Günter Grass’ Reden und Essays

Hier spricht ein engagierter Bürger

Von Paul Ingendaay
19.12.2020
, 22:13
Eine neue, wunderschön produzierte Werkausgabe zeigt Günter Grass als Redner, der das liberale Deutschland von heute vorwegnahm.

Das ist es jetzt. Mehr wird nicht mehr kommen. Vierundzwanzig Bände in leuchtend rotem Leinen, zusammen mehr als zehntausend Seiten: Das literarische Werk von Günter Grass (1927 bis 2015) ist abgeschlossen. Die kürzlich im Steidl Verlag erschienene „Neue Göttinger Ausgabe“, herausgegeben von Dieter Stolz und Werner Frizen, wird wohl die letzte sein.

Mein Selbstversuch mit den Dünndruckbänden in der handgefertigten Holzkassette erstreckte sich über zehn Wochen. Unterbrochen wurde er von ausgedehnter Fontane-Lektüre, weil Grass einen mit seinem Fontane-Roman „Ein weites Feld“ (1995) selbst darauf bringt. Dabei machen sich im Vergleich einige Grass-Schwächen bemerkbar – ein gewisser biederer Humor, gerade wo er modernitätskritisch auftritt, Mangel an Weltläufigkeit und Eleganz. Seine Kritik an McDonald’s nährt sich vom ältesten Anti-Amerikanismus und ist damit ähnlich pomadig wie sein satirisch verkleidetes Befremden über das Internet in der Novelle „Im Krebsgang“ (2002). Aber das wusste man.

In einem gewissen Sinn war Grass ja schon immer programmatisch uncool. Die Kaschuben, hat er geschrieben, „sind Altslawen, die eine aussterbende, mit deutschen und polnischen Lehnwörtern gespickte Sprache sprechen“. Das Besingen der verlorenen Danziger Heimat und das fremdartig klingende Deutsch haben schon „Die Blechtrommel“ (1959) zu einem sonderbaren Werk gemacht. Es setzte sich in „Katz und Maus“ (1961) und „Hundejahre“ (1963) fort. Doch dann hat dieser Steinmetz, Zeichner, Kleinbürger und Autodidakt die ganze übrige deutsche Literatur in die Tasche gesteckt. Nicht nur im Schreiben. Auch im Reden, Streiten, Debattieren.

Jeder glaubt Bescheid zu wissen, wenn man „Grass“ sagt

Wirkungsgeschichtlich gibt es zwei herausragende moderne Romane in Deutschland, „Buddenbrooks“ (1900) und „Die Blechtrommel“. Ihre Autoren, ob’s einem gefällt oder nicht, definieren die deutsche Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts: die erste Hälfte Thomas Mann; die zweite Günter Grass. Diese Repräsentativität hat das Grass-Bild geprägt, und weder er noch wir kommen davon los. Mit Sicherheit haben der frühe Ruhm, das expansive Ego und der kolossale Geltungsdrang dieses Schriftstellers auch Neider und Spötter auf den Plan gerufen. „Anruf von einer Redaktion genügt, und er verlautbart“, steht im „Berliner Journal“ von Max Frisch über den Berliner Nachbarn. „Als könne er Aktualität ohne Grass nicht ertragen. Wie heilt man ihn?“

Er war unheilbar. Manche meiner Altersgenossen, denen ich von der Versenkung in das Werk des Nobelpreisträgers von 1999 erzählte, kommentierten trocken: „Du Ärmster!“ Ich schloss daraus, dass jeder Bescheid zu wissen glaubt, wenn man „Grass“ sagt. Als könnten wir den Mann, der 2006 bekannte, als Siebzehnjähriger der Waffen-SS angehört zu haben, zu den Akten legen und vergessen.

Dann las ich in der Werkausgabe fast vollständig die vier fetten Bände „Essays und Reden“, und hinter dem Etikett Grass trat ein junger, kämpferischer Mann von endloser Energie hervor. Er tat, was niemand anderer tat: Auf derselben Höhe wie Literat wollte er ein verantwortungsvoller Bürger sein. Man pflegt die sechziger und siebziger Jahre unter dem Rubrum „SPD-Wahlkampf“ und „Engagement für Willy Brandt“ einzusortieren. Seit 2013 liegt bei Steidl auch der mehr als tausendseitige Briefwechsel zwischen Brandt und Grass vor, der die Zusammenarbeit akribisch dokumentiert und in dem Grass der Eifrige, Werbende, manchmal Bevormundende war.

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Nichts allerdings hatte mich auf den Eindruck vorbereitet, den die politische Prosa, am Stück gelesen, hervorruft. Statt des barocken Sprachspielers – ein nüchterner strategischer Kopf mit glasklaren Sätzen, der vieles fordert: Bücher für die Bundeswehr. Mehr Umweltschutz. Bekämpfung der NPD. Einen Blick in die armen Regionen der Welt. All das nicht im Gestus preiswerter Allzuständigkeit, sondern besorgt, ungeduldig, konkret.

Skeptisches Vertrauen in Willy Brandt

Grass lässt sich vor den Wahlkampfkarren spannen und schwitzt in Turnhallen und auf Marktplätzen. Seine Lieblingsfeinde bei der CDU heißen Kiesinger, Barzel und Strauß. Grass wusste genau, was er Kiesinger vorwarf: dass er „als Erwachsener voll verantwortlich gegen jede christliche Moral gehandelt“ habe und als ehemaliges NSDAP-Mitglied Bundeskanzler geworden sei. Die Formulierung ist wichtig; Grass selbst sah seine eigene Verstrickung, die ungleich geringer war, von der zu sprechen ihm aber die Scham verbot, in seiner verführten Jugend begründet. Sein Erwachsenendasein lässt sich als lebenslange Abbitte begreifen.

Aus heutiger Sicht war verblüffend wenig an den damaligen SPD-Forderungen „links“, das meiste eher demokratisches Konsensdenken unserer bürgerlichen, grün angehauchten Mitte: Abschaffung des Paragraphen 218. Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und Verzicht auf die „verlorenen“ Ostgebiete. Aussöhnung mit Polen. Klares Bekenntnis zu Israel, zu „Auschwitz“ und deutscher Schuld.

Angesichts der Merkel-CDU kommen uns allerdings manche Positionen der damaligen Konservativen skandalös vor. Alt sieht nicht der junge Grass aus, sondern der politische Gegner. Es beginnt mit der Diffamierung Willy Brandts als „Emigrant“ und „Vaterlandsverräter“. Es setzt sich fort mit Kampfbegriffen wie „Verzichtpolitiker“ und endet leider nicht mit der schäbigen Geste der CDU-Bundestagsfraktion, Brandt zum Friedensnobelpreis 1971 demonstrativ nicht zu applaudieren. (Grass hebt lobend die wenigen Ausnahmen hervor.) In Brandt, 1965 noch Regierender Bürgermeister seines Wohnorts Berlin, hatte der Schriftsteller früh den einzigen Politiker erkannt, „der das verdrängte Ziel der Wiedervereinigung wieder in den Blick rückt“. Das Ziel entschwindet mit der Großen Koalition 1969 in weite Ferne, doch die Nähe zu Brandt bleibt. „Skeptisch vertraue ich ihm“, schreibt Grass. „Sympathie äußert sich in Kritik.“

Er wollte kein „Gewissen der Nation“ sein

Den Kniefall vor dem Denkmal der Helden des Warschauer Gettos vor fünfzig Jahren hat Grass immer wieder kommentiert, er hatte Brandt ja auf der Reise begleitet und beim Abfassen der Tischrede geholfen. Sachlich erzählt er davon in einer politischen Kolumne: „Ich habe es nicht gesehen. Ich hörte davon; es sprach sich herum.“ Mit echtem katholischen Pathos – Brandt als Passionsfigur – und verstellter Stimme nimmt Grass die weltberühmte Geste dann in „Mein Jahrhundert“ (1999) wieder auf. Dort ist von der Reue die Rede, welcher der Bundeskanzler Ausdruck gegeben habe, „Reue für alle im deutschen Namen begangenen Untaten, indem er die übergroße Schuld auf sich nahm, er, der selber nicht schuldig wurde, fiel dennoch aufs Knie ...“.

