Dieter Kühns Dante-Projekt

Die Black Box Hölle

Von Tilman Spreckelsen
25.04.2021
, 21:37
Dieter Kühn: 1935 wurde er in Köln geboren.
Mit Romanen und Hörspielen wurde er bekannt und berühmt. Kurz vor seinem Tod 2015 begann Dieter Kühn noch einen Dante-Roman. Das unveröffentlichte Fragment zeigt ein ungeheures Projekt.

Zwei Männer auf dem Weg ins Jenseits: Der eine kennt den Weg bestens, schließlich ist er seit mehr als 1300 Jahren tot und hat vor nunmehr 33 Jahren schon einmal einen Lebenden ins Reich der Schatten begleitet. Der andere kennt diesen Weg nur aus dem Buch, das sein Vater nach einer solchen Reise geschrieben hatte und dem er 1322, ein Jahr nach dem Tod des Vaters, einen Kommentar gewidmet hatte: der „Göttlichen Komödie“. Jetzt also tritt Jacopo Alighieri in die Fußstapfen des großen Dante Alighieri. An seiner Seite, ein weiteres Mal, der Dichter Vergil.

Aber da ist noch ein Dritter. Er bleibt im Hintergrund, so dass man ihn über den Gesprächen und Begegnungen der beiden anderen im Totenreich fast vergessen könnte – eigentlich, so sagt dieser Dritte selbst, „dürfte man meine Schritte dabei gar nicht hören“. Trotzdem ist er es, der unsichtbare Fäden zieht und zu Beginn die Regeln der neuen Reise in die Welt der „Göttlichen Komödie“ ausspricht: „Wir sind hier in eigenem Namen, wenn auch Dante verpflichtet, Wort für Wort. Aber zwischendurch: Wir sprechen, damit wir uns sehen. Und im Blick behalten. Und nicht aus dem Blick verlieren.“ Es ist der Autor selbst.

Zweimal hat der Schriftsteller Dieter Kühn (1935 bis 2015) in den letzten Jahren seines Lebens Texte publiziert, die von seiner lang anhaltenden Beschäftigung mit Dante erzählen und von Plänen, sich literarisch mit dem italienischen Dichter auseinanderzusetzen. Der eine davon findet sich in „Die siebte Woge“, einem fünfhundert Seiten starken Band, der, erschienen in Kühns Todesjahr, Projekte ausführlich beschreibt, die er als Autor begonnen, aber bis dahin nicht beendet hatte und auch nicht mehr beenden sollte. Kühn, der mit seinem „Mittelalter-Quartett“, den so frischen wie philologisch präzisen und durchdachten Übersetzungen unter anderem des „Parzival“ und des „Tristan“ in den achtziger Jahren berühmt geworden ist, schreibt in „Die siebte Woge“, er habe, trotz gelegentlicher Revisionen dieser Texte, nicht vor, das Quartett seiner Übersetzungen noch zu erweitern. „Doch es stellte sich“, schreibt Kühn, „eine andere Herausforderung ein: Dante, Commedia. Ein Schreibprojekt besonderer Art“, das noch warten müsse, „jedenfalls keine Gesamtübertragung – davor bewahre mich vor allem das Paradiso!“

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Es folgen Maximen für eine Dante-Übersetzung, die an diejenigen erinnern, die Kühn bereits seinen Übersetzungen aus dem Mittelhochdeutschen an die Seite gestellt hatte. Er spricht sich darin für die Beibehaltung der Versform und für die Aufgabe des Reimschemas in der Übersetzung aus, drittens aber möge man doch bitte die jeweiligen Tonlagen des Originals nicht nivellieren: Wenn Wolfram im „Parzival“ fremdsprachliche Wendungen ins Mittelhochdeutsche mische, müsse das auch in der neuhochdeutschen Fassung sichtbar werden. Gleiches gelte für Dante, für seine „jähen Tonwechsel“, „ironischen Äußerungen“ und „komischen Interludien“. Es folgen kurze Übersetzungsproben aus den drei Teilen der „Göttlichen Komödie“.

Auf dieser Grundlage erschien ebenfalls 2015 in der „Neuen Rundschau“ eine erweiterte Fassung unter dem Titel „Dante übertragen“, nun aber mit längeren Ausführungen zu den Anforderungen einer Übersetzung der „Göttlichen Komödie“ und mit drei vollständig übersetzten Cantos: dem dritten Gesang des „Inferno“, dem zweiten des „Purgatorio“ und dem ersten des „Paradiso“.

