Dantes Verse

Am Tor des Trostes

Von Angelika Overath
20.07.2021
, 19:28
Dantes Verse
Wie über Dinge sprechen, die unsagbar sind? Dante hat in der Commedia auch Worte dafür gefunden – indem er umschreibt, was sich nicht aussprechen lässt.
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E poi che la sua mano alla mia pose
con lieto volto, ond’io mi confortai,
mi mise dentro alle segrete cose.

Er legte, dass ich Trost von ihm empfinge,
Mit heitrem Blick auf meine Hand die seine,
Und wies mich ein in die geheimen Dinge.

(Inferno III, 19–21)

Der gefleckte Gepard und der Löwe sind überwunden, und Vergil konnte den gierigen Wolf ablenken. Nun steht der Meister vor seinem Schützling. Die guten Frauen haben ihn geschickt, Beatrice ist eigens vom Himmel herabgestiegen, um ihm den Auftrag zu erteilen, den jungen Dichter, den Liebenden, durch die notwendigen Tiefen zu begleiten und der Läuterung entgegenzuführen. Vergil gibt sich dem Verirrten zu erkennen, und der willigt ein, mit ihm zu kommen. Doch dann gerät er wieder in Zweifel, kann aber, wie eine Blume, die sich in der Sonne öffnet, durch Vergils Worte neue Zuversicht fassen.

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Nun stehen sie also vor dem Höllentor. Und die martialischen Sätze über dem Portal ängstigen das unsichere Ich. Es zagt abermals. Dies ist jener existenzielle Moment von Furcht, der stärker ist denn jede Vernunft. Vergil warnt den jungen Kollegen vor erneuter Bangigkeit und Kleinmut. Sie müssen durch dieses Tor in die Hölle hinein. Und was geschieht nun? Es geschieht fast nichts. Der erfahrene Dichter-Freund legt dem Jüngeren seine Hand auf dessen Hand; er lächelt ihn an. Und nur dies, die Geste der Hand, die sich auf die Hand legt, und der freundliche Blick trösten den Bangen. Er fasst Vertrauen und traut sich das Wagnis zu, die Welt der Verdammten und Gequälten zu durchschreiten.

Vergil hat Dante nicht überredet, er hat ihn nicht am Ärmel weitergezogen und mit Beteuerungen überhäuft. Nein. Er hat ihm nur still die Hand auf seine Hand gelegt mit heiterem Antlitz. Dass diese Geste sanft war, vermittelt die Melodie der Terzine. Ihr Klang ist, unabhängig von der Bedeutung der Wörter, tröstend, aufmunternd, eine Klanggeste. Was die sinnhafte Sprache Vergils nicht mehr leisten konnte, gelingt seiner sinnlichen Zuwendung. Seinem Blick, seiner leichten Berührung. Mit diesen fast beiläufigen körperlichen Zeichen beginnt der große Gang hinein in die „segrete cose“, die Reise durch die furchtbaren Geheimnisse der Hölle, das verborgene Geschehen im Fegefeuer, wo mit dem dreißigsten Gesang Beatrice dann endgültig das Geleit übernimmt.

Dante war ein Meister solcher Winke und Handgriffe, die helfen, wo die Sprache, auch eines Dichters wie Vergil, allein vielleicht nicht genügt. Als sich im neunten Gesang das Meerungeheuer Gorgo zeigen will, warnt Vergil den Freund, auf keinen Fall hinzuschauen, sonst sei er verloren. Und er hilft dem Unerfahrenen, sich wegzudrehen, und legt ihm, der seine Augen schon mit den Händen bedeckt, zur Sicherheit die seinen noch darüber.

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Wer möchte, kann in Gemälden oft kleine Stillleben entdecken. Er darf ein Detail betrachten und sich an ihm freuen, ohne sich um den Zusammenhang, in dem es steht, weiter zu kümmern. Was einem Literaturwissenschaftler nicht ohne weiteres erlaubt ist, sei einem kreativen Leser gestattet: Zeilen als Einzelne zu nehmen. Aus dem großen Tableau der „Commedia“ lässt sich diese Terzine lösen und unabhängig von ihrer Funktion im dritten Gesang des Inferno lesen. Im Italienischen ist sie nicht auf ein Geschlecht festgelegt. Ein Mann könnte seine Hand auf die Hand einer Frau legen, eine Frau ihre Hand auf die eines Mannes; eine Mutter könnte einem Kind ihre Hand auflegen, eine Frau einer Frau.

Auch „lieto volto“, das heitere Gesicht, ist an kein Geschlecht gebunden. Je nach Situation wären dann auch die „segrete cose“, zwischen Liebe und Tod, immer wieder anders zu verstehen. Damit ist diese unauffällige Terzine nicht nur eine besonders schöne und zentrale Stelle in der „Commedia“, ein gestisches Sprachtor, das Dante die Hölle erst öffnet. Sie fasst auch eine – in der Literatur vielfach gespiegelte – Grundsituation menschlicher Existenz. Sie findet sich im Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach als „Bist du bei mir“; Hölderlin hat in anderer Weise von ihr gesprochen: „Gut ist es, an andere sich zu halten, denn keiner trägt das Leben allein.“ Das Vertrauen in ein Du an der Seite tröstet. Aus diesem Trost kann der Mut wachsen, sich in das Unabsehbare, die „segrete cose“, hinein zu wagen. Und mag sein, es ist oft eine kleine Geste, die dieses wortlose Vertrauen verbürgt.

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Angelika Overath ist Schriftstellerin.

Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

Quelle: F.A.Z.
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