Zum Tod von Karl Heinz Bohrer

König im literarischen Reich der Unmittelbarkeit

Von Jürgen Kaube
05.08.2021
, 17:46
Karl Heinz Bohrer, 1978
Er war Vorgänger Reich-Ranickis als Literaturchef der F.A.Z., vorbildlich war für ihn, was es in Deutschland gar nicht gab – der Surrealismus. Die Kunst überraschte ihn mehr als das Leben: Zum Tod von Karl Heinz Bohrer.

Er war ein Intellektueller, der leicht in Gegensatz zu seiner Umwelt kam. Fast in jeder Lage kultivierte er Unwohlsein. Als Student der Literaturgeschichte war ihm bei der Heidelberger Professorenseligkeit mit Goethe unwohl. Zu allem hatten sie ein Zitat parat, und wenn es keines von Goethe war, dann ein anderes gemütliches, von Gadamer beispielsweise. Nichts Überraschendes, alles schon gesagt. Das war um 1960 herum. Karl Heinz Bohrer pflegte laut seinen Erinnerungen damals schon das Dasein eines Bohemiens, folgte den existenzialistischen Philosophen und betrieb das Studium der frühromantischen Ästhetik, die für ihn maßgeblich blieb.

Journalist zu werden schien bei diesem Hunger nach Unerwartetem folgerichtig. Es folgte eine kurze Zeit als Redakteur bei der Tageszeitung Die Welt, an der ihm aber im Rückblick nichts behagte, am wenigsten der abgestandene und darum schauspielhaft aufgeführte Konservatismus. Später, von 1968 an und bis 1974 als Literaturkritiker und Literaturchef dieser Zeitung, verdoppelte sich das Unwohlsein. Bohrer wollte weder bürgerlich sein, am wenigsten im Sinne der in sich und zuweilen pompös reflektierten Bürgerlichkeit Thomas Manns. Für ihn war vielmehr vorbildlich, was es in Deutschland gar nicht gab: der Surrealismus in allen seinen Vorläufern und Spielarten. Noch führten seine Sympathien mit der Revolte von 1968 zu irgendwelchen antibürgerlichen politischen Assoziationen.

Einmal nannte er sich „asozial begabt“, mit Kapital und Arbeit habe er nichts anfangen können. Die für ihn fast rituelle Empörung Kritischer Theoretiker über „die Verhältnisse“ langweilte ihn ebenso sehr wie Literatur, die nur „drapierte Ideengeschichte“ ohne plötzliche Überfälle auf die Leser war. So genoss er an 1968 vor allem die Außeralltäglichkeit und das Aufgemischtwerden der Gesellschaft als solcher. Der Satz, der verlangte, die Phantasie solle an die Macht kommen, hätte von ihm stammen können. Sein Marxismus war also nicht der von Karl, sondern der von Groucho: „Whatever it is, I’m against it.“

Lust am Untergang

Entsprechend viel Spott goss Bohrer fünfzehn Jahre später, inzwischen war er nicht nur Literaturprofessor, sondern auch Herausgeber der Zeitschrift Merkur geworden, über die Einrichtung der angeblich linken Mentalität in den Achtzigerjahren aus. Die Latzhosen und die Lichterketten, die Forderung nach einer „Streitkultur“ und zugleich nach mehr Gemeinschaft waren ihm genauso zuwider wie die Provinzialitäten im Land Helmut Kohls. Bohrer forderte mehr Frivolität und zugleich mehr Sinn für Rollenspiel und Stil. Er mochte keine Reihenhäuser. Unwohlsein also auch in Deutschland, das weder Frankreich noch England war, wobei Bohrer mitunter durchaus bereit schien, diese Länder mit Paris und London, wo er lebte, zu verwechseln.

Schließlich Unwohlsein in der Universität. Sie hatte ihn aufgenommen, nachdem ihn 1974 der damals für das Feuilleton zuständige Herausgeber der F.A.Z., Joachim Fest, durch Marcel Reich-Ranicki ersetzt hatte und für ein paar Jahre ins luxuriöse Korrespondenten-Exil nach London schickte. Dort schrieb Bohrer über den Theaterstaat England, dessen Monarchie und Parlament, dessen Klassengesellschaft und dessen Fußball die schönsten seiner Essays. Versammelt sind sie in dem Band „Ein bisschen Lust am Untergang“ von 1978. Und er schrieb seine Habilitation zu Ende, einen Wälzer über sein Lebensthema: die „Ästhetik des Schreckens“, die genauso gut „Sehr viel Lust am Untergang“ hätte heißen können.

Glänzende Anekdoten

Kaum hatte er also einen Ort gefunden, an dem ihm wohl war, strebte er nach Bielefeld. Dort lehrte er dann von 1982 an in Seminaren über das Böse, die Plötzlichkeit, den Horror, den Abschied. Natürlich alles in der Literatur und, trotz des Unbehagens an Hegel wie Adorno, dann zwangsläufig doch begrifflich und empfindungsgeschichtlich behandelt. Denn auch die Romantik bestand mehr aus Texten als aus Taten, und es gehörte zu Karl Heinz Bohrer, sich ein gedankliches Reich der Unmittelbarkeit vorzustellen. Das Unerwartete, der Durchbruch durch Langeweile und Ritual, schien von der Kunst mehr als vom Leben auszugehen, und wenn es vom Leben ausging, war das nur möglich, sofern das Leben ästhetisch aufgefasst wurde, etwa als Theater. Die Bereitschaft dazu hielt er ausgewählten Bewohnern von Paris und London zugute.

Karl Heinz Bohrer, 1932 in Köln geboren, hat zeit seines Lebens versucht, in Deutschland einen Streit über die im europäischen Vergleich ästhetischen Defizite der deutschen Kultur auszulösen. Dabei schien ihm bei den Deutschen ein Mangel an Willen zu einer solchen stärker repräsentativen, darstellungsbewussten, exaltierten Kultur vorzuliegen. Die Aphorismen und Schnappschüsse, die Bohrer bei der Beschreibung dieses Unwillens gelungen sind, bleiben einschlägig. Man muss nur an den „Jägerzaun“ als Symbol deutscher Lebensweise denken. Doch es waren glänzende Anekdoten. Für die Untersuchung, worauf so etwas wie nationale Stile beruhen, inter­essierte sich Bohrer nicht.

Auch Altes kann uns überraschen

Sein anderes, artverwandtes Projekt war ein Streit über den weithin herrschenden Mangel an Sinn für ästhetische Autonomie. In mehr als einem Dutzend Bücher hat Bohrer seit 1981 die Autonomie der Kunst gegen den Versuch verteidigt, sie in geschichtsphilosophisch oder soziologisch definierte Zwecke einzuspannen. Heute nennt man solche Zwecke „politisch“, obwohl völlig unklar ist, auf welchem Weg über Romane oder Gedichte Mehrheiten zu gewinnen sein sollen. Das Echo auf Bohrers insistente Zweifel an einer verzweckten Kunst blieb in der universitären Diskussion trotzdem, um es vorsichtig zu sagen, schwach. Der Spruch Hegels, wir beugten die Knie nicht mehr vor Werken der Kunst, schien sich gegenüber einem Autor zu bestätigen, dessen Gesprächspartner in einem Streit über den Schlüsselcharakter des Ästhetischen alle schon verstorben waren.

Soeben ist Karl Heinz Bohrer in London gestorben, und wir trauern auch deshalb, weil er ein stets widerspruchsanreizender Zeitgenosse war. Das geplante Buch über die von Missverständnissen geprägte Beziehung zwischen Deutschen und Franzosen seit dem neunzehnten Jahrhundert wird unvollendet bleiben. Seine Lebenserinnerungen – die großartigen „Granatsplitter“ von 2012 und „Jetzt“ von 2017 – haben gezeigt, was aus einer Autobiographie herauszuholen ist. Die Bücher zur Verteidigung der romantischen Sicht auf die Welt fordern zur Überprüfung ihrer Thesen auf, und es hängt viel daran, ob Bohrer recht behält. Der Ernst, mit dem er sich ästhetischen Fragen zugewendet hat, sollte überdauern. Wer an der Bedeutung dieses Ernstes zweifelt, sollte den Band über Plötzlichkeit von 1981 oder eben die englischen Essays von 1978 lesen.

Vierzig Jahre her? Gewiss, aber ist das ein Argument? Die Frühromantik war zu Bohrers Zeiten mehr als hundertfünfzig Jahre her. Nach seinen Maßstäben kann also auch Altes uns überraschen. Karl Heinz Bohrer ist achtundachtzig Jahre geworden. Wie alt seine Argumente waren, können wir daraus nicht ableiten. Wir können nur sagen: Ein überaus gedankenanregender Geist hat uns verlassen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
Jürgen Kaube
Herausgeber.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot