Heinz Strunks Liebesroman

Er, Ende 40, groggy, sucht toxische Beziehung

Von Elena Witzeck
25.07.2021
, 20:54
Der Autor und Humorist Heinz Strunk
­“Ei­ne Jüngere ist noch nie wegen einer Älteren sitzengelassen worden.“ Heinz Strunk hat einen trostlosen Liebesroman geschrieben, in dem der Wahnsinn die beste Figur abgibt.

Heinz Strunk, war das nicht der große Einfühler, Lakoniker, der mit dem Wirtshausmörder? Der die in sich Eingesperrten mit ihren menschenverzehrenden Fantasien naturgetreu und maximal trostlos be­schreiben kann?

Dieser Strunk also hat einen Liebes­roman geschrieben. Natürlich darf auch ein Liebesroman ganz und gar trostlos sein. Nichts gegen eine unerfüllte, ausweglose, zersetzende Romanze, die einen schaudern lässt angesichts allem, was einem noch erspart geblieben ist. „Toxisch“ sollte auf dem Umschlag stehen oder im Verlagsprogramm, für die Abgrenzung von annehmbaren Abhängigkeiten, Triggerwarnung vor Blitzen, die einen besser nie treffen. Erkenntnisinteresse: Was kettet Menschen aneinander, wenn es doch keine Liebe ist? Irgendetwas lässt sich eigentlich immer mitnehmen für daheim, irgendwas wiedererkennen für den eigenen Gebrauch. So­fern sich eine Erkenntnis anbahnt.

Sie schlurft jetzt

Ein Mann also in mittleren Jahren, Toningenieur in der Großstadt, den seine Beziehung langweilt. Kein Sex mehr, zu viel Gemütlichkeit. Die Geräusche der Freundin im Schlaf sind ihm lästig geworden. Wenn sie läuft, sieht es nicht mehr frisch aus, sie schlurft jetzt eher. Und dann diese fade Selbstgenügsamkeit. Sie ist heimlich alt geworden neben ihm: „Vom Teenie zur Muhme“.

Solche Sätze, die ihn älter wirken lassen, als er ist, denkt der Mann häufig. Weil er sich selbst und sein Leben nicht leiden kann, schaut er auf andere mit Ekel. Sein eigener, sich gerade erst ankündigender Verfall macht ihm Angst. Wenn er in einem Konzert ein paar Stunden steht, schmerzt der Rücken, in der Theaterprobe der Hintern. Er ist „groggy“. Noch während die Beziehung vor sich hin stirbt, lernt er auf einer Filmpremiere eine Neue kennen. Vanessa, Schauspielerin: „ein echter Hingucker“. Ob­wohl er sich ziemlich dumm anstellt, be­kommt er ihre Nummer.

Tollpatsch mit Hang zur Phrase

Zunächst ist unklar, ob die junge Frau sein Verlangen bloß ausnutzt. Sie lässt ihn warten, sitzen, zahlen. Dann die Überraschung: Vor Jahren war er einmal Musiker in einer Band, sie hat als Kind mit ihrem Vater seine Konzerte gesehen und erinnert sich noch heute. Von seiner Pop-Vergangenheit ist nichts geblieben, nur eine leichte Verbitterung. Kein Song, kein Poster, keine dahingepfiffene Melodie mehr in seinem Alltag, kein Rest Bühnencharisma. Die Musikerkarriere dient hier nur einem einzigen Zweck: Eines Tages soll sie Vanessas Anziehung für den Ambitionslosen begründen.