Auch in dem hochinteressanten Hybrid „Aus dem Tagebuch einer Schnecke“ (1972) kommt Grass anhand von Dürers Kupferstich „Melencolia I“ auf den Kniefall und die darin ausgedrückte „Erkenntnis ungeminderter Schuld“ zu sprechen. Fast meint man einen weiteren Sinn zu erspüren: nämlich den, Brandt stehe auf einer grundsätzlich anderen Seite als die übrigen Deutschen, Grass eingeschlossen. Weil Brandt als Unschuldiger etwas tat, was Grass zu tun versäumt hatte und nun nie mehr würde tun können.

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Volle sieben Jahre war der Autor der „Blechtrommel“ Teil der „Sozialdemokratischen Wählerinitiative“, die für die SPD in den Wahlkampf zog, vom Niederrhein bis ins tiefste Bayern. Aber er bleibt sein eigener Kopf. „Gewissen der Nation“, das will er ausdrücklich nicht sein, sondern „demokratischen Kleinkram betreiben“ und „Kompromisse anstreben“. In den Reden ähnelt sein apodiktischer Ton manchmal dem des jungen Enzensberger (dem er Kokettieren mit der Revolution vorwirft). Von Heinrich Böll und Alfred Andersch, den Älteren, fordert Grass öffentlich mehr Engagement ein. An den in der DDR verfemten Uwe Johnson erinnert er in Ost-Berlin ohne Furcht und rüffelt Anna Seghers 1961, gleich nach dem Bau der Mauer, für ihr staatsfrommes Schweigen. Zwei Tage darauf schickt er seinen Protest, zusammen mit Wolfdietrich Schnurre, unter dem Titel „Wer schweigt, wird schuldig“ auch an den ostdeutschen Schriftstellerverband und an vier Tageszeitungen.

Das Pathos eines linken Patrioten

Der Satz wird später einmal auch für ihn gelten: Wer schweigt, wird schuldig. Er wird es gewusst haben. Drei Monate vor dem Skandal 2006 sagt er in einer Rede vor dem Internationalen PEN-Club in Moskau: „Noch immer hat uns die Vergangenheit eingeholt; und ihre Siege im Wettlauf mit der Gegenwart verdankt sie, nicht zuletzt, der Literatur.“ Egal wie forsch seine Auftritte, die frühen und die späten, immer sind ihnen Skepsis und Zweifel beigemischt. Er sehe, sagt er 1966 bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton, nur „verwirrte, am eigenen Handwerk zweifelnde Dichter“, die ihre „winzigen“ Möglichkeiten „wahrnehmen oder nicht wahrnehmen oder halbwegs wahrnehmen“. Natürlich zählt er sich zu den Ersten. Aber seine Sprache bläst sich nicht auf. Und sie kann auch elegisch sein. Aus seiner Rede „Was ist des Deutschen Vaterland?“ klingt 1965 das schönste Pathos eines linken Patrioten.

Grass war damals kein verträumter Sozialdemokrat, sondern das seltene Ding: ein radikaler Mann der Mitte. Seinen Standpunkt markierte er zwischen einer Rechten, die noch Deutschen Reichen nachtrauerte, und einer linksnaiven APO, die „Ho, Ho, Ho Chi Minh!“ skandierte. Für den Schriftsteller war diese Mitte unverrückbar. Ihr Kern bestand darin, auch und gerade „den Verächtern der Toleranz gegenüber“ – so Grass in einer Wahlkampfrede nach Brandts Rücktritt 1974 – „Toleranz dennoch als Voraussetzung für jegliche Politik zu verteidigen“.

Der letzte Band der neuen Werkausgabe, „Gespräche 1958–2015“, ist der dickste. Auf achthundert Seiten versammelt er die wichtigsten Interviews. Für Grass war es eine Paradedisziplin. Aus dem Abstand von fast fünfzehn Jahren nimmt sich das Gespräch mit Frank Schirrmacher und Hubert Spiegel, das im August 2006 in dieser Zeitung die Debatte um des Autors Mitgliedschaft in der Waffen-SS eröffnete, harmloser aus als damals. Es war eine lange, ruhige Unterhaltung, nichts Inquisitorisches. Zugleich beweist es eine fatale Fehleinschätzung: Grass hatte geglaubt, die öffentliche Reaktion auf das bisher verschwiegene Detail seiner Kriegsjugend sowohl durch den freiwillig gewählten Schritt als auch durch die Einbettung in eine Poetologie des Erinnerns kontrollieren zu können. Doch sein autobiographisches Buch „Beim Häuten der Zwiebel“ wurde nur noch auf „Stellen“ hin gelesen.

