Dantes Verse

Die Rom-Idee

Von Christiane Liermann Traniello
12.07.2021
, 22:12
Dantes Verse
Dante ist in den letzten hundertfünfzig Jahren von allen Seiten pollitisch ausgeschlachtet worden: Das Papsttum konnte ihn genauso gut brauchen wie Mussolini.

Hier bleibst du nur auf kurze Zeit als Fremdling,
Und bist dann ewiglich mit mir ein Bürger
In jenem Rom, wo Christus ist ein Römer.

Qui sarai tu poco tempo silvano;
e sarai meco sanza fine cive
di quella Roma onde Cristo è romano.

(Purgatorio XXXII, 100–102)

Die religiöse Vorstellung vom Purgatorium, vom Fegefeuer, ist dem aufgeklärten Christentum abhandengekommen. Der postmoderne Gläubige, gleich welcher Konfession, tut sich schwer mit dem Gedanken, dass es einen Ort und eine Zeit der Läuterung geben müsse, bevor die an und für sich durchaus paradiestauglichen sündigen Seelen zum ewigen Heil zugelassen werden. Nur in Neapel wird in den unterirdischen Gängen und Grabanlagen der Stadt noch heute die Passage vom Erdenleben zum Paradies inszeniert und herbeigebetet.

Aber als Dante zu Beginn des vierzehnten Jahrhunderts die Göttliche Komödie schrieb und zwischen Hölle und Paradies den Läuterungsberg, das Purgatorio, als Reinigungsort und Reinigungsprozess platzierte, bediente er sich eines damals buchstäblich gerade neu erfundenen theologischen Topos. Die Heilige Schrift weiß nichts von einem solchen Ort, und spätestens den papstkritischen Lutheranhängern war diese mittelalterliche Erfindung suspekt, weil ihnen die Erlangung von Seligkeit durch Buße, Ablass und Werkgerechtigkeit wie ein Manipulationsversuch an der göttlichen Gnade erschien. Bei Dante hingegen pilgern die sich ihrer Sünden bewussten, zur Umkehr bereiten Verstorbenen den Läuterungsberg hinauf nach Eden, um von dort ins jenseitige Paradies zu gelangen.

Die Verheißung von Reinigung und (Wieder-)Aufstieg stand vor genau hundert Jahren im Zentrum der deutschen Betrachtungen zu den Feiern von Dantes sechshundertstem Todesjahr. Nach dem verlorenen Weltkrieg und dem als schmachvoll empfundenen Versailler Frieden erschien Dante 1921 vielen Deutschen als wegweisende Lichtgestalt. „Der Berg der Läuterung“ überschrieb Ernst Troeltsch seinen Festvortrag, in dem er festhielt, Dante könne Orientierung bieten „in einer Zeit, wo unser Vaterland in tiefste Not, in Demütigung und Zerstückelung zurückgeschleudert und allen Geist in der innersten Tiefe erregt und erschüttert hat“.

Tatsächlich hat es das Purgatorium in sich. Eigentlich müsste dieser zweite Teil der Göttlichen Komödie wegen seines „Passagen“-Charakters der modernen Sensibilität sogar besonders liegen. Er wirkt mit seiner unentschiedenen Dazwischen-Platzierung irgendwie italienischer, kompromissfähiger, humaner als die beiden anderen Jenseitswelten, die Extreme Hölle und Himmel. Atemraubend ist hier nicht nur die Metaphorik. Auf dem Läuterungsberg erhält der Dichter den Auftrag aufzuschreiben, was er bei seiner Jenseitswanderung gesehen hat. So entsteht sein Jahrhundertwerk. Und hier findet sich auch eine jener Dante-Zeilen, deren Fortuna wie im Brennglas die unendlichen Deutungsvarianten, Vereinnahmungen und Instrumentalisierungen sichtbar macht, denen dieser Klassiker seit jeher ausgesetzt ist.

Im 32. Gesang erklärt Beatrice dem Dichter, er werde jetzt noch für eine Weile ein „silvano“ sein, danach aber ein „cive“. Man ist versucht, den „silvano“, abgeleitet von „selva“, mit Hinterwäldler zu übersetzen. Gemeint ist aber, dass er noch eine Zeitlang im metaphorischen Wald des Läuterungsbergs verweilen wird. Und dann folgt die große Verheißung: „Sarai meco sanza fine cive di quella Roma onde Cristo è romano.“ Im jenseitigen Rom, wo Christus selbst Bürger ist, wird auch Dante „cives“ sein. Darin, dass sich „jenes Rom“ auf die himmlische Bleibestatt bezieht, stimmen heute alle Kommentare zur Commedia überein.

Das war keineswegs immer so: Sowohl die Katholische Kirche als auch der italienische Staat und ganz besonders der faschistische Staat, haben unter Berufung auf den besagten Vers den Heiland der Christen als Herold ihrer jeweiligen Rom-Idee benutzt. „Jenes Rom, in dem Christus Römer ist“, wurde zum Leitmotiv der ewigen universalen Rom-Mission. Das ließ sich ausdeuten im Sinne des providentiellen Vorrangs des Zentrums der katholischen Christenheit. Seit Beginn seines Pontifikats 1922 berief sich Pius XI. (wie es bereits sein Vorgänger Leo XIII. getan hatte) auf Vers 102, um die Größe Roms und die Rom-Zentriertheit der christlichen Kirche zu unterstreichen. Der Papst konzedierte zwar, dass Dante das „himmlische Rom“, also das Paradies, gemeint habe, aber es sei eben doch das irdische Rom, in dem Christus Römer sei, da er Rom zum Sitz seines Stellvertreters auf Erden auserkoren habe.

Dantes Formel ließ sich aber auch nationalistisch ausdeuten als Anspruch auf Suprematie und neue imperiale Größe von Mussolinis Italien: „Rom, in dem Christus Römer ist“, lautete die programmatische Überschrift einer Reihe von Radioübertragungen, die das Institut für Rom-Studien im Jahr 1936 organisierte. Sein Direktor Carlo Galassi Paluzzi pries das „historische Klima, das der Faschismus geschaffen“ habe: Die Italiener seien sich wieder ihrer Mission bewusst. Der römische, lateinische Antriebsgeist sei nun aufs Neue aktiv. Der Vortragsreihe gehe es vor allem darum, die Größe des christlichen Roms in Erinnerung zu rufen: des katholischen, apostolischen Roms, dessen überragende Glorie auch für die weltlichen Angelegenheiten der Duce bereits 1921 in seiner ersten Rede vor dem Parlament herausgestellt habe. Deshalb trage der Vortragszyklus diesen Dante-Titel.

Man müsste natürlich genauer auf die subtilen vatikanischen Abgrenzungen schauen: Wie sich zum Beispiel Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli (später Pius XII.) des besagten Dante-Topos bediente, um den Vorrang des christlichen Rom vor dem neoimperial-faschistischen Rom zu markieren. Die philologische Feinarbeit bestätigt letztlich aber, dass der Dante-Vers geradezu unwiderstehlich dazu eingeladen hat, sich des Jenseits zur Beglaubigung der Politik im Diesseits zu bedienen.

Christina Liermann Traniello ist Generalsekretärin des Deutsch-Italienischen Zentrums für Europäische Exzellenz, Villa Vigoni.

Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

Quelle: F.A.Z.
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