Kühns unvollendetes Werk

Es sind die letzten Worte, die Kühn selbst über Dante publizierte. Aber sie bilden sein Projekt nicht ab, das sich an diesen Autor und vor allem an dessen Werk knüpft. Erst der Blick in den Nachlass von Kühn macht deutlich, worum es sich hier eigentlich handelt. Es geht ihm darin um weit mehr als eine bloße Übersetzung, obwohl diese, und mit ihr die Überlegungen zum Dante-Übersetzen, in das geplante Werk eingehen sollten. Geplant und begonnen wurde ein Roman.

Kühn scheint den letzten Winter seines Lebens intensiv daran gearbeitet zu haben. Erhalten sind fünf aufeinander aufbauende Versionen, entstanden zwischen dem 11. Oktober 2014 und dem 11. März 2015, nicht gerechnet weitere kürzere Varianten. Die erste Version entspricht weitgehend dem Text, der später in der „Neuen Rundschau“ erschienen ist; sie enthält allerdings noch einen zweiseitigen Anhang unter dem Titel „Zwischenspiele“, der den Raum öffnet für das, was in den späteren Versionen dazukommen wird. Es sind kurze Notizen und schon fertig ausgeführte Dialoge zwischen Vergil und Jacopo Alighieri (1289 bis 1348). Auch wenn der antike Dichter eigentlich Dantes Sohn durchs Jenseits führen sollte, hat sich der doch jahrelang mit dem Werk seines Vaters beschäftigt und dabei, schreibt Kühn, einen Kommentar verfasst, länger als die eigentliche „Göttliche Komödie“.

Dante Alighieri und Vergil auf dem Weg hinab in die tiefste Hölle, festgehalten von Gustave Doré.
Dante Alighieri und Vergil auf dem Weg hinab in die tiefste Hölle, festgehalten von Gustave Doré. Bild: Gustave Doré

Das wirft die Frage auf, was bei einem solchen Gang durch einen literarischen Kosmos mehr zählt: die Erfahrung Vergils oder die auslegende Lektüre des Kommentar-Schreibers Jacopos? Der Sohn, schreibt Kühn, „übernimmt, wieder gemeinsam mit Vergil, die zweite, wortgenaue, spurgetreue Führung durch das Inferno, wie Dante es Terzine um Terzine beschrieb und sah. Oder sah und beschrieb.“ Vergil jedenfalls, auch das wird sich durch die verschiedenen Fassungen des Romanfragments ziehen, „wird sich, erzählend, seines Zustands deutlicher bewusst: eher gebrechlicher Statur, magenkrank, fast chronisch, er hakt sich zeitweilig beim Dantesohn ein, wird dennoch alles mit anderen Augen sehen in der neuen Begleitung.“

Die Länge der Entwürfe wächst von achtzehn auf bis über hundert Typoskriptseiten. Es sind jeweils Fragmente, in denen sich geradezu druckfertige Passagen von Geschlossenheit und Schönheit mit Gedankensplittern und Erzählkeimen abwechseln. Die eigentliche Romanhandlung lässt sich so noch nicht erkennen, dafür entwickelt sich aber eine Vorstellung von der Atmosphäre des Textes: Im Vordergrund stehen die Gespräche zwischen Jacopo und Vergil, der als Person mit seiner Biographie sehr viel plastischer wird als in der „Göttlichen Komödie“ selbst. Dem dritten Reisenden, dem im Hintergrund, bleibt es überlassen, den Bogen in die Gegenwart und zum Leser zu schlagen, dies allerdings zunächst unter traurigen Auspizien: „Ich versetze mich in jene Zeit aus einer Zeit, in der Hölle bis in extremste Formen organisiert wurde. Naheliegend der Hinweis auf nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager. Aber: nicht als womöglich gerechte Strafen (wie es Dante letztlich postuliert) für sündiges Verhalten, vielmehr: höllische Leiden, Tod für Unschuldige.“

