Friedenspreisträger

Wie Amartya Sen zur lebenden Legende wurde

Von Martin Kämpchen
21.06.2020
, 19:09
Unerbittlich, auch gegen sich selbst: der Nobel- und kommende Friedenspreisträger Amartya Sen im Jahr 2016 als Redner bei einer Buchvorstellung in Santiniketan.
Amartya Sen hat liberales, antinationalistisches, völkerverbindendes Ethos aus dem indischen Santiniketan in unsere neuzeitliche Welt hineingetragen. Wie ist der Friedenspreisträger zu diesen Überzeugungen gekommen?
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Wer vom Flughafen Dumdum in Richtung der indischen Großstadt Kalkutta unterwegs ist, sieht entlang der Straße Schilder mit den Bildern bedeutender Persönlichkeiten Bengalens. Die Ankommenden sollen von Beginn ihres Aufenthalts an mit dem Anspruch Bengalens konfrontiert werden, die kulturelle und zum Teil auch politische Geschichte Indiens entscheidend mitbestimmt zu haben. Da sind aufgereiht die Gesichter von Rabindranath Tagore, von Aurobindo Ghose, von Subhash Chandra Bose, Mutter Teresa und Amartya Sen – eines Dichters, eines Mystikers, eines politischen Revolutionärs, einer Ikone der tätigen Nächstenliebe und des Wirtschaftswissenschaftlers und Philosophen. Letzterer, der heute sechsundachtzigjährige Amartya Sen, ist der einzige noch Lebende unter ihnen. Und er gilt in seinem Volk als „lebende Legende“.

Nicht unwesentlich dazu bei trägt Sens direkte Beziehung zu dem bengalischen Übervater Tagore, der diese stolze Reihe stets anführen wird. Sens Mutter Amita wirkte in den Tanzdramen des Dichters unter dessen Regie mit. Sie verbrachte ihr gesamtes Leben in Santiniketan, dem Wohnort Tagores 150 Kilometer nördlich von Kalkutta, in dem er seine Schule und eine Universität gründete. Amitas Vater Kshiti Mohan Sen war einer der engsten Wegbegleiter des Dichters. Sein Enkel Amartya erhielt diesen Vornamen, „der Unsterbliche“, von Tagore.

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Amartya Sen hat Tagores liberales, antinationalistisches, völkerverbindendes Ethos von Santiniketan aus in unsere neuzeitliche Welt hineingetragen. Als „public intellectual“, als den die indische Historikerin Uma Das Gupta ihn bezeichnet hat, verteidigt er die Ideale Tagores bis in unsere Tage. Das hat er, anders als Tagore selbst, nicht mit literarischen und emotional-visionären Mitteln getan, sondern durch solche der Wirtschaftswissenschaft und strengen Philosophie – im Sinne einer Hinwendung zum Geist der Moderne.

Aus Tagores Schule

Geradlinig strebte Amartya Sen zunächst in die Welt hinaus: Von Tagores Schule in Santiniketan kommend, ging er auf die Universität von Kalkutta, dann kam sofort der Sprung nach Cambridge, zum Trinity College, dem er ein Leben lang verbunden bleiben sollte. Später zog Sen zur Harvard-Universität weiter, an der er heute noch lehrt und seinen Lebensmittelpunkt hat.

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Ein bleibender, traumatischer Eindruck war die „Bengal Famine“, die bengalische Hungersnot im Jahr 1943, die er als Kind miterlebte. Amartya Sen wies später wissenschaftlich nach, dass sie menschengemacht war, dass genug Nahrung vorhanden gewesen wäre, um die Bevölkerung zu versorgen, doch Verteilungsprobleme, systemische Ungerechtigkeit und politische Machenschaften verantwortlich für den Hungertod von drei Millionen Menschen waren. Zeit seiner wissenschaftlichen Laufbahn hat er sich mit seiner Heimat Indien befasst, mit deren Wohlfahrtsökonomie und Lebensstandard, dem Problem der dortigen Armut und deren Bekämpfung. Er blieb indischer Staatsbürger, trotz der daraus resultierenden Unannehmlichkeiten beim Reisen.

In seinem 2005 erschienenen Aufsatzband „The Argumentative Indian“ beschreibt Amartya Sen in knappen Sätzen die komplexe Situation seines Landes. Obwohl die IT-Branche in Südindien modernste Wirtschaftszentren wie Bangalore und Hyderabad geschaffen hat, werde dies allein nicht die hartnäckige Armut und tiefsitzende Ungleichheit Indiens lösen: „Die sehr Armen in Indien bekommen ein kleines – und im Grunde indirektes – Stück von dem Kuchen, den die Informationstechnologie und verwandte Entwicklungen erzeugen. Die Abschaffung der Armut, vor allem der extremen Armut, benötigt eine größere Teilhabe am Wachstum auf allen Gebieten. Das ist nicht leicht zu erreichen, wenn man die Hürden bedenkt, die Analphabetentum, schlechte Gesundheit, die unabgeschlossene Landreformen und weitere Ursachen scharfer gesellschaftlicher Ungleichheit darstellen.“

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Amartya Sen hat Deutschland oft besucht

Oft hat Amartya Sen Deutschland besucht; 2007 erhielt er in Köln den Meister-Eckhart-Preis. Einige seiner Bücher sind ins Deutsche übersetzt worden. Eine umfassende Darstellung ist das 2014 erschienene Buch „Indien – Ein Land und seine Widersprüche“, das, wie es im Vorwort heißt, „das Leben, die Bedürfnisse, Rechte und Forderungen unterprivilegierter Menschen stärker in den Fokus der öffentlichen Debatte, politischer Entscheidungen und demokratischer Politik“ rücken will. In diesem Werk, aber auch in zahlreichen Interviews und Zeitungsartikeln hat Sen die dringende Notwendigkeit beschrieben, insbesondere das indische Gesundheits- und Bildungswesen finanziell besser auszustatten. Bisher trafen diese Appelle auf taube Ohren. In den gegenwärtigen Monaten der Corona-Krise wird sich dieses Versäumnis bitter rächen.

In Indien wurde Sen mit Auszeichnungen überhäuft, und im Jahr 1998 erhielt er den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaft. Seitdem kann er sich in seinem Heimatland nur noch mit Polizeischutz bewegen, damit ihn die enthusiastische Menge nicht erdrückt. Sein enormes Prestige hat Amartya Sen für die unterschiedlichsten Anliegen genutzt. Er lässt sich vor jeden Karren spannen, der dem Zweck dient, Menschenrechte einzufordern und die Ansprüche der Minderheiten zu verteidigen. Im letzten Jahrzehnt hat er, obwohl weiterhin aktiv als Professor in Harvard, immer häufiger sein Elternhaus in Santiniketan besucht. Dort erinnert man sich gern an jenen Amartya, der als junger Mensch lange Fahrradtouren in und um die Stadt unternommen hat.

Wohltäter in seiner Heimat

Außerhalb von Bengalen ist kaum bekannt, dass er mit dem Nobelpreis-Geld den Pratichi Trust gegründet hat, der seitdem die Ungerechtigkeitsstrukturen im ländlichen Bengalen untersucht und immer wieder in Berichten die Mängel des Schulwesens, die Situation der Stammesbevölkerung und die ländliche Armut anprangert. Dem früheren indischen Premierminister Manmohan Singh war Sen beratend zur Seite gestanden, doch am gegenwärtigen hindunationalistischen Regime hat er immer wieder scharf Kritik geübt.

Nach Sarvepalli Radhakrishnan, dem Philosophen und indischen Staatspräsidenten, der den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 1961 erhielt, ist Sen erst der zweite Inder, dem diese Ehre zuteilwird. Diese Auszeichnung für Amartya Sen kommt gerade zur rechten Zeit: Indien kämpft mit der sich beängstigend ausbreitenden Pandemie, die schon jetzt Regierung und Gesellschaft aufs äußerste belastet und viele Millionen arbeitslos gemacht hat.

Während das gesellschaftliche Leben in Europa sich langsam wieder normalisiert, steht Indien erst am Beginn einer steil ansteigenden Kurve von Infizierten. In dieser Zeit braucht es besonnene Menschen wie Amartya Sen, die nicht alarmistisch oder amateurhaft gleichgültig mit den aktuellen Herausforderungen in der Welt umgehen, sondern jenseits von Parteipolitik und Ideologie einen sicheren Kurs heraus aus dieser allgemein-menschlichen Krise aufzeigen können.

Quelle: F.A.Z.
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