Quentin Tarantinos Buch

Der Mann, der zu viel weiß

Von Peter Körte
11.07.2021
, 11:58
 Quentin Tarantino im Jahr 2019 in Cannes, wo „Once Upon a Time ... in Hollywood“ uraufgeführt wurde.
Quentin Tarantino hat seinen ersten Roman geschrieben. Er beruht auf seinem letzten Film „Es war einmal in Hollywood“. Ein Roman zum eigenen Film, muss das sein?
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Romane haben schon einige Filmregisseure geschrieben. John Sayles, Michael Cimino, Gus van Sant, Neil Jordan, Elia Kazan oder David Cronenberg, um nur ein paar zu nennen. Auch Romanfassungen von Filmen, sogenannte „Novelizations“, gibt es schon lange, vor allem aus der Zeit, bevor Videorekorder und DVD-Player Bilder ins Heimkino brachten und für Director’s Cut und Zusatzmaterialien sorgten. Neu ist allerdings, dass ein Regisseur und Drehbuchautor auch noch den Roman zu seinem eigenen Film schreibt.

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Aber es ist ja auch Quentin Tarantino, der dieses Subgenre liebt seit den Taschenbüchern seiner Jugend in den siebziger Jahren und deshalb „Once Upon a Time ... in Hollywood“ in einen Roman verwandelt, der anders heißt als der Film vor zwei Jahren in deutschen Kinos: „Es war einmal in Hollywood“.

Natürlich erzählt er jetzt nicht einfach die Geschichte vom abgehalfterten Westernstar Rick Dalton (Leonardo DiCaprio), dessen Stuntman und Freund Cliff Booth (Brad Pitt) und dem Mord der Manson Family an der Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie) und deren Gästen nach; oder ergänzt sie nur um ein paar Szenen an, die er gedreht und dann doch nicht verwendet hat.

Die Story komplett neu gedacht

Es handle sich um ein „komplettes Überdenken der ganzen Story“, hat Tarantino in einem Podcast gesagt, das Buch sei „die unhandliche Version des Films“, wogegen man sonst aus „sperrigen Romanen“ handliche Filme mache.

Unnötig zu sagen, dass Tarantino nicht „sperrig“ schreibt, das weiß man aus den Dialogen seiner Filme, die sich auch auf dem Papier bestens lesen. Er schreibt eine klare, lässige, aber nicht zu slangdurchwirkte Prosa. Und dass die männlichen Figuren den zeit- und milieutypischen Machismo in Wort und Tat pflegen, sollte niemanden ernstlich wundern.

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Die Story wird im Präsens erzählt, aber weil es eine Menge Vor- und Rückblenden gibt, wechselt nicht nur das Tempus, sondern es wird auch ein allwissender Erzähler installiert, was für einen Regisseur, der gewohnt ist, alle Fäden in der Hand zu halten, wohl eine naheliegende Option ist.

Brad Pitt, Quentin Tarantino,  Margot Robbie und Leonardo DiCaprio bei der Premiere von „Once Upon a Time in... Hollywood’ in Berlin.
Brad Pitt, Quentin Tarantino, Margot Robbie und Leonardo DiCaprio bei der Premiere von „Once Upon a Time in... Hollywood’ in Berlin. Bild: EPA

Weil dieser Erzähler nun alles weiß, möchte er auch viel mitteilen und macht aus dem Buch einen Parcours der Abschweifungen und Exkurse. Fast könnte man übersehen, dass der Kern der Handlung nur an zwei Tagen im Februar 1969 spielt.

Parcours der Abschweifungen

Er beginnt ein wenig zäh mit Daltons Termin bei seinem Agenten, der auch nicht bei „Musso & Frank“ stattfindet, sondern im Büro. Dass man all die herrlichen B-Movies nicht sieht, über die geredet wird und in denen Dalton mitgespielt hat, fördert nicht unbedingt den Lesefluss - wie überhaupt das Faible für alle möglichen Listen und Aufzählungen von Popsongs, Produkten, Serien, Filmen oder Biersorten etwas eintönig werden kann.

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Tarantinos „Überdenken“ besteht zunächst darin, seine Hauptfiguren mit mehr Hintergrund auszustatten. Vor allem Cliff, der coole, maulfaule „Laufbursche“ von Rick Dalton, bekommt sehr scharfe Konturen: als Kriegsheld und als dreifacher Mörder, womit die Andeutung im Film, er habe seine Frau umgebracht, blutige Wahrheit wird.

Hingebungsvoll widmet Tarantino dann ganze Kapitel „Lancer“, der realen Westernserie, in die er nicht nur eine Rolle für Dalton hineingeschrieben hat. Dieser kreative Umgang mit vorhandenen wie nicht existierenden Materialien zeigt sich auch in Daltons Filmografie, in der diejenigen Filme am verlockendsten klingen, die es gar nicht gibt.

