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FAZ plus ArtikelClaus Leggewie liest „Die Pest“

Roman nicht nur zur Stunde

Von Claus Leggewie
Aktualisiert am 28.03.2020
 - 17:53
Kampf um jedes einzelne Leben: Szene aus dem Film „Die Pest“ (1992) von Luis Puenzo
Auf der ganzen Welt liest man jetzt „Die Pest“ von Albert Camus. Doch in dem Buch steckt viel mehr als die Beschreibung einer Seuche. Es stellt auch unsere Zukunft in Frage.

Den Roman habe ich 1966 als Schüler erstanden und 1992 mit nach Algerien genommen, aber erst jetzt, weil Kaufen und Mitnehmen ja nicht gleich Lesen ist, erstmals gelesen. Dabei schien mir der Antrieb, das berühmte Werk zur Kenntnis zu nehmen, immer schon existentiell: Mit sechzehn ist man rebellisch und will frei sein, und der Name Camus stand für ebensolche Dringlichkeit. Der junge Mann, der ich war, hatte Camus’ literarischen Text aber gleich zugunsten von dessen Essaysammlung „Mensch in der Revolte“ übersprungen: „Ich empöre mich, also sind wir.“ Oder: „Die wahre Großzügigkeit der Zukunft gegenüber besteht darin, in der Gegenwart alles zu geben.“

Ein Vierteljahrhundert später, auf Reportagereise durch das Bürgerkriegsgebiet Algerien, hatte mich als behüteten Mitteleuropäer die Todesgefahr angesprungen wie nie zuvor. Am Ort der Entstehung des Romans war zum Lesen gar keine Muße; draußen spielte sich ein irres Gemetzel zwischen blutrünstigen Dschihadisten und unberechenbaren Sicherheitsdiensten ab, was schon eine Fahrt von Algier nach Oran zu einem erheblichen Risiko machte, wenn man etwa an einem Kontrollpunkt angehalten wurde. So blieb „La Peste“ wieder ungelesen in der Tasche. Damals lernte ich Boualem Sansal kennen, der 2011 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen sollte und im gleichen Viertel wie Camus aufgewachsen war; sein düsterer, im Hausarrest geschriebener Roman „Das Ende der Welt“ von 2015 erinnert an dieses Vorbild.

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