FAZ plus ArtikelGespräche mit Reich-Ranicki

Warum habt ihr nicht gefragt?

Aktualisiert am 30.05.2020
 - 15:34
„Der Literaturkritiker muss seine Sache mit verbissenem Ernst betreiben, sonst ist er keiner“: Marcel Reich-Ranicki.
„So was müssen Sie wissen, sonst sind Sie hier nicht mehr lange.“ Aus den Tagebuchaufzeichnungen von Volker Hage über seine Gespräche mit Marcel Reich-Ranicki. Reich-Ranicki wäre am 2. Juni 100 Jahre alt geworden.

Frankfurt, 2. November 1975

R-R ruft mich in sein Zimmer. Ein schrecklicher Fehler sei passiert und ich schuld! Ich bekomme einen Schreck. Es stellt sich heraus: in einem Hinweis, den ich abgezeichnet und zum Druck gegeben habe, ist von einem „Taschenbuch“ die Rede (Sammlung Luchterhand), obgleich das Buch mehr als 16 DM kostet.

Frankfurt, 27. November 1975

Als wir über Geburtsdaten sprechen, fragt er plötzlich: „Wer ist 1813 geboren?“ Ich kann es nicht sagen. „Büchner! Ja, so was müssen Sie wissen, sonst sind Sie hier nicht mehr lange.“ Halb ernst, halb im Scherz; genau weiß man das nie. Noch so ein Satz: Der Literaturkritiker müsse seine Sache mit verbissenem Ernst betreiben, sonst sei er keiner.

Frankfurt, 13. Januar 1976

Ich habe ihm eine Rezension von mir auf den Schreibtisch gelegt. Wenig später: „Kommen Sie! Setzen Sie sich, Lieber. Ich habe Ihr neues Manuskript gelesen und bin erstaunt: Das ist gut geschrieben, das ist sogar hervorragend. Mal Hand aufs Herz: Haben Sie das selbst geschrieben?“ Seine Art zu loben. „Nehmen Sie es gleich in die nächste Nummer. Und nun gehen Sie mit Gott, aber gehen Sie!“

Frankfurt, 14. November 1976

R-R liest mir einen handgeschriebenen Brief zu seinem Handke-Verriß vor. Von „zersetzender Kritik“ ist darin die Rede. Was er als Überschrift für die Leserbriefseite wählen solle, fragt er, sich zu seiner Schreibmaschine drehend: „Einfach nur ,Zersetzend‘ oder ,Zersetzende Kritik‘?“ Ich bin für Ersteres. „Gut“, sagt er, „o ja, zersetzend, das bin ich, zersetzend, das gefällt mir, und zwar programmatisch!“ Er ist bester Laune, und ich sitze noch eine Weile ohne Notwendigkeit bei ihm, wir unterhalten uns über die Frage, ob in Handkes Erzählung nicht etwas vorherrsche (was so in einem anderen, sehr schönen Leserbrief steht), das sich einem Traum vergleichen lasse. Wenn man den Maßstab realistischer Schreibweise anlege, sage ich, müsse man wohl zu einer ablehnenden Haltung kommen. „Nein“, sagt R-R, erst etwas zögernd, dann bestimmter, „nein, ich will Ihnen sagen, wie es ist. Das hat jemand geschrieben, der unbedingt wieder etwas drucken lassen wollte.“ Ich solle einmal die neue Erzählung von Koeppen lesen, das sei große Prosa.

Frankfurt, 18. April 1983

Wir haben R-R, seine Frau und Ulla Berkéwicz zum Abendessen eingeladen. Ich habe gekocht, er unterhält die Runde mit Anekdoten, bis wir Mut fassen und wie vorgenommen nach der Überlebensgeschichte des Ehepaars im Warschauer Ghetto fragen. Plötzlich ändert sich alles. Als hätte er lange darauf gewartet, beginnt er in aller Ausführlichkeit zu erzählen, seine Frau ergänzt das eine oder andere. Bis ein Uhr nachts hören wir gebannt zu, dann verabschieden sie sich, fast hätte ich geschrieben: dankbar. An der Wohnungstür dreht er sich noch einmal um: „Warum habt ihr uns nicht lange schon gefragt? Wenige haben es bisher getan: Günter Grass, Joachim Fest und Ulrike Meinhof.“ U.B. bleibt, J. und ich reden mit ihr noch lange über das Gehörte, fassungslos.