Sein Nachdenken über deutsche Schuld ist nicht entwertet

Nachdem der „Spiegel“ schon 1995 einen wütenden Marcel Reich-Ranicki aufs Titelbild gebracht hatte, der ein Exemplar des Romans „Ein weites Feld“ physisch zerreißt – eine elende Botschaft, auch heute noch –, vollendete das Magazin den Angriff auf den Achtundsiebzigjährigen elf Jahre später mit einer bösen Titelillustration: Grass trommelt Blech, und zwar auf einem Helm der Waffen-SS. Hat er, so die Suggestion, auch Blech geredet? „Spätes Bekenntnis eines Moral-Apostels“ lautet die Titelzeile. Da sah der „Spiegel“ nur das, was auch schon die Stasi erkannt hatte: Grass, so der Informantenbericht des IM „Kant“, „möchte als ein Freiheitsapostel erscheinen“.

Ein Siebzehnjähriger, der aus seiner jugendlichen Nazi-Gläubigkeit später nie ein Hehl gemacht hat, ließ sich von der Waffen-SS rekrutieren. Er versichert, keinen Menschen getötet zu haben. Dass ihm der Schriftsteller Louis Begley, der als Kind in Polen knapp der Ermordung entging, nie mehr die Hand reichen wollte: verständlich. Aber die Gültigkeit von Grass’ öffentlichem Nachdenken über deutsche Schuld und Erinnerungstrauma zu entwerten, wie es mit so viel genussvoller Häme geschah, war ungerecht.

Denn wer genau liest, entdeckt in seinen Büchern und vielen öffentlichen Reden ein nagendes Schuldgefühl, eine alte Wunde, die er nicht in Ruhe lassen kann. Es spricht ein Mann über einen Jugendlichen, und er quält sich dabei. Er tut es nicht, um zu verklausulieren, es ist viel komplizierter: Er schreibt um das Ereignis herum, er nähert sich ihm zwanghaft, bleibt wieder fern und kann doch nicht davon schweigen. „Auschwitz“ ist seine Geißel, lebenslang. Darf es wundern, dass er uns, seinen Lesern, damit immer wieder in den Ohren lag, auch bei der Wiedervereinigung? Psychologen könnten es uns leicht erklären. Es billig oder bequem zu nennen verbietet sich.

Seine letzten neun Jahre, berichtet sein Verleger Gerhard Steidl, waren verbittert. Als er 2007, ein Jahr nach dem Skandal, den Ernst-Toller-Preis in Empfang nimmt, hält er eine kurze Rede mit diskreten Anspielungen auf sich selbst. Dankbarkeit ist zu spüren, dass ihn jetzt noch jemand ehrt. Die Lust allerdings, sich selbst als beispielhaft zu betrachten, ist Günter Grass vergangen. Es mag nicht nur am Alter liegen, dass er in den späten Jahren kaum noch Reden oder Essays schreibt. In solidarischen Gedenkblättern würdigt er sowohl Heinrich Böll als auch Christa Wolf als Schriftstellerkollegen, die hart attackiert wurden. Genau wie er.

Wer sich an den alten Grass als quengeligen Mahner mit zugekniffenen Augen erinnert, an die Pfeife und die erdfarbenen Joppen, der kann mit der neuen Werkausgabe nicht nur das Staunen lernen, sondern klarer auf diesen tapferen Mann schauen. Hier gilt der Buchstabe allein, nicht die Aura, nicht der Ton, schon gar nicht das von Medien gemachte Konstrukt. In seinen Forderungen nimmt der junge Grass das moderne, liberale Deutschland von heute vorweg – ein offenes, nachdenkliches Land, das nachdenklicher wurde durch ihn und das auch dank der Arbeit dieses Mannes seine eigenen Dämonen kennt. Die Reden, Essays und Erzählwerke von Günter Grass sind als großes Geschichtsbuch der Bundesrepublik lesbar; vielleicht das größte seiner Art.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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