Dantes Verse

Die Enkel des Dichters

Von Eckhart Grünewald
23.07.2021
, 08:11
Dantes Verse
Dante-Lektüre ist seit siebenhundert Jahren Pflichtaufgabe europäischer Intellektueller, zum Beispiel auch des Historikers Ernst Kantorowicz. Der fand in der Commedia seinen Maßstab für Politiker.
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Deswegen musste ein Gesetz als Zügel dienen;
deswegen brauchte man einen König
der wenigstens den Turm der wahren Stadt sah.

Onde convenne legge per fren porre;
convenne rege aver che discernesse
de la vera cittade almen la torre.

(Purgatorio XVI, 94–96, übersetzt von Eckart Grünewald)

Im Herbst 1933 entwarf der Historiker Ernst Kantorowicz (1895 bis 1963) seine eindrucksvolle „Antrittsvorlesung“ über das Geheime Deutschland, das als Gegenbild zum jeweils öffentlich sichtbaren Reich immer schon existiert habe – also auch als Gegenbild zum aktuellen sichtbaren NS-Deutschland zu verstehen sei. Dieses Geheime Deutschland – „als eine Gemeinschaft derer, die allein das echte Antlitz der Deutschen erschufen“ – stellte er in eine Traditionslinie mit dem olympischen Götterreich, mit dem „Geisterreich wie dem mittelalterlichen Heiligen- und Engelsstaat“ und mit dem „Menschenreich wie Dantes als „Humana civilitas“ erschaute Jenseitswelt der drei Bezirke: des Inferno, des Purgatorio, des Paradiso.

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Wie fremd auch immer uns das heute anmuten mag – Kantorowicz sah in seinem Entwurf zu dieser Vorlesung eine Divina comedia teutsch, zu der er sich als „Dante-Enkel“ berechtigt fühlte. So nannte er sich in einem Brief an seine Geliebte Lucy von Wangenheim, der er zugleich klagte: „Mein Schmerz ist der, kein Dante zu sein – er möge es mir vergeben! Aber dafür lese ich ihn wieder unaufhörlich und – liebe ihn, wie kaum sonst jemanden des Geisterreiches! ... Er ist schon ungeheuer – und mit ihm in der Tasche – noch besser im Herzen oder Hirn – kann man kaum fehlgehen, kann irren und zweifeln, was echt ist und was ‚Spreu vorm Herrn‘. Welchen Rang muss dieser Mensch gehabt haben, wenn er so urteilen durfte! Und was ist man für ein kümmerlicher Zwerg, dass man sich bei eignem Urteilen so willig und so blind von den ‚Autoritäten‘ führen lässt, wie ich es bei dem ‚Geheimen Deutschland‘ tue. Aber ich hoffe, mit diesem Vortrag wenigstens den – und zwar den einzig möglichen – festen Blickpunkt in den Wirren, in denen sich jeder innerlich befindet, geben zu können, so dass man wenigstens von ‚der heiligen Stadt die Türme sehe‘.“

Mit diesem nicht ganz genau wiedergegebenen Zitat, Purgatorio XVI, 96, erinnert Kantorowicz an Dantes Begegnung mit dem Hofmann und Diplomaten Marco Lombardo im Fegefeuer, mit dem er die politische Lage Italiens erörtert und eine Antwort sucht auf die Frage nach den Ursachen von Laster und Sünde. Marco erläutert ihm, dass die flatterhafte Seele des Menschen für ihre Rückkehr zu Gott Gesetze als Zügel brauche, und für diese Gesetze einen König, der wenigstens den „Turm der wahren Stadt“ gesehen habe, das heißt zumindest einen Begriff von Gerechtigkeit gewonnen habe, symbolisiert als Turm des himmlischen Jerusalems.

Eine Anspielung auf dieses Dante-Zitat findet sich auch im Schlussteil der Vorlesung über das Geheime Deutschland. Niemand könne als Deutscher ein Historiker sein, der nichts von dessen ewigen Wahrheiten wisse, erklärt Kantorowicz mit großer Geste seinen Geschichtsstudenten. Damit wandte er sich gegen ein Diktum Max Webers aus dem Jahr 1917: „Wer sich für die ewigen Wahrheiten interessieren will, der bleibe bei seinen Büchern und möge nicht auf den Kampfplatz der Gegenwartsprobleme treten.“ Dem hält Kantorowicz entgegen: „Wer von den ewigen Wahrheiten nichts weiß, kann auch auf dem Kampfplatz der Gegenwartsprobleme nichts erreichen. Auch der Politiker muss – um mit Dante zu sprechen – zumindest ,von der heiligen Stadt die Türme sehen‘.“

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Es ist nicht anzunehmen, dass Kantorowicz im November 1933 glaubte, es gäbe solche Politiker in Deutschland.

Eckhart Grünewald ist Herausgeber zahlreicher Bücher von und über Ernst Kantorowicz.

Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

Quelle: F.A.Z.
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