Literatur und Wetter

Die Deutschen und der Schnee

Von Marcel Beyer
18.10.2021
, 07:12
Wo es monatelang schneit: Busfahren im winterlichen Nowosibirsk.
Kreuzfahrten an den Polarkreis und der Hype um Eisbär Knut: Hängt die Liebe der Deutschen zum reinen Weiß mit Reinlichkeitsfantasien zusammen? Der Autor hat in Sibirien nach Antworten darauf gesucht.
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Stunde um Stunde verfolge ich das Geschehen im Freigehege der beiden Polarwölfe Axel und Grayson im International Wolf Center in Ely, Minnesota. Die Live Cam zeigt mir eine Schneelandschaft, die Temperatur liegt weit unter null Grad, und wenn später am Vormittag die Sonne hervorkommt, habe ich gute Aussichten, die beiden Tiere zusammengerollt auf der kleinen Anhöhe liegen zu sehen, wie sie ihren Mittagsschlaf halten. Der scharfe Wind streicht durch Axels weißes Fell. Grayson zuckt mit dem Ohr.

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Stunde um Stunde – wenn auch nicht alle 88 Folgen zu je 120 Minuten – schaue ich die Slow-TV-Sendung „Reinflytting minutt for minutt“ des norwegischen Staatsfernsehens. Ich betrachte die Rentiere beim langen Zug zu ihren Frühlingsgründen. Auf dem Weg dorthin müssen sie eine Bucht durchschwimmen, doch entgegen dem Zeitplan, wie er von der Dokumentarfilm-Redaktion aufgestellt wurde, verzögert sich das Geschehen um mehrere Tage, weil die Rentiere entscheiden, aufgrund eines neuerlichen heftigen Schneesturms eine weitere Zwischenrast einzulegen. Schneidender Schneewind, Rauschen, und inmitten der konturlosen Landschaft hier und da eine Ansammlung hellbrauner Flecken – das sind die Rücken der Rentiere. Träge, geduldig, halb im Schlaf warten sie ab, dass es weitergeht.

Die weiße Welt hinter dem Bildschirm, die große Leere, bevölkert mit ein paar Tieren, die kaum zu erkennen sind: Nichts hätte mich mehr faszinieren können im zurückliegenden Pandemie-Frühjahr, als sich ein Tag eintönig an den anderen reihte und der Blick auf die kontinuierlich steigenden Inzidenzwerte von Mal zu Mal meine Hoffnung zunichte machte, der Lockdown könnte in absehbarer Zeit enden.

Ich bin ein Deutscher. Ich bin ein Herdentier, das sich nach Einsamkeit sehnt. Und in der Einsamkeit sehnt es sich nach der Herde.

Im Rest der Welt wird den Deutschen ein krankes Verhältnis zum Schnee nachgesagt. Vielleicht hängt das mit unseren nicht eben gesunden Reinlichkeitsfantasien zusammen. Wo auch immer es während des vergangenen Corona-Winters in einer ansonsten nicht weiter bemerkenswerten Mittelgebirgsgegend über Nacht geschneit hatte, mussten die ­malerischen Schneeflächen am folgenden Tag von Abertausenden ungeimpfter Wochenendausflügler zertrampelt werden. Mit Einbruch der Dunkelheit zogen sie sich fröhlich und erschöpft in ihre Behausungen zurück.

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Möglich, im kollektiven Unbewussten schlummern noch heute Filmerinnerungen an „Die weiße Hölle vom Piz Palü“. Möglich, man ist sich der Tatsache bewusst, an diesem herrlichen Sonnentag könnte man den allerletzten deutschen Schnee gesehen haben.

Schön unbefleckt

Die Deutschen kratzen aberwitzige Summen zusammen in der Hoffnung, bei einer Kreuzfahrt an den Polarkreis den womöglich letzten Eisbären auf einer Eisscholle zu Gesicht zu bekommen. Das schöne, unbefleckte, leuchtend-weiße Fell. Eine Welt ganz in Weiß.

Schon seit einer Weile wird die Öffentlichkeit sanft, aber mit nachhaltigem Druck darauf vorbereitet, von den inneren Schneebildern Abschied zu nehmen. Mit der Geburt des Eisbären Knut im Zoologischen Garten Berlin ergab sich Ende 2006 eine unverhoffte Möglichkeit, diesen Abschied ein wenig leichter zu machen. Von seinen frühen Lebenstagen an wurde der Eisbärennachwuchs medial umfassend begleitet, und die Präsenz einer solchen absurden Niedlichkeit mitten in der deutschen Hauptstadt zog nicht nur Landes- und Bundespolitiker an, die sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln darum bemühten, gemeinsam mit Knut fotografiert zu werden. Indem die Öffentlichkeit Tag für Tag verfolgte, wie sich der junge Eisbär entwickelte, gelang es, die Menschen an eine Zukunft heranzuführen, in der das Fell eines Eisbären nicht mehr strahlend weiß sein wird, eine Zukunft, in der Eisbär und Eislandschaft nicht mehr selbstverständlich zusammengehen.

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Man sah Aufnahmen, auf denen Knuts Fell eher bräunlich wirkte. Man sah Knut in einer typischen deutschen Matschlandschaft, mit ganz gewöhnlichen Schlammschlieren im Fell, wie sie jeder Berliner auch außerhalb des Zoologischen Gartens kennt. Man sah das junge, tollpatschig wirkende Eisbärenmännchen im Grünen. Ein Bild, das sowohl Klimawarner wie Leugner des Klimawandels noch wenige Jahre zuvor als surreal abgetan hätten.

Der putzige Knut mit seinen Dreckpfoten: Nun ist der Eisbär einer von uns. Vor dem Hintergrund solcher unmittelbar greifbaren Bilder wirken die Erwärmung der Weltmeere und das Abschmelzen der Polkappen doch sehr abstrakt.

Von Marcel Beyer, dem Hölderlin-Preisträger 2021, erschien zuletzt der Gedichtband „Dämonenraumdienst“ (Suhrkamp Verlag, 173 Seiten, 23 Euro).
Von Marcel Beyer, dem Hölderlin-Preisträger 2021, erschien zuletzt der Gedichtband „Dämonenraumdienst“ (Suhrkamp Verlag, 173 Seiten, 23 Euro). Bild: Michael Braunschädel

Als der Berliner Eisbär im März 2011 stirbt, errichtet man ihm ein Denkmal. Sein massiger, in Bronze gegossener Körper ruht auf einer Eisscholle. Die erste Eisscholle, mit der Knut je in Berührung gekommen ist. Gearbeitet wurde sie aus weißem Granit.

Vor einigen Jahren bin ich nach Sibirien gereist, um in der vormals geheimen sowjetischen Forschungsstadt Akademgorodok mit Studierenden über „Das kranke Verhältnis der Deutschen zum Schnee“ zu sprechen.

Es ist spät im November. Bei der Landung in Nowosibirsk schneit es. Gestern habe der Winter begonnen, erklärt man uns. Zehn Grad unter null. Winterbeginn, das bedeutet: Nun wird es schneien, monatelang. Das Hotel hat einen Schneefeger engagiert. Alle zwanzig Minuten geht er mit seinem Besen vor die Tür und versucht, der Schneewehen Herr zu werden. Der scharfe Wind fegt den Schnee in den Eingang zurück.

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Vom Hotelzimmerfenster schaut man auf eine sechsspurige Straße. Drei Schneeräumfahrzeuge fahren versetzt in der einen Richtung vorbei, dann in der anderen Richtung. Sie halten die Fahrbahnen passierbar, solange es schneien und der Schnee sich türmen wird. Abends stapfen wir durch hüfthohe Schneewälle am Straßenrand. Hier, in der Winterstadt, tragen die Hochhaus-Wohnanlagen für die Begüterten Namen wie „Florida“ oder „Malibu“.

Schiwago-Wetter in Akademgorodok

Am Morgen des Ausflugs nach Akademgorodok herrscht Doktor-Schiwago-Wetter. Sonne über der Landschaft, die Schneekristalle glitzern bis zum Birkenwald am Horizont. Das Seminargebäude ist gut geheizt. An der Garderobe Pelzmäntel und Allwetterjacken, am besten mit Daunen gefüllt.

Ich überbringe den russischen Studenten eine Botschaft aus dem Jahr 1923. Während seiner Exilzeit schrieb ihr Landsmann Viktor Schklowski in Berlin: „Winter gibt es hier keine. Der Schnee fällt und schmilzt abwechselnd.“

Ich erzähle von jener merkwürdigen Weltgegend, aus der ich angereist bin. Ich erzähle von Skihallen, deren Ambiente dem Rheinländer ein authentisches Schneeerlebnis vermitteln soll. Ich erzähle, dass man in meiner schneelosen Herkunftslandschaft das ganze Jahr über Schnee aus der Schneefabrik ordern kann, sofern die Wintersehnsucht von einem Besitz ergreift und man über genügend finanzielle Mittel verfügt, um den eigenen Garten in eine Schneelandschaft verwandeln zu lassen. Ich erzähle, dass in Deutschland während der Sommermonate am Ufer des Rheins oder der Elbe Loipen aus Kunstschnee angelegt werden, um internationale Skimeisterschaften auszutragen. In Bermudashorts stehen die Zuschauer am Rand und feuern die Wintersportler an.

Die Seminarteilnehmer gehen nicht näher auf meine Ausführungen ein. Sie sind nicht nur äußerst gebildet, es handelt sich bei ihnen auch um äußerst höfliche Menschen. Was der Gast ihnen erzählt, muss auf sie wirken, als spräche er im Delirium. Als habe ihn, aus einer schneelosen Gegend stammend, jener Schneewahn erfasst, von dem man in Berichten über frühe Polarexpeditionen lesen kann.

Quelle: F.A.S.
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