„In der Hölle hat sich nichts geändert“

So wie das Manuskript von Fassung zu Fassung wächst, so kommen auch neue Aspekte hinzu, am deutlichsten sichtbar in zwei Vorspielen von der dritten Fassung an, die von zwei antiken Besuchen in der Unterwelt berichten, von Odysseus’ Totenbeschwörung in der „Odyssee“ und von der entsprechenden Szene in der „Aeneis“ des Vergil. Beide werfen ein kontrastierendes Licht auf den Inhalt der „Göttlichen Komödie“. Damit beginnt die Reise im Jahr 1333 von vornherein als Wiederholung, was auch den Reisenden bewusst ist: „In der Hölle hat sich nichts geändert, wird sich nichts geändert haben, kann sich nichts geändert haben, genau das ist die Hölle. Wer im Eis gesteckt hat, steckt immer noch im Eis, wer einen Fuß in flüssiges Blei hält, der oder die hält noch immer den Fuß in flüssiges Blei, keiner ist von seinem Fleck gewichen.“

Weiter als zum Inferno und dem Purgatorio sollten die Reisenden offenbar nicht kommen: „Haltet ein, an einem ausnahmsweise ruhigen Punkt, versucht einen Aufblick, der nicht mehr sein kann als ein Ausblick, ohne Aufhellung, das Licht müsst ihr euch denken. Im Namen Beatrices: es bleibt bei der Höllenbegehung.“ Die allerdings war offenbar umfangreich genug geplant, denn zu den Begegnungen mit denjenigen Verdammten, die schon Dante begegnet waren, kommen Erörterungen über Bienen und Wespen (wozu der diskrete Dritte Eindrücke aus der Eifel beisteuert, die subtil einen Wespenbau wie das Inferno erscheinen lassen), über Dante-Lektüre und die Entstehung des Romanprojekts selbst.

Und über den Tod, wie sollte es in dieser Konstellation auch anders sein. „Ich nähere mich meiner Zeitgrenze an. Die definitive Grenzlinie ist zwar noch nicht präzis gezogen, schwingt aber heran“, heißt es im zweiten Entwurf des Textes, den Kühn mit 79 Jahren schrieb. Von der „Vorstellung eines Totenreichs“ habe er sich persönlich verabschiedet, „jedenfalls ist für mich die Grenze definitiv: Nach dem Tod kommt nichts mehr, totales Blackout.“ Umso mehr interessieren den Erzähler des Fragments die Vorstellungen anderer, die sich ans Jenseits knüpfen. Er schiebt eine lange Erörterung zu den Totenbüchern des alten Ägyptens ein. Und fragt sich: „Wo wäre da der Raum, in dem ich mich mit meinen Eltern wieder treffen kann, um endlich die Fragen loszuwerden, die ich nicht rechtzeitig stellen konnte oder stellen wollte ... Oder um mir, ohne weimarer Formalitäten, endlich mal einen direkten Eindruck von Goethe zu verschaffen ... Oder, dann ohne Sprachbarrieren, von Dante.“ Was er überlegt, charakterisiert er in einer weiteren Notiz: „Verluste. Fragen, von ihnen ausgelöst. Gedanken, Todesgedanken über eine Grenze hinweg. Vielleicht spielte das auch bei Dante mit.“

Kühn beobachtet seinen Erzähler und damit sich selbst. In einer der spätesten Fassungen kommt dann eine lange Passage dazu, in der er die letzte Krankheit beschreibt. Kühn berichtet von schwindenden Kräften, von Hoffnung und vom neuerlichen Kollaps. Noch einmal kämpft er sich zurück an den Schreibtisch und träumt davon, wieder gehen zu können. „Doch die einzige, kontinuierliche Gehbewegung findet virtuell statt in der Hölle, wie sie Dante festgeschrieben hat, Canto um Canto, Terzine um Terzine.“

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Zugleich sucht und findet Kühn im Umkreis nicht nur der „Göttlichen Komödie“, sondern auch Vergils „Aeneis“ Hinweise auf die Überwindung des so übermächtigen Todes. Der Orpheus-Mythos ist einer, und Kühns Erzähler fragt vorsichtig in Parenthese: „Ist die Macht der Musik, wie Dante das voraussetzt, zugleich Macht der Vernunft? Und das hier in überwältigender Wirkung?“

Am Ende aber steht, ein Vierteljahr vor Kühns Tod am 25. Juli 2015, eine Hoffnung, die sich nicht nur auf die Jenseitsreisenden Vergil, Jacopo und Kühn selbst erstreckt: „Auch das Trio wird zurückkehren. Aber für die Zeit der Begehung ist Tod vielfach aufgehoben, schattenhaft zumindest. Denn es wird gesprochen. Sogar im Raum, in dem, nach Dante, selbst das Licht verstummt. Wir als Leser nehmen, grenzüberschreitend, daran teil. Und kehren zu uns, in uns zurück. (Dies, hoffentlich, belebt.)

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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