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Zum Tod von Tom Wolfe

Vernunft ist ästhetisch zu anspruchslos

Von Claudius Seidl
 - 17:25

Unter den amerikanischen Journalisten wollte Tom Wolfe der beste Schriftsteller sein und unter den Schriftstellern der beste Journalist – und bevor man sich abschließend dazu äußert, ob ihm das gelungen sei, möchte man sich nicht nur noch einmal durchs gesamte Werk des Tom Wolfe arbeiten, sondern auch durch die Texte von Joan Didion, Hunter S. Thompson, Norman Mailer und Truman Capote, um nur ein paar der anderen Anwärter zu nennen.

Als Norman Mailer, Wolfes bester Feind, noch lebte, wurde der Wettkampf ganz direkt ausgetragen: „Es wirkt ein bisschen dumm, wenn ein Mann immer weiße Anzüge trägt, vor allem in New York“, so fing Mailer den Streit an, der Literaturgeschichte geworden ist. Wolfe konterte: „Der Rudelführer ist immer der, den die anderen in den Arsch beißen wollen.“ Worauf Mailer, dessen Markenzeichen sein Machismo war, richtig böse wurde: „Wenngleich es stimmt, dass die anderen Hunde den Anführer immer in den Hintern beißen wollen, heißt das noch lange nicht, dass einer der Anführer ist, bloß weil er einen blutigen Hintern hat.“

Gewinner war der weiße Anzug

Gewinner in diesem Streit, so muss man wohl im Rückblick sagen, war der weiße Anzug: Andere Schriftsteller waren vielleicht berühmt bei ihren Lesern und in einer literarisch interessierten Öffentlichkeit. Tom Wolfes Anzug war aber das beste aller literarischen Markenzeichen: Den Mann, der darin steckte, kannten spätestens in den Achtzigern auch solche Menschen, die noch nie eine Filiale von Barnes&Noble betreten hatten.

Man würde ihn einen Popstar des Schreibens nennen – wenn er nicht zu allem, was Pop, populäre Kultur, Geschmack und Leidenschaft der Masse war, so ein ambivalentes, ja fast manisch-depressives Verhältnis gehabt hätte. Denn einerseits war diese Kultur von Anfang an, seit seiner atemberaubenden Reportage „The Electric Kool-Aid Acid Test“ (man muss, weil es um den Sound geht, den englischen Titel zitieren), nicht bloß Gegenstand seiner Berichterstattung. Das, was dann „New Journalism“ hieß und worauf Wolfe (nicht als Einziger allerdings) das Copyright beanspruchte, war ja der Versuch, das Neue, das es zu beschreiben galt, nicht mit kühlen Begriffen zu bändigen und mit allseits bewährter Syntax zur Ordnung zu rufen.

Sondern diesem Neuen beim Schreiben mit neuen Wörtern, synkopisierten Sätzen, mit krachenden Sounds und schnellen Rhythmen eine sinnliche, fast schon musikalische Dimension zu erschließen. Wenn das nicht Pop war, dann war es mindestens Popliteratur – und natürlich vergaß Wolfe nicht, seinen Lesern zu erzählen, dass er zwar mit dem Autor Ken Kesey und dessen Anhängern, den „Merry Pranksters“, durch Amerika gefahren sei, wobei der Trip, drogenbedingt, vor allem nach innen und nicht immer zurück ging; dass er aber allen Versuchen, auch aus ihm einen LSD-gläubigen Hippie zu machen, widerstanden habe. Das weiße Jackett behielt er an, der oberste Hemdknopf blieb verschlossen: Auch dem Ich, als Gegenstand der Berichterstattung, erschloss Wolfes Prosa neue Dimensionen.

Wobei man seinen Habitus in jener Zeit, den späten Sechzigern und frühen Siebzigern, vielleicht am besten so deuten kann: Wenn einer sagen will, dass der Kaiser nackt sei, sollte er selbst sehr gut angezogen sein. Und das, eine Nacktheit, eine Leere, ein deprimierendes Nichts, das war es, was Wolfe vorfand, wenn er unter die Oberflächen zu schauen versuchte. Oberflächen waren seine Stärke, seine Beschreibung einer Party im New Yorker Penthouse von Leonard Bernstein, die legendäre Story „Radical Chic: That Party at Lenny’s“, das war allerbeste amerikanische Literatur, die ja ihre Anschaulichkeit vor allem der Erfahrung verdankt, dass auch die Filmkameras nur Oberflächen sehen können. Und die Bilder einen trotzdem sehr tief treffen und berühren können.

