Neues Hegel-Buch

Dummheit ist vielleicht doch besiegbar

Von Jürgen Kaube
19.09.2021
, 08:45
Georg Wilhelm Friedrich Hegel
Abenteuer des Wissens: Der amerikanische Philosoph Robert B. Brandom hat vierzig Jahre lang an seinem Buch über Hegels „Phänomenologie des Geistes“ gesessen.

Für wen ist dieser Wälzer geschrieben? Im Deutschen umfasst er mehr als eintausend Seiten, die sich mit Teilen eines Buches befassen, das seinerseits etwa fünfhundert Seiten hat, Hegels „Phänomenologie des Geistes“. Er ist also für Leser geschrieben, die viel Zeit und Geduld mitbringen. Der amerikanische Philosoph Robert B. Brandom soll vierzig Jahre lang an dem Buch gesessen haben.

Zu solchen Längen kommt es nicht durch Weitschweifigkeit. Hegels Werk gehört zu den sprachlich wie gedanklich schwierigsten der Denkgeschichte. Es handelt von der Möglichkeit zu prüfen, was erforderlich ist, um zu wirklichem Wissen zu kommen.

Dazu betrachtet es eine Vielzahl historisch behaupteter Wissensansprüche. Wissen beruht, so wird beispielsweise gesagt, auf sinnlicher Gewissheit oder auf der Analyse von Kräften, dem Aufstellen von Gesetzen, auf Naturbeobachtung, Bildung oder Aufklärung. Was Brandom an Hegel fasziniert, ist dabei dessen These, letztlich habe Erkenntnis soziale Voraussetzungen in einer Welt, die sich normativ und zunehmend auf Lernen durch Irrtümer einlässt.

Lernen durch Irrtümer

Wer den Sternhimmel begreifen will, braucht in diesem Sinne nicht nur ein Aufzeichnungssystem, vielleicht eine Maschine, er braucht vor allem einen Begriff von „Stern“, und den kann er sich nicht allein machen. Begriffe sind nichts Psychologisches.

Das alles ist bei Hegel in einer zumutungsreichen Sprache festgehalten. Manche Studenten werden philosophische Seminare erinnern, in denen die Lektüre Satz für Satz nach einem Semester nicht einmal die Einleitung des Buches hinter sich gebracht hat.

Der Philosoph Robert B. Brandom
Der Philosoph Robert B. Brandom Bild: Universiteit van Amsterdam

Übersichtliche Zugriffe auf die „Abenteuergeschichte“ (Brandom) des erkennenden Selbstbewusstseins, die in der „Phänomenologie“ erzählt wird – etwa der schöne Überblick von Jean Hyppolite (1946) – , galten vielen als zu knapp. Einen abschnittsweise vorgehenden Kommentar aus einer Hand hat bislang nur der Leipziger Philosoph Pirmin Stekeler vorgelegt; er ist 2014 erschienen und umfasst, Hegels Text einschließend, mehr als zweitausend erhellende Seiten.

Man könnte die Eingangsfrage so beantworten: Brandom hat mit „Im Geiste des Vertrauens“ ein Buch für Philosophen geschrieben, die glauben, ohne Hegel auskommen zu können, und seine Schwerverständlichkeit dafür als Ausrede benutzen.

Der Sinn des Ganzen

Er übersetzt Hegel geradezu in die Sprache der analytischen Philosophie, bezieht Hegels Fragen, wo es nur geht, auf diejenigen Gottlob Freges, Ludwig Wittgensteins und Wilfrid ­Sellars’ und lässt alles weg oder streift nur, was sich nicht auf sprachphilosophische Probleme bringen lässt.

Und er hat ein Nachschlagewerk für Studenten geschrieben, denen vor lauter Verständnisschwierigkeiten mit einzelnen Textpassagen Hegels der Sinn des Ganzen abhandenkommen kann.

So führt er in Grundbegriffe Hegels ein, wie etwa in die „bestimmte Negation“, die in jedem Begriff vollzogen werde. Etwas begreifen heißt, es von anderen bestimmten Sachverhalten unterscheiden zu können. Dreieckiges unterscheidet sich unbestimmt von Nichtdreieckigem, bestimmt von Kreisförmigem.

Wichtig ist diese bestimmte Negation, weil sie für Brandom den Modus der Erfahrung bildet: Wir dachten, etwas sei ein Ding, erfahren aber durch die Frage nach dem Zusammenhang seiner Eigenschaften, dass es ein Kräftespiel ist oder ein Symbol.

Erkennen heißt produktiv negieren

Erkennen heißt so geradezu, produktiv und also bestimmt negieren können, was man soeben noch dachte. Erkennen ist darum auch kein Werkzeug, um an die Dinge heranzukommen, und die Erkenntnis ähnelt auch nicht dem, was sie erkennt. Die Formel für einen Kreis ist nicht kreisförmig. Vielmehr präpariert sie Merkmale am Erkannten vor einem geistig-praktischen Hintergrund heraus, beispielsweise dem der Algebra.

Dabei traut Hegel der Philosophie zu, die Einheit solcher politischen, wissenschaftlichen, ästhetischen und juristischen Hintergründe zu ermitteln. Er nennt sie Geist.

Brandom interessiert sich in alledem besonders für Hegels Versuche, die strikte Unterscheidung zwischen Erkenntnis und normativem Handeln aufzuheben. Für ihn ist Hegel eine Art komplexer Wittgenstein. Wir denken, unsere analytischen Vokabulare seien normativ steril, und die Beschreibung der Wirklichkeit lasse sich von unseren Absichten trennen, sie zu verändern.

Doch Akkuratesse der Beschreibung ist selbst eine Norm, unter die wir uns stellen, wenn wir Tatsachen, also Sachen und Taten zu erfassen versuchen. Die Suche nach Wahrheit bleibt stets eingebettet in eine sozial vermittelte Verpflichtung, lernfähig und negationsbereit zu bleiben. Umgekehrt haben nicht nur Sachaussagen normative Voraussetzungen, sondern sind Normen ihrerseits Tatsachen und mithin Gegenstand von strittiger Erkenntnis.

Bereitschaft zur Verzeihung

Die Geschichte des Wissens, die Brandom mit Hegel nacherzählt, ist darum auch eine Geschichte der Konflikte um Begehren, Autorität, Schuld, Moralität, Niedertracht. Und wie das zutreffende Erkennen der Welt, so ist auch die Möglichkeit zu freiem Handeln keine Natureigenschaft von Individuen.

Brandom ist Philosoph. Alles findet bei ihm im großen Reich der Gründe und Begründungen statt. Weil aber immer wieder falsche Gründe angegeben werden, irrtümliche Wahrheitsbehauptungen und niederträchtige Handlungen stattfinden, bedarf dieses Reich, soll es nicht zerfallen, normativ zweier Einstellungen: der Fähigkeit zum Eingestehen des Falschen wie der Bereitschaft zur Verzeihung.

Hier kommt das Vertrauen im Titel des Buches ins Spiel. Ohne das Vertrauen darauf, dass Irrtümer, sofern sie gestanden werden, auch verziehen werden, könne keine vernünftige Welt entstehen. „Man muss“, schreibt Brandom, „eine Tradition derart rational rekonstruieren, dass sie sich als expressiv-fortschrittlich herausstellt“, die Geschichte spricht mit anderen Worten nur zu uns, wenn sie verzeihend auf das hin erinnert wird, was sich in ihr als wahr oder bejahbar zeigt. Nicht alles war vergeblich, lautet das Motto einer solchen Bemühung.

Über die Skepsis hinaus

Für Brandom enthält die „Phänomenologie des Geistes“ den einzigartigen Versuch, über eine skeptische und verzweifelte Einstellung zur Wirklichkeit hinauszukommen. Aber nicht durch Gutgläubigkeit oder Ideologien, sondern durch bestimmte Negation undurchdachter Behauptungen.

Dabei war Hegel zugleich ein entschiedener Gegner der Alternative, entweder die letztliche Unerkennbarkeit der Welt zu behaupten oder alle Unterschiede, die in ihr auffindbar sind, in einem fernen Gott konvergieren zu lassen. Dualismen waren ihm bestenfalls Zwischenstationen, zumeist aber Dummheiten.

Robert B. Brandom hat ein Buch in Hegels zuversichtlichem Sinne geschrieben, die Menschheit könne über Dummheiten hinauskommen, weil sie schon viele hinter sich gebracht hat, und sie könne ihre Verpflichtung einsehen, die beste aller möglichen Welten zu verwirklichen. Wie konkret es dann aussähe, wenn alle sich einander darin verpflichteten wie die Musketiere bei Alexandre Dumas, bleibt offen.

Brandom genügt es, die Norm zu erläutern. Nicht nur an dieser Stelle wäre es aber waghalsig, über sein Buch nach erster Lektüre zu urteilen. Dafür ist es zu reich an Gedanken und, offen gestanden, auch zu schwierig.

Robert B. Brandom: „Im Geiste des Vertrauens. Lektüre der ,Phänomenologie des Geistes’“. Aus dem Englischen von Sebastian Koth und Shoichet. Suhrkamp, 1196 Seiten, 56 Euro.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
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