Dantes Verse

Aber, aber, Herr Dante!

Von Stephan Schaede
06.08.2021
, 13:58
Dantes Verse
Ein kleines Wort ist im Italienischen ganz groß: „ma“, zu Deutsch „aber“. In der Commedia ist es besonders auffällig. Dante lässt das „ma“ sogar in den Schlussversen auftauchen.

Die hohe Phantasie, hier verließ sie die Kraft.
Aber nunmehr bewegte mir Verlangen und Wollen,
wie ein Rad, das im Gleichmaß bewegt wird,

All’alta fantasia qui mancò possa;
ma già volgeva il mio disio e ’l velle,
sì come rota ch’igualmente è mossa,
l’amor che move il sole e l’altre stelle.

(Paradiso XXXIII, 142–145, übersetzt von Hartmut Köhler mit Überarbeitung von Stephan Schaede)

Aber – ma! Wer eine Zeit lang in Rom gelebt hat, lernt sie lieben, diese Kunst, ma zu sagen. Plötzlich mitten im Redefluss verzögert sich federnd ein M. Und dann bricht glasklar ein A hervor. Es folgt eine kurze Generalpause, gepaart mit einem fesselnden Blick. Immer wieder blitzt ma in die Grautöne des Alltags hinein und erzeugt im Herzen eine Kombination aus leuchtendem Azurblau und Indigoorange. Ärger über Gestank und Lärm der Stadt, stundenlange Staus – aber – ma! Und schon sind alle Gedanken im Organgengarten oben auf dem Aventin.

Bei Dante hat ein „aber“ – ma – das letzte Wort. Präzise lässt der verbannte Florentiner in den Beginn der letzten Terzine seiner göttlichen Komödie ein ma von römischer Qualität hineinsausen. Dieses gewitzte aber steht für eine explosive Bildarchitektur von Vorstellungen eines Lebens nach dem Tod. Die gesamte Commedia lese ich als ma, genau hundert Gesänge lang ein einziges metaphysisches Augenzwinkern, das entlarvt, wie unsere Welt und unser Leben bei allem globalen Anspruch in allzu endliche Raum-Zeitfragen eingekästelt ist. Gähnend leer bleiben die Leinwände der Ewigkeit. Zwar bietet die Popkultur eine virtuose Galerie für Bilder der Trauer, Trostlosigkeit und Empathie angesichts von Verlust, Leid und Tod. Aber jenseits dessen fehlt es an Mut zu riskantem Design. Eher schütter ist in der Kirche von Auferstehung oder Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod die Rede, selbst bei Trauerfeiern gut verschanzt im biblischen Zitat. Bloß nicht im Säkularen anecken. Entwürfe himmlischer Gegenwelten sind tabu in einer Theologie ohne ma, die sich einpfercht in die Besprechung der Zeit zwischen Wiege und Bahre.

In Platons Dialog „Phaidon“ schärfte Sokrates ein: Das Nachdenken über das Leben nach dem Tod verlange, einen neuen Realismus zu riskieren, etwas zu wagen (kindyneuein) und kräftige Bilder zu zeichnen (mythologein). Zuvor die Propheten im alten Israel, später Jesus von Nazareth redeten strikt in Bildern.

Dante war nicht nur ein experimentierfreudiger Architekt diverser Bildvariationen, deren Material ihm die Kulturgeschichte zugespielt hatte. In der allerletzten Terzine exponiert er, welche zwei Kräfte Menschen in die Lage versetzen, Bildwelten für ein Leben nach dem Tod zu entwerfen: Phantasie und Liebe. Die alta fantasia verleiht über Hölle, Läuterungsberg und Paradies hinweg dem Geist Kontur. Sie sei, wie Richard von St. Viktor zusammenfasste, eine Kraft, die gestalte, repariere, heile, schöpferisch und mäßigend unterwegs sei (formatrix, reparatrix, creatrix, moderatrix). Ein Mensch könne nur dank seiner Phantasie Güter (und Übel) des künftigen Lebens vorstellen. Und für Moses Maimonides war klar: Wahrer Prophet ist der, der über eine herausragende Phantasie verfügt. Albertus Magnus schließlich urteilte, Phantasie sei jene Fähigkeit, im Erträumten Himmlisches abzubilden. Das griff Dante auf und brachte prophetische Visionen zur poetischen Darstellung.

In der Schlussapotheose der Commedia kommt die Liebe als zweite Kraft auf den Plan. Dante schildert (Paradiso XXXIII, 140 f.), wie ihn ein Geistesblitz geradezu erotischer Qualität (fulgore) in seliger Passivität durchzuckt habe (fu percossa). Wo die Phantasie nun als aktive Kraft an Grenzen stoße und bildproduktiv zusammenbreche, packe ihn die göttliche Liebe. Sie wird bei Dante am Ende zur Virtuosin der Bildgebung, die Gott selbst sehen lässt. Sie bewegt Sonne und Sterne, hat die Macht, Menschen hinzureißen (disio) und eine dem Leben zugewandte Bilderflut zu entwickeln, die das Leben nach dem Tod mit umfasst. Disio, eine zauberhafte Vokabel des volgare illustre, die inzwischen aus dem Gebrauch gekommen ist. Disio ist die durch die göttliche Liebe entfachte Sehnsucht, im Leben ein unstillbares Verlangen zu verspüren, auf mehr aus zu sein. Im disio wird die Ferne Gottes zu Schmerz, weil Gott als Gott überhaupt zum Thema wird. So reißt disio mit und führt im Leben zu einem Aufbruch voller Poesie, in dem nicht alles beim Alten bleibt. Gott selbst ist in seiner Liebe disio, ewiger Aufbruch. Ma! Nur mit einer von Phantasie und Liebe bestimmten poetischen Theologie kann Gott das ma seiner Liebe in eine religiös verschlafene Welt einzeichnen.

Stephan Schaede ist Theologe und Philosoph. Er leitete die Evangelische Akademie Loccum.

Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

Quelle: F.A.Z.
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