Dantes Verse

Hölle aus Vulkan und Eis

Von Berit Miriam Glanz
11.08.2021
, 16:38
Dantes Verse
Warum wird es bei Dante in der Hölle eigentlich immer kälter? Die Commedia gleicht viel mehr der nordischen Unterwelt als den gängigen Vorstellungen vom Höllenfeuer.

Durch mich geht’s ein zur Stadt des Jammers,
durch mich geht’s ein zur endlosen Qual,
durch mich geht’s ein zu den verlorenen Menschen.

Per me si va nella città dolente,
per me si va nell’eterno dolore,
per me si va tra la perduta gente.

(Inferno III, 1–3, übersetzt von Hartmut Köhler)

Die gigantische Eruption des isländischen Vulkans Hekla im Jahr 1104 hatte nachhaltige Auswirkungen auf Europa. Berichte über den schrecklichen Ausbruch, der große Teile Islands mit Asche bedeckte, verbreiteten sich in der mittelalterlichen Welt, und rasch begann sich die Vorstellung durchzusetzen, dass dieser Vulkan das Tor zur Hölle wäre – eine Überzeugung, die sich in den folgenden Jahrhunderten in schriftlichen Quellen und auf Karten niederschlug. In den Flateyjarannálar, einem Teil der großen isländischen Handschriftensammlung Flateyjarbók, findet sich die Beschreibung einer Expedition zu einem Hekla-Ausbruch, bei dem die Teilnehmenden große und kleine schwarze Vögel in den Flammen am Krater zu sehen glaubten, von denen sie meinten, es wären die fliegenden Seelen der Verdammten. Isländische Vulkanausbrüche und ihre erzählerische Verbreitung in Schilderungen von Mönchen sind so vermutlich zentral beteiligt an mittelalterlichen Vorstellungen von der Hölle.

Zur Dantes Lebenszeit gab es einen weiteren großen Ausbruch des Hekla im Jahr 1300, demselben Jahr, in dem die erzählte Reise der „Göttlichen Komödie“ vermutlich beginnt, wenn man der Aussage aus dem ersten Canto folgt, dass der Erzähler sich in der Hälfte seines Lebens befindet. Im Inferno-Teil der Commedia beginnt der Erzähler am Abend des Gründonnerstags seinen Aufstieg auf einen kleinen Berg. Statt der Seelenvögel, die den isländischen Höllenmund umkreisen, trifft er drei Tiere, die ihn davon abhalten, die Spitze zu erklimmen, und ihn in die Dunkelheit des Tales zurückdrängen. In den dortigen Wäldern begegnet ihm Vergil, der sein Führer durch die Unterwelt werden wird.

Erst im dritten Canto beginnt Dantes Abstieg in die Hölle, durch ein Tor, das mit der legendär gewordenen Inschrift „Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate“ versehen ist, mit der die Eintretenden aufgefordert werden, alle Hoffnung aufzugeben. Dantes Höllentor ist alles andere als der Krater eines Vulkans, erinnert weder an den Hekla noch an andere Vulkane wie Vesuv oder Ätna, die ebenfalls als Tor zur Hölle imaginiert wurden, deren Qualen in mittelalterlichen Vorstellungen eng mit Feuer, Hitze und Gestank verbunden sind. Während zu Lebzeiten Dantes der Vesuv ruhig geworden war, brodelte der Ätna regelmäßig weiter. Der auch Mongibello genannte Vulkan wird von Dante im vierzehnten Canto sogar namentlich erwähnt. Der siebte Höllenkreis mit seinen roten Strömen und brennenden Flächen ähnelt am meisten den etablierten vulkanischen Bildwelten eines Höllenfeuers.

Doch überraschenderweise – und im Gegensatz zu den Vorstellungen seiner Zeitgenossen – wird die Hölle bei Dante im Verlauf des Abstiegs immer kälter. Er entwirft grässliche Bilder von eingefrorenen Köpfen und von Sündern, deren Tränen so gefrieren, dass sie nie fließen können. Schließlich kommen Dante und sein Begleiter zu Luzifer, dem Herrscher der Hölle, gefangen in einem See aus Eis. Die Vorstellung eines kalten Ortes, an dem sich Tote versammeln, ist für die altnordische Mythologie nicht fremd, denn auch die Totengöttin Hel versammelt in ihrem dunklen und kalten Reich Helheim all jene Menschen, die keines heroischen Todes gestorben sind. Mörder und Diebe müssen in Náströnd, einem noch dunkleren und kälteren Teil Helheims dem Drachen Nidhöggr begegnen.

Die Vorstellung einer Hölle als kaltem Ort, weitab von Licht und Wärme, verbindet Dante mit der altnordischen Mythologie, die aus einer Region kommt, in der durch Kälte verursachte Qualen sicherlich präsenter waren als im mittelalterlichen Italien. Der Glaube, dass der Hekla das Tor zur Hölle sei, endete in Island erst, als im achtzehnten Jahrhundert die Naturwissenschaftler Eggert Ólafsson und Bjarni Pálsson den Vulkan für eine Expedition im Auftrag des dänischen Königs bestiegen, und das Licht der Aufklärung in das angebliche Höllentor leuchten ließen.

Berit Miriam Glanz ist Schriftstellerin und Skandinavistin.

Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

Quelle: F.A.Z.
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