„Grand Union“ von Zadie Smith

Mir ist schnell langweilig

Von Julia Encke
07.06.2021
, 13:52
Zadie Smith bei sich zu Hause im Londoner Stadtteil Kilburn
Um zu schreiben, braucht man historisches Bewusstsein: Die britische Schriftstellerin Zadie Smith bringt erstmals einen Band mit Short Storys heraus und fragt sich, was soziale Medien mit ihr zu tun haben.

Mit dem Geschichtenschreiben hat alles angefangen, als Zadie Smith sich Mitte der Neunzigerjahre am King’s College der Universität Cambridge für ein Studium der englischen Literatur einschrieb, das sie sich als Jazzsängerin finanzierte. Während dieses Studiums schrieb sie eine Reihe von Kurzgeschichten, die sie in den Jahresbänden der Universität veröffentlichte und mit denen sie einen Preis gewann. Danach wurde sie, noch vor Erscheinen ihres Debüts „Zähne zeigen“, von der berühmten Literaturagentur Wylie unter Vertrag genommen, brachte bis heute sechs Romane und zwei Essaybände heraus – aber eine Sammlung mit Kurzgeschichten tatsächlich noch nie. „Grand Union“ ist im Werk der britischen Schriftstellerin deshalb jetzt eine Premiere.

Und dass sie die Geschichten in Amerika geschrieben hat (ein paar auch in einem Café in Kanada), sei natürlich kein Zufall, sagt sie im Gespräch. In West Village und Greenwich Village in New York, wo sie sich bis zur Pandemie mit ihrer Familie aufhielt, wohne in jedem Häuserblock mindestens ein Short-Story-Autor. Man komme um die Short-Story sozusagen gar nicht herum. Die für ihre Kurzgeschichten bekannten amerikanischen Schriftsteller Grace Paley und Donald Barthelme seien in den Sechziger- und Siebzigerjahren ja auch schon im Village gewesen.

Ein Thema jagt das nächste

„Wenn ich schreibe“, hat Smith in ihrem Essay „Besser Scheitern“ geschrieben, der sich wie ein Entwurf ihrer eigenen Poetologie liest, „versuche ich, mein Dasein in der Welt auszudrücken. Dies ist in erster Linie ein Verdichtungsprozess: Wenn alle leblosen Ausdrücke gestrichen sind, die übernommenen Lehrmeinungen, anderer Leute Wahrheiten, all die Parolen und Motti, die großen Lügen des eigenen Landes, die Mythen der historischen Situation, in der man sich befindet; wenn alles gestrichen ist, was die Erfahrung in eine Form zwingt, die man nicht akzeptiert und an die man nicht glaubt – dann bleibt am Ende etwas übrig, was der Wahrheit der eigenen Wahrnehmung nahekommt.“

Und im Grunde verdichtet sie jetzt auf einer anderen Ebene noch mal, nämlich auf der Ebene der Form: Was man bei ihren Romanen beobachten kann, ist, dass sie niemals um dasselbe Thema kreisen, nicht im selben Milieu spielen, sich immer Neuland suchen. In „Zähne Zeigen“ schlug Archibald Jones sich nach einem missglückten Selbstmordversuch mit allen Problemen herum, die das multikulturelle London zu bieten hatte. „Von der Schönheit“ war ein College-Roman über zwei verfeindete Professoren und ihre Familien in der Nähe von Boston in Amerika. In „London NW“ ging es wieder um London, allerdings vor allem als Formexperiment, bei dem Smith für jede ihrer Figuren eine eigene Zeiterfahrung und eine eigene Sprache erschuf.

Rassismus, Sexismus, Klassismus

Und so ist es in den neuen Geschichten jetzt auch. Ein Thema jagt das nächste, und Smith versucht für jedes, andere Erzählkonstruktionen zu finden: „Flucht aus New York“ folgt drei sehr wohlhabenden Freunden, die nach einer nicht näher beschriebenen Katastrophe aus der Stadt fliehen. In „Blockade“ geht es um frühen Erfolg, um den späteren Verlust von Selbstgewissheit und um Depression. In „Education sentimentale“ um Darryl und Monica, die sich auf dem College kennenlernen. „Kelsos Dekonstruktion“ rekonstruiert die letzten Tage des 1959 von Rassisten in Notting Hill ermordeten Kelso Cochrane. „Der Fluss der Faulheit“ betrachtet einen All-inclusive-Familienurlaub im spanischen Almería. Aber manchmal geht es dabei auch ein bisschen zu schnell, allzu beiläufig erzählt wirken die Geschichten dann – und das große Verdichtungsprojekt bleibt auf der Strecke.

Lässt sich in dem unaufhörlichen Weiterdriften auch eine programmatische Bewegung sehen, die darin besteht, der Festschreibung von Identitäten zu entkommen? Zadie Smith will im Gespräch davon nichts wissen. Der Grund, dass sie sich immer neue Sujets suche, sei eigentlich der, dass sie sich schnell langweile, das sei Teil ihrer Persönlichkeit. Was sie als Leserin an Kurzgeschichten interessiere, sei, dass man immerzu herausgefordert wird, sich in andere Gemütszustände und Existenzen hineinzubegeben. Themen wie Rassismus, Sexismus und Klassismus interessieren sie – sie wirkt ungeduldig – anders, als sie auf den Plattformen der sozialen Medien verhandelt werden. Das versuche sie ihren Studierenden an der New York University, wo sie kreatives Schreiben unterrichtet, immer wieder klarzumachen: „Sie haben dieses enorme Werkzeug, die Sprache, und diese enorme Geschichte, die Literatur, damit können sie unendlich viel machen. Warum sollten sie also nur in der einen Ecke spielen, der der Plattformen des öffentlichen Diskurses?“

Was sie damit meine, sei, dass, um etwas Neues erzählen zu können, es sehr wichtig sei, das, was passiert, auch körperlich zu begreifen und historisch zu durchdringen. Um zu schreiben, brauche man historisches Bewusstsein. Das interessiere sie. Nicht der Kommentar. Wie sie den Auftritt der jungen Dichterin Amanda Gorman bei der Inaugurationsfeier des amerikanischen Präsidenten fand? Das interessiert sie nicht. Wie das Gedicht? Sie habe es nicht gelesen. Die Übersetzungsdiskussion, die in mehreren europäischen Ländern in Bezug auf dieses Gedicht entstanden ist? Sie begreife, sagt sie, es nicht als ihre Aufgabe, die durch die Plattformen entstehenden Fragen des Tages zu beantworten. Sie folge diesen nicht und sei von ihnen nicht umgetrieben. Sie sei ziemlich beschäftigt mit dem, was sie persönlich umtreibe. „Was haben die Plattformen mit mir zu tun?“

Zadie Smith: „Grand Union“. Erzählungen. Aus dem Englischen von Tanja Handels. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 272 Seiten, 22 Euro.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Encke, Julia
Julia Encke
Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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