Historiker Gregorovius

Die Milde der Barbaren

Von Simon Strauss
18.01.2021
, 23:07
Der Dichter als Historiker: In der kommenden Woche jȁhrt sich der Geburtstag von Ferdinand Gregorovius zum zweihundertsten Mal. Was macht seine Geschichtsschreibung so modern?

Rom, am 3. Oktober 1854: Auf der Inselbrücke San Bartolomeo steht der junge Ferdinand Gregorovius und ringt um Fassung. Enttäuscht von der preußischen Heimat, wo „seine“ Revolution ein paar Jahre zuvor gescheitert war, hatte er sich wie so manch anderer nach Italien geflüchtet, um seine Seele zu heilen. Als überzeugter Linksliberaler mit nationaler Gesinnung hielt er die reaktionäre Gegenbewegung zu Hause nicht aus und hoffte, jenseits der Alpen auf neue Gedanken zu kommen. Jetzt steht er also auf der Brücke und schaut auf den Tiber. Und von dort hoch auf die Stadt, die da vor ihm liegt und die Arme weit ausbreitet, um ihn aufzunehmen.

An diesem 3. Oktober beschließt der junge ostpreußische Dichter und Historiker, eine Geschichte der Stadt Rom zu schreiben. Und zwar nicht jene der klassisch antiken Höhepunkte, sondern die nach ihrem angeblichen Untergang: vom Rom im Mittelalter, der Stadtentwicklung vom fünften bis ins sechzehnte Jahrhundert. Über jene Zeitspanne also, die gemeinhin und vor allem von Edward Gibbon als quälender Verfallsprozess geschildert wird. Auch Gregorovius will den furchtbaren Untergang Roms schildern, aber daneben auch vom glänzenden Wiederaufstieg der Stadt unter Führung der Kirche berichten. Von der aufsehenerregenden Wandlung einer Militärmacht in eine christliche Metropole.

Die Rehabilitation der grausamen Barbaren

Diese riskante doppelte Darstellungsabsicht bestimmt seine „Geschichte“, die er zwei Jahre später zu schreiben beginnt. Schon relativ zu Anfang, im vierten Kapitel, gibt es eine Szene, die auf eindrückliche Weise untermalt, wie er die klassischen Auslöser für Roms Niedergang – das „staatsferne“ Christentum und die „grausamen“ Barbaren – einerseits bestätigt, aber andererseits eben auch als Kräfte der Regeneration anruft.

Da schildert Gregorovius zunächst in grellen Farben, wie der junge Gotenführer Alarich am 24. August 410 mit seinen wilden Horden die Stadt einnimmt und die dekadente römische Bevölkerung in Schrecken versetzt. „Ohne Zweifel durch Verrat“, wie Gregorovius feststellt, seien die Goten durch das Salarische Tor eingedrungen und brandschatzend durch die Stadt gezogen, deren „verkommene“ Bevölkerung nirgendwo Widerstand leistete. Mit „bestialischer Furie“ wüteten die Barbaren in der Stadt, zerstörten Kunstwerke, ermordeten „zitternde Schlemmer“ und vergewaltigten hilflose Nonnen. Allerdings, so kündigt Gregorovius seine waghalsige Ambivalenzvolte an, hätten der „Edelmut Alarichs und seine Achtung vor der Religion Christi“ bewirkt, dass der Petersdom geschont wurde. Und jetzt schließt Gregorovius – eben waren wir noch bei den entjungferten Nonnen – eine berührende „Szene der Menschlichkeit“ an: Eine fromme Frau, die die kostbaren Weihgeschenke des Apostels Petrus in ihre Obhut genommen hat, beeindruckt einen heranstürmenden Goten mit ihrem Gottvertrauen so sehr, dass er sie samt ihrem Schatz durch das brennende Rom zum Petersdom geleitet. Hinter ihr, die ein von Smaragden funkelndes Kreuz trägt, versammelt sich bald eine Menge verzweifelt Wehrloser und bildet eine Eroberer und Eroberte vereinende Prozession: „Die fliehenden Christen, Frauen, ihre Kinder an der Hand, wehrlose Greise und Männer, von panischem Schreck erfasste Heiden, mit ihnen allen friedlich gemischt Barbaren, deren Waffen und Kleider vom Blute trieften und auf deren Gesichtern die bestialische Leidenschaft mit plötzlicher Glaubensandacht kämpfte, schlossen sich aneinander.“

Gregorovius nimmt die ursprünglich von Orosius überlieferte Szene als Ausgangspunkt für eine Rehabilitation der grausamen Barbaren, die, vom starken Arm der Kirche gezähmt, Rom für seinen Sittenverfall erst bestrafen und später erneuern. Nicht, dass er ihre Grausamkeit verharmlosen würde, aber er schneidet wie ein geschickter Regisseur immer wieder auch Belege ihrer Milde dagegen. Außerdem suggeriert er hinter vorgehaltener Hand, dass die verweichlichte Stadt nur das bekomme, was sie verdiene. Ein funkelndes Schauspiel der Gegensätze also, das Gregorovius hier bietet und damit einen Vorzug des dichtenden Historikers beweist, dem schon aus dramaturgischen Gründen daran liegt, die Ambivalenz als Merkmal geschichtlicher Verläufe herauszustellen.

Liest man in der aktuellen Wissenschaft zum selben Ereignis nach, wird deutlich, was verlorengeht, wenn Geschichtsforschung die Geschichtsschreibung ganz verdrängt: Im Handbuch zur Spätantike von Alexander Demandt heißt es nüchtern: „Alarich marschierte zum dritten Mal nach Rom. Nach kurzer Belagerung wurde ihm am 24.August 410 die Porta Salaria geöffnet. Drei Tage plünderten die Goten die Stadt, verschonten indes die Kirchen und die dorthin Geflüchteten. Versorgungsschwierigkeiten zwangen Alarich, schon am 27.August die Stadt wieder zu verlassen.“ Im aktuelleren Buch von Rene Pfeilschifter zur Spätantike steht: „Am 24.August 410 wurden durch Verräter die Stadttore geöffnet. Drei Tage lang wurde geraubt, vergewaltigt, ermordet. Dabei fiel das Plündern sogar noch ‚milde‘ aus, Alarich hatte nämlich befohlen, aufs Zerstören zu verzichten. Zudem wurde das Kirchenasyl respektiert. Nach drei Tagen zogen die Westgoten wegen Versorgungsschwierigkeiten ab.“

Gregorovius’ Schilderung der scharfen Gegensätze, die ihr paradigmatisches Bild in der völkerversöhnenden Prozession findet, hat hier nicht nur den Vorteil, die spannendere Lektüre zu sein, sondern liefert eben auch – Paradigmen moderner Historiographie vorwegnehmend – wichtige Hinweise auf Ambivalenzen der Eroberung. Was sich aus Gregorovius als These herauslesen lässt, so hat zuletzt etwa Mischa Meier argumentiert, ist die Beschreibung einer Zwischensituation: „Die Römer waren bereits am Ende, die Germanen aber noch nicht bereit für die Verbindung mit ihnen. In diese Lücke sollte die Kirche hineinstoßen, um dann später beide Gruppen zusammenzufügen.“

Um dem Leser ein Gefühl für diesen heilsgeschichtlichen Schlüsselmoment zu geben, bietet die Prozession dem Autor eine phantastische Möglichkeit. Er, der 1854 von einer Einheit träumte, die endgültig erst an einem viel späteren 3. Oktober in Erfüllung gehen sollte, inszenierte zumindest literarisch das, was ihm zu erleben verwehrt blieb.

Quelle: F.A.Z.
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