Sophie Passmanns neues Buch

Selbstdarstellung im geschlossenen Raum

Von Caroline O. Jebens
15.03.2021
, 16:04
Sophie Passmann
Die Entertainerin Sophie Passmann hat ein neues Buch geschrieben: In „Komplett Gänsehaut“ geht eine junge Frau die Wände ihrer eigenen privilegierten Existenz hoch. Ist es die Autorin selbst?
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Das, was Sophie Passmann macht, macht sie erfolgreich. Sie schreibt eine Kolumne, die beliebt ist, in den sozialen Medien kann sie sich einer beachtlichen Anhängerschaft rühmen, und wenn sie moderiert, erreicht sie ein großes Publikum. Ihr erstes Buch war ein Bestseller. Damals unterhielt sich die Mittzwanzigerin mit alten deutschen Männern. Passmann ist auch deutsch, aber zumindest nicht alt und nicht männlich und auch deshalb eine präsente Stimme in der deutschsprachigen Medienwelt.

Dennoch ist sie eifersüchtig, und zwar auf einen Mann. Nicht irgendeinen, auf den Mann, also Thomas. Der hat auch mit Mitte zwanzig sein erstes Buch publiziert, darauf ist sie also nicht eifersüchtig. Auch nicht darauf, dass er damit den Nobelpreis für Literatur gewann. Sondern dass er lange Bücher schreiben durfte, als es noch keinen Grund gegeben hätte, kurze zu schreiben: „Dieses Selbstbewusstsein, das man haben muss, um so was wie den ‚Zauberberg‘ zu schreiben, dieser unbändige Glaube daran, dass man selbst so geil drauf ist, dass man tausend Seiten über einen schlechteren Kurort schreiben kann und die Leute das lesen wollen.“ Das mache sie „rasend vor Eifersucht“.

So steht es in ihrem nun zweiten Buch. „Komplett Gänsehaut“ heißt es, ist 172 Seiten kurz, und das ist es, worüber die Erzählerin nachdenkt, während sie auf ihr Bücherregal in ihrer neu bezogenen „ekelhaft hellen Altbauwohnung“ blickt, die sie sich dank ihres Erfolgs nun also leisten kann. Und weil nicht „Roman“ auf dem Buchcover steht, neigt die Gewohnheit dazu, ihre Stimme erst einmal als die „der Passmann“ zu lesen (wobei das, wie bei „der Bachmann“, lieber mit Bedacht zu tun ist).

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Hier richtet sich also eine junge, erfolgreiche Frau im unabhängigen, bürgerlichen Leben ein. Und mit dem Einzug ins gefühlte Erwachsensein wird erst einmal Inventur gemacht. Was steht da eigentlich im Bücherregal und warum? Was kocht man in der eigenen Küche, und was sagt das über einen aus? Wie begegnet man sich selbst in Räumen, die man sich mit niemandem teilen muss? Wie privilegiert, wie intellektuell, wie deutsch ist man denn, wenn man genau das jetzt alles kann – mit 27 Jahren?

Denn in diesem Alter könnten die Stufen zur Beletage – die man ohne die vielen Hürden, die anderen, weniger deutschen, weniger weißen Menschen gestellt werden, hochgestiegen ist – endlich gründlich ignoriert werden, um sich nun einmal anständig zu kuratieren. Mit, okay, dem „Zauberberg“, vor allem aber feministischen Büchern und Platten von The Cure im Regal und Fotos von sich und Billie Eilish an der Küchenwand.

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Aber nein, Ignorieren ist schwierig, denn es lastet schwer – das Wissen um das eigene prädestinierte, privilegierte Dasein, das Gefühl, einer Generation anzugehören, die das Gefühl hat, dass viel gefühlt und weniger argumentiert wird, denn gerechtfertigt ist schon mal gar nichts. Und wenn „man“ dann in zynischer Pose auf dem Stiftparkett sitzt, dann kann „man“ sich durchaus fragen, ob „man“ das doch alles so toll findet und überhaupt genießen sollte.

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Ein „ich“ spricht hier selten

Also „man“ im Sinne von „Passmann“. Denn ein „ich“ spricht hier selten: „Man weiß das“, dass das Leben von Menschen nie so interessant oder schlau oder geputzt aussehen würde, wie es sich im Internet zeigt. Das weiß Passmann, das weiß „ihre“ Generation und eventuell auch alle anderen. Warum den teuren Risotto-Reis kaufen, um „Bildungsbür­gertum-Cosplay“ zu spielen? Diese Frage wird schlicht beantwortet mit: „Ich kaufe zum Beispiel kein Risotto mehr.“

Das ist also der Status quo, den Passmann hier begreifen will. Mit einer Metapher, die doch genauso für eine verwöhnte Generation X funktionieren könnte. Risotto-Reis. Klar, die aus der Generation X haben das aber noch ernsthaft gegessen. Jetzt isst man es ironisch, im Wissen, dass es ironisch ist.

