Zum 150. Geburtstag Prousts

Haben Sie die „Recherche“ auch nicht zu Ende gelesen?

03.07.2021
, 15:14
Die amerikanische Schriftstellerin und Künstlerin  Leanne Shapton (zuletzt erschienen ist ihr „Gästebuch“ bei Suhrkamp) hat unsere Frage mit Aquarellen beantwortet. Hier ihr Porträt des Autors.
Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist vielleicht der größte, ganz sicher der längste Gesellschaftsroman der Weltliteratur. Schriftstellerinnen und Schriftsteller antworten auf die Frage, ob sie alle sieben Bände geschafft haben.

Louis Begley

Doch, ich habe die „Recherche“ ganz gelesen, vom ersten bis zum letzten Satz, als ich im Frühlingssemester meines zweiten Harvard-Collegejahres an Professor Harry Levins berühmtem Kurs über Proust, Joyce und Mann teilnahm. Gelesen und inzwischen Gott weiß wie viele Male wiedergelesen. Gerade jetzt bin ich noch einmal in der Mitte des zweiten Bandes, A l’ombre des jeunes filles en fleur („Im Schatten junger Mädchenblüte“), angekommen.

Kaum zu glauben – ich war ein achtzehnjähriger Flüchtling aus Polen in Zeiten des Krieges, und nichts in meinem Leben, weder Herkunft noch Erfahrungen, hatte mich auf den Umgang mit Prousts Romanpersonen vorbereitet –, aber sein Buch erwies sich viele Jahre später in meiner Pariser Zeit als zuverlässiger, oft unentbehrlicher Leitfaden.

Am wichtigsten und noch unglaublicher: Dass ich Prousts Roman las und liebte, hat mir das größte Glück in meinem Leben eingetragen, das Werben um Anka Muhlstein und die Ehe mit ihr. Sie ist eine Proust-Spezialistin und hat neben anderen Büchern auch „Die Bibliothek des Monsieur Proust“ (Insel, 2013) geschrieben, in dem sie die literarischen Anspielungen und Inspirationsquellen unseres Lieblingsautors aufspürt.

Vom Autor erscheint bald „Hugo Gardners neues Leben“ (Suhrkamp). Aus dem Englischen von Christa Krüger.

Berit Glanz

Meine Lesebiographie ist leider auch eine Geschichte des Vergessens von konkreten Inhalten, Motiven und Erzählsträngen der Bücher, die ich gelesen habe. Stattdessen erinnere ich mich detailliert an die Umstände des Lesens.

Von Prousts sieben Bänden zur Suche nach der verlorenen Zeit, in dem Erinnerung eine zentrale Rolle spielt, habe ich nur die Madeleine-Szene gelesen, denn als ich in der Lebensphase war, in der ich mich besonders eifrig durch einen von außen an mich herangetragenen Kanon gearbeitet habe, begann ich gerade mein Skandinavistik-Studium, und für mich stand deswegen ein anderes Werk mit großem Umfang im Vordergrund: Carl Jonas Love Almqvists „Dornrosenbuch“.

Heute, viele Jahre später, erinnere ich von diesem Leseunterfangen, vor allem einige der besonders schillernden Figuren und eine Art übergreifende Atmosphäre der Bücher, die ich aber nicht an einzelnen Textteilen festmachen kann. Ich erinnere mich auch daran, wie ich das Buch gelesen habe, an den Menschen, der ich damals war, an den Geruch meines WG-Zimmers und meine Leseecke. Eine Erinnerung, die in meinem Kopf viel deutlicher ist als der konkrete Inhalt der vielen Seiten.

Ich frage mich, ob es den Lesenden von Prousts Suche genauso geht, ob die Bücher selbst zu einer Art Madeleine werden, also einem Objekt, das unwillkürliche Erinnerungen an die Vergangenheit verursacht.

Was bleibt von den umfangreichen Lesevorhaben unseres Lebens, von den vielen Stunden, die einem literarischen Werk gewidmet werden? Die Bedeutungsgeflechte, in die sich literarische Texte in unserem Kopf einordnen, können auch durch das Studium zentraler Motive und die Auseinandersetzung mit literaturwissenschaftlicher Forschung erzeugt werden. Anders ausgedrückt, um Referenzen auf Madeleines zu verstehen, muss ich keine einzige Seite Proust gelesen haben.

Die Lektüre hat für mich aber eine viel persönlichere Dimension: Die gelesenen Texte werden zu Speichern eines vergangenen Lesemoments, einer Einschreibung meiner gegenwärtigen Person in einen sinnlichen Leseprozess, der von da an untrennbar mit dem Buch verknüpft ist.

