Miklós Szentkuthy

Einer, der Gott und die Menschen liebte

Von Ron Mieczkowski
19.09.2021
, 20:24
Miklós Szentkuthy (1908 bis 1988)
Unser Gastautor Ron Mieczkowski besucht die ehemalige Bibliothek eines literarisch Getriebenen: Auf Pilgerreise in die unerschlossene Welt des bedeutenden ungarischen Schriftstellers Miklós Szentkuthy.
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Anders kann diese Reise nicht beginnen: Der Speisewagen im Zug von Berlin nach Budapest ist geschlossen, allein Flaschenbier verkauft der Wirt – vor allem an eine Herrengesellschaft, die in Dresden wieder aussteigen wird. Mit der Aussicht auf mindestens zwölfstündiges Fasten kommt die richtige Gestimmtheit: Womöglich bin ich tatsächlich auf einer Art Wallfahrt, vielleicht pilgere ich, die Bibliothek von Miklós Szentkuthy (1908 bis 1988) zu sehen, dem wohl sonderbarsten ungarischen Literaten des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein Werk wird erst langsam im deutschen Sprachraum entdeckt; für die erste Komplettübersetzung eines seiner Dutzende Bücher, „Apropos Casanova“, den ersten Band des „Breviers des heiligen Orpheus“, wurde Timea Tankó mit dem diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

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Nüchtern werde ich also eintreffen am Ziel meiner „peregrinatio“. Bevor das Mobilfunknetz versagt, noch ein letzter Blick auf den liturgischen Kalender online: Es ist der Gedenktag des heiligen Jean-Marie Vianney, des großen Beichtvaters der katholischen Kirche. Ich dagegen reise im Zustand der Herzensschwere; das hätte Szentkuthy, dem frommen Blasphemiker, dessen tiefe Religiosität ihn nicht daran hinderte, zwar nicht mit dem Allerheiligsten, aber mit allem bloß Heiligen Schabernack zu treiben, gut gefallen. Und auch wenn man es sonst nicht täte, muss man all das jetzt glauben: dass es Sünde und Sakrament gibt, Segen und Verdammnis und dass all das einem jederzeit und immerfort begegnet. Später zwar, nach der ersten Grenzüberfahrt, wird der Speisewagen öffnen, ich werde nicht hungern müssen und auch lernen, dass die Terminlage in den Heiligenkalendern zwischen Szentkuthy und mir durch die Liturgiereform durcheinandergekommen ist. Aber die Übung in magischem Denken ist schon gemacht; sie wird nützlich sein.

Lesen mit offenem Mund

Zu Szentkuthy begibt man sich, auch das kann kaum anders sein, nicht in die Ebene von Pest, sondern in die Hügel von Buda. Von dort steigt man in einen regelrechten Bücherkosmos auf, zu dem Mária Tompa mir Zugang verschafft, als Nachlassverwalterin von Szentkuthys Werk und Hüterin des Gedächtnisses von ihm und an ihn. Sie führt mich in (so man den Flur mitzählt) vier übersichtliche Zimmer, die Szentkuthy den größten Teil seines Lebens bewohnte und die erst die Menge der Bücher in allen Räumen – auf der Terrasse, in Raumtrennern, hinter Glastüren und auf Stapeln – zu einer bürgerlichen Wohnung macht; mein Besuch hier wird ebenso lange dauern wie die Zugfahrt.

Wer Szentkuthy liest, tut das nicht selten mit offenem Mund; in den Rezensionen zu „Apropos Casanova“ (F.A.Z. vom 18. Mai) ist ehrliches Staunen zu lesen, eine Ratlosigkeit, wie diese Literatur einzuordnen wäre. Wie für den Großteil der nicht nur professionellen Leserschaft ist meine Beschäftigung mit ihm eine in jeder Hinsicht vermittelte. Vor dem Ungarischen stehe ich, ein banales Geständnis, völlig ratlos. Mir bleibt nur der Griff zu schon vorhandenen Übersetzungen: ins Französische vor allem, in das bisher am meisten übertragen worden ist, ins Englische, dank des Engagements von Rainer J. Hanshe in seiner „Contra Mundum Press“, dazu Teilübersetzungen ins Polnische, verstreut erschienen in verschiedenen Literaturzeitschriften.

