Zum Tod Gore Vidals

Der Prinz des amerikanischen Imperiums

Von Patrick Bahners, New York
01.08.2012
, 09:16
Gore Vidal (3. Oktober 1925 bis 31. Juli 2012)
Mehr als sechzig Jahre lang hat er die Kritik und das Publikum provoziert, amüsiert, irritiert und fasziniert: Zum Tod des amerikanischen Romanciers, Dramatikers, Sach- und Drehbuchautors Gore Vidal.

Als Gore Vidal ein kleiner Junge war, ging er im Kapitol von Washington ein und aus. Dort arbeitete sein Großvater, und der Enkel durfte ihn von der Arbeit abholen. An einem heißen Sommertag hatte der kleine Eugene, wie er damals noch gerufen wurde, nur eine Badehose an. Der Vizepräsident rief den Großvater zur Ordnung: „Herr Senator, der Junge ist nackt!“ Thomas Gore, der demokratische Senator aus Oklahoma, war blind.

Als der Enkel größer wurde, las er dem Großvater vor. Aus dem Vorleser ist ein Autor geworden, der unermüdlich aufgeschrieben hat, was er damals aus dem Munde des Senators und aus dem eigenen Munde gehört hatte. Er hat den alten Herrn in seinen Romanen auftreten lassen, unter dem eigenen Namen und im Kostüm historischer Figuren, wie er auch selbst in den Romanen auftritt – und wie er mit dem Namen des Patriarchen zugleich dessen Amt übernommen hat.

Zwar gelang es ihm nicht, zum Senator gewählt zu werden; in der demokratischen Vorwahl des Bundesstaats Kalifornien unterlag er 1982 Jerry Brown, dem damaligen und heutigen Gouverneur. Aber er hat dem Befehl des Vizepräsidenten getrotzt und sich nicht des Saals verweisen lassen.

Amerika ist nackt

Sein Leben lang stand er auf dem Boden der noblen Kammer und drehte, mit jener elementaren Geste der Opposition, die der Anfang des Parlamentarismus ist, den Spieß um: Er sagte den versammelten Staatsmännern ins Gesicht, dass Amerika nackt sei. Denn aus der Republik von 1776, dem Gemeinwesen der Freien und Gleichen, war ein Kaisertum geworden, und er selbst war dafür der lebende Beweis.

Politische Dynastien wie die Kennedys, mit denen die Vidals verschwägert waren, die Roosevelts oder die Browns vertragen sich auf Dauer schlecht mit der freien Regierungsform. Das gilt auch für die Gores. Mit Albert Gore, Jr., dem Senatorensohn, Senator, Vize- und Fastpräsidenten, wollte Gore Vidal nichts zu tun haben, weil der Vetter sich als Musterschüler seines Harvard-Professors Martin Peretz aufführte, des Eigentümers der Zeitschrift „The New Republic“ und Patrons der Neokonservativen.

Einer der historischen Romane Vidals, die eine zusammenhängende Geschichte des amerikanischen politischen Systems ergeben, eine Gegen- oder Geheimgeschichte, wie sie in der alten Welt von Höflingen geschrieben worden war, heißt ganz einfach „Empire“.

Alterssitz bei Hollywood

Gore Vidal war ein Prinz des amerikanischen Imperiums, dessen Porträt vielleicht einmal ein amerikanischer Tacitus zeichnen wird – wenn man der Senatsaristokratie noch zutrauen möchte, einen solchen Autor hervorzubringen. Als er in den sechziger Jahren sein Land verließ, kaufte er sich natürlich eine Wohnung in Rom. Erst 2003 tauschte er seine Villa an der Küste bei Amalfi gegen einen Alterssitz in der Nähe von Hollywood ein.

In seinen Selbststilisierungen entdeckte man nicht selten einen Anflug von Cäsarenwahn, doch Vidal erlag nie der Illusion, die ein Präsidentschaftskandidat auch dann kultivieren muss, wenn er der Sohn eines Autokonzernchefs und Gouverneurs ist: der Einbildung, er sei ein Selfmademan.

Gore Vidals Vater, Luftwaffenpilot und Fluglehrer in West Point, wo der Schriftsteller am 3. Oktober 1925 geboren wurde, gründete drei Fluglinien und leitete in der Regierung von Franklin D. Roosevelt die zivile Luftfahrtbehörde. Der Zweite Weltkrieg war noch nicht beendet, als der Neunzehnjährige mit dem Roman „Williwaw“ debütierte, in dem er seine Kriegsdiensterlebnisse in Alaska verarbeitet hatte.

