Zum Hundertsten Franz Fühmanns

Der Eremit von Märkisch-Buchholz

Von Hans-Jürgen Schmitt
15.01.2022
, 10:11
„Das Schicksal hat mich dermaßen an Verlage verzettelt, dass ich mich mit meinem Werk wie zerstückelt fühle“: Franz Fühmann.
Er war ein Schriftsteller, der standhielt in der DDR und den Weg bereitete für die jungen Autoren: Eine Erinnerung seines westdeutschen Lektors an den unbeugsamen Franz Fühmann, der vor hundert Jahren geboren wurde.
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Es muss kurz nach der Wende gewesen sein, dass mich in Frankfurt ein Anruf von Klaus Schlesinger erreichte, in dem er mich und Wilfried F. Schoeller bat, nach Berlin zu kommen. Schlesinger schlug vor, sich gemeinsam mit Uwe Kolbe in einem kleinen Ort in der Mark Brandenburg zu treffen; dort sollte auf Initiative einer Lehrerin eine Grundschule den Namen „Franz Fühmann“ erhalten, was aber auf Un­verständnis und Ablehnung stieß, da einige Bürger der Ansicht waren, Fühmann sei Kommunist und Mitglied der SED ge­wesen. War Fühmann schon so vergessen? Oder war es einfach Unkenntnis in den Wirren des Umbruchs einer Zeit, in der auch interessenbedingte Desinformation zur Tagesordnung gehörte? Es war ein düsterer Tag, und es fing an zu schneien. Ich erinnere mich nicht mehr an Details der öffentlichen Diskussion, aber wir vier, die beiden DDR-Autoren und die beiden westdeutschen Literaturkritiker, konnten mit dazu beitragen, die Verwirrungen zu klären: Die Schule bekam den Namen Franz Fühmanns.

Gut anderthalb Jahrzehnte später, vor Kurzem Bürger Berlins geworden, be­schloss ich, Fühmanns Grab in Märkisch-Buchholz zu besuchen. Würde ich den Ort wiederfinden mit Fühmanns Grabspruch an die junge Autorengeneration und der Aufforderung, nach der Wahrheit zu suchen in einem Staat DDR, den es jetzt nicht mehr gab? Auf dem Friedhof zunächst Ratlosigkeit. Da kam uns ein äl­teres Paar entgegen: „Wissen Sie zufällig, wo das Grab des Schriftstellers Franz Fühmann zu finden ist?“ „Ach, der Franz, der liegt gleich dahinten“, entgegnete der Mann, der offensichtlich mein überraschtes Gesicht zum Anlass nahm, zu erzählen, dass er Fühmann gekannt und geduzt habe und jetzt zu dem Franz-Fühmann-Freundeskreis im Ort gehöre, wo es auch eine Fühmann-Begegnungsstätte gebe. „Wir Älteren müssen hier zusammen­ste­hen, die Jugend ist ja weggelaufen, die re­novierte Schule musste geschlossen werden, da man mehr Computer als Schüler gezählt hatte.“

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Bücher, so weit das Auge blickt

Wenige Jahre nach der Wende war ich schon einmal an Fühmanns Grab gewesen – mit Jan Philipp Reemtsma und seinem Hamburger Anwalt und homme de lettres Joachim Kersten. Reemtsma hatte kurzerhand ein Taxi am Bahnhof Zoo nach Märkisch-Buchholz geordert, um mit uns Fühmanns Ruhestätte und dessen Schaffensklause zu besuchen, die von einem Westler abgerissen zu werden drohte. Als wir endlich auf Fühmanns Grundstück standen und die Szenerie betrachteten, sagten Kersten und Reemtsma wie aus einem Mund: „Das ist ja wie bei Arno Schmidt in der Heide.“ Neben dem Häuschen in einem garagenartigen Container ein Klapptisch, primitive Bestuhlung und graue Matten am Boden, wahrscheinlich um die Füße etwas zu wärmen. Ein spartanisch anmutender, trostloser Anblick.

