„Euphorion“ von Gregorovius

Hinter ihm brennt die Stadt

Von Tilman Spreckelsen
18.01.2021
, 23:08
Der Historiker als Dichter: Neben seinen geschichtswissenschaftlichen Arbeiten schrieb Gregorovius ein Epos in Hexametern. Es schildert den Untergang von Pompeji.

Als Ferdinand Gregorovius am 23. Juni 1853 das erste Mal nach Pompeji kam, war sein Eindruck von der verschütteten und seit 1748 sukzessive wieder systematisch ausgegrabenen Stadt höchst zwiespältig. „Dies ist ein Wesen, welches entzückt und abstößt“, hält er im Tagebuch fest: „Die Häuser stehen da wie leere Särge; Straßenreihen, Tempel, Theater, Forum – alles totenstill, vom Sommerzauber flimmernd. Nie fühlte ich solche Wehmut. Nur Dichter können sie sagen.“

Dass er dabei durchaus an sich selbst und das eigene Vermögen als Autor dachte, erschließt sich nicht nur mit Blick auf seine bis dahin publizierten Texte. Gregorovius, geboren am 19. Januar 1821 im masurischen Neidenburg, hatte in Königsberg bei Karl Rosenkranz studiert und später als Feuilletonredakteur gearbeitet – seine Leitartikel für die „Neue Königsberger Zeitung“ aus den Jahren 1848 bis 1850 sind 2017 gesammelt im Verlag C. H. Beck erschienen (der auch andere Werke des Autors vorbildlich ediert in unsere Zeit gebracht hat). Er hatte unter Pseudonym die Satire „Konrad Siebenhorn’s Höllenbriefe an seine lieben Freunde in Deutschland“ und den Roman „Werdomar und Wladislaw – Aus der Wüste der Romantik“ publiziert, außerdem den Essay „Göthe’s Wilhelm Meister in seinen socialistischen Elementen“ und die Tragödie „Der Tod des Tiberius“ – all dies noch vor seiner Italien-Reise, die er im Frühjahr 1852 antrat.

Als Pompeji im Ascheregen des Vesuvs unterging

Auch wenn die Resonanz auf seine literarischen Werke, zu denen noch eine Reihe postum herausgegebene Gedichte treten sollten, bescheiden ausfiel, nahm Gregorovius für sich immer in Anspruch, dass er bei seiner Darstellung der Vergangenheit auch als Dichter agiere und dass dies kein Widerspruch, vielmehr eine Notwendigkeit für den Historiker sei. Noch im April 1870, als ihn der Selbstmord des Historikers Philipp Jaffé „tief erschüttert“, wie er im Tagebuch notiert, sucht er die Gründe für diesen ihm unvorstellbaren Schritt Jaffés in dessen Enttäuschung über das eigene historische Werk: „Vielleicht genügte seinem Geist die bloß kritische Forschung und das Sammeln von Material nicht, während ihm die Natur das versagt hatte, was den Geschichtsforscher macht, die Phantasie, welche Kunstwerke erzeugt.“

Umgekehrt scheint der Dichter Gregorovius seit seiner Ankunft in Rom wesentlich von seinen historischen Interessen geleitet. Das ist nichts Ungewöhnliches in der deutschen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts mit ihrem Übermaß an historischen Romanen, an Stauferdramen und Versepen aus der Geschichte, nur dass Gregorovius eben nicht nur aus der Überlieferung schöpft, sondern auch aus der Anschauung. Und wenn es die nur dem Dichter sagbare „Wehmut“ angesichts der Trümmer von Pompeji ist, die den allgemeinen Plan einer in dieser Stadt spielenden Dichtung in Gregorovius wie in manch anderem Autor jener Zeit erzeugt, dann liefert den letzten Impuls hier ein konkretes Kunstwerk, ein bronzener Kandelaber, den der Autor im Museum in Neapel sah.

Gregorovius’ Dichtung „Euphorion“, die erstmals 1858 bei Brockhaus erschien, schildert in vier Hexameter-Gesängen wenige Tage des Jahres 79 nach Christus, als Pompeji im Ascheregen des Vesuvs unterging. Der junge Euphorion, ein Sklave, lebt bei dem reichen Arrius Diomedes – eine ihm zugeschriebene Villa befindet sich vor den Toren des realen Pompeji – als Kunstschmied und Bildhauer. Die Handlung setzt ein, als Jone, die Tochter des Hausherrn, aus Rom zurückkehrt, wo sie einige Jahre verbracht hatte. Während der Feier aus Anlass dieser Rückkehr hadert Euphorion mit seinem Schicksal als Sklave; als ihm durch Jones Bemühungen aber die Freilassung winkt, wehrt er das ab, weil er im Haus seines Herrn bleiben will, um Jone, in die er sich verliebt hat, nahe zu sein. Gemeinsam mit anderen Künstlern präsentiert er auf der Feier seine Werke, und es ist der Leuchter, der die größte Bewunderung erhält. Dann bricht der Vesuv aus. Die nächste Szene zeigt Euphorion, Jone und deren Bruder, die von einem befreundeten ägyptischen Händler nach Capri gerettet wurden, während die übrigen Mitglieder der Festgesellschaft umgekommen sind. Die Liebenden beschließen, mit dem Händler nach Ägypten zu gehen und dort vom Ertrag von Euphorions Arbeit als Künstler zu leben.

In einem Nachwort legt Gregorovius seine Quellen offen und beugt Irritationen seiner Leser vor: „Diejenigen, welche das heutige Pompeji besucht haben, mag es nicht Wunder nehmen, daß ich das Meer der alten Stadt an die Mauern gerückt habe“, schreibt er, denn so sei es früher gewesen, bevor der Vulkanausbruch alles veränderte. Und auch der konkrete Leuchter sei im Epos anders dargestellt, als er in Neapel gezeigt werde, schließlich sei dessen heutiger Zustand nicht authentisch. Übrigens sei ihm auch bewusst, dass die Verwendung des Namens „Ischia“ ahistorisch sei, nur sei er eben auch dem heutigen Publikum geläufiger, und dergleichen mehr. Der Dichter sichert sich also ab. Alles soll wahrscheinlich sein in seinem Epos, nichts der Überlieferung widersprechen, und natürlich nimmt man an solchen Stellen den Historiker deutlich wahr – den Kunsthistoriker selbstverständlich auch. Zugleich aber sucht Gregorovius hier im Zeitgebundenen das Überzeitliche, wenn er etwa den als Künstler gefeierten Sklaven ein Plädoyer für sein Werk und sein Schaffen halten lässt und die Freiheit der Kunst, gerade da, wo sie auf Gegenstände des täglichen Gebrauchs abzielt, einfordert.

Man kann das deuten als Appell, literarischen Anspruch auf Werke zu wenden, die nicht per se Dichtung sind, etwa historiographische. Und die Relikte der Vergangenheit so zu beleben wie derjenige, der – wie Euphorion glaubt – eines Tages seinen Leuchter im Schutt von Pompeji finden wird: „Aber / Irgend ein Man wo schaut, ein Betrachtender, ihn un mit Wehmut / Redet er dann: weß waren die Hände, die künstlichen, welche / Woben die Formen, und welche Gefühle bewegten den Meister, / Als in der Werkstatt er die dädalische Leuchte gebildet?“ Es sind die legitimen Fragen des Historikers.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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