Ob ich in meinem Leben noch mal versuchen werde, die „Suche nach der verlorenen Zeit“ vollständig zu lesen und sie so für mich mit mir selbst und meinen Erinnerungen zu verknüpfen, zu meiner eigenen literarischen Madeleine zu machen, weiß ich nicht genau – es gibt so viele Bücher und so wenig Zeit. Aber Prousts Überlegungen zu unwillkürlichen Erinnerung, die mit Gebäck verknüpft sind, haben mich trotzdem bereichert.

Von der Autorin erschien zuletzt „Pixeltänzer“ (Schöffling).

Viktor Jerofejew

Prousts Kühnheit macht mich sprachlos. Da denkt man, wie raffiniert er doch ist, so mondän, pariserisch, und dann gebraucht er auf einmal Worte, die hauen richtig rein. Er vergleicht Tolstoi mit Balzac und findet, das sei wie den Kot eines Elefanten mit dem einer Ziege zu vergleichen.

Proust besteht darauf, Balzacs Sprache sei vulgär, er sei ein eitler Autor, gierig nach Ruhm und Geld, während er bei Tolstoi als Hauptzug der Persönlichkeit Reue sieht und als Hauptzug seiner Romane nicht die Summe roher Beobachtungen, sondern die intellektuelle Konstruktion. Mein Gott, wie klug und schön das ist! Proust baut ja selbst sein Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ auf einer intellektuellen Konstruktion auf. Nur ist sie eine ganz andere.

Das Kochbuch „Dining with Proust“ hat die Künstlerin und Autorin Leanne Shapton einmal in einem Antiquariat gesehen, aber nicht gekauft.
Das Kochbuch „Dining with Proust“ hat die Künstlerin und Autorin Leanne Shapton einmal in einem Antiquariat gesehen, aber nicht gekauft. Bild: Illustration Leanne Shapton

Tolstoi ist der Gott seiner Helden, der unerschütterliche Schöpfer, der sie wie eine Pferdeherde buchstäblich am Zügel in die Welt moralischer Werte führt. Proust verneigt sich vor der tolstoischen Gottheit, doch er glaubt ihr nicht. Seine Bücher basieren auf zufälliger Erinnerung, die zum Teil das Zufällige und Unvollkommene des Menschen bestätigt. Wir können den Menschen nicht entschlüsseln – er ist ein Schatten.

In „Eine Liebe von Swann“, meinem wohl liebsten Roman des proustschen Epos, stellt Proust die Welt der Liebe als Illusion dar, die letzten Endes von ganz allein platzt. Die schöne Odette erweist sich als Seifenblase.

Was also dann: Ist die Liebe verlorene Zeit? Aber wo ist sie denn nicht verloren?

Das ist kein Grund für Immoralismus, aber auch keine frohe Botschaft vom Sieg des Guten über das Böse. Proust ist unendlich. Und bisweilen selbst wie ein Schatten. Ich fühle mich inspiriert durch diesen schattenhaften Schriftsteller. Ich gebe mich ihm hin, aber morgens stehe ich auf mit dem Wunsch, meinen eigenen Schaffensweg weiterzugehen und zu pfeifen auf seinen Kot des Lehrers und imaginären Geliebten. Ich bin ungern abhängig von fremden schönen Vorbildern.

Vom Autor erschien zuletzt die „Enzyklopädie der russischen Seele“ (Matthes & Seitz). Aus dem Russischen von Beate Rausch.