Frankfurt, 29. September 1983

R-R ein gewidmetes Exemplar meiner Frisch-Monographie auf den Schreibtisch gelegt. Er dankt und gibt sich verschwörerisch: „Sagen Sie es niemandem und schreiben Sie es nicht, was ich Ihnen jetzt sage. Max Frisch ist ein zweitrangiger Schriftsteller. Aber unter den zweitrangigen ist er der Beste! Und erstrangige Schriftsteller haben wir gar nicht. In einer Epoche, in der es keinen Brecht, keinen Kafka, keinen Thomas Mann, auch keinen Musil oder Döblin gibt, ist er der Beste.“ Kleine Pause: „Er steht mir schon näher als Böll. Verstehen Sie, was ich meine? Das darf man nicht schreiben, weil das Publikum es mißverstehen würde.“ – Unser Umgang ist locker geworden, seit er nicht mehr mein Chef ist und durch mich gern ein wenig Einfluß auf die literarischen Themen des FAZ-Magazins nehmen, zumindest informiert sein möchte.

Frankfurt, 26. Dezember 1985

Einladung in die Gustav-Freytag-Straße: Gansessen am zweiten Weihnachtstag. Wir haben unsere drei Monate alte Tochter in einer Tragetasche dabei, was nie Probleme macht (sie schläft), aber die Gastgeber sind sehr besorgt deswegen. Der Abend verläuft äußerst angenehm. Die Gans schmeckt vorzüglich, die Gespräche, dominiert vom Hausherrn, sind spannend – auch wenn er beim Abschied stöhnt: „Es hätte ein wirklich netter Abend werden können, wenn ich etwas mehr zu Wort gekommen wäre!“ Inzwischen höre ich seine Scherze gern. Als wir schon im Treppenhaus sind, um den Fahrstuhl zu holen, ruft er: „Es ist ja unglaublich! Die Hages vergessen ihr Kind!“ Als ich ihn beruhigen will, kommt er erst recht in Fahrt: „Geben Sie es ruhig zu, Sie haben gar nicht mehr an Laura gedacht!“ Und heute Vormittag bin ich kaum in der Redaktion, da schallt es mir schon entgegen: „Stimmt es, daß ihr euer Kind bei ihm vergessen habt?“

Hamburg, 16. August 1988

Telefongespräch mit R-R. Ich rief an, nachdem er sich auffallend lange nicht mehr gemeldet hatte. Er sofort: „Sie wollen wissen, ob ich noch lebe!“ Vor wenigen Tagen hat er die zweite erfolgreiche Augenoperation („bei vollem Bewußtsein“) überstanden: neue Linsen. Ein elegischer Ton auf seiner Seite. Er sei froh, wenn er das Redaktionsgeschäft endlich hinter sich gebracht habe. „Ich war, zwischen den Operationen, in der Schweiz im Urlaub, habe täglich die FAZ gelesen und mir gedacht: Wozu eigentlich diese täglichen Buchbesprechungen? Wen interessiert das? Wozu macht man das?“ Klassikerausgaben seien interessanter als neue Autoren. „Es ist doch nichts dabei in diesem Herbst. Das geht nun schon seit Jahren so.“ Ende des Jahres werde er 15 Jahre im Amt sein, „eine lange Zeit, das hat es kaum zuvor in Deutschland gegeben“. R-R war mir stets als Energiebündel vorgekommen, und jetzt im Rückblick dieser melancholische Schlenker. Er werde Vorträge halten, Bücher schreiben, nein, noch keine Autobiographie. Gegen Hans Mayer war er auffallend milde („Wir werden sein Buch nicht besprechen, bei Achtzigjährigen mache ich keine Verrisse!“). Am Anfang des Gesprächs wirkte er gequält, später wurde er leichter, fast beschwingt, bevor er wieder in seine Depression zurückfiel. Wer kümmere sich noch um die Alten? Die Jungen seien respektlos usw. Das alles natürlich nicht am eigenen Beispiel, sondern mit Parallelfällen angedeutet (Stuckenschmidt ist heute im Alter von 87 gestorben).

Hamburg, 28. August 1991

Heute rief der alte Herr hier zu Hause an. „Ihre Sekretärin hat mir gesagt, Sie seien nicht mehr in der Redaktion“, dröhnt er gleich los. „Ich solle sanft mit Ihnen umgehen!“ Er bot einen kritischen Rückblick auf Hilde Spiel an, den er lieber in der „Zeit“ als in der FAZ publiziert sehen würde, als Vorabdruck. Ob ich die allerneuesten Gerüchte hören wolle? Angeblich sind Schirrmachers Tage mal wieder gezählt. R-R muß einen ziemlichen Haß auf seinen Nachfolger haben, was er natürlich sofort leugnen würde. Also: aus Fests Idee, Sch. mit der Leitung einer Berliner Feuilleton-Dependance zu betrauen, werde wohl nichts. Das wolle – „ganz unter uns“ – der Geschäftsführer Pfeiffer nicht: zu kostspielig. Und als zukünftiger Herausgeber habe Sch. schon gar keine Chance!

Hamburg, 10. November 1994

Nach einigen Wochen wieder einmal bei R-R angerufen, abends. „Ach, Sie leben noch?“ fragt er. Er hat gerade die Rede abgeschlossen, die er am Samstag in München halten wird, seine Rede über Deutschland. Er will sie mir in der nächsten Woche schicken. Ich solle bitte „keine Gemeinheiten“ über ihn schreiben. Dann: „Ich muß Ihnen etwas Komisches sagen. Wissen Sie, ich verstehe gar nicht mehr, warum ich solche Scheu vor meiner Autobiographie gehabt habe. Die Autobiographie ist ja viel leichter zu schreiben als diese Rede. Darin muß ich dauernd überlegen, ob ein Detail aus meinem Leben etwas zum Thema bringt, bei der Autobiographie kann ich einfach die Details beschreiben, die mich interessieren.“

Hamburg, 1. April 2007

Anrufbeantworter daheim: „Ich habe so gar keine Lust. Lieber, es ist ein schreckliches Alter. Das klingt in Ihren Ohren wahrscheinlich wie ein Witz: Ich kann nicht mehr so viel, ich bin nicht mehr achtzig. Also, adieu.“

Hamburg, Januar 2009

Am besten läßt sich mit ihm immer über Musik reden. Über Schostakowitsch und dessen Klavierkonzert. Man müsse Stalin zugutehalten, sagt er, daß der den Komponisten dazu verdonnert habe, volkstümlichere Musik zu schreiben. Und der habe sich daran gehalten, weswegen es manchmal wie bei Bruckner klinge. Wenn er seinem Arzt erzählen würde, wie lange und gut er sich mit mir über Musik unterhalten könne, wie wach er dabei sei, würde der sagen: „Sehen Sie!“ Neulich habe er ihm gesagt: „Sie sind nicht krank, sie sind bloß alt.“

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Frankfurt, 14. Mai 2010

Eigentlich ist es ihm lästig, immer noch Fragen beantworten zu müssen. Er hat schon so viele Interviews über sich ergehen lassen. Aber er weiß auch, daß er nun, wo sein runder Geburtstag bevorsteht, noch einmal um Auskunft gebeten wird. Und natürlich freut ihn das anhaltende Interesse an seiner Person. Er läßt es sich nicht nehmen, mich an der Tür zu empfangen, obwohl ihm das Gehen zunehmend Probleme macht. Er möchte sich, wenn überhaupt, nur noch von vertrauten Personen interviewen lassen. Er setzt sich in seinen elektrisch verstellbaren Sessel. Er thront dort, und ein sanftes Lächeln umspielt seinen Mund, wie ich es so von ihm nicht kannte. Er spricht leise, langsam, fast zögerlich. Grundsätzliche Fragen sind ihm lästig. Am liebsten spricht er nun über sein eigenes Leben, besonders über die frühen Jahre. Gegen Ende des Gesprächs setzt sich Tosia zu uns, die alte Dame mit dem wunderbar warmherzigen Lachen. Sie läßt sich auf die Couch nieder und hört zu. Sie ist vor zwei Monaten schon 90 geworden, die beiden sind bald siebzig Jahre verheiratet. Wenn ihnen damals im Ghetto einer prophezeit hätte, so sagt er, daß sie einmal dieses Alter erreichen würden, sie hätten es beide für einen schlechten Scherz gehalten. Er fragt um Rat: Ob er am 6. Juni in der Frankfurter Paulskirche auch selbst eine Rede halten solle? Zu seinen Ehren wird eine bunte Mischung von Laudatoren auftreten: Thomas Gottschalk, Harald Schmidt, Henryk M. Broder und Frank Schirrmacher. Als die Fotografin ihn schließlich noch bittet, ein weiteres Porträt aufnehmen zu dürfen, er im Stehen, kommt Protest: „Ich habe so einen Widerwillen. Ich kann das nicht mehr aushalten!“ Aber brav erhebt er sich dann doch aus seinem Sessel und lächelt milde in die Kamera.

Volker Hage war von 1975 bis 1980 Redakteur im Literaturblatt dieser Zeitung, später verantwortete er die Literaturberichterstattung bei der „Zeit“ und beim „Spiegel“. Zusammen mit Mathias Schreiber publizierte er 1995 die erste Biographie über Marcel Reich-Ranicki.

Die Auszüge sind Hages unveröffentlichten Tagebüchern entnommen.

Quelle: F.A.Z.
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