Ja, die Ironie-Stufen, sie sind hoch. Dann steht man da oben mit Passmann rum und sucht mit ihr das Einzige, was noch bleibt: die vervollkommnete Selbstdarstellung. Im Plattenladen weiß die Erzählerin natürlich trotzdem, dass die Smiths ihr erstes Album nicht (!) 1982 herausgebracht haben, wie es der Plattenverkäufer fälschlicherweise glaubt, und findet, leicht eifersüchtelnd, das „implizite Abgekulte“ der früheren Jugend, für die Popkultur noch haptisch greifbar war, „einfach weil man damals Dinge noch anpacken konnte“, „peinlich berührend“. Sie weiß, wie man Friséesalat mit filetierten Orangenscheiben kocht, das Rezept wurde („wie Arschlöcher“ es tun würden) aus dem „SZ-Magazin“ abfotografiert. Aber sie weiß eben auch, wie man lästige junge Männer erträgt, die einem erzählen, dass David Foster Wallace „ein toller Autor“ sei. „Friséesalat mit Orangenfilets“ schreit so sehr nach der Küche der Neunziger wie die Kritik einer verwöhnten, deutschen Jugend. Vielleicht hat sich gar nicht so viel verändert?

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Doch, heute ist das anders. Denn das, was früher über tausend Seiten passierte, das alles findet heute für die junge Bourgeoise im immer gleichen Satz statt: Man weiß, was politisch korrekt ist, ist dabei konsequent inkonsequent, immer beschämt-dekadent und vor allem natürlich verlogen. Aber „man weiß das“ eben.

Der Welt beweisen muss, dass man so oder so wohnt

So streift man gedanklich mit der Erzählerin dieses Buchs durch Küche, Wohn- und Badezimmer und landet zwischendurch auf dem Balkon, auf dem die heutigen Ende Zwanzigjährigen anscheinend niemals Gouda aus der Packung essen, sondern nur Avocado löffeln würden, weil der Balkon dieser Ort sei, „wo man der Welt beweisen muss, dass man so oder so wohnt“. Natürlich immer mitdenkend, „dass natürlich nicht jeder Mensch einen Balkon hat“. Den Gouda isst „man“ trotzdem, nur in der Küche, „ohne Angst zu haben, was die Welt darüber denkt“. Und weil hier eine Endzwanzigerin erzählt, denkt sie auch das natürlich wieder mit: „Selbstdarstellung in geschlossenen Räumen“, eine „ganz eigene Stufe von Profilneurose“.

Was sie beschreibt, ist in seiner abgeklärten Beobachtung dabei nur allzu stimmig. Und damit aber nicht bissig genug, um eine Anklageschrift zu sein. Und nicht originell genug, um sich unterhaltsam aus der Affäre zu ziehen. Es bleiben frisierte Millennial-Klischees, eine Aneinanderreihung von „man“-Sätzen, die dann vielleicht genau darin vermeintlich diese spezielle Generation darstellt. Nur: Wenn Stufensteigen nicht anstrengend ist, ist es vor allem eine sehr langweilige Tätigkeit.

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Dabei zeigt Passmann in einer Szene mit einem zwölfjährigen Mädchen, mit dem sie (oder ihre Erzählerin?) befreundet ist und das sie in ihrer Wohnung besucht, wie unterhaltsam der Text sein kann, sobald er Figuren entwickelt. An solchen ließe sich abarbeiten, die könnten im Erzählen selbst einen originellen Witz entwickeln.

Von „der Passmann“ lösen

So drängt sich aber vor allem immer wieder die eine Frage in den Vordergrund: wer „man“ denn eigentlich ist. Es könnte ja wenigstens Passmann sein, die sich durch ein generisch maskulines Pronomen von ihrer Stimme als „der Passmann“ zu lösen sucht. Damit bleibt aber auch die Erzählstimme selbst konturlos auf ihrer „man“-Stufe sitzen, die dann doch nicht blasiert genug ist, sich wirklich über ihre ebenfalls nur halb blasierten Freunde zu erheben und ihnen Gesichter und Namen zu geben. Vielleicht hätte eine dezidiert fiktive Erzählerin mehr Raum gehabt, um weiter zum Schlag auszuholen.

„Man“ kann nur hoffen, dass sie durch diese unscharfe Form nicht eine weitere Ironie-Stufe besteigt: Damit all diejenigen, die charakterlich so breiig sind, sich widerstandslos in diesem „man“ begreifen lassen zu wollen, beim Lesen „komplett Gänsehaut“ bekommen, weil sie denken: „OMG, das bin so ich. Das sind so meine Freunde!“ Und sich dann freuen, dass es ein kurzes Buch gibt, das sie sieht. Natürlich nicht, ohne sich auch ein bisschen dafür zu schämen.

Sophie Passmann, „Komplett Gänsehaut“. Kiepenheuer & Witsch, 192 Seiten, 19 Euro.
Quelle: F.A.S.
Autorenportträt / Jebens, Caroline O.
Caroline O. Jebens
Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.
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