Reihe „Mein Fenster zur Welt“

Auf dem Rad nach Nirgendwo

Von Richard Ford, East Boothbay, Maine
Aktualisiert am 28.03.2020
 - 16:21
Aussicht in eine ungewisse Zukunft: Blick aus dem Arbeitszimmer von Richard Ford
In meiner Heimat Amerika spitzt sich die Lage zu. Der Egoismus des Präsidenten wirkt ansteckend. Bleiben wir ruhig und nehmen wir unserem Nachbarn nicht das letzte Handdesinfektionsmittel weg! Ein Gastbeitrag.

Ich lebe am Meer, und zwar wortwörtlich: Ich lebe direkt am Wasser. Ich kann von meinem Schreibzimmer einen Stein hineinwerfen – und tue es oft. Ich kann von meinem Strand aus nackt schwimmen gehen, und keiner sieht mich. Ich könnte mitten im Winter auf den fernen Horizont zu schwimmen – der endgültige Griff nach der Einsamkeit -, und keiner würde es so schnell merken. Ich lebe an dem glücklichen Ort, der all meine irdischen Bedürfnisse erfüllt, und dazu gehört vermutlich auch mein Übergang ins nächste Leben.

In unserer Zeit der Seuche – nein, das klingt zu dramatisch: In unserer Zeit der erzwungenen Isolation kommt man sich an der Küste von Maine, wo ich lebe (Boston liegt drei Stunden südlich), relativ wenig betroffen vor. Die Geschäfte sind zu, die Restaurants, die Schulen, der YMCA. Aber „Quarantäne“, im übertragenen Sinne, beschreibt sowieso, wie wir in Maine miteinander auskommen. Wir sitzen hier ganz oben, wo es Richtung Kanada geht, sonst nirgendwohin. Alles andere liegt weiter unten. Soziale Distanz ist unsere Vorstellung von einer Gemeinschaft, die zusammenhält. Darüber hat unser Lieblingsdichter Robert Frost geschrieben: „Gute Zäune machen gute Nachbarn.“ Marx hat gesagt, Geld sei „das allgemeine Scheidungsmittel“. Und da das Geld den Amerikanern mehr bedeutet als Gott, könnte man sagen, wir haben ein ganzes Land aus „Scheidungen“, aus Distanzierungen, aus Formen der Separation geschaffen. 50 separate, rivalisierende kleine Herzogtümer, die wir Staaten nennen und von denen jedes eifersüchtig über seine Vorrechte und Eigenheiten wacht.

Unsere Wirtschaftskraft beruht historisch darauf, dass wir aus der Separation der Rassen, aus Sklaverei Profit schlugen. Ein Geschlecht – nicht meins – wurde komplett von der Gleichberechtigung ausgeschlossen. Und so weiter und so fort, bis hin zu unserer derzeitigen Fremdenfeindlichkeit im Zusammenhang mit Handelsfragen und ... mit einer ansteckenden Krankheit. Wir Amerikaner haben Separation drauf. Wir ernähren uns davon. Wir nennen sie Einzigartigkeit. „Ich kümmere mich um mich. Kümmer du dich um dich.“ Manche Leute sind der Meinung, das würde Amerika wieder groß machen. Auch hier kann ich nur sagen: nicht meins.

Hier in Maine gehören meine Frau und ich mit 74 und 76 ziemlich genau zur Risikogruppe (aber wir sind, soweit wir wissen, ohne Vorerkrankungen). Kristina hat irgendwelche desinfizierenden „Wischtücher“ gekauft, und ich habe den Innenraum von meinem SUV ziemlich gründlich durchgeputzt (noch letztes Wochenende hatte ich den Parkdienst von einem guten Fischrestaurant in Anspruch genommen, deshalb dachte ich, das Lenkrad könnte suspekt sein). Ich habe meine Hanteln im Fitnessstudio abgewischt, bevor das dichtmachte. Wir haben beherzigt, dass echte Seife dem wenigen uns verbliebenen Handdesinfektionsmittel vorzuziehen ist (ein Freund hat mir ein Rezept geschickt, wie man selber welches machen kann, mit ... was weiß ich ... Aloe vera und Alkohol aus kleinen Sprühflaschen, die es jetzt nicht mehr gibt). Wir sind bei allem dabei, was jetzt angesagt ist. Aber da wir die meiste Zeit zu Hause sind, hier am Meer, spüren wir – bis auf den Lebensmittelladen und den Weinhandel – keine großen Veränderungen.