In meinem Kopf tauchten Bilder von Fühmanns riesiger Berliner Wohnung am Strausberger Platz auf, in der er nie länger als ein paar Stunden verweilte. Sie war ihm wohl mehr Ort einer gewaltigen Bibliothek als Wohnstätte. „Mein Vater hat Bücher sogar in unserem Kühlschrank gestapelt“, erklärte Fühmanns Tochter, die nach der Wende noch eine Zeit lang dort gewohnt hatte. Die Bibliothek ihres Vaters übernahm schließlich die Akademie der Künste.

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Mit Ironie gegen die eigene Ohnmacht

Fühmanns Tochter hatte mich ge­drängt, die Stasiakte ihres Vaters in meine Arbeit an der Briefedition mit einzubeziehen. Nur widerwillig stimmte ich zu; es war eine Horrorlektüre. Im Anhang der Edition deckte ich die Verflechtungen auf, nannte die Klarnamen der Informanten (zur deren Identifikation musste ich nur die Schwärzungen über eine Lampe halten). Die ganze Fühmann-Akte ist auch ein Spiegel des Stasiapparats, der die Macht der Schriftsteller und meine eigene als Westlektor völlig überschätzte.

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Als ich Franz Fühmann kennenlernte, war er schon der Eremit von Märkisch-Buchholz, ein Asket, der wenig aß und immer sehr schlicht gekleidet war. Wenn wir uns mit Klaus Schlesinger bei einem Italiener am Savignyplatz in Charlottenburg, nahe der Autorenbuchhandlung, trafen, diskutierte er lieber mit uns, als mit uns zu essen oder gar zu trinken. Denn den Alkohol hatte er sich Jahre zuvor, 1968, mit dem Einmarsch der Sowjets in Prag, ver­boten und durch eine Entziehungskur in Rostock gänzlich ab­gewöhnt. So prophezeite er jetzt inmitten des Wettrüstens – und Schlesinger war dieser Vorausschau nicht abgeneigt; es war die Zeit des Nato-Doppelbeschlusses –, dass alsbald eine Atombombe die Welt auslöschen würde. In der DDR habe man schon Vorkehrungen ge­troffen: Akten­taschen über den Kopf halten! Scherz oder nicht, es war Franz Fühmanns ironischer Ausdruck seines Ohnmachtgefühls.

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Eine beeindruckende Persönlichkeit

Franz Fühmann tauchte oft in der Berliner Autorenbuchhandlung in der Carmerstraße auf, wo sich Ost und West leicht verabreden konnten. Er war immer mit ein, zwei großen Taschen ausgerüstet, die er, prall gefüllt mit Büchern, zurück schleppte (er hatte dafür vom DDR-Zoll einen Freischein), um die meisten Titel großzügig an junge Autoren weiterzureichen. Wir trafen uns dort, um seinen sechzigsten Geburtstag zu begehen; in der DDR hatte es keine Würdigung für ihn gegeben. Klaus Wagenbach und an­dere aus der Berliner Literaturszene kamen. Ich hielt eine kleine Rede über Fühmanns komplexen Weg zur Literatur, über sein ästhetisch und moralisch wertesetzendes Werk und dessen je verschiedene Rezeption in Ost und West. Um von dieser Würdigung seiner Person und des Werks abzulenken, ging Fühmann sofort in seiner Erwiderung auf junge Autoren der DDR und ihr utopisches Potential ein: Auf die gelte es jetzt zu sehen, auf die müsse man hoffen.

Der Fühmann der Lesungen, der Fühmann der Vorträge war eine genuine Ge­stalt. Seine Ausstrahlung, ja Faszination schien mir nicht nur aus dem Duktus seiner Rede oder Lesungen zu entstehen, man spürte, dass seine ganze Persön­lichkeit hinter jedem Satz stand: bei Lesungen in der Berliner Autorenbuchhandlung, in der Buchhändlerschule in Frankfurt am Main-Seckbach oder bei einem sich über Stunden hinziehenden Ge­spräch mit Schülern im hessischen Butzbach über seinen langen Weg der Selbstfindung zum kritischen Autor. Und schließlich auch bei seiner Rede zur Verleihung des Geschwister-Scholl-Preises in München, 1982. Es muss diese spezifische Fühmann-Aura gewesen sein, die Jan Philipp Reemtsma in der Hamburger Heine-Buchhandlung 1978 bei einer Lesung beeindruckt hatte. Die Arno-Schmidt-Stiftung finanzierte schließlich meine erste Auswahl der Briefe Fühmanns.

