Verschollene Manuskripte

Ein Meilenstein für die Proust-Forschung

Von Niklas Bender, Straßburg
05.05.2021
, 17:35
Der französische Schriftsteller Marcel Proust im Alter von 30 Jahren
Endlich: Gallimard veröffentlicht die Vorstufen zu Prousts Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Damit wird ein verschollen geglaubter Schatz der Proust-Forschung öffentlich zugänglich.
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Autoren brauchen Vermittler, die sie ins Licht stellen, ihr Werk fördern, es in seinen Facetten präsentieren; das gilt selbst für die Größten. Aber jeder Lichteinfall erzeugt Schatten – man muss nicht an Max Brods Rolle für Kafka oder (weit schlimmer) an jene Elisabeth Förster-Nietzsches für das Werk ihres Bruders denken: Auch in Verlags- und Philologenkreisen gibt es große und kleine Dunkelzonenerzeuger. Der Verleger und Proust-Forscher Bernard de Fallois (1926 bis 2018) stellt insofern einen solchen Fall dar, als in seinem Nachlass, der an die Bibliothèque nationale ging, nach und nach verborgene Proustiana zutage kommen. Entweder wusste niemand von ihrer Existenz: So wurden jüngst unbekannte Novellen erstmals publiziert (F.A.Z. vom 19. Oktober 2019). Oder aber es handelt sich um sagenumwobene Texte, wie jene „soixante-quinze feuillets“ (fünfundsiebzig Blätter), die Nathalie Mauriac Dyer bei Gallimard nun endlich ediert hat (Marcel Proust: „Les soixante-quinze feuillets et autres manuscrits inédits“).

Gemeint ist damit ein Konvolut, das Fallois von Prousts Nichte Suzy Mante-Proust erhalten und ein Mal 1954, im Vorwort zu seiner Ausgabe des „Contre Sainte-Beuve“, erwähnt hatte. Unter dem generischen Namen ging es in die Annalen ein, sein Verbleib aber war unklar – Fallois schwieg sich aus, wie die Herausgeberin auf Nachfrage betont. Ein Mythos war geboren: Vom „Gral“ der Proust-Forschung, vom „roman de 1908“ ging das Raunen. Mit gutem Grund: Bei den „Fünfundsiebzig Blättern“ handelt es sich um nichts weniger als um die früheste Stufe der „Recherche du temps perdu“ („Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“), oder, so Mauriac Dyer, um deren „Sockel“.

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Sie vermutet, dass die 76 Seiten zwischen Anfang und Herbst 1908 verfasst wurden. Es handelt sich um den Neubeginn des literarischen Werks: Nach dem Scheitern am Roman „Jean Santeuil“ 1899 hatte Proust Schriften von John Ruskin übersetzt sowie Literaturkritiken und Pastiches verfasst („L’affaire Lemoine“). 1908, nach dem Tod der Mutter, macht er sich erneut ans Schreiben, verfasst die „Blätter“, bricht die Arbeit ab, beginnt „Gegen Sainte-Beuve“, eine letzte Zwischenstufe vor der „Recherche“. „Gegen Sainte-Beuve“, eine Kritik des Literaturkritikers, wird nach und nach zum Erzähltext: Proust entwickelt das Prisma, das es ihm erlauben wird, seinen Stoff zu organisieren, nämlich die Erinnerung an Orte des (schwierigen) Einschlafens. Das ist die Basis für die „Recherche“, die von 1913 an erscheinen wird.

Zentrale Bausteine des späteren Werks

Welche Bedeutung haben die „Blätter“? Proust wählt darin erstmals die Ich-Perspektive und entwickelt aus dieser heraus zentrale Motive der „Recherche: die Großmutter im Garten und der mütterliche Abendkuss, die Landspaziergänge und ihre zwei Seiten (côtés), der Urlaub am Meer, die Gruppe junger Mädchen, die adeligen Namen, Venedig. All das sind zentrale Bausteine des späteren Werks, die in dieser Abfolge in den „Blättern“ präsentiert werden. Dyer kommentiert und ergänzt sie durch weitere teils unveröffentlichte Texte, die sie mit detaillierten Anmerkungen, einer Chronologie und einer Konkordanztafel versieht, welche die Fragmente den passenden Passagen in der „Recherche“ zuordnet. Während diese minimalistische Textpräsentation einen ungestörten Lesefluss ermöglicht, wendet sich der kenntnisreiche Apparat an ein informiertes Publikum.

