Frankfurter Anthologie

Helmut Heißenbüttel: „einfache sätze“

Von Thomas Combrink
18.06.2021
, 17:00
Grammatik und Weltanschauung: In diesem Gedicht wird beides miteinander verbunden und auf den Kern der Existenz zurückgeführt. Am Montag wäre sein Autor hundert Jahre alt geworden.

Erstmals publiziert hat Heißenbüttel dieses Gedicht 1954 in seinem Debüt „Kombinationen“, die hier abgedruckte Fassung, die sich leicht unterscheidet von der Erstpublikation, ist der Veröffentlichung „Textbücher 1–6“ von 1980 entnommen. Das Gedicht besteht aus sechs Versen, Überschrift und erster Vers sind identisch. Handelt es sich eher um Sätze als um Verse? Das Gedicht ist reimlos und auf Mittelachse gesetzt und erinnert so an Heißenbüttels Vorbild Arno Holz. Die Worte des Gedichtes sind der alltäglichen Ausdrucksweise angenähert, „einfache Sätze“ bedeutet, dass die gebundene Sprache durch die grammatikalische Rede ersetzt wird. In drei Versen taucht ein lyrisches Ich auf. Der Text endet mit der kürzesten Zeile „ich lebe“.

Das „ich“ hat sich „einverstanden erklärt“, in der zweiten Zeile sorgt es für einen Schattenwurf. Die existenzielle Thematik zeigt sich auch in dem Vers „Blühn ist ein tödliches Geschäft“, wo Heißenbüttel auf tradierte Art die Metapher bildet. In dem Text zeigt sich der Gegensatz zwischen Leben und Tod, einerseits das Blühn, die Morgensonne, das Subjekt, das steht, sich einverstanden erklärt und lebt, andererseits der Schatten, die Zeichnung und das tödliche Geschäft. Jede Zeile bildet eine Einheit, kann für sich genommen verstanden werden. Bei den letzten beiden Versen hat es den Anschein, als sei der Zusammenhang stärker, als wäre „ich lebe“ aus „ich habe mich einverstanden erklärt“ abgeleitet. Das lyrische Ich hat sich mit dem Leben einverstanden erklärt.

Blühn ist ein tödliches Geschäft

„Einfache Sätze“ wäre also nicht nur im Sinne von verständlich oder zugänglich, sondern auch in der Bedeutung von grundsätzlich zu verstehen. Grammatik und Weltanschauung werden verbunden, indem sie auf den Kern der Existenz zurückgeführt werden. Heißenbüttel hat ab den sechziger Jahren für seine Arbeiten den Ausdruck Text verwendet, um die Frage nach der Gattung offenzulassen, um die Gemeinsamkeiten von Lyrik, Prosa und Dramatik zu betonen. Visuell erweckt „einfache Sätze“ den Eindruck eines Gedichts, sprachlich ist es durch die Sachlichkeit und die an der Mündlichkeit orientierten Ausdrucksweise der Prosa angenähert. Vokabular und Syntax erinnern an Brecht, dessen Lyrik für Heißenbüttel zeitlebens von Bedeutung war.

Klaus Ramm gegenüber sagte Heißenbüttel, dass er sich Anfang der Fünfzigerjahre Notizen für Gedichte auf eine Brötchentüte gemacht hat, die Verfremdung durch die Brötchentüte fand er reizvoll, sodass er die Formulierungen nicht mehr geändert hat. Das Gedicht „einfache Sätze“ ist ein kombinatorischer Text, steht in direktem Zusammenhang mit dem Titel von Heißenbüttels erstem Gedichtband „Kombinationen“. Die Verse sind nicht zufällig so angeordnet, allerdings könnte man sie vertauschen, wodurch sich die Akzente des Textes ändern würden. Jeder Vers stellt eine Aussage dar, Heißenbüttel verzichtet auf Enjambements. Thema des Gedichtes ist Selbstorientierung, man könnte seine Entstehung auch mit der Strömung des Existenzialismus in Verbindung bringen.

Helmut Heißenbüttel: „einfache sätze“

während ich stehe fällt der Schatten hin
Morgensonne entwirft die erste Zeichnung
Blühn ist ein tödliches Geschäft
ich habe mich einverstanden erklärt
ich lebe

Helmut Heißenbüttel: „Textbücher 1–6“. Klett-Cotta, Stuttgart 2021. 300 S., br., 25,– €.
 

Thomas Combrink hat zuletzt den Band „Korrespondenzen. Helmut Heißenbüttel/Jürgen Becker“ herausgegeben. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2020. 126 S., br., 14,80 €.

 

Gedichtlesung: Thomas Huber

Quelle: F.A.Z.
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