Im Herzen blieb er DDRler

Ich war Franz Fühmann im Januar 1975 zum ersten Mal begegnet, in Frankfurt am Main aus Anlass einer Rilke-Hommage des Suhrkamp-Verlags zum hundertsten Todestag des Dichters. Fühmann nannte Frankfurt aus seiner Berlin-Perspektive das „nette Städele“, so auch späterhin, wenn er in die Main-Metropole kam. Als wir aus einem Parkhaus fuhren, ich eine Münze einwarf, um die Schranke zu öffnen, be­merkte Fühmann: „Mein Gott, so funktioniert das halt alles bei Ihnen.“ Ein viel­sagender Satz, der von uns beiden in diesem Augenblick nicht weiter kommentiert werden musste, aber er barg schon Fühmanns ganzen Widerspruch. Trotz aller De­fizite und Unzulänglichkeiten seines Staates, trotz der Schwierigkeiten, die dieser Schriftstellern und Künstlern machte, wollte Fühmann an der DDR festhalten, sogar, wenn sie ihn nur – seinen eigenen Worten nach – auf den „braven Anti­faschisten und Kinderbuchautor“ einzuschränken versuchte.

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Auf Werk und Person Fühmanns hatte mich Kurt Batt, sein Lektor im Rostocker Hins­torff-Verlag, aufmerksam gemacht; es war um die Zeit, als das Un­garn-Tagebuch „22 Tage oder die Hälfte des Lebens“ erschienen war. Batt erzählte mir von den Schwierigkeiten bei der Entstehung dieses Buchs; Fühmann hat sie selbst später festgehalten: die Verwandlung einer harm­losen Reiseschilderung in eine erste ernste Auseinandersetzung mit Grundfragen von Kunst und Macht, Individuum und Gesellschaft.

Viele Verlage waren nicht das Richtige für ihn

Jedenfalls war mit Batts frühem Tod 1975 der Augenblick gekommen, mich Fühmann mit meinem Nachruf auf seinen Lektor in der „Neuen Rundschau“ zu empfehlen und ihn zum westdeutschen Verlag Hoffmann und Campe zu holen, obwohl einige seiner Bücher zuletzt bei Suhrkamp erschienen waren. „Schauen Sie, lieber Herr Schmitt“, hatte er zu­nächst abgewehrt, „das Schicksal hat mich schon dermaßen an Verlage verzettelt, dass ich mich eigentlich mit meinem Werk hier wie zerstückelt fühle.“ Es ge­lang schließlich doch, nachdem man Fühmann bei Suhrkamp auf sein Drängen nach rascherer Publikationsfolge gesagt hatte: „Am Tisch des Königs können nicht alle Platz nehmen.“

In Kurt Batts schmalem Nachlass, den ich kurz nach seinem Tod einsehen konnte, fand sich ein Plan für eine Autobiogra­phie, und der Titel zu einem Kapitel darin lau­tete „Fühmann oder die Schroffheit“. Schroffheit? Wie hatte Batt das gemeint? Vielleicht als Unveräußerlichkeit bei Fühmanns Durchringen zur eigenen Wahrheit gegenüber allen von außen gesetzten ideologischen Widerständigkeiten? Als ich Füh­mann kennenlernte, hatte er sich längst als literarischer Autor gefunden. Es gab für ihn keine großen ästhetischen Auseinandersetzungen mehr.

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Nicht immer war die Darstellung unumstritten

Bei der Abgabe seines Trakl-Manuskript („Der Sturz des Engels“) kam Fühmanns Frage, ob auf namentliche Nennung einiger parteipolitischer Personen aus der DDR verzichtet werden könne, die während der Dekadenz- und Formalismusdiskussion Trakl, Kafka und die ganze Moderne verbannt hatten; es würde ihnen sonst zu viel Bedeutung zukommen. Im fertigen Trakl-Buch heißt es dann auf Seite 117: „Es scheint mir wenig angemessen, einen der Namen seiner Vollzieher neben den Trakls zu stellen.“ Gemeint waren damit Alfred Kurella oder auch Alexander Abusch.