Mehr Hintergrund für die Charaktere

Tarantino hat sogar, wie zu lesen war, fünf Folgen der Serie „Bounty Law“ geschrieben, in der Dalton in den fünfziger Jahren zum Star wurde, bevor er glaubte, er könne es auch auf der großen Leinwand schaffen. Vermutlich wird man, unter der Regie von Tarantino, eine Staffel von „Bounty Law“ demnächst als Vintage-Westernserie auf einem der großen Streamingportale sehen.

Charles Manson wurde 1969 vor Gericht gebracht.
Charles Manson wurde 1969 vor Gericht gebracht. Bild: AP

Die Überarbeitungen und Umbauten haben aber auch einige Überraschungen produziert, die nicht wirklich gut funktionieren. Tarantino hat vor allem die Rolle von Charles Manson und dessen Family deutlich reduziert.

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Manson wird im Roman weniger als Psychopath denn als mäßig begabter Musiker geschildert, der sich für ein verkanntes Genie hält und, wie es einmal heißt, „diesen ganzen Blödsinn“, den er seinen Anhängern predigt, für einen Plattenvertrag sofort aufgeben würde.

Zwar hat Pussycat (gespielt von Andie MacDowells Tochter Margaret Qualley) noch ihre Rolle als Anhalterin, die von Cliff zur Spahn Movie Ranch mitgenommen wird, wo die Family haust.

Doch die großartige Szene, in der die Family im Film wie die Zombies aus George Romeros „Night of the Living Dead“ Cliff umringt, bis er mit einem Wagenheber den Spuk auflöst - die hat Tarantino ersatzlos gestrichen.

Massive Eingriffe, ersatzlose Streichungen

Der heftigste Eingriff jedoch ist der neue Schluss. Das blutige Finale des Films mit Flammenwerfer, Pitbull und viel Blut wird nach etwas mehr als hundert Seiten in einer Vorblende auf Ricks künftige Karriere völlig beiläufig in einem Absatz abgehandelt.

Sein Einsatz habe ihn zu einem „Volkshelden von Nixons ‚schweigender Mehrheit‘“ gemacht und seiner kriselnden Karriere genützt. Dass es sich bei den Eindringlingen in das Haus am Cielo Drive, das neben dem von Sharon Tate und Roman Polanski liegt, um Mitglieder der Manson Family handelt, wird gar nicht erwähnt. Da sind nur noch „drei Hippies“ - und dreihundert Seiten später ein mildes Ende.

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Warum Tarantino sich dazu entschlossen hat, darüber muss man nicht spekulieren. Man wird deswegen nicht behaupten, er sei friedfertig und sanft geworden. Es scheint so, als habe sich die ganze Gewalttätigkeit in der Figur von Cliff konzentriert.

Die dunklen Seiten der ausgehenden Sixties, die Erschütterungen, wie sie die Schriftstellerin Joan Didion und andere nach den Tate-Morden spürten, hat Tarantino noch stärker als im Film verdrängt. Immerhin liest man, Dalton sei ein „Eisenhower-Schauspieler in einem Dennis-Hopper-Hollywood“, aber weder „Easy Rider“ noch die Musik etwa der Doors passen zu jenem beinahe idyllischen Bild mit poppigen Farben, Bubblegum-Musik und der guten alten Cowboyserienzeit.

In der Ruhmeshalle der Trinker

Tarantino hält fest an diesem Bild, weil es für ihn eine Zeit der Unschuld spiegelt, ein Stück der eigenen Kindheit ist. Von dem, was außerhalb dieses Kosmos liegt, will auch der Roman nichts wissen.

Er schickt Rick und Cliff lieber in eine „Drinker’s Hall of Fame“, die so liebevoll ausgestattet wirkt wie das „Jack Rabbit Slim’s“ in „Pulp Fiction“, und lässt Rick die alten Geschichten erzählen, die Cliff längst auswendig kennt.

Das alles heißt nun nicht, es sei kein Vergnügen, dieses Buch zu lesen, in dem auch reichlich Vorlieben, Abneigungen und Idiosynkrasien gegenüber allen möglichen Filmen und Regisseuren geäußert werden; zwar geschickt verteilt auf mehrere Charaktere - wobei Cliff als Kurosawa-Fan und als Kenner des europäischen Kinos jener Jahre überrascht -, aber natürlich entsprechen sie ausnahmslos Tarantinos Geschmack.

Diese Exkurse sind originell, klug, überraschend und mäandern oft über Seiten, bis man gar nicht mehr weiß, wer hier eigentlich spricht.

Nur leider bleibt all das hinter dem zurück, was man auf der Leinwand gesehen hat. Der Versuch, ein gering geschätztes Subgenre wie die „Novelization“ zu rehabilitieren, ist ehrenwert - und nicht sehr aussichtsreich. Man möchte nach der Lektüre vor allem eines: einen Tarantino-Film sehen.

Quentin Tarantino: „Es war einmal in Hollywood“. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner und Thomas Melle. Kiepenheuer & Witsch, 416 Seiten, 25 Euro

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Körte, Peter (pek)
Peter Körte
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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