Bachmannpreis für Sharon Otoo

Klagenfurt kreißt und legt ein Ei

Von Tilman Spreckelsen
03.07.2016
, 20:49
Noch kann sie es kaum glauben: Die frisch gekürte Bachmann-Preisträgerin Sharon Dodua Otoo
Mit Deutsch als Fremdsprache geht es doch auch: Sharon Dodua Otoo gewinnt den Bachmann-Wettbewerb. Auch der Rest überzeugt mit Texten aus ungewohnter Perspektive.

Eine Geschichte aus Klagenfurt geht so: In alten Zeiten musste der Nachtwächter vom Turm der Stadtkirche zu jeder vollen Stunde in sein Horn blasen und sich dabei in alle Himmelrichtungen drehen. Um Mitternacht durfte er nur nach Westen, Norden und Osten blasen, um nicht im Süden die Toten auf dem Friedhof St. Ruprecht zu wecken. In einer Nacht aber, schwer bezecht und gehänselt von seinen Kumpanen, wollte er es wissen: Obwohl seine Frau ihn unter Tränen davon abzuhalten versuchte, blies er Richtung Süden, und eine Schar Skelette kroch auf den Turm zu. Der ist zum Glück hoch, noch heute ragt er weit über die Altstadt, und bis die Skelette ganz oben waren, schlug es eins, und der Spuk war vorbei. Man wüsste gern, was danach in dem Türmer überwog: das Entsetzen über das, was er angerichtet hatte, oder der klammheimliche Stolz über den Erfolg seiner Darbietung: Ein Auftritt, der die Toten aus ihren Gräbern lockt - das ist schon was!

Ob der Schriftsteller Burkhard Spinnen solche künstlerischen Wagnisse meinte, als er in seiner Eröffnungsrede zum vierzigsten Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis von den vierzehn Autoren „riskante Texte“ forderte und von der siebenköpfigen Jury die Bereitschaft, „diese Risiken mitzutragen“, mag man bezweifeln; und auch, ob die Stimulanzien des Türmers generell die Produktion gewagter literarischer Texte befördern. Mit der Ausbeute des diesjährigen Wettbewerbs aber kann man zufrieden sein. Die Autoren trauten sich was und natürlich auch die Juroren, die durch ihre Auswahl sperrigen Texten den Auftritt ermöglichten. Das Wagnis fing mit dem Vortrag an, denn zu den Besonderheiten dieses Literaturwettbewerbs vor Publikum gehört seit jeher das performative Element, lange bevor die Poetry Slams aus dem Boden schossen. Tatsächlich wurde gesungen, geseufzt, geflüstert und auch mal länger geschwiegen, es wurde gestikuliert und grimassiert oder mit stoischer Miene und gleichförmiger Stimme Ungeheures vorgetragen. Was allerdings in einem solchen Rahmen als Risiko gelten mag, darüber gingen die Meinungen auseinander. War es beispielsweise die schwierige Form der Miniaturen, war es der anstößige, weil politisch missverständliche Inhalt, oder war es gar das betont konventionelle Erzählen, das gerade bei einem Nachwuchswettbewerb als Provokation erscheinen konnte?

Das erwartete Feuerwerk

Aus Anlass der Texte diskutierte die Jury um den Vorsitzenden Hubert Winkels jedenfalls gern grundsätzliche Fragen, darunter die nach der notwendigen Mitarbeit des Lesers oder Zuhörers, damit ein Text sich überhaupt entfalten könne. Und damit auch die nach den schicklichen Grenzen dieses Auftrags: Natürlich kann der berühmte Hohlklang beim Zusammenstoß von Kopf und Buch auch einmal dem Buch geschuldet sein, und wie gut diese Jury in der Summe zusammenarbeitet, zeigte sich beim wechselseitigen Monieren allzu wohlwollender Interpretationen der anderen. Aber umgekehrt ist auch Blindheit immer schlecht, nicht nur für professionelle Kritiker; und die Augen einfach zuzukneifen, wenn der Text seine Signale aufstellt, ist auch nicht ideal. Speziell die Jurydiskussion über Bastian Schneiders Miniaturenreigen „Mezzanin: Stücke“ hätte von der genaueren Lektüre des allerersten Satzes profitieren können. „Niemand ist eine Insel, aber ...“, so fängt der Satz an, und genau dieses Spannungsverhältnis zwischen Isolation und erwünschter Teilhabe am Leben der anderen hält dann in der Folge diese 29 klug gebauten Kürzesttexte zusammen, deren vermeintliches Auseinanderfallen heftig beklagt wurde.

Die Frage der Teilhabe am Schicksal der anderen erwies sich überhaupt als eines der geheimen Zentren des Wettbewerbs. So entfachte Stefanie Sargnagel mit ihrem Text „Penne vom Kika“, der mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde, das erwartete Feuerwerk: Ihre Protagonistin, eine junge Frau, die Texte für Zeitschriften verfasst und sich für diese Arbeit beredt und metaphernselig hasst, steuert zwischen Trübsinn und Größenwahn durch zwei Tage, in denen sie vor jeder fremden Berührung zurückschreckt und zugleich voller Interesse am erzählten Schicksal anderer ist, je drastischer, desto besser. Und während sie dann in einer Kaschemme steht, deren Boden gerade gewischt wird, weil das Blut eines Gasts darauf tropfte, fällt dann ein Satz, den man zentral nennen möchte: Sie solle sich nicht so haben, sagt der Kellner, so ein Unglück passiere ständig. Sicher, sagt sie überraschend, aber „deshalb ist es nicht wurscht“.

Auch die sicher geglaubten Identitäten verrieseln

Ratlosigkeit angesichts einer zerbröselnden Welt, Unsicherheit darüber, welchen Grad an Einmischung sie verträgt und inwieweit man sich diese Last aufbürden möchte - all dies war Thema in vielen Texten, die gleichwohl unterschiedlicher kaum sein konnten. Den Miniaturen Schneiders und der Suada Sargnagels stand etwa der magische Realismus von Sascha Machts Erzählung „Das alte Lied von Senor Magma“ gegenüber, deren Erzähler durch eine in seinen Augen phantastisch verfremdete Stadtlandschaft streift und überall wachrütteln möchte für den Verfall, den er wahrnimmt - offenbar nur er, so dass ihn die anderen als Narren behandeln. Auch Jan Snelas Protagonist sieht seine Welt durch eine rauchvernebelte Brille, und weil er sich das, was er wahrnimmt, nur mit den allerverbrauchtesten Orientalismen deuten kann, wird ihm der Kinderspielplatz zur Sandwüste und der Großstadtsommer zum Vorzeichen der Apokalypse. Und Dieter Zwickys flanierender Ingenieur, der eine Krebserkrankung überwunden zu haben behauptet, zeichnet in „Los Alamos ist winzig“ ein hinreißend verzerrtes Bild einer Stadt, die, vertraut man sich unvorsichtigerweise diesem Erzähler an, völlig ins Desaster steuert; Zwicky erhielt dafür den zweiten Preis des Wettbewerbs.

Die strahlenden Preisträger von Klagenfurt: Stefanie Sagnagel (l.), Sharon Dodua Otoo, Julia Wolf und Dieter Zwicky
Die strahlenden Preisträger von Klagenfurt: Stefanie Sagnagel (l.), Sharon Dodua Otoo, Julia Wolf und Dieter Zwicky Bild: dpa

Zugleich aber verrieseln auch die sicher geglaubten Identitäten, hier wie in anderen Texten, etwa in Isabelle Lehns „Binde zwei Vögel zusammen“. Der Romanauszug schildert einen deutschen Arbeitslosen, der sich auf ein bezahltes Rollenspiel einlässt, in dem er in einem Trainingscamp der amerikanischen Armee als Komparse fungiert und eine neue Identität annimmt, die ihn auch nach der Rückkehr nicht mehr loslässt. Am furiosesten gelang es dem Israeli Tomer Gardi, die Identitäten aufzulösen, indem er seinen Erzähler und dessen Mutter nach Deutschland reisen, am Flughafen die falschen Koffer mitnehmen und im Hotelzimmer dann aus den Kleidungsstücken eines Libanesen und einer Eritreerin ein Patchwork-Leben zusammenstellen lässt.

Das weiß die Literatur seit jeher

Am lustigsten war das im Klagenfurter Siegertext „Herr Gröttrup setzt sich hin“ von Sharon Dodua Otoo, der auf Einladung von Sandra Kegel, Literaturredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in den Wettbewerb kam. Er steuert nach zähem Einstieg unvermittelt mit dem Satz „Manchmal wache ich auf und denke: Heute bin ich ein Ei“ auf eine aberwitzige Geschichte zu, die alles zuvor Gesagte neu beleuchtet. Wie sehr jedenfalls ein deutscher Text davon profitieren kann, wenn er von einer Autorin verfasst wurde, die eine andere Muttersprache hat, zeigt sich hier aufs schönste: Denn im Erzählerwesen, das nach ganz anderen Inkarnationen hier eben als Ei erscheint, klingt nicht nur das englische „Ich“, sondern auch das beobachtende „Auge“ an, und in diesem Licht erscheint die Wahl des personalen Berichterstatters aus dem Kühlschrank fast zwingend.

Was das Ei beobachtet, ist der Zusammenbruch der Welt jenes betagten Herrn Gröttrup, und während in diesem Jahr nur eine einzige Coming-of-Age-Geschichte zu verzeichnen war, gab es überraschend viele Texte, in denen junge Autorinnen die Perspektive alter Männer nachzeichneten, als wollten sie, passend zur Generationen-Debatte nach der „Brexit“-Abstimmung, ausloten, wie die andere Seite denn nun beschaffen ist. Am eindrucksvollsten gelang das Julia Wolf mit der Erzählung „Walter Nowak bleibt liegen“, dem die Jury den 3sat-Preis und damit den dritten Platz zuerkannte. Ihr Held rekapituliert in einem inneren Monolog, wie es dazu kam, dass er im Schwimmbecken mit voller Wucht gegen den Rand geschwommen ist und nun reglos auf dem Boden seines Badezimmers liegt. Traurig ist das und großartig entwickelt, die Autorin registriert teilnehmend, aber mit kühlem Blick das Sterben eines Alphatiers, das einst alle Welt auf Abstand gehalten hatte und nun sein eigenes Verlöschen gar nicht glauben mag.

„Die Toten“, heißt es in Sascha Machts Erzählung, „finden sich nur in den seltensten Fällen damit ab, verstorben zu sein.“ Wie man sie aus ihren Gräbern holt, sie als mitlebend behandelt und ihre Geschichten bewahrt, das weiß seit jeher die Literatur. Um das auf den Prüfstand zu stellen, ist Klagenfurt kein schlechter Ort.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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