Heinz Strunks Roman „Jürgen“

Für die Vollverschleierung der Welt

Von Tilman Spreckelsen
04.05.2017
, 21:30
Heinz Strunks Protagonist verlässt sich vor allem auf Liebes-Ratgeber
Heinz Strunk lotet mit seinem Roman „Jürgen“ aufs schönste aus, wie weit die Sprache trägt - wenn man sie denn einmal zu Wort kommen lässt.

Eigentlich hätte gar nichts mehr schiefgehen können: Jürgen hat tagsüber ausgiebig Körperpflege betrieben, er ist ausgeruht und hat sich ein paar Gesprächsthemen zurechtgelegt, damit der Abend mit der Unbekannten aus der Partnerbörse nicht langweilig wird, schließlich hat er auch noch die Heizung in seinem Zimmer auf volle Kraft gestellt, nur für den Fall, dass seine Verabredung noch auf einen Kaffee mitkommt.

Vor allem aber hat er sich mit Bergen von Ratgeberliteratur eingedeckt und kennt jetzt alle Fallstricke und alle Geheimtipps für ein romantisches Treffen. Ein Spaziergang ist demnach besser als ein Kinobesuch, Lächeln ist immer hilfreich, solange kein Grinsen daraus wird, und insgesamt empfiehlt es sich, langsam und mit tiefer Stimme sprechen. „Wenn man also mit einer Frau zusammen ist, gilt es, einen klaren Kopf zu bewahren und die Situation zu analysieren: In welcher Umgebung befinde ich mich? Wie verhält sich die Frau? Was macht die Situation genau aus? Dann kann man aus den gewonnenen Erkenntnissen eine maßgeschneiderte Lösung schustern.“

Sie lässt sich lieber volllaufen, als mit ihm zu flirten

Trotzdem geht die Sache fürchterlich schief, weil sich Manu, Jürgens Date, lieber volllaufen lässt, als mit ihm zu flirten, und als er sie schließlich zur U-Bahn gebracht hat und eine Bilanz des Abends zieht, konstatiert er einen „einzigen Quälkrams“, wenn auch immerhin keinen „direkten Albtraum“. Am nächsten Morgen hat er die Sache, wie er sagt, „abgehakt“ und macht sich bereit für den nächsten Versuch.

Heinz Strunk: „Jürgen“. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 256 S., geb., 19,95 Euro.
Heinz Strunk: „Jürgen“. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 256 S., geb., 19,95 Euro. Bild: Rowohlt

Ändern wird er nichts, seine Bereitschaft, den Heilsversprechen der Ratgeber zu glauben, ist ungebrochen, und er verkündet deren Lehren so, als stammten sie aus eigener Erkenntnis oder eigener Erfahrung. Von Beginn an ist zwar klar, dass sich die Komik von Heinz Strunks neuestem Roman aus der Fallhöhe zwischen den Ratgebersprüchen und Jürgens Realität speist, aber erst im Verlauf der Handlung wird deutlich, welche Funktion sie für ihn einnehmen, wie sehr jede dieser wirren Analysen des Zwischenmenschlichen und die daraus folgenden Expertisen, was nun zu tun sei, seinen grundsätzlichen Optimismus bestärken, selbst wenn kein einziger dieser Tipps jemals zu etwas führt.

Das gilt etwa für einen Speed-Dating-Abend, den er gemeinsam mit seinem missgünstigen Freund Bernd besucht, und auch für eine Busreise nach Breslau, wo angeblich bindungswillige Polinnen auf deutsche Männer warten – beworben wird der kostspielige Ausflug mit dem Slogan „Im Osten sind noch Herzen frei“. Auch dieses Desaster wird abgehakt, Jürgen und Bernd werden es nun eben mit einer Bekanntschaftsanzeige versuchen.

Sprache nicht als Ton, sondern als Floskelgewitter

Diese Geschichte einer Misere, die irgendwann einsetzt und ohne rechtes Ziel wieder endet, die, so ahnt man, für Jürgen einfach so weitergehen wird, die Schilderung jener paar Tage also ist die plakative Seite des Buchs, die auf bewährte Kleinkatastrophen aus dem Strunk-Kosmos setzt. Wer mit dem bisherigen Werk des Autors vor dem ganz anders gearteten Roman „Der goldene Handschuh“ vertraut ist, der wird, angefangen mit dem Protagonisten Jürgen Dose, einiges wiedererkennen und auch hier auf seine Kosten kommen.

