Dantes Verse

Des Teufels Kaugummi

Von Ralf Teepe
16.07.2021
, 21:43
Dantes Verse
Mit Folgenabwägungen oder Popper’schen Überlegungen hielt Dante sich nicht auf: Für ihn war ein Verräter sofort verdammt – egal, was er da verraten hatte.

Des schmerzensvollen Reiches Kaiser ragte
Bis zu der halben Brust vor aus dem Eise

Lo ’mperador del doloroso regno
da mezzo ’l petto uscia fuor de la ghiaccia

(Inferno XXXIV, 28–29, übersetzt von Philalethes)

Der Herrscher der Hölle steht bis zur Brust im eisigen Grund, mit riesigen Krallen, die sich die Seelen der schlimmsten Sünder greifen. Einige Terzinen später bekommen wir Satan näher vorgestellt: als enorme dreiköpfige Fledermaus, die mit ihren sechs Flügeln einen eisigen Wind entfacht, der über den blankgefrorenen Cocytus hinwegfegt. Blut, Geifer und Tränen fließen die Wangen herab zum Nabel des Ungeheuers, Hort der Schwerkraft im Innersten der Erde. Lustvoll zermalmen knirschende Kiefer die ohnmächtigen Opfer, während die Krallen deren ehemals glatte Haut in Fetzen reißen. Die zerhackten und zerrissenen Überreste werden im eisigen Spucknapf für immer konserviert.

Dante behält diese höchstpersönliche und an verachtender Grausamkeit nicht zu überbietende Behandlung den Verrätern vor. Wir sehen Judas Ischariot, halb verschlungen, dessen Beine hilflos vor des Teufels Unterkiefers zappeln. Gleiches widerfährt Brutus und Cassius, die für den Verrat an der – gottgewollten – weltlichen Ordnung stehen, in Dantes Auffassung also dem Heiligen Römischen Reich. Sein persönliches Schicksal, die ungerechte Verbannung aus seiner geliebten Heimatstadt Florenz, mag in Dante eine besondere Sensibilität für den überragenden Wert einer stabilen religiösen und weltlichen – in dieser Reihenfolge – Ordnung geweckt haben.

Siebenhundert Jahre nach Dantes Tod im Exil in Ravenna stellt sich die Frage nach der Aufrechterhaltung der geistigen und weltlichen Ordnung mit gleicher, wenn nicht größerer Dringlichkeit. Auf dem besten Wege, uns auf unserem kleinen Planeten eine „Hölle auf Erden“ zu bereiten, sehen wir überall Verrat an der am wenigsten unvernünftigen Ordnung unserer Zeit, der „offenen Gesellschaft“ im Sinne Karl Poppers, einer auf der Würde und Verantwortung aller Menschen fußenden Gemeinschaftsidee. Wir sahen zum Beispiel einen amerikanischen Präsidenten, der seinen Verfassungseid gleich auf zwei Bibeln schwor – um dann schließlich in zwei Amtsenthebungsverfahren nicht zur Verantwortung gezogen zu werden.

In Dantes Sicht ist dies allerdings ganz nebensächlich. Die Seele des Verräters ist bereits in dem Moment des Teufels, in dem der Verrat manifest wird. Allem Glanz und Gloria zum Trotz, sind die Verräter doch nur seelenlose, unmenschliche Hüllen, die weiterhin ihren Geschäften nachgehen. Und auch der Teufel hat diese Sünder wie ausgelutschte Kaugummis schon längst wieder ausgespuckt. An Nachschub mangelt es ja nicht ...

Ralf Teepe leitete bis vor kurzem das Kulturreferat der Deutschen Botschaft in London.

Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot