Dantes Verse

Brennen vor Leidenschaft

Von Esther Kinsky
19.08.2021
, 12:12
Dantes Verse
In Odysseus hat die Commedia eine Figur, die von der Erfahrungssucht getrieben wird. Dass Dante darin ein Ideal sieht, versteht sich für einen Schriftsteller.

konnte weder die Zärtlichkeit für den Sohn noch die Ehrfurcht
für den alten Vater noch die Penelope geschuldete
Gattenliebe, die sie glücklich machen sollte
den Drang besiegen, den ich in mir spürte,
die Welt zu erkunden,
wie auch die Fehler der Menschen und was sie wert sind

nè dolcezza del figlio, nè la pièta
del vecchio padre, nè ’l debito amore
lo qual dovea Penelopè far lieta
vincer poter dentro me l’ardore
ch’i’ebbi a divenir del mondo esperto
e delli vizi umani e del valore

(Inferno XXVI, 94–99, übersetzt von Hartmut Köhler)

Ich bin erst spät zu Dante gekommen, was unterschiedliche Gründe hatte, sicher auch den, dass ich mich für keine Übersetzung so recht erwärmen konnte. Doch irgendwann war es soweit, ich fand mich mit Hilfe einer Interlinearübersetzung in die Terzinen des Originals und war überwältigt allein von der Tatsache, dass Dante überhaupt erst die Literatursprache für sein formal und inhaltlich unvergleichlich vielschichtiges Werk schuf.

Diese doppelte Schöpfung kann niemanden ungerührt lassen, der mit Sprache umgeht. Doch bleibt mir bei aller Hingerissenheit ein seltsames Befremden angesichts der Hingabe an das rigide System christenkirchlicher Werte und Regeln und Dantes Bereitschaft, sein Werk in deren Dienst zu stellen, weil es die Liebe im christlichen Sinne sein soll, die dieses System trägt und zusammenhält. Vielleicht liegt es an diesem Befremden, dass für mich der 26. Canto des Inferno der wichtigste geblieben ist.

Die Flamme erblickt

Dante begegnet hier Odysseus, der in eine Flamme gebannt inmitten unzähliger anderer flackernder Flämmchen im achten Kreis der Hölle existiert. „In den Feuern stecken die Seelen; jede ist von dem umhüllt, was sie auch innerlich verbrennt“, erklärt der Jenseitsführer Vergil und vermittelt einen Austausch, der zentrale Fragen der Existenz als Suche – nach Wissen, nach Ausdruck, nach Erkenntnis durch Erfahrung – berührt. Zwar befindet sich Odysseus im Graben derer, die als „unlautere Ratgeber“ ihre Strafe erleiden, doch zum Verhängnis ist ihm der letzte Vorstoß seiner Fahrt geworden: Getrieben von „ardore“, dem brennenden Verlangen nach Erfahrung – esperïenza –, wagte er sich über die gebotene Grenze hinaus in eine Gegend „sanza gente“ – ohne Menschen, vielleicht zu verstehen als ein Ort, an dem noch kein Mensch je war, der physisch, gedanklich, schöpferisch absolutes Neuland ist. Jenseits dieser Grenze ereignet sich sein dramatisch geschilderter Schiffbruch.

Die Bedeutung und Gültigkeit des „ardore“, des Brennens in Eifer und Leidenschaft, für die Erfahrung als Erweiterung des Horizonts, das alle zwischenmenschliche Zuneigung und Sorge verblassen lässt, ist nicht nur prägend für die Wissenssuche, sondern auch für die Kunst, es ist die Lebensfrage, die Kunstschaffende bewegt und an dieser Stelle in der Konfrontation mit dem Erfahrungssucher Odysseus ihren spannenden Ausdruck findet: Nicht umsonst ist die Gestalt Dantes „atteso“ – angespannt –, sobald sie die Flamme erblickt.

Jede Übertretung ist ein Wagnis

Kaum eine Erkenntnis und offenbarende Erfahrung in Wissen und Kunst geschieht ohne Grenzübertretung. Odysseus ist der Neugierige, der Grenzübertreter par excellence, der sich allen Gefahren um der Erfahrung willen stellt, zugleich ist er der erste große Ich-Erzähler, Autor der Ur-Autofiktion, dem – wie dem fiktiven Dante-Ich des Textes – der Gang in die Unterwelt und Zwiesprache mit den Toten gewährt war, und so ist er gewiss als Spiegel des Dichters auf seiner Wanderung zu verstehen. Dantes Ergriffenheit bei der Begegnung liest sich auf zweierlei Weise: als banges Erkennen seines Spiegelbilds zum einen, doch zum anderen vielleicht auch als leiser Zweifel an der Gerechtigkeit, die ihm auf seiner Wanderung vorgeführt wird.

„Ardore“ treibt Odysseus an, wie jeden Schaffenden und Dichter, der unweigerlich eine Grenze zu Neuland des Ausdrucks zu übertreten sucht, was in so besonderem Maße für Dante gilt. Jede Übertretung ist ein Wagnis, das – wie etwa mit dem Turmbau zu Babel – durch Schaffenskraft und Erfahrungsmut des Menschen die absolute Schöpferautorität Gottes in Frage stellt, Scheitern und Schiffbruch sind in diesem Denkmuster die konsequente Strafe. Doch wirft die ganze Szene um diese Begegnung und Odysseus’ Rede unzählige Fragen auf, und der ardore in seiner Dringlichkeit scheint mir wie der aus der Ferne noch widerhallende Sirenenklang einer Freiheit, der die Spannung im Gegenüber der beiden Erfahrungssucher endlos weiter schwingen lässt.

Esther Kinsky ist Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie lebt im Friaul.

Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

Im Oktober wird die komplette Serie Dantes Verse als Buch beim Wallstein Verlag erscheinen.

Quelle: F.A.Z.
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