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Er sprengt sämtliche Sprachgrenzen

So springt auch das Gespräch mit Mária Tompa über die Sprachgrenzen: französisch, englisch, deutsch – für die Übersetzung besonders wichtiger Zusammenhänge ruft Tompa telefonisch eine Freundin herbei, die zwei Stunden lang aus dem Ungarischen dolmetschen wird. Tompas Kenntnis ist enorm. Wo die kleine, aber den Erdkreis umspannende Gemeinschaft der von Szentkuthy Faszinierten in weitgehend sprachloser Begeisterung vor seinem flamboyanten Spiel mit Metaphern, dem synkretistischen Zusammenführen von Epochen, Weltanschauungen und Ideen steht, trägt Tompa, die in diesem Sommer 85 Jahre alt wird, Scherflein um Scherflein bei zum Verständnis seines Werks: in Vor- und Nachworten zu Neuausgaben, in Artikeln, eigenen Büchern und nicht zuletzt im Austausch, in Gesprächen wie unserem. Sie kann dabei aus einer Erfahrung der Nähe schöpfen. Als sie nach knapp dreizehn Jahren in Frankreich, wo sie studierte und später für den französischen Rundfunk arbeitete, 1977 nach Ungarn zurückkehrte, wurde sie zu Szentkuthys Assistentin, dessen Bücher (darunter die Wiederauflage seines Erstlingswerks „Prae“ von 1934) sie für den Druck vorbereitete.

1986 luden Szentkuthy und seine Frau Dóra sie ein, zu ihnen in ihre Bibliothekswohnung zu ziehen. Noch heute wohnt und arbeitet Tompa darin: Im Durchgangszimmer, in respektvoller Distanz zum Arbeitsraum Szentkuthys, aber doch schon inmitten des lebenden Archivs, steht ihr überladener Schreibtisch. Darauf liegt bei meiner Ankunft der Ausdruck einer Auftragsübersetzung aus dem Französischen, abgeschlossen in der Nacht zuvor.

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Mein Besuch wird zur Umkehrung der typischen Struktur der Bände von Szentkuthys „Brevier des heiligen Orpheus“, einer zehnbändigen Gemütserforschung des Menschen im Spiegel seiner Geschichte über die Jahrhunderte. Für mich kommt vor der „Vita“ Szentkuthys, der Schaffensumgebung des Bücherfressers von Budapest, zunächst die „Lectio“, die Lektüre: zunächst der Systematik dieser durch alle Räume führenden Bibliothek. Mythologie, Kunstgeschichte des Altertums und der Neuzeit, Theologie, Kulturgeschichte, Medizin, Humanwissenschaften, theoretische Physik, erotische Literatur, Bildbände zu Mode und dem, was wir heute „Lifestyle“ nennen, Schallplatten mit Opern- und Konzertaufnahmen – durch zweieinhalb Jahrtausende und vier Kontinente, die meisten Wissensgebiete und die Literatur aus mindestens sieben Sprachen reichen die Regale.

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Dann die Buchrücken: natürlich James Joyce, den Szentkuthy ins Ungarische übersetzt hat, Bildbände der Alten Meister, eine „Pictorial History of Striptease“, ein schmales Bändchen mit Reproduktionen aus dem „Book of Kells“, an dem Szentkuthy die pagan-christliche Melange interessierte, originalsprachige Werkausgaben deutscher Klassiker, Folianten zu „Vanished Civilizations“ oder dem „Age of Expansions“, zu altägyptischer Malerei und der „Peinture Japonaise“.

Manische Auseinandersetzung mit Gedrucktem

Literaturwissenschaftler, die in Szentkuthys Großwerken die Umsetzung von Erkenntnissen der Naturwissenschaften zu erkennen glauben, fänden hier die Bestätigung ihrer Theorie. Sein Interesse erstreckte sich auf Felder wie „Réel et déterminisme dans la physique quan­tique“, 1935 zusammen mit einer ganzen Reihe anderer Abhandlungen zu theoretischer Physik in einer Genfer Buchhandlung erworben. Nur das Lehrbuch zur Genetik, das ein ehemaliger Schüler des Gymnasiallehrers Szentkuthy verfasst hatte, schwor er, so erinnert sich Tompa, niemals anzurühren.

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Mária Tompa schlägt sodann einige Bände auf – und der Streifzug durch die Bibliothek wird zur Séance: Als würde Szentkuthy, zu dessen Grundrepertoire die prosopopöische Erweckung historischer Figuren gehörte und der seine Biographien von Mozart, Dürer, Händel, Goethe und Haydn „Autoporträts in Masken“ nannte, durch seine Assistentin sprechen, zeigt sie auf dieses oder jenes in den Büchern festgehaltene Datum und weiß davon zu berichten, welches Lebensereignis damit verbunden ist (wobei es sich um biographische Mikrokenntnisse wie den Besuch eines Verwandten oder die Reise eines Freundes handelt). Anhand dieser mehr als zehntausend Bände – von denen nur die wenigsten ohne massive Anstreichungen sind, viele dagegen eher mit so ausführlichen Marginalien versehen sind, dass sie kaum mehr Platz auf den Randspalten finden – lässt sich verstehen, woher der Zauber von Szentkuthys Prosakaskaden stammt.

Das Entlegenste verbinden

Diese Bibliothek ist beseelt, Zeugnis einer lebendigen Auseinandersetzung mit dem Gedruckten und mehr als das: Das Tagebuch Szentkuthys, von dessen mehr als hunderttausend Seiten oft raunend zu lesen ist, findet sich hier fortgeschrieben; die Notizen in den Bänden vermelden jubilierend den Verkauf von zehn Exemplaren seines „Prae“ (am 28. März 1964), verweisen auf Passagen in den Tagebüchern oder ganz unmittelbar auf ein Fortleben in seinen eigenen Werken. Szentkuthys Marginalien machen die Bibliothek zu einem komplexen Bezugssystem.

Bei der Sichtung des Folianten „Pittura lombarda del quattrocento“ nähere ich mich dem Verständnis dessen, was Szentkuthys Schreiben ausmacht. Über der Abbildung eines Gemäldes der Verkündigung aus dem Quattrocento hat er mit seiner gut lesbaren Handschrift festgehalten, als legte er die Worte dem Engel Gabriel in den Mund: „Es lebe der vollständige Mangel historischer Treue!“ (Mária Tompa übersetzt auf Französisch). Später dann – wir sind nunmehr bei den „Origini della pittura veneziana“ – erhält man eine Ahnung vom schöpferischen Vorgehen Szentkuthys. So wie Aby Warburg in seinem Bilderatlas fernste Epochen in ikonographische Relation gebracht hat, verbindet Szentkuthy das Allerentlegenste miteinander.

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Es ist die Warburg’sche „Bilderwanderung“ im Sprachlichen, eine quasianthroposophische Methode, in der sich alles immerfort aufeinander und vor allem auf den Menschen bezieht. In der „association lon­taine“, wie sie Mária Tompa nennt, wird eine Jagdszene von Giovannino de’ Grassi, in der eine Horde von Hunden ein Wildschwein erlegt, zur menschlichen Leidensgeschichte – Szentkuthy kommentierte am Rand: „Jesus, ist es das, was Du gewollt hast?“

Wirklich mystisch

In alledem muss man sich auch aufs Verklärende gefasst machen. Es braucht einen geradezu unvernünftigen Wunderglauben solcher Art, wie ich ihn auf der Zugfahrt erproben konnte, als Mária Tompa mir nach den ersten zwei Stunden des Archivalienstudiums eine vierbändige Ausgabe von Heiligenviten für das ganze Jahr vorlegt und mir verheißt, was sie mir nun zeige, sei „vraiment mystique“. In diesen Bänden, aus denen Szentkuthy täglich las oder bat, ihm vorzulesen, hat er neben das Datum und den Namen des Heiligen für den 18. Juli geschrieben: ANYÁM, „meine Mutter“, die an einem 18. Februar gestorben ist und für die er am 18. eines jeden Monats eine Messe lesen ließ. Auf die gegenüberliegende Seite notierte er ÉN, „ich“, als hätte er es vorausgewusst: Am 18. Juli 1988 sollte Szentkuthy in seiner Wohnung sterben.

