Dantes Verse

Gesprächsbereit durch die Hölle

Von Carlo Masala
24.08.2021
, 15:22
Dantes Verse
Alle seine Lehrer im wirklichen Leben schickt Dante in die Hölle. Aber das bedeutete kein Urteil über deren intellektuelle Brillanz.

Ich wagte nicht, vom Weg hinabzusteigen,
um neben ihm zugehen, aber ich hielt den Kopf herabgebeugt
wie einer, der Ehrerbietung bezeugt.

I’ non osava scender della strada
per andar par di lui; ma ’l capo chino
tenea com’uom che reverente vada.

(Inferno XV, 43-45, übersetzt von Karlheinz Stierle)

Durch fast das gesamte Inferno zieht sich ein scheinbares Paradoxon. Dante ver­ortet all jene Personen, die für ihn etwas bedeuten, die er als Inspirationen ansieht, als Lehrer oder deren Lebensleistung er schätzt, konsequent in der Hölle, wo sie leiden. Ihr Leiden scheint sich oft auf Dante zu übertragen, man spürt die Qual, die es ihm bereitet, diesen ihm teuren Menschen zu begegnen. Gerade weil ihn mit der Lebensleistung, der intellektuellen Gabe dieser Personen etwas verbindet, wendet er sich ihnen im Gespräch zu und stellt sich so der eigenen Qual.

Dantes Göttliche Komödie, das hat die Forschung gezeigt, ist eine Verbindung aus mittelalterlichen Stilelementen und Renaissance, die sich ja durch eine Rückbesinnung auf Werte und Formen der griechisch-römischen Antike auszeichnet. Ich will hier nicht den Versuch unternehmen, die von mir ausgewählte Terzine historisch oder gar künstlerisch zu interpretieren. Es geht mir um die Frage, welche politische und gesellschaftliche Botschaft in dieser Terzine enthalten ist, die uns möglicherweise heute noch etwas zu sagen hat.

Rufen wir uns den Kontext nochmals in Erinnerung. Dante und Vergil begegnen auf dem Damm zwischen dem zweiten und dritten Höllenkreis einer Reihe von Verdammten, die unter dem Feuerregen von Sodom und Gomorrha leiden. Unter diesen erkennt Dante erschrocken Brunetto Latini, den Florentiner Philosophen, Politiker und Staatsmann, der ihn nach dem Tod seines Vaters unter seine Fittiche nahm, der ihn als Mentor und Lehrer begleitete und ihn noch in der Hölle „fig­liul mio“, mein Sohn, nennt.

Dante wagt es nicht, zu ihm herabzusteigen, sondern senkt den Kopf „wie einer, der Ehrerbietung bezeugt“, um mit Brunetto in Dialog zu treten. Karlheinz Stierle sieht darin die symbolische Verkehrung der realen Beziehung von oben nach unten. Im Anschluss entwickelt sich ein Gespräch zwischen Dante und Latini, das in seiner Struktur weiter die Züge des Schüler-Lehrer-Verhältnisses enthält.

Dante behält hier – wie auch an anderen Stellen des Inferno – eine tiefe Ver­ehrung vor den intellektuellen Lebensleistungen Latinis bei, obwohl er ihn im dritten Höllenkreis verortet. Denn Latini ist homosexuell und muss dafür nach mittelalterliche Vorstellung in der Hölle büßen. Dennoch bleibt Dante dialogbereit, lehnt den Sünder trotz dessen Verfehlungen nