Sharon Dodua Otoos „Adas Raum“

Schon immer waren sie bereit, für dieses Armband zu töten

Von Fridtjof Küchemann
15.07.2021
, 16:27
Sharon Dodua Otoo
Gewalt und Versagung über vier Jahrhunderte: In ihrem ersten Roman „Adas Raum“ spielt Sharon Dodua Otoo meisterlich mit Mustern und Momenten.

Auch so hätte das Bild, zu dem Sharon Dodua Otoo die Figuren auf dem Höhepunkt ihres ersten Romans, „Adas Raum“, gruppiert, schon einige Wucht: Ein alter Mann, bei dem sich eine junge hochschwangere Frau namens Ada auf Wohnungssuche gerade vorgestellt hatte, war bei der Besichtigung zusammengebrochen. Sie hat ihn mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus begleitet. Plötzlich taucht der Vater ihres ungeborenen Kindes auf und will mit ihr reden, über ihr erstes Mal, das sie nicht gewollt und er nicht überblickt hatte, über die ungewollte Schwangerschaft und darüber, wie es jetzt weitergehen soll. Sie kann sich kaum wehren, als sie auch noch ins Krankenzimmer des alten Mannes gerufen wird, der sie kurzerhand vor den Pflegern als seine Tochter ausgegeben hat. Er will mit ihr, seinem Zustand und einem Unwetter zum Trotz, die Klinik verlassen, als ihre Fruchtblase platzt.

Es fehlt noch einiges auf diesem Bild: Adas Halbschwester Elle zum Beispiel, bei der sie nach ihrer Ankunft in Berlin erst einmal hatte unterkommen dürfen, die mit Fortschreiten der Schwangerschaft immer verzweifelter nach einer Wohnung, zumindest einem Zimmer für ihre Schwester gesucht hatte und sie schließlich, kurz vor dem letzten Besichtigungstermin, auf offener Straße stehengelassen hatte mit den Worten, sie selbst würde, solange sie die Wahl hätte, keine Kinder in diese Welt setzen. Es fehlt, dass Ada aus Ghana nach Berlin gekommen ist, dass sie als kleines Kind aus ihrer Geburtsstadt London nach Afrika zurückgekehrt war, nachdem ihre Mutter dort bei einem Feuer ums Leben gekommen war. Dass ihre ganze Familie jetzt von ihr erwartet, sie möge es nach dem geplanten Informatikstudium zu etwas bringen. Dass ihr Vater sie angeschrien hat, als er von der Schwangerschaft erfuhr. Dass der Vater ihres ungeborenen Kindes sich damals, Anfang Mai, über ihr „Eigentlich will ich das nicht“ hinweggesetzt hatte, dass er geglaubt hatte, es wegküssen zu können, dass sie danach im Badezimmer stand und weinte, leise, damit er es nur ja nicht hören könnte, während ihr ein Blutfaden an einem Bein herunterlief und zu ihren Füßen eine Lache bildete.

Sharon Dodua Otoo hat im Sommer 2016 die Bühne der deutschsprachigen Literatur mit einem Paukenschlag betreten. Ihr zweiter in deutscher Sprache geschriebener Text, „Herr Gröttrup setzt sich hin“, zeigte eine Eheszene mit Ausblick auf Weltgeschichte mit einer Figur in sonderbarer Lage und aus sonderbarer Perspektive: Ein Raketeningenieur, erst im Nationalsozialismus, dann in der Sowjetunion aktiv, wurde aus der Perspektive eines Frühstückseis beschrieben. Genauer gesagt, aus der Perspektive eines Erzählers, der in unterschiedlichen Formen - künftig auch als roter Teppich - auf unterschiedliche Weisen das Geschehen um seine Hauptfigur nicht lediglich notierte, sondern im Rahmen seiner begrenzten Möglichkeiten mitzugestalten versuchte.

Sharon Dodua Otoo: „Adas Raum“. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. 320 S., geb., 22,– €.
Sharon Dodua Otoo: „Adas Raum“. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. 320 S., geb., 22,– €. Bild: S. Fischer

Zwei aus dem Englischen übersetzte Novellen hatte Sharon Dodua Otoo damals bereits hierzulande veröffentlicht und in einer englischsprachigen Buchreihe schwarzen Autoren in Deutschland ein Forum gegeben. Dass ihr nächster großer Schritt, die Veröffentlichung eines Romans, weitere viereinhalb Jahre auf sich warten ließ, mag nicht allein dem Umstand geschuldet sein, dass zwar eine Putzfrau namens Ada schon im Klagenfurter Text, umgekehrt aber Herr Gröttrupp in „Adas Raum“ keine Rolle spielt und ein Frühstücksei nur in einem Satz des Romans als kleine Anspielung vorkommt. Sharon Dodua Otoo hat ihr eigenwilliges, ebenso recherche- wie phantasieaufwendiges literarisches Spiel in ihrem Roman noch ausgeweitet.

Diesmal ist es ein Reisepass, der Adas Spannungen mit ihrer Schwester und die gemeinsamen Bemühungen um eine Bleibe notiert. Zuvor im Buch war er ein Reisigbesen, ein Türklopfer in Form eines Löwenkopfes und ein Zimmer – ein Zimmer, das dem Titel des Romans einen weitaus düstereren Klang verleiht als die Wohnungssuche im Berlin des Jahres 2019. Diesmal springt die Erzählstimme, wenn es nicht Ada, eine Ada selbst ist, die zu Wort kommt, durch die Jahrhunderte, durch Schleifen, wie es im Buch heißt. Sie begleitet Inkorporationen von Ada, miteinander kaum verbunden, nur durch unerklärliche Erinnerungen und durch ein Armband, dessen Weg die Erzählung im Jahr 1459 an der Küste des heutigen Ghana, westlich der Volta-Mündung, aufnimmt und bis in die Gegenwart verfolgt, bis zu einer Ausstellungsbroschüre und dem alten Mann mit der Wohnung.

Bis heute wirkmächtig

Ein Armband mit goldenen Perlen will Ada in Totope ihrem toten Kind mit auf seine letzte Reise geben, im fünfzehnten Jahrhundert der Zeitrechnung der weißen Männer, die unvermittelt im Dorf auftauchen und für Schätze wie diesen zu töten bereit sind. 1848 hat eine Ada in London ihrer Zofe dieses Armband, als altes Familienerbstück ein Hochzeitsgeschenk ihre Mannes, mit dem Auftrag anvertraut, es zu Geld zu machen, mit dem sie ihre Spielschulden begleichen will. Er fragt, wo es geblieben sei. Im Jahr 1945 bekommt eine Ada, Zwangsprostituierte im Konzentrationslager Dora-Mittelbau, dieses Armband von einem Verehrer zugesteckt. Als zum Appell gerufen wird, kann sie es nicht schnell genug unter den Fußbodenbrettern verstecken und streift es sich in ihrer Not über die Hand.

Auf Seite 110 des Romans ist auch die dritte dieser Adas niedergeschossen; die Londoner Ada, deren Lebensumstände bis auf diese Todesart denen der berühmten Mathematikerin Ada Lovelace ähneln, ist ebenfalls tot. Kein Grund, nicht weiter von ihnen zu erzählen. Im Gegenteil: Der alte Vermieter gibt sich 2019 in der Berliner Ulmenallee nicht nur als jener SS-Obersturmbannführer zu erkennen, der 74 Jahre zuvor in Dora das Armband an sich genommen hatte, aus ihm spricht auch Guilherme Fernandes Zarco, der 1459 in Afrika das Armband an sich gebracht hatte, und William King, 1848 Ehemann und Mörder der Ada Lovelace. Wen kann es da wundern, dass auch Gott in satirisch angelegten Zwischenspielen des Romans seinen Auftritt hat?

Die Sprünge und Wechsel, die Überblendungen und Schleifen des Buchs könnten kapriziös wirken, tatsächlich sind sie nicht nur für manchen komischen Moment und Kommentar gut in „Adas Raum“, sie nehmen den grausamen Geschichten ihre Schwere, aber nicht ihre Wucht. Mit überraschendem Effekt: Wer hier erzählt, so begreift der Leser, legt Zeugnis ab von Unterdrückung und Gewalt - mit einem Gleichmut, der sich aus jahrhundertealter Vergegenwärtigung dieser Taten und Haltungen nährt, aus einem Umgang, der den Nachfahren und Wiedergängern dieser Täter bis heute fehlt. Seien es Nachkommen europäischer Seefahrer und Kolonisatoren, seien es Männer, die ihre Übergriffe auf Frauen nach wie vor mit vorgeblich natürlichen Vorrechten und Besitzansprüchen begründen: indem Sharon Dodua Otoo in ihrem Roman mit einer Leichtigkeit die Jahrhunderte wechselt, legt sie nicht nur offen, welches geschichtliche Gewicht mitschwingt, wenn sich eine junge Schwarze in prekärer Lage in unserer Zeit in unserem Land ein Zuhause sucht, sondern auch, welche Muster bis heute wirkmächtig geblieben sind.

Sharon Dodua Otoo: „Adas Raum“. Roman. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2021. 320 S., geb., 22,– €.

Quelle: F.A.Z.
Fridtjof Küchemann  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Fridtjof Küchemann
Redakteur im Feuilleton.
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