nicht mehr, ich fahre wieder zurück und frage mich, warum ich nicht loslassen kann, obwohl da gar nichts mehr ist, du hast einen besseren Ort gefunden: „And I miss you / like the deserts miss the rain.“

Eigentlich hätte es das Brookmans Park, in dem Thorn 1962 geboren wurde, so gar nicht geben sollen. Mitte der vierziger Jahre hatten sich dort zweieinhalbtausend Menschen angesiedelt, als ein Baustopp verhängt wurde, um die Zersiedelung rund um das wuchernde London mit einem Grüngürtel aufzuhalten. „Dass hier überhaupt Wachstum jeglicher Art stattgefunden hat, ist höchst bedauerlich“, hielt damals ein Behördenbericht pikiert fest. Bis 1959 kamen trotzdem dreihundert Häuser in Brookmans Park hinzu. Dann war Schluss. Und so wuchs Tracey Thorn auf in einer Welt gebremster Ambitionen und enttäuschter Hoffnungen: eine explosive Mischung kleinbürgerlicher Minderwertigkeitskomplexe, aus der aber immer schon die größten Karrieren entstanden sind.

„Es lässt sich nicht leugnen“, schreibt Thorn: „Wir wohnten in einer Doppelhaushälfte, aus der wir restlos alles herausgeholt hatten, und Mum überwand nie ihren Neid auf alle, die ein frei stehendes Haus bewohnten. Das war ihr großes Lebensziel. Warum hatte sie sich das so sehr in den Kopf gesetzt? Ich denke, der Ort selbst hat es ihr eingeflüstert, die Nähe zu den Häusern, die als Traumhäuser verkauft wurden. Sie hatte ihren Traum nicht selbst erfunden, er wurde für sie erfunden, an sie vermarktet.“

Flucht mit Zügen oder Kunst

Mit sechzehn Jahren kauft sich Tracey eine Gitarre. Und gründet ihre erste Mädchenband. „Ein anderer Planet“ erzählt auch von einer Emanzipation. Aus Orten wie Brookmans Park kommt man mit Zügen raus. Oder mit Kunst.

„Rückkehr nach Reims“, die Ausein­andersetzung des Soziologen Eribon mit den Eltern und der Provinz, hat Tracey Thorn übrigens noch nicht gelesen, aber erkennt den Zusammenhang zum eigenen Buch. „Meine Geschichte ist nicht neu“, sagt sie. „Gerade in den letzten Jahrzehnten ist das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Selbstfindung, danach, das bestmögliche Leben zu leben, sehr wichtig geworden, vielleicht wichtiger als so etwas wie Loyalität oder Familie.“ Die widerstreitenden Bedürfnisse miteinander zu versöhnen erzeugt nur neue Konflikte. Davon erzählt dieses feine, kurze Buch.

Tracey Thorn: „Ein anderer Planet. Eine Jugend in Suburbia“. Aus dem Englischen von Conny Lösch. Heyne Hardcore, 240 Seiten, 20 Euro

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rüther, Tobias
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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