Unter Soldaten spielt auch der dritte Roman, „The City and the Pillar“ von 1948, die Geschichte eines homosexuellen Coming-of-Age, die den Literaturchef der „New York Times“ so sehr empörte, dass Vidal-Rezensionen dort viele Jahre lang als zum Druck ungeeignet galten. Der Geliebte des Helden ist ein verheirateter Geschichtsprofessor, der ihm beim Latrinenputzen Vorträge über das Tyrannische an demokratischen Armeen hält.

Isolationismus als Erbe

Gewidmet war das Buch einem „J.T.“. Hinter den Initialen verbarg sich ein Schulfreund, James Trimble, der in der Schlacht um Iwo Jima gefallen war. Einen der vielen Skandale seiner Karriere löste Vidal aus, als er apodiktisch erklärte, dass der große, gute Krieg der nationalen Legende nicht das Leben dieses einen Rekruten James Trimble wert gewesen sei.

Der Status dieses Satzes entspricht vielleicht dem der komplementären Aussage, die er bei anderer Gelegenheit gemacht hat: Nach Trimbles Tod habe er nie wieder jemanden geliebt. In einer Besprechung von Vidals zweitem Memoirenbuch „Point to Point Navigation“ bemerkte Inigo Thomas: „Verstrickungen, ob es um die Regierung der Vereinigten Staaten oder um ein Individuum ging, waren zu europäisch für diesen Amerikaner“ – der nach Europa auswich, um daheim nicht verstrickt zu bleiben.

Der Isolationismus ist das Erbe des Großvaters. Die Ehrenrettung dieser Tradition war die beherrschende Leidenschaft hinter Gore Vidals politischen Interventionen. Dass Isolationismus bis heute als Synonym für Defätismus und Egoismus dient, nahm er als Beweis für das schlechte Gewissen der Strategen, die den Gedanken an Alternativen zur Doktrin der globalen Eingriffsbereitschaft gar nicht erst zulassen wollen.

Der göttliche Fingerzeig

Auch Senator Gore und seine Verbündeten, die Populisten, glaubten laut Vidal an eine Mission Amerikas: „die Vervollkommnung unserer eigenen, ungewöhnlichen, aber gar nicht ,außergewöhnlichen’ Gesellschaft“. Der Exzeptionalismus lenkte nach Ansicht der Isolationisten nur ab von der Reformbedürftigkeit des Kapitalismus.

Dass dem Staatsmann, der das alles mit dieser Klarheit sah, das Augenlicht fehlte, ist ein Faktum, wie es der epische Dichter als göttlichen Fingerzeig vorfindet. Und so hat Vidal es auch benutzt: Der Held seines althistorischen Romans „Creation“ über die Griechenkriege, die wir als die Perserkriege kennen, ist ein blinder persischer Beamter namens Cyrus, ein Homer der Prosa.

Er hat einen Vorleser, seinen Großneffen, der Demokrit heißt, wie der atheistische griechische Philosoph. Über Norman Mailer, einen seiner Intimfeinde, schrieb Vidal einmal: „Er ist am besten, wenn er von sich selbst spricht.“ In Klammern setzte er hinzu: „Wer wäre das nicht?“

Der Biograph seines Landes

Die Pointe ist doppelbödig, das gnädige Entgegenkommen ein Trick. Allem Anschein zum Trotz war Vidal davon überzeugt, dass er keine Bekenntnisliteratur produzierte. Daher lässt er seinen Cyrus die formelhafte Objektivität des persischen Verwaltungsschrifttums gegen den erlogenen psychologischen Realismus der griechischen Tragödie verteidigen.

In der Literaturkritik war Vidal wie in der politischen Publizistik der Vorstellung einer durchschaubaren Welt verpflichtet. Über John Barth, den Pfadfinder der Postmoderne, urteilte er: „Das ist nicht schlecht, außer als Prosa.“ Die 1300 Seiten dicke Sammlung seiner Essays aus der „New York Review of Books“ nannte er „United States“. Natürlich liebe er sein Land, hat er versichert. „Schließlich bin ich sein gegenwärtiger Biograph.“

Dieser Nationalschriftsteller, der auch für den Film, die Bühne und das Fernsehen gearbeitet hat, wusste, dass seine herrliche Isolation nur so lange dauern konnte wie sein Leben. Er kaufte sich eine Grabstätte auf dem Rock Creek Cemetery in Washington. Dort wird er zwischen Senatoren und Richtern des Obersten Gerichtshofs liegen, neben seinem 2003 verstorbenen Lebenspartner Howard Austen und nicht weit von James Trimble. Gore Vidal ist am Dienstagabend im Alter von 86 Jahren in seinem Haus in den Hollywood Hills gestorben.

Das war gut, auch als Prosa.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bahners, Patrick
Patrick Bahners
Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.
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