Und doch. Als ich mich letztes Wochenende auf den Markt traute (mit weißen Plastikhandschuhen, um mit unerwarteten, potentiell verseuchten Oberflächen und Korbgriffen klarzukommen), traf ich zufällig auf meinen Freund, den stämmigen Stellvertreter des Sheriffs, der im YMCA immer auf dem Fitnessrad neben mir sitzt (ich nenne es das Rad nach Nirgendwo). „Plastikhandschuhe bist du wahrscheinlich von der Polizeiarbeit gewöhnt“, sagte ich. „Nee“, sagte er, griff mit einer großen bloßen Pranke in die Plastik-Käsebox und schenkte mir sein bekümmertes Cop-Lächeln. „Nur wenn ich Körperteile anfassen muss, weißt du. Scheiß drauf, sag ich. Das Leben ist zu kurz.“ „Aha. Wenn du meinst“, sagte ich und kam mir mit meinen Handschuhen, die an Leichenhände erinnerten, etwas albern vor. Später ging mir auf, dass er genauso gut hätte sagen können „Das Leben ist zu lang“, es lief auf dasselbe hinaus. Schon seit einiger Zeit glaube ich, unser Land ist praktisch unregierbar geworden. Und nicht erst seit Trump, zu dessen vielen Pflichtverletzungen es gehört, die meisten von uns, die nicht irre sind, zu der immer festeren Überzeugung zu bringen, dass das Land zumindest von den falschen Leuten regiert wird und anarchischen Zuständen immer näher kommt – das wäre wohl die äußerste „Scheidung“. Ich sehe das seit Jahrzehnten so und bin damit bestimmt nicht allein. Unsere Gründerväter wussten, dass unsere Demokratie immer im Fluss sein würde, eine gewisse, heikle Dynamik war also gewollt. E pluribus unum usw. Wahrscheinlich konnte man Amerikanern noch nie sagen, was sie tun sollen, und dann erwarten, dass sie es auch taten.

Wir oder die Natur

Doch die Menschen scheinen allgemein nicht mehr viel gesunden Verstand zu haben. Wir halten es für unser verfassungsmäßiges Recht, nach Belieben alles Mögliche zu vermasseln und das in Ordnung zu finden – als wäre jeder von uns sein eigener kleiner separater Staat. Wir mögen keine Regierung (ich persönlich habe nichts dagegen). Aber jeder will natürlich, dass die Regierung Sachen in Ordnung bringt, die wir durcheinandergebracht haben. Wir oder die Natur – wie durch diese Krankheit, die über uns hinwegfegt und unsere Mitbürger umbringt: Menschen, die vielleicht noch eine Überlebenschance gehabt hätten, wären da nicht diese Lumpen gewesen, ein paar junge Leute, die unbedingt einen Aufkäuferring für Purell (die Herstellerfirma für Desinfektionsmittel) bilden mussten. Bestimmt kam ihnen das wie eine echt großartige amerikanische Geschäftsidee vor, bis jemand ihre Namen in die New York Times stellte.

Sonnenlicht kann ein starkes Desinfektionsmittel sein. Aber haben wir genug Sonnenlicht dafür? Können wir das rausfinden? Wie viele von uns würden, wenn sie die Chance bekämen, das letzte Fläschchen Desinfektionsmittel zu ergattern, von denen wir schon ein Dutzend haben, an den armen Mitmenschen denken, der als nächster kommt? Würde ich an ihn denken? Ich möchte gern annehmen, dass ich das täte. Darüber zu schreiben heißt natürlich noch nicht, unsere Notlage, die schnell zu einer Katastrophe wird, ernst zu nehmen. Ernst genug zu nehmen. Jetzt müsste unter uns mit all unseren fadenscheinigen Absichten irgendetwas zirkulieren (wie zum Beispiel Qi, die kosmische Lebensenergie). Seien wir einfach nur gute Bürger und Mitbürger: wir alle, von Billings bis Boca Raton, sitzen zusammen in dieser Patsche, mit der es vielleicht aufwärts gehen wird, vielleicht abwärts. Nehmen wir nicht das letzte Handdesinfektionsmittel, bringen wir nicht die Gesundheit der anderen in Gefahr, weil wir unbedingt vor lauter Hüttenkoller noch schnell schick essen gehen müssen. Darauf zu hoffen halte ich nicht für Naivität meinerseits. Nur für gesunden Menschenverstand.

Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert

Von Richard Ford, Jahrgang 1944, erschien zuletzt „Zwischen ihnen“.

Quelle: F.A.Z.
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