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Sicher, einiges fehlt: Charlus und Albertine, eine Entwicklung des Themas Homosexualität und auch das besagte Gerüst der Erinnerungen an Einschlafszenen – die Erinnerung kommt zwar bereits zu Ehren, dient jedoch noch nicht als psycho-romaneskes Organisationsprinzip. Davon abgesehen, sind die wichtigsten Elemente da, über konkrete Motive (Rohrsessel!), Figuren, Empfindungen hinaus. Die Lehre der „Seite von Villebon“ (so heißt hier die Vorgängerin der „Seite von Swann“) zeigt zentrale Mechanismen von Prousts Schreiben.

Vorbild mancher Figuren wird erkennbar

Zwei weitere Punkte sind wichtig: Erstens glänzt in den „Blättern“ ein Stil, den die Novellen nur ausprobieren: lange, elegant defilierende Sätze, dafür gemacht, komplexe Bewusstseinszustände und feinste Empfindungen einzufangen – Spezialinstrumente eines raffinierten Literaten. Überraschend hingegen der Einsatz christlicher Ausdrücke, der über die „Recherche“ ebenso hinausgeht wie über Hippolyte Taines psychologischen Essay „De l’Intelligence“, auf den Mauriac Dyer verweist. Sicher, die „Recherche“ sei eine Kathedrale, wird Proust betonen, und die Madeleine gleicht einer Hostie; dennoch fällt die unverhüllte gehäufte Verwendung einschlägiger Begriffe auf.

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Zweitens kann man in den „Blättern“ das Vorbild mancher Figur identifizieren. Hier gibt es Entdeckungen zu machen, denn die Genealogie eines Charakters ist mehr als eine Anekdote, wenn sie Rückschlüsse auf den Schaffensprozess erlaubt. Bestes Beispiel ist Großonkel Lazard Baruch Weil, genannt Louis; Proust stand dem Knopf-Fabrikanten nahe und beerbte ihn. Bekannt war, dass Louis das Modell für Onkel Adolphe aus dem „Combray“-Teil der „Recherche“ abgab. Neu ist, dass er in den „Feuillets“ sowohl als Spötter über die Großmutter als auch als Schürzenjäger auftritt, der Marcels Eltern um Hilfe bei der Kontaktanbahnung bittet. Das ist ein Verhalten, das in der „Recherche“ auf Swann übertragen, also familiär ausgelagert und zugleich mit dem Judentum verbunden wird; man ahnt die psychologischen Prozesse dahinter.

Wie geht man mit Dingen um, über die man nicht sprechen kann, darf, will? Dieses Zentralthema der „Recherche“ – wo Vornehmheit und Diskretion manch kryptische Andeutung produzieren – ist zudem, die „Blätter“ legen es mit neuem Nachdruck nahe, eine Kernsorge des Autors. Andeutungen, Verschiebungen, Decknamen dienen dazu, heikle Themen wie Judentum (die Dreyfus-Affäre wirkt nach), Homosexualität oder persönliche Empfindlichkeiten zu verhandeln. Denn die „Blätter“ zeigen den autobiographischen Ursprung der „Recherche“. Vertraute finden sich unter Klarnamen, besonders Großmutter Adèle tritt uns in Rohversion, als naturnahe, schmuddelige, schroffe Person entgegen. Abermals sieht man, was der Schreibprozess ändert: Proust wird die Großmutter auf die Rolle des verklärt erinnerten Opfers festlegen und den Namen der Mutter, Jeanne, der nur hier fällt, tilgen.

Was man anständig sagen kann, ist eine Frage des Takts. Der ist in den „Blättern“ noch im Werden – das meint Jean-Yves Tadié vermutlich, wenn er im Vorwort zur Edition von mangelnder „Scham“ spricht. Über den Bruder des Erzählers heißt es jedenfalls, für ein Foto habe man ihm die Haare gelockt „wie bei den Kindern von Hausmeistern“; über Fuchsien kann man lesen, ihr Rot sei so „gemein“ (vilain: auch „übel“, „hässlich“) wie das der Wange der Gärtnerstochter. Proust zeigt sich als Snob. Der Versöhnlichkeit halber: Ebenso unverhüllt entfaltet sich die Szene des mütterlichen Abendkusses, besser gesagt die panische Angst davor, dass er ausbleiben könnte. Es wird wohl ein Geheimnis bleiben, warum der behütete Marcel sich existenziell bedroht fühlt. Sicher jedoch ist, dass die Angst nackt zutage tritt – und dass die „Blätter“ uns indirekt zeigen, warum die „Suche“ auch ein Meisterwerk der Diskretion ist.

Quelle: F.A.Z.
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