Nur dass der Autor ersichtlich mehr will als einen neuen Ausflug in die Welt von „Fleisch ist mein Gemüse“. Was „Jürgen“ ausmacht, ist die Sprache seines Erzählers, gerade weil sie als eigener Ton zunächst kaum vernehmlich ist. Stattdessen geht ein Floskelgewitter auf den Leser nieder, gekennzeichnet durch gründlich verbrauchte Phrasen und viel zu viele Adjektive: Für Jürgen sind Dinge und Menschen „berühmt-berüchtigt“, verrichten „treu und brav ihre Dienste“, beim Kaffeetrinken durchläuft „meinen Körper vom Scheitel bis zur Sohle ein wohliger Schauer“. Besonders gern verstärkt Jürgen Aussagen durch Hinzufügungen wie „Die Retourkutsche folgt auf dem Fuße“, oder etwas erweist sich als „ausgesprochener Schuss in den Ofen“. Und wenn ein köstliches Essen ansteht, „schmunzelt man vor lauter Appetit mit der Zunge“.

Er trägt ein Korsett aus geborgten Gedanken

Strunk geht damit ein hohes Risiko ein, denn natürlich folgt man dieser Suada nicht immer gern. Auf der Habenseite aber steht ein erzählerisches Konzept, das sich im Verlauf des Romans als immer fruchtbarer erweist: Der Autor unterstreicht damit, wie sehr sich Jürgen in einem Korsett aus geborgten Gedanken und Formulierungen eingerichtet hat, wie die aus Büchern, Magazinen, Radionachrichten und Fernsehsendungen übernommene Deutung der Welt jede eigene Wahrnehmung überlagert. Hinzu kommt, dass in dieser Lesart Jürgens Umgebung, vor allem aber der Erzähler selbst, als Material erscheint, das optimiert werden kann und soll – nichts ist hier selbstverständlich, und diesen Schleier zwischen Jürgen und der Welt bildet der Erzählstil dieses Romans vorzüglich ab.

Vor allem in jenen Momenten, wo der geschwätzige Erzähler ausweicht und der Autor die Aufmerksamkeit des Lesers auf diese Leerstellen geradezu lenkt. „Ich könnte noch viele andere unangenehme Episoden erzählen, die mit dem Nachhauseweg zusammenhängen“, sagt Jürgen, „aber das meiste wird man sich denken.“ Tatsächlich? Wäre Jürgen in der Lage, von diesen unangenehmen Begegnungen zu erzählen, oder hat er sich längst die Erinnerung daran gnädig verstellt? Ähnlich verhält es sich mit den so demütigen wie grotesken Geschichten aus seiner Kindheit, die Jürgen erkennbar ausschmückt und so das eigentlich Entsetzliche übertüncht, allen voran seine Selbstunterwerfung auf dem Schulhof, wo er sich als Äffchen gebärdet und von den anderen Schülern an der Halskette herumgeführt werden will.

Wem nicht nach Umarmen ist, dem hilft ein beherzter Tritt

Mehr und mehr liest man Jürgens Bericht als ein lautes, mitunter auch schrilles Pfeifen im Wald, und seine Sprache dient ihm nicht als Mittel zur Erkenntnis, sondern zur Flucht. Das ist keine Kleinigkeit, denn während Jürgen all die Jahre seine Arbeit als Aufseher in einem Parkhaus tut und sonst seiner bettlägerigen Mutter Gesellschaft leistet, begleiten ihn immer wieder Fluchtvisionen, die sich an Kellerräume knüpfen, in denen er mit irreal geschärften Ohren den Geräuschen der Insekten lauscht.

Und manchmal, in Momenten der besonderen Enttäuschung, reißt sogar der Sprachpanzer auf, die Floskeln verschwinden, und Jürgen kommt als Erzähler endlich zu sich selbst. Nach dem verpatzten Date mit Manu heißt es über den Abschied an der U-Bahn-Haltestelle: „Eine Umarmung wäre übertrieben, außerdem gibt es nichts zu umarmen. Mir ist auch mehr danach, ihr gegen’s Schienbein zu treten.“

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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