Aber Wolfe wollte zugleich hinter die Oberflächen der linken Boheme schauen, und was er da sah, hinter der Fassade schicker Menschen, die Spenden für die Black Panther Party sammelten, war nichts als Pose, Mode, Bluff. Ob das wirklich am Gegenstand lag – oder vor allem an Tom Wolfe, das war auch die Frage, als er sich erst die moderne Kunst, dann die Architektur vornahm. In „The Painted Word“ (1975, über Kunst) und „From Bauhaus to Our House“ (1981, über Architektur) war Wolfe sich selbst Maßstab genug. Er hatte seinen Geschmack, der war gut; und mehr brauchte er nicht, um der modernen Kunst zu bescheinigen, dass sie innerlich hohl sei, was aber durch enormen theoretischen Aufwand erfolgreich verschleiert werde von einer Camarilla aus Akademikern, Kritikern, Sammlern und Galeristen, die keinen Außenseiter zu Wort kommen ließen. Und die Architektur sei konformistisch, theoriegläubig, welt- und menschenfremd; wenn man die großen Behauptungen, mit denen sie sich rechtfertige, nicht mehr glaube, dann stünden da nur noch hässliche, eckige Betonkartons in der Landschaft: Niemand leugnet, dass Mies van der Rohe ein großer Architekt ist. Dieser Niemand bin ich. Das war nicht richtig; heroisch war es aber schon.

Das Buch erschien pünktlich zum Crash

Das Beste und zugleich das Schlimmste, was Wolfe geschehen ist, war „The Bonfire of the Vanities“, ein Roman ohne Helden, wie Wolfe das Buch im Untertitel nannte (so gut wie Thackeray war er doch längst): Es heißt, er habe eigentlich eine Reportage über die Wall Street schreiben wollen, habe deshalb mit sehr vielen Menschen gesprochen – und am Schluss habe er zwar nicht verstanden, wie der Finanzmarkt funktioniert, aber umso besser, was die Menschen bewegt, die sich dort als „Masters of the Universe“ aufspielen. Dass er seine Recherchen in die Form eines Romans brachte, war, angesichts der Fülle des Materials und der Größe der Emotionen, eine zwingende Entscheidung – auch wenn man die Mechanik des Erzählens manchmal scheppern hört. Was ihm gelang, war nicht nur die Beschreibung einer Welt – es gelang ihm zugleich, den Zauber, das Geheimnis, vielleicht sogar den Mythos von New York auf den damals neuesten Stand zu bringen. Das Buch erschien pünktlich zum Crash von 1987.

Wie wichtig dieses Buch damals war, konnte man wenig später bei Bret Easton Ellis lesen. Dessen „American Psycho“, der Broker Patrick Bateman, arbeitete nicht nur für dieselbe Firma wie Wolfes Held Sherman McCoy, eine Firma, die Pierce&Pierce heißt; wie „to pierce“: durchbohren. Er war, in seinem mörderischen Ästhetizismus, auch eine schaurige Travestie des amtierenden Dandys Wolfe.

Der hielt sich fortan für den großen amerikanischen Autor, blieb aber ein Dandy – und auf seine alten Tage führte er exemplarisch die Borniertheit einer nur ästhetischen Weltsicht vor. Der Konsens, die alltägliche Vernünftigkeit, das war ihm ästhetisch zu anspruchslos. Links davon war alles abgegrast. Und so wurde Wolfe zum Reaktionär, der sich in Essays und Romanen fortan gegen alles stellte, was modern, fortschrittlich, zeitgemäß war. Das war zwar falsch, hatte aber, gerade weil er dabei oft einsam war, Stil und eine gewisse Würde. Gut angezogen blieb er ohnehin. Am Montag ist er gestorben. Er wurde 88 Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Claudius Seidl
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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