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Wir sprachen auch über Schwierigkeiten des „Bergwerk“-Manuskripts, in dem ich einige Proben – irrtümlich – für einen Rückfall in den sozialistischen Realismus hielt. Fühmann wollte ja gerade eine „kritische Standortbestimmung des Schriftstellers im realexistierenden Sozialismus“ aufzeigen. Auf einer Ansichtskarte (er liebte solche Mitteilungswege) schrieb er 1983: „Tief aus dem Bergwerk rufe ich: Beten Sie für mich, halten Sie mir die Daumen, es wächst sich aus!! 4 Jahre Arbeit! Was soll da werden ...“

Nach einer Lesung in Frankfurt am Main im Jahr 1979 erlebte ich einen sehr verblüfften Fühmann, als ich ihm sagte: „Jetzt werde ich Sie mit dem Lyrikband eines Dichters aus der DDR bekannt machen, den es bei Ihnen nicht gibt“, und mit ihm in die Frankfurter Autorenbuchhandlung im Westend fuhr, um ihm Wolfgang Hilbigs Lyrikband „abwesenheit“ zu besorgen. „So, ein DDR-Autor und der er­scheint nicht bei uns? Das ist doch unglaublich!“ Die nachfolgende Geschichte von Fühmanns Ringen um Wolfgang Hilbig in der DDR ist bekannt.

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Vom Nazisoldaten zum „leibhaftigen Kommunistenteufel“

Die Publikation von „Der Sturz des Engels“ sollte 1982 den Hö­hepunkt seines Schaffens bilden. Es ist ein brillantes autobiographisches Mixtum compositum aus Essay und Bericht, Gedichtinterpretation und Erzählung, ein Buch radikaler Offenheit, in dem Fühmann seine Wandlungen vom jungen Nazisoldaten zum Kommunisten und schließlich zum kritischen Schriftsteller fokussierte. Mit diesem Werk fand Fühmann erstmals großen Widerhall in der bundesrepublikanischen Kritik, erhielt den Preis der Bestenliste des Südwestfunks und den Ge­schwister-Scholl-Preis, aber es stand quer zum offiziellen DDR-Diskurs, obwohl es schließlich auch bei Hinstorff in Rostock unter dem Titel „Vor Feuerschlünden“ erscheinen konnte – nicht ganz ohne „Au­ßendruck“ unsererseits, die angekündigte Westausgabe könnte vor der DDR-Publikation erscheinen.

Dann Fühmanns große Dankesrede zum Scholl-Preis im Münchner Rathaus vor den bayrischen Würdenträgern. Beim an­schlie­ßenden Festessen saß Franz Joseph Strauß in unmittelbarer Nähe unseres Ti­sches und lugte ab und zu verwundert zu uns herüber. Fühmann freute sich: Ob sich Strauß wohl den leibhaftigen Kommunistenteufel so vorgestellt habe? Er selbst konnte mit leisem Triumph in sein „Vaterland“, wie er die DDR mit patriotisch-ironischem Unterton nannte, zurückkehren. Er hatte sich in seiner Münchner Rede über Wahrheit und Würde, Scham und Schuld für keines der beiden Deutschländer vor den Karren spannen lassen. Es ging ihm einzig um eine Selbstbefragung angesichts der Tat der Ge­schwister Scholl und in diesem Kontext um ein „Nachdenken über Auschwitz“, wie er in seiner Rede sagte.

Trotz zahlreicher Konflikte in den Jahren seit 1975 wollte Fühmann die DDR nie verlassen; seine enormen Anstrengungen, Wolfgang Hilbig, Uwe Kolbe und anderen jungen Schriftstellern in ihrem eigenen Land eine Publikation zu ermöglichen, künden davon. Vom Standhalten trotz aller Hindernisse, die sich ihm und den jungen Autoren im Staate DDR entgegenstellten. Franz Fühmann starb zu früh, 1984 im Alter von 62 Jahren, fünf Jahre vor dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende der DDR. Er hatte sich in unseren Gesprächen mit Klaus Schlesinger beim Italiener am Savignyplatz eher den Untergang der Welt durch die Atombombe vorstellen können als diesen Fortgang unserer deutschen Geschichte.

Hans-Jürgen Schmitt, geboren 1938, war von den Siebzigerjahren an der Lektor von Franz Fühmann beim westdeutschen Verlag Hoffmann und Campe.

Quelle: F.A.Z.
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