Jochen Schmidt

Ich habe keinem Kind ein Herz transplantiert, ich habe die Unvollendete nicht zu Ende komponiert, ich habe keinen Tarifstreit geschlichtet, ich kann weder Skispringen noch Hammerwerfen, ich habe keinen Wal harpuniert, ich war nie im Koma, ich habe das Passé simple von „naître“ vergessen, ich kenne nur zwei Kommastellen von Pi, ich kann keine Nudeln herstellen, ich kann die neue Rechtschreibung nicht, ich konnte schon die alte Rechtschreibung nicht, ich kann keinen Salto springen, ich kann nicht an Gott glauben, ich weiß nicht, wie man eine Aktie kauft, ich habe nie in meinem Bewusstsein nach einem Vers der „Phädra“ gesucht, ich habe nie Parzellen der Wahrheit in Erzeugnissen der Gobelinkunst geahnt, ich habe nie in Gegenwart meiner Gäste Moosrosen aquarelliert, ich habe keinem Neffen meine Aktfotosammlung vererbt, ich habe nie auf die Nachricht von einem Brand im Louvre einen Freund aufgesucht, um mit ihm zu weinen, ich habe mit keiner Geliebten von meinem Landsitz aus über Brieftauben korrespondiert, ich habe nie im Collège de France (um mich aufzuwärmen) die Vorlesung des Sanskritprofessors gehört (die er dort ohne Auditorium abhält), ich habe niemanden im Theater lorgniert, um ihn beim Inhaber des Nachbarfauteuils zu verleumden, ich war nie ängstlich darauf bedacht, dass in der Flöten- und Kontrapunktklasse nichts Abträgliches über mich verlautet, ich habe mir nie die Puffen überkämmt, ich habe nie als Opernhaus-Habitué Tänzerinnen subventioniert, ich habe nie meinen Fächer zerbrochen, wenn Wagner ausgepfiffen wurde, ich habe nie die Echtheitszeichen alter Ziseleure studiert, ich habe nie mit ernster Miene geantwortet: „China macht mir Sorge“, ich habe nie unaufhörlich mit jungen Leuten im Freudenhaus Champagner getrunken, um hinreichend fettleibig zu werden, damit ich, falls Krieg ausbricht, nicht eingezogen werde, ich habe nie mit so betonter Uninteressiertheit reagiert, dass ich mein Monokel fallenließ, ich habe nie einen alten Balzac durchgeackert, um das Gesprächsniveau meines Onkels zu halten, ich habe mich nie an gewisse Kalbsschnitzel von Jean d’Heurs erinnert gefühlt, ich habe nie mit kleinen Grimassen zu verstehen gegeben, dass ich gar nicht zuverlässig wusste, ob eine Dame verheiratet war oder nicht, ich habe nie einem Herrn, um ihn zu demütigen, als Sekundanten meinen Hausmeister geschickt. Aber dafür habe ich Proust gelesen!

„Schmidt liest Proust“ ist kürzlich im Verlag Voland & Quist neu aufgelegt worden.

Clemens Setz

Ja, ich hab das tatsächlich gelesen, mit Anfang zwanzig. Die ersten beiden Bände haben mich begeistert, und ich erwartete, dass es genau so weitergehen würde. Aber dann kam die Welt der Guermantes und danach die langwierig verquälten Theorien zu den „Invertierten“, wie Proust die Homosexuellen nennt. Das war einigermaßen interessant, aber berührte meine Seele nicht mehr. Und dann die zwei ärgerlichen Bände „Die Gefangene“ und „Die Entflohene“. Was sollte das? Eine trotz der ganzen Detailfülle und Erinnerungspräzision so bleiern und freudlos durchgegangene Geschichte über eine besessene Liebe.

Ich blätterte tapfer weiter und las, teilweise nur Buchstaben. Die magischen Seiten der früheren Bände gab es kaum noch. Irgendwie spielte der Autor Proust sich hier nur noch selbst, schrieb extra proustisch, mit dieser nach allen Seiten entflammbaren Eloquenz, über winzigste Gefühlsverlagerungen oder erinnerte Urlaubsatmosphären. Er schien, wie manche mathematischen Kurven, selbstähnlich geworden.

Aber dann der letzte Band. Damals fehlte mir die darin beschriebene Lebenserfahrung, den inzwischen schmerzvoll gealterten Versionen einiger von mir früher sehr verehrten Menschen wieder begegnen zu müssen, noch weitgehend, und so war ich glücklicherweise auf eine jugendliche Weise gepanzert gegen die Wucht dieses finsteren letzten Teils. Trotzdem fühlte ich mich von diesem letzten Teil überfahren, ausradiert, zerrieben. Selbst als ich später erfuhr, dass Proust am Ende seines Lebens sich gelegentlich in ein Bordell bringen ließ, wo er zu seinem erotischen Vergnügen Ratten in einem Käfig mit durch die Gitterstäbe gesteckten Hutnadeln töten ließ, wunderte mich das kaum. Wie soll man auch bei Verstand bleiben, wenn man so tief in den wilden und entsetzlichen Reaktorkern des Lebens geschaut hat?

Vom Autor erschien zuletzt „Die Bienen und das Unsichtbare“ (Suhrkamp).

Bov Bjerg

Bei Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ handelt es sich zweifelsohne um das Opus magnum par excellence. Es nicht gelesen, sich nicht erarbeitet zu haben, kann keine Schriftstellerin, kein Schriftsteller, der etwas gelten darf, sich erlauben zuzugeben.