Nach dem Tod von Szentkuthys Frau etwas mehr als ein Jahr später blieb allein Mária Tompa, von ihnen als Verwahrerin eines kaum zu überschauenden Werks eingesetzt. Als „Maria Montemedale“, eine Transformation ihres Geburts­namens Müntzberger, kann man ihr im Personal von Szentkuthys historischen Erfindungen begegnen. Mehr als ein Dutzend seiner Manuskripte hat sie aus seinem Nachlass zur Veröffentlichung gebracht. Jetzt zeigt sie mir, als eines der letzten Dokumente, eine Kopie der französischen Fassung des Librettos von Monteverdis „Orfeo“. Darin enthüllt sich das Künstlerselbstverständnis von einem, der diese Bezeichnung für sich abgelehnt hat. Neben dem Einsatz von Orpheus („Tu es morte, o ma vie, et moi je re­spire?“) steht von Szentkuthys Hand, wieder als eine der schon bekannten Marginalien: „OPUS MEUM = Euridike“.

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Begabung zur Liebe

Der Verdacht eines distinguierten Geniekults geht am „orpheischen“ Mi­klós aber fehl. In seinem „Narziss’ Spiegelbild“ (auch das eine der vielen Masken Szentkuthys), für mich lesbar in einer polnischen Teilübersetzung, ist das Eingeständnis seiner schriftstellerischen Schwäche zu entdecken: „Der große Schriftsteller ist jener, der sein Thema zu beherrschen versteht.“ Der im Kleid des Narziss sich Bespiegelnde kann demgegenüber nur sein poetologisches Bekenntnis sprechen, fern jeder „literarischen Konsequenz zu sein“, vor seinem Material zu kapitulieren. Szentkuthys flüchtige Metaphern, die einander jagenden Fantasiegebilde aus dem historischen Fundus müsste man ihm als modernen Zug auslegen, als Strom ungeformter erzählter Wirklichkeit – wenn er nicht energisch widerspräche: Die Konzepte von Moderne und Postmoderne lehnte er wie alle Epochenbezeichnungen ab. Für ihn gab es alles schon zu jeder Zeit, nichts sei wirklich neu. Und so hat er seine kühnen Analogieschlüsse auch nicht bei Joyce oder Proust, sondern bei Paracelsus abgeschaut. Das Spiegelbild des Narziss zeigt keinen Schriftsteller. Als alchemistischer Inquisitor und Beichtnehmer einer raumzeitlich entgrenzten Welt wollte er erinnert werden.

Gegen Ende meines Besuchs – die ausgelegten Bände werden wieder eingeräumt – darf ich meinen Mysterienglauben wieder ablegen. Als sie den Bildband über die venezianische Malerei wieder zuklappt, schreckt Mária Tompa auf. Ehrlich bestürzt zeigt sie auf eine Notiz neben Paolo Venezianos „Tod der Jungfrau Maria“: „Der Tod meiner Mutter ist mein Tod.“ Das sei ihr bisher noch nie aufgefallen. Nicht Dichterprophetie und Vorahnung des eigenen Todesdatums also, sondern ein tiefes, nie verwundenes Trauma steht vor dem Beginn der Spöttereien Szentkuthys.

Vielleicht resultiert daher auch seine Empfindsamkeit in persönlichen Beziehungen, seine unbedingte Begabung zur Liebe. In einer seiner Widmungen für Mária Tompa in den Titeleien seiner Bücher hat er ihre Tugenden ausformuliert. Es ist eine Liste von mehr als dreißig Begriffen, allesamt auf Latein, beginnend mit „amor, caritas, moralitas“ über „fides“ bis zu „pietas erga parentes“. Die Antwort auf die wohl unvermeidliche Frage, wie Mária Tompa ein Leben in der Hingabe an ein fremdes Leben und Werk gelingen konnte – hier ist sie wohl zu finden. Und so sind die Szentkuthy und seinen Sprachbildern Verfallenen an allen Orten und zu allen Zeiten vielleicht ebendas: eine Gemeinschaft von Liebenden.

Ron Mieczkowski ist Lektor bei der „Anderen Bibliothek“, in der Szentkuthys Buch „Apropos Casanova“ erschienen ist.

Quelle: F.A.Z.
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