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Brigitte Schwaiger

Die vielfach Verlorene

Von Johannes Schütz
Aktualisiert am 29.06.2020
 - 20:43
Brigitte Schwaiger im Oktober 1978
Ausgeliefert an die Psychiatrie und ans Vergessen: Vor zehn Jahren starb die österreichische Schriftstellerin Brigitte Schwaiger. Die Umstände, welche zu ihrem Tod führten, könnten bedrückender nicht sein.

Die Methode des Surrealisten André Breton war Brigitte Schwaiger bekannt. In ihrem Buch „Malstunde“ zeigte die Autorin sich an der Begegnung interessiert, die der Maler Arnulf Rainer einst mit Breton in Paris erlebt hatte. Die Literatur von Brigitte Schwaiger erinnert denn auch an Werke von André Breton: an „Nadja“ oder „L’amour fou“.

Breton war auf der Suche nach sinnvoll erklärbaren Koinzidenzen, Brigitte Schwaiger sprach vom „magischen Denken“. Es werden Wahrnehmungen beschrieben, kurze Momente von Erfahrungen und Erinnerungen. Der Stil von Brigitte Schwaiger wurzelt in der Methode der „l’écriture automatique“, des unbewussten Schreibens, mit der höhere Erkenntnisse über die Realität gewonnen werden sollten, durchaus auch als Phänomenologie, was Breton mit dem Begriff des „Surrealismus“ beschrieb.

Die Floskeln der Bürgerlichkeit

Brigitte Schwaiger wollte mit dieser „écriture“ einen tieferen Einblick in ihre Empfindungen gewinnen und auch vermitteln. Es gelang: In ihrem ersten, 1977 erschienenen Roman „Wie kommt das Salz ins Meer“ berührte sie eindringlich die kollektiven Erfahrungen jener Epoche, der späten siebziger Jahre. Dieser Empfindungsroman war ein großer Erfolg, rund fünfhunderttausend Exemplare wurden verkauft.

Die Schriftstellerin lauschte darin genau auf die Stimmen ihrer Umgebung und nahm deren Sprechweise als Material für ihre Geschichten. Schwaiger demaskierte dabei die Floskeln eines bürgerlichen Sprachduktus, wie es schon zuvor in Wien der Dramatiker Ödön von Horváth getan hatte. Oder der „Ohrenzeuge“ Elias Canetti, der die „akustischen Masken“ ins Bewusstsein heben wollte, auf dass sie erkannt werden als Instrumente der Etablierung von Machtstrukturen.

Ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof

Der Ton von Schwaigers Roman traf den Nerv der damaligen Leser, die ähnliche Situationen aus eigenen Erlebnissen wiedererkannten: „Mutter zwängt sich ins Kleid . . . Immer dieser Fetzen, sagt Vater. Das ist kein Fetzen, sagt Großmutter, das ist ein guter Stoff. Sie reibt den Saum zwischen den Fingern. Wieso immer, fragt Mutter. Sie hat dieses Kleid erst einmal getragen, bei Großvaters Begräbnis. Es ist elegant, sagt Großmutter. Vater wird ungeduldig. Seit einer Stunde ist er fertig, war gestern beim Friseur, um sich den Nacken ausrasieren zu lassen.“ Schwaiger gewährt in „Wie kommt das Salz ins Meer“ einen Blick in den Alltagsterror einer bürgerlichen Kleinfamilie.

Damit wirkte sie anregend auf die nächste Generation von österreichischen Schriftstellerinnen, etwa auf Gertraud Klemm oder Waltraud Anna Mitgutsch. Dennoch scheiterte Brigitte Schwaiger an den Bedingungen in Österreich. Man fand die Autorin am 26. Juli 2010 tot im Donaugewässer. Ihre Leiche kam in die Sensengasse 2, zur Obduktion durch die Gerichtsmedizin. Die Stadt Wien gewährte ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof, Gruppe 40, Nummer 72. Wie kam es zu dem traurigen Ende?

„Sehr geehrte Herrschaften! Ich habe kein Geld! Brigitte Schwaiger“

Brigitte Schwaiger war nach dem Abitur aus Freistadt, einem Ort in Oberösterreich mit rund achttausend Einwohnern, nach Wien gezogen. Sie war die ländlichen Kommunikationsstrukturen einer Kleinstadt gewohnt, die sie auch in der Metropole nicht ablegte. In Wien wurde die Autorin mit einem anderen Gesprächsverhalten konfrontiert, manchmal skeptisch abwartend, manchmal unterschwellig sarkastisch. Brigitte Schwaiger, mit ihrem offenen Charakter, wurde in Wien bis zuletzt nicht verstanden, auch wenn sie ohne dezidierte Absichten auftrat. Die Autorin pflegte keinen aufwendigen Lebensstil, sie lebte weiterhin so bescheiden in Wien, wie sie es von ihrer Herkunft gewohnt war, als Tochter eines Landarztes.

„Wie kommt das Salz ins Meer“ erreichte nicht nur im deutschsprachigen Raum hohe Verkaufszahlen, das Buch wurde auch in fünfzehn Sprachen übersetzt und 1988 verfilmt. Mit ihrem Roman verdiente Brigitte Schwaiger nach eigenen Angaben allein im Jahr 1977 eine Million Schilling (heute umgerechnet 72.672 Euro), „dann verteilt auf 20 Jahre noch insgesamt 2,5 Millionen Schilling“. In jener Zeit war das ein ansehnlicher Betrag, lag der österreichische Durchschnittsverdienst doch damals bei monatlich rund 20.000 Schilling. Auch spätere Schwaiger-Romane waren vergleichsweise erfolgreich: „Mein spanisches Dorf“ erreichte eine Verkaufszahl von knapp 100.000 Exemplaren, „Der Himmel ist süß“ 30.000, „Malstunde“ 10.000, „Die Galizianerin“ 14.000. Die letzten Werke von Brigitte Schwaiger vor ihrem Tod waren „Fallen lassen“ über ihre Erfahrungen mit der Psychiatrie, „Wenn Gott tot ist – Memoiren“ sowie eine Neuveröffentlichung von „Wie kommt das Salz ins Meer“. Alle fanden Beachtung.

Suizid-Gedanken sind eine der üblichen Nebenwirkungen

In Wien aber war gerichtlich „Sachwalterschaft“ über die Schriftstellerin beschlossen worden. Das bedeutete, dass die Verwaltung ihrer Einkünfte von einem amtlich bestallten Sachwalter übernommen wurde. Dabei war die Autorin bis zuletzt in der Lage, ihre ausführliche Korrespondenz selbst zu führen. Am 6. Juli 2009 schrieb sie lapidar ans Literaturhaus Wien: „Sehr geehrte Herrschaften! Ich habe kein Geld! Brigitte Schwaiger“. Noch heute, fast zehn Jahre nach ihrem Tod, ist die Hinterlassenschaft von Brigitte Schwaiger ungeklärt. Das Bezirksgericht in Wien-Fünfhaus entband nach ihrem Tod den Sachwalter von seinen Aufgaben und bestellte im Juni 2012 einen Verlassenschaftskurator, der fortan die Verwertung des Werkes von Brigitte Schwaiger besorgen sollte.

Am 13. Juni 2002 war Brigitte Schwaiger auf Einladung des P.E.N.-Clubs Kärnten in Klagenfurt aufgetreten. Es sollte ihre letzte öffentliche Lesung sein. Im darauffolgenden November wurde sie in die psychiatrische Klinik auf der Baumgartner Höhe, früher berühmt-berüchtigt als Steinhof, eingeliefert. Sie wurde dabei von ihrem fünfzehnjährigen Sohn Michael getrennt, der vom Jugendamt der Stadt Wien in ein Heim gebracht wurde. In der Psychiatrie wurden unter den Begriffen „chemische Fixierung“ und „Fesselung durch Medikamente“ Neuroleptika eingesetzt. Auch Brigitte Schwaiger bekam solch schwere Medikamente: „Ein Pulverl gab er mir gegen Schlafstörungen, dazu eins, das die Nebenwirkungen des Pulverls beseitigen würde, dazu noch etwas Drittes“, ist in „Fallen lassen“ zu lesen – eine typische Medikation in Kombination mit dem gefährlichen Neuroleptikum Haldol, zu dem von den Ärzten ein zweites Medikament gegeben wurde, etwa der Wirkstoff Carbamazepin, der Muskelzuckungen abschwächen soll, die durch Haldol im Gesicht auftreten können. Suizid-Gedanken sind eine der weiteren üblichen Nebenwirkungen. Von diesen Behandlungen hat sich die Schriftstellerin nicht mehr erholt.

Friedrich Torberg, ihr bedeutender Mentor, hatte Brigitte Schwaiger einst geraten: „Wir brauchen keine Psychiater, wir regenerieren uns aus uns selbst.“ Gemeint hatte Torberg mit diesem „wir“ die Literaten, die durch ihre Tätigkeit mit der Literatur und für die Literatur zu sich finden sollen. Brigitte Schwaiger ging verloren.

Quelle: F.A.Z.
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