Die wenigen Kolleginnen, die sich leichtsinnig zu ihrer, ach, diese Lücke, diese entsetzliche Bildungslücke, bekannt haben, wurden stante pede aus dem kulturellen Gedächtnis getilgt. Ihre Namen sind – völlig zu Recht – vergessen.

Marcel Proust (1871-1921)
Marcel Proust (1871-1921) Bild: Picture-Alliance

Die Recherche, wie man das Werk für gewöhnlich nennt, sobald man einmal davon gehört hat, kann zweifelsohne mit den vielen weiteren viel zu wenig gelesenen Werken der Weltliteratur verglichen werden, mit der „Strudlhofstiege“ etwa, Heimito von Doderers ausführlicher Beschreibung der Ups and Downs einer kaiserlichen Mehlspeisenmanufaktur, mit dem rätselhaften „Mann ohne Eigenschaften“ (ein Roman, bei dem bis zum Ende nicht klar wird, ob es sich nun um Thomas oder Heinrich handelt), oder, natürlich, mit dem „Ulysses“, jener hübsch verschrobenen Reisebeschreibung von der Grünen Insel.

Prousts Recherche ist ein monumentales Werk von einzigartigem Detailreichtum, dessen wahnwitzige Weitschweifigkeit sich kaum in einem einzelnen Tweet adäquat wiedergeben ließe; man brauchte, wollte man den Versuch der Transposition in den Kurznachrichtendienst allen Ernstes wagen, wohl einen ganzen Thread dafür.

Der Ursprung des Romans, und das ist für alle Kundigen selbstredend der Clou de la Chose, liegt in einem reichlich bizarren Fetisch, den der Erzähler der Recherche, ein junger Mann, praktiziert: Er taucht seine Freundin Madeleine (mit deren Einverständnis wenigstens, es handelt sich hier also um consenting adults) regelmäßig in einen Zuber voller lauwarmen Lindenblütentees. Während er dies tut, denkt er zwanghaft an seine Mutter. – Like, wer’s kennt. Fazit: Literatur, die keinen Mann kalt lässt. Berührende Story. Großes Lesevergnügen.

Vom Autor erscheint demnächst „Deadline“ (Kanon Verlag).

Ronya Othmann

Ich lese Bücher zu Ende. Egal wie sehr sie mich quälen. Ein Buch, das man nicht zu Ende liest, hat man nicht gelesen, sage ich mir. Und über Bücher, die man nicht gelesen hat, spricht man nicht. Das hat mit Anstand zu tun. Ebenso unanständig finde ich gekürzte, handlich gemachte Ausgaben. Entweder ich lese ganz oder gar nicht. Ein paar wenige Bücher aber habe ich trotzdem nicht zu Ende gelesen. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist eines davon. Ich hatte für ein Uni-Seminar vor sieben Jahren einmal angelesen und nehme es mir seitdem vor. Und je mehr Zeit vergeht, desto schwerer liegt dieser Vorsatz. Ich sage also lieber, ich habe es nicht gelesen. Angelesene Bücher finde ich noch schlimmer als ungelesene Bücher. Eine Freundin sagt zwar: „Es ist nicht schlimm. Fast niemand hat das zu Ende gelesen.“ Aber was kümmern mich andere, mich quält allein, dass ich es nicht zu Ende gelesen habe. Jedes Mal im Supermarkt, wenn ich an den eingeschweißten Madeleines vorbeilaufe, muss ich daran denken.

Ich verspreche also hiermit, „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zu Ende lesen und Proust zu seinem 151. Geburtstag gebührend zu gratulieren. Ich werde in der Buchhandlung anrufen, mir den Schuber bestellen, weil: Den haben die natürlich nicht auf Vorrat, weil ja niemand in die Buchhandlung spaziert und sich spontan diese 15 kg kauft und zu Staubsaugerbeutel und Kaffee in die Tasche steckt. Proust kaufen ist Commitment, man muss das planen: nimmt man die Bahn oder das Rad. Beim Rad ist es ratsam, Spanngurte mitzunehmen, damit die 15 kg Proust nicht vom Gepäckträger fallen. In der Bahn wäre eine Sporttasche gut oder eine IKEA-Tüte, die halten was aus. Auch das Lesen muss man planen, denn es braucht Zeit. Für diese 5200 Seiten Leseexzess wäre der Lockdown ein guter Zeitpunkt gewesen. Aber auf einen vierten Lockdown will ich nicht hoffen, deswegen muss der Sommer reichen.

Von der Autorin erschien zuletzt „Die Sommer“ (Hanser).

Marcel Prousts Gesamtwerk erscheint bei Suhrkamp.

Quelle: F.A.S.
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