Er leidet schwer in der neuen Konstellation. Jeder Satz klingt dumm, jeder Schritt ist ein Fehltritt. Warum es ihm nicht gelingt, in ihrer Nähe zu sich zu finden, ist schwer zu ergründen, denn Vanessa ist zwar kühl und desinteressiert, aber in ihrer Geisterhaftigkeit nicht überlegen. Früh fällt ihm auf, wie sie beim Erzählen den Faden verliert, sich widerspricht, Lan­­geweile verbreitet. Wie sie ihre Wirkung ausnutzt: schändlich. Statt Film­rollen werden ihr Messejobs angeboten. Dem verzweifelt Liebenden wird also die Rolle des Tollpatsches mit dem Hang zur Phrase zuteil, in der er ungestört seiner Be­trachtung des fremden Frauenwesens nachgehen kann. Zu seiner Verteidigung lässt sich auch anführen, dass er nicht einmal seinen Freunden richtig zuhört. Wa­rum er so ist: nach Strunk’scher Tradition eigentlich unerheblich. Und doch ist da die Erinnerung an eine unglückliche Ju­gendliebe und die Andeutung eines Versuchs, das Schicksal zu überlisten: „Die Schönen tun sich zusammen. Die Dicken tun sich zusammen. Die Krummen tun sich mit den Schiefen zusammen. Und ­ei­ne Jüngere ist noch nie wegen einer Älteren sitzengelassen worden.“ Er hofft, die verwundete Prinzessin doch noch in Be­sitz zu nehmen, sie sich zu verdienen. Vanessa hat nämlich auch Probleme, sie wurde als Jugendliche missbraucht. Wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, braucht der Tollpatsch nicht zu verstehen. Fünfzig Seiten weiter, und wieder laufen alle Fäden im Triebhaften zusammen. Ihr Körper, ihre magere Gestalt, ihre Geheimnisse, sein Verlangen. Die Spannung auf die große Wendung wächst.

„Es ist immer so schön mit dir“
„Es ist immer so schön mit dir“ Bild: dpa

Die Umgebung in dieser toxischen Welt ist entweder klirrend kalt oder un­beschreiblich heiß, Strunks Sprache wie so oft schrill und selbst voller dünstender Phrasen, der Mensch eine Zumutung. Meistens stinkt jemand nach Schweiß, Ni­kotin oder ungewaschenen Füßen, je­mand bestellt zu viele Nachos, Männer, die Torsten oder Holger heißen, verlorene Kreaturen, trinken den sehnenden Mann unter den Tisch. Er, der Ton­ingenieur, sieht überall nur Schattenrisse. In der nächsten Bar: „Menschen mit Gesichtern wie leere Teller“. Beim Trennungsgespräch: „Allgemeinplätze.“ „Null­sätze.“ Man wünscht sich, endlich mehr zu sehen und zu spüren als er.

Es funktioniert immer dann, wenn sich der emotionale Ausnahmezustand mit der grenzenlosen Belanglosigkeit vereint, wenn jedes Maß verloren geht und das Tierische übernimmt und die Ironie des Wahnsinns hervortritt. Wenn also einer frisst und tropft und geiert und nur noch Trieb ist, wird es wahrhaftig, dann treten die Kerkermauern zutage, die jede von Strunks Figuren um sich errichtet hat, die Verzweiflung, der Wahn. Jeder Mann, der sich Vanessa nähert, und sei er noch so abstoßend, ist ein Tier, das sie bespringen will, jede ihrer Nachrichten nach Stunden der Stille ein Segen für den darauf Wartenden: „Bei mir läuft alles so weit. Wie sieht es am Wochenende bei dir aus?“

Und gerade dann, als sich die Chance ergibt auf eine Wendung, eine echte Überraschung, etwas an dieser grob gezeichneten Frau, das wirklich unerwartet wäre, rafft Strunk die Zeit, spult vor, bis der traurige Tollpatsch sich besäuft, statt ihre Familie zu unterhalten. So hat er sich doch noch ihrem magischen Einfluss entzogen. Und Vanessa? Sagt am Ende des Tages über ihre Schwester: „Du magst sie ja nervig finden, aber sie ist kein böser Mensch.“ Beschwert sich, dass er einer anderen nachgeschaut hat. Und weint.

Aus einer dank Erlebter Rede noch als radikale Innenperspektive lesbaren Projektion eines unergründlich frustrierten Mittelstandmannes ist das Mittelmaß ei­ner Beziehung geworden. Seine Begeisterung, unter der sie erstrahlt ist, ist verflogen, ihr Glanz scheint erloschen. Diese Erkenntnis wäre die traurigste des ganzen Romans, hätte man Vanessa bis da­hin wenigstens kennengelernt. Es gibt vie­le Arten von Gier. Strunk beherrscht die Darstellung der abgründigsten von ih­­nen. Eine trostlose Midlife-Crisis ge­hört nicht dazu.

Heinz Strunk: „Es ist immer so schön mit dir“. Roman. Rowohlt Verlag,Hamburg 2021. 288 S., geb., 22,– €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Witzeck, Elena
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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