Dantes Verse

Dieses Clair-obscur-Objekt der Begierde

Von Lisa Regazzoni
07.08.2021
, 08:08
Dantes Verse
Was wäre gestillte Begierde? Nicht mehr dieselbe. Das wusste schon Dante und entfaltete deshalb ein literarisches Spiel des sich entziehenden Objekts des Begehrens.

Ich sehe wohl, wie du im eigenen Lichte eingenistet bist
und es dir selbst aus deinen Augen holst,
leuchtet es doch, sobald du lachst.

Io veggio ben sì come tu t’annidi
nel proprio lume, e che de li occhi il traggi,
perch’e’ corusca sì come tu ridi;

(Paradiso V, 124–126)

Ist das christliche Paradies ein Ort, an den man sich wünscht? Dieser Nicht-Ort, an dem das von Gott ausstrahlende Licht alles durchdringt und die Seelen dank ihrer Angleichung an ihn ewige Glückseligkeit genießen und die Wahrheit schauen – kann er Gegenstand unserer Begierde sein? Und sollte er nicht oder nicht mehr Sehnsuchtsort sein, wann haben wir aufgehört, uns nach ihm zu sehnen?

Dante hat das Paradies als Zustand imaginiert, an dem die menschliche Begierde, vor allem die Wissbegierde, die Odysseus noch in der Hölle wie eine züngelnde Flamme umhüllt, zum Stillstand kommt. Anstatt der glühenden Wissbegierde verspürt der Dichter in den Himmelssphären ein mystisches Verlangen: die Sehnsucht nach Vereinigung mit der göttlichen Lichtquelle. Aber wenn diese Vergöttlichung erfolgt, ist dann auch die Sehnsucht gestillt? Tritt mit dauerhafter Befriedigung nicht vielmehr Langweile ein? In Hinsicht auf die menschliche Begierde erscheint das Paradies als etwas Undenkbares.

Die Frage nach der emotionalen Seite des Jenseits hat auch Paul Valéry beschäftigt, und zwar 1921, im sechshundertsten Todesjahr Dantes. In einem fiktiven Totengespräch zwischen Sokrates und Phaidros bringt Valéry die Enttäuschung über das Jenseits zum Ausdruck. Dort, wo der verstorbene Sokrates glaubte, die Wahrheit in ihrer reinsten Klarheit zu finden, sucht er unter den Seelen vergebens nach dem Schatten von Wahrheit. Das gleichmäßige Licht, das dort herrscht, macht Reliefs, Erhebungen und Vertiefungen unsichtbar und beleuchtet eine allgemeine Gleichgültigkeit. Letztlich lässt diese keine Wahrheit aufkommen. Diese „Enttäuschung der Unendlichkeit“, wie sie Hans Blumenberg prägnant bezeichnet hat, ruft bei Sokrates sehnsüchtige Erinnerungen an sein sterbliches Leben hervor. Damit wird die Ausrichtung der Begierde umgekehrt: Der enttäuschte Wiss- und Seh­begierige sehnt sich nach dem Licht und den Schatten einer unvollkommenen Erkenntnis zurück.

Hat sich Dante, christlicher Dichter und dichtender Theologe, tatsächlich nach dem absoluten Licht und der Transparenz einer vollkommenen Wahrheit gesehnt? In dem fiktiven Totengespräch, das ich mit ihm geführt habe, verneint er diese Frage. Dies lässt sich an der Lichtmetaphorik der dritten Cantica verdeutlichen. Als Lebendigem wird Dante das Privileg gewährt, das Paradies zu betreten und dabei die menschlichen Grenzen zu transzendieren („trasumanar“). Trotz dieser Erfahrung bleibt ihm die direkte Anschauung des göttlichen Lichts versagt. Selbst das von Gott ausstrahlende Licht, welches die Seligen bekleidet, entzieht sich einer uneingeschränkten Anschauung. „Gleichwie die Sonne . . . sich selbst durch ihr vieles Licht entzieht“, so verbirgt sich die heilige Gestalt Justinians in jenem Licht, das von ihm selbst ausgeht.

Und doch lässt dieses finstere Licht (lux tenebrosa), das auf die Begrenztheit des menschlichen Sinnes- und Denkvermögens verweist, Gestalten erblicken: „Ich sehe wohl, wie du im eigenen Lichte eingenistet bist / und es dir selbst aus deinen Augen holst, leuchtet es doch, sobald du lachst.“ Dieses Licht, das beim Lachen aus Justinians Augen strahlt, erlaubt es dank seiner wechselnden Intensität, die versteckte Gestalt zu erblicken. Die Glückseligkeit, die die Seelen allein durch das Mittel des Lichts zum Ausdruck bringen können, nimmt hier die Form des Lachens an – also einer Veränderung der Atemfrequenz und der Mimik. Etwas Menschlicheres und Unbeständigeres als das Lachen ist kaum denkbar. Mit diesem emotionalen Aspekt, der einen Gegensatz zur Gleichgültigkeit bildet, und diesen Veränderungen des Lichts, die den Gestalten Ausdruck verleihen, hat uns Dante ein Stück Vollkommenheit erahnen lassen. Gleichzeitig hat er uns jedoch mit seinen Lichtmetaphern gegen die Enttäuschung und möglicherweise Langweile des Paradieses abgeschirmt.

Auch deshalb, weil Dante die Begierde vor ihrer dauerhaften Befriedigung beschützt, bleibt sein Werk eine Commedia mit Happy End.

Lisa Regazzoni lehrt Geschichtstheorie in Bielefeld.

Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

Quelle: F.A.Z.
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