„Grimmwelt“ in Kassel

Ein Märchenwunderland zum Mitspielen

Von Tilman Spreckelsen
11.09.2015
, 16:43
Überraschend, erkenntnisstiftend, bisweilen sogar verstörend: Das neu gebaute Museum „Grimmwelt“ ist endlich der Gedächtnisort, den Kassel für seine berühmtesten Söhne brauchte.
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Die Stimme flüstert, lockt, wirbt: „He du, komm mal her, ich will dir was erzählen.“ Wer dem Wispern folgt, muss sich im Dämmerlicht zwischen senkrecht stehenden, kratzigen Zylindern hindurchkämpfen und landet irgendwann auf einem schmalen Holzsteg vor einem mannshohen Spiegel. Auch der spricht. „Frag mich was“, murmelt er, und plötzlich tauchen Gesichter im Glas auf, Menschen, die einander beiseitedrängen und immer wieder versichern, die Schönsten im Lande seien selbstverständlich sie.

Wer seine fünf Märchen nicht beisammenhat, ist hier verloren. Die anderen aber verstehen sofort, wohin sie da im kärglich ausgeleuchteten Untergeschoss der „Grimmwelt“ gelangt sind: Auf Dornröschens Hecke folgt der Zauberspiegel von Schneewittchens Stiefmutter, ein projizierter Frosch begrüßt den Besucher mit einem grazilen Winken der Pfote, wer sich in ein Miniaturhaus zwängt, sieht seinen Körper plötzlich in einen Film kopiert, im Dialog mit ein paar Zwergen; eine andere Hütte entpuppt sich als Hexenbehausung, aus der auch erwachsene Besucher rasch die Flucht ergreifen.

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Ins rechte Licht gerückt

Ein Märchenwunderland zum Mitspielen: nett, manchmal überraschend, erkenntnisstiftend und auch mal verstörend, es ist das, was man an einem Ort erwartet, der den weltweit bekannten Geschichtensammlern Jacob und Wilhelm Grimm gewidmet ist, und es ist diejenige Ebene ihres Schaffens, an die man eben anknüpfen kann, wenn man denen etwas bieten will, die sonst nichts von den Grimms wissen.

Doch wer in der Dauerausstellung der jüngst eröffneten „Grimmwelt“ bis hierhin gekommen ist, der hat noch ganz anderes gesehen. Das beginnt mit der Museumsarchitektur, mit einem Gebäude, das sich selbstbewusst, aber ohne aufzutrumpfen in die Kuppe des Kasseler Weinbergs fügt, in etwa dort, wo einst die Innenstadt ihr Ende hatte und vor den Toren der Weg zum malerischen Bergpark Wilhelmshöhe begann. Diese Achse, längst von beiden Seiten bebaut, gibt es noch heute, auch wenn die Altstadt 1943 in den Bomben des Zweiten Weltkriegs unterging und Kassel hernach eher schmucklos und autoverkehrsgerecht wieder aufgebaut wurde. Die Torwachen, immerhin, stehen nach wie vor am Ende jener Wilhelmshöher Allee. In einer von ihnen wohnten zeitweise auch die Brüder Grimm, die mit Unterbrechungen insgesamt von 1798 bis 1829 in Kassel lebten, hier den Grundstock ihrer Märchensammlung zusammentrugen und ihm vor allem ihre sprachliche Form gaben.

Unweit der Torwache steht ein lächerlich winziges Denkmal für die Brüder, das man leicht übersieht, und überhaupt machte die Stadt jahrzehntelang keine großen Anstrengungen, dieses gewaltige Erbe ins rechte Licht zu rücken. Das hat sich inzwischen geändert, und nicht zuletzt das Museum Grimmwelt legt davon Zeugnis ab: Erbaut in knapp zwei Jahren für dreißig Millionen Euro, tritt es mit einer Ausstellungsfläche von zunächst 1270 Quadratmetern an, die wichtigsten Aspekte in Leben und Werk der Brüder für Laien wie Fachleute darzustellen.

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Skizzen aus dem Familienalltag

Dabei tritt hier an die Seite der Philologen Jacob und Wilhelm mit dem Maler Ludwig Emil ein weiterer, oft kaum beachteter Bruder Grimm. Was man dabei verpasst, kann man in einem eigenen Raum der Ausstellung sehen, der an die den Märchen gewidmeten anschließt.

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Das Schaffen Ludwig Emil Grimms, dessen Lebenserinnerungen gerade in einem Prachtband der „Anderen Bibliothek“ neu ediert erschienen sind, wird hier nicht nur in zwei zauberhaften Ölgemälden repräsentiert, die ein traumverlorenes Kassel nach den Napoleonischen Kriegen zeigen, sondern auch in einer ganzen Reihe von beinahe karikaturhaften Skizzen aus dem Familienalltag und zweier Papierrollen – eine von ihnen ist ein 1850 entstandenes Reisetagebuch in 83 Szenen, das eine Fahrt nach Nürnberg schildert und etwa von der Ankunft in Frankfurt im „Englischen Hof“ erzählt, von einer Führung durch die Paulskirche, die Anton Brentano gibt, und von einer Fahrt durch den damals schon von Wilhelm Hauff romantisierten Spessart samt Gasthausbesuch.

Ludwig Emil Grimm lebte sein eigenes Leben; Jacob und Wilhelm teilten sich lange einen Haushalt und arbeiteten so eng miteinander, als gäbe es nur diese Arbeit und dann lange nichts. Ihre Zeitgenossen konnten das 1850 sogar auf der Theaterbühne sehen, als das satirische Stück „Einer muss heiraten“ nur wenig verhüllt die enge Gemeinschaft der Brüder darstellte. Hier in der „Grimmwelt“ wird es als Puppenspielfilm in Muppets-Ästhetik dargeboten. Demnach losten Jacob und Wilhelm Grimm nach der dringlichen Forderung ihrer Tante, die ihnen nicht länger den Haushalt führen wollte, wer von ihnen eine Frau heimführen müsse, und die Jacob-Puppe quittiert den Erhalt des entsprechenden Loses mit den Worten „Ich bin des Todes“. Am Ende ist es dann, im Stück wie im Leben, sein Bruder Wilhelm, der in den Ehestand tritt. Jacob blieb aber immer dabei.

Mischung aus Gehalt und Spiel

Ein anderer Teil der Ausstellung ist dem philologischen Schaffen der Grimms gewidmet, dem Riesenwerk des „Deutschen Wörterbuchs“ etwa, dessen Grundlage, die Belege einzelner Worte auf Hunderttausenden von Zetteln, durch eine kleine Auswahl anschaulich gemacht wird – 1119 authentische Nachweise der Brüder für das Wort „Zettel“.

Eine interaktive Karte von Europa und Westasien zeigt die Korrespondenz der Brüder an, unterteilt nach ihren Lebensphasen und -stationen, und eine Wand mit dicht an dicht gehängten Porträts macht die schiere Fülle ihrer 1400 Briefpartner deutlich. Was das Wörterbuch unter anderem bewahrt, zeigt eine Installation mit einem Trichter, der Schimpfwörter von sich gibt, die längst vergessen wären, hätte man sie nicht schriftlich fixiert. Das soll unter anderem den Sprachwandel demonstrieren, was aber nicht vollständig gelingt, schließlich tauscht das Gerät nicht Schimpfwort um Schimpfwort, sondern reagiert durchaus auch auf ein freundliches „Hallo“. Darauf kriegt man vielleicht ein „Eselskopf“ zurück, „Dummschnute“ oder „Kuhfuss“.

Eine Lamellengardine als Raumteiler, dicht an dicht bedruckt mit bibliographischen Nachweisen von Publikationen der Brüder, belegt einmal mehr ihren Fleiß, eine Reihe von 24 aus Papier gefertigten Dioramenszenen des Künstlers Alexej Tchernyl erzählt die Geschichte des „Deutschen Wörterbuchs“ mit und nach den Grimms. Es ist auch diese Mischung aus Spiel und Gehalt, die das Museum zu einer so gelungenen Sache macht. Wer will, kann sich jederzeit tiefer in diesen Kosmos begeben, dessen Erschließung sich auch der Zusammenarbeit der Ausstellungsmacher mit der Universität Kassel verdankt, und wer sich lieber assoziativ dem Leben und Werk der Märchensammler nähert, ist hier auch gut aufgehoben.

Wer aber wissen will, was dies alles mit Kassel zu tun hat, sollte das Innere des Gebäudes verlassen und auf die große Dachterasse steigen. Der Blick schweift weit über die Stadt, über das Weinbergspalier und die vielbefahrene B3, die Buxtehude mit der Schweiz verbindet und hier Kassel durchkreuzt, er geht meilenweit über die Baumwipfel der Karlsaue oder auf der anderen Seite bis zum monumentalen Herkules, dem Wahrzeichen der Stadt, auch er eingehüllt in dunklen Märchenwald.

Wie sehr die Brüder Anteil genommen haben an den Schönheiten der Stadt, ist bekannt, und auch, dass ein Großteil ihrer Märchenerzählerinnen dem Kasseler Bürgertum entstammen. Es würde lohnen, den Spuren nachzugehen, die all dies im Werk der Brüder hinterlassen hat. Die „Grimmwelt“ jedenfalls liefert jeden Anstoß dazu. Und sei es durch das Wispern einer Dornenhecke.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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