Lawrence Ferlinghetti

Die Stimme des amerikanischen Beats

Von Jan Wiele
24.02.2021
, 18:13
„Mitten im Leben überrascht uns der grinsende Leichenbestatter“: Aber er wurde sagenhafte 101 Jahre alt. Zum Tod des Dichters, Verlegers und Buchhändlers Lawrence Ferlinghetti.

Als optimistischen Poet Laureate bei einer präsidialen Amtseinführung hätte man sich Lawrence Ferlinghetti kaum vorstellen können, denn selbst seine vordergründig fröhlichen Gedichte hatten bittere Kehrseiten oder erwiesen sich gar bald als sarkastisch. „The world is a beautiful place to be born into“, beginnt eines von ihnen. Nur um später fortzufahren: „...if you don’t mind some people dying all the time / or maybe only starving some of the time / which isn’t half so bad / if it isn’t you“.

Mit anderen Worten: Wie schön, dass du geboren bist, auch wenn die Welt die Hölle ist! Was machen da schon Krieg, Hunger und Ungerechtigkeit? Immerhin das kleine Glück scheint das Gedicht dann zu finden: beim Schwimmen in Flüssen und bei wilder Liebe, darin an Brecht erinnernd – und doch wird am Ende auch das vermasselt, denn: „right in the middle of it / comes the smiling mortician“. Mitten im Leben überrascht uns der grinsende Leichenbestatter: Das nun konnte Lawrence Ferlinghetti über sich selbst zum Glück nicht sagen, denn er wurde sagenhafte 101 Jahre alt.

Geboren, als er seine lyrische Stimme fand

Mit dem Verfassen seiner poetischen Autobiographie ließ er sich Zeit, bis er fast hundert war, und nannte sie dann genialerweise „Little Boy“. Sie beginnt so: „Little Boy war nah am Nichts. Er hatte keine Ahnung, wer er war oder woher er stammte.“ Lawrence Monsanto Ferlinghetti wurde 1919 im Bundesstaat New York geboren und wuchs an verschiedenen Orten auf, er nahm als Marinesoldat am Zweiten Weltkrieg teil und studierte in New York und Paris Literatur, bevor er in San Francisco Anfang der fünfziger Jahre seinen heute legendären „City Lights Bookstore“ eröffnete.

Aber wirklich geboren wurde er, das zeigt auch ein markanter Formwechsel jener Autobiographie, erst in dem Moment, in dem er seine lyrische Stimme fand. Es ist die Stimme der amerikanischen Beat Poetry, die man heute vor allem mit Allen Ginsberg und Jack Kerouac verbindet, die Suada in freien oder gar keinen Versen, aber durchaus rhythmisiert, wie Ferlinghetti es bis zuletzt bewies – man schaue sich etwa eine Lesung aus seinem einflussreichen Erstlingswerk „A Coney Island of the Mind“ von 1958 an, mehr als sechzig Jahre später im besagten Buchladen, voller Esprit. Das lyrische Titelbild ist so schillernd wie das eingangs zitierte Gedicht, kann die Halbinsel in Brooklyn doch sowohl für ausgelassene Kirmes wie auch für Achter- und Geisterbahnen stehen. Oder für das, was Italiener meinen, wenn sie von der Welt als grande casino sprechen.

Noch berühmter als Ferlinghettis eigene Lyrik wurde die des von ihm mit „Howl“ erstverlegten Ginsberg, jenem Langgedicht, das Epoche machte. Angeklagt wegen dessen Unanständigkeit, wurde Ferlinghetti letztlich freigesprochen. Er, der ferner Gregory Corso oder Michael McClure herausbrachte und als spiritueller Vater der Beat Poets gilt, war selbst ein Original – auch wenn sein Programm der modernen Entgrenzung alle vorangegangenen Dichter durch ihn hindurchsprechen ließ: „You are Whitman, you are Poe, you are Mark Twain, you are Emily Dickinson...“, postulierte er einmal. In seiner Lebenssuada und übersetzt von Ron Winkler klingt das so: „Rimbaud war ich und Apollinaire war ich und Baudelaire war ich und Villon war ich und ich war alle durchgeknallten streunenden zerlumpten Dichter zusammengerollt in einen Schlaf unter den Brücken dieser Welt.“ Wie wandelbar und humorvoll er war, bewies Ferlinghetti 1975 mit einer Parodie auf „Howl“, in der es heißt: „We have seen the best minds of our generation / destroyed by boredom at poetry readings“. Ernsthaft dagegen sah er Dichtung als „aufständische Kunst“, ätzte er gegen den Irak-Krieg, gegen Autoabgase oder „semiliterate Medien“.

Als optimistischen Poet Laureate hätte man sich Lawrence Ferlinghetti kaum vorstellen können – und doch ist der Vortrag der jungen Amanda Gorman, sind der Poetry Slam und der Rap nicht vorstellbar ohne die Grundlage seiner Beat-Dichtung. Nun ist er als deren letzter Ur-Repräsentant in San Francisco gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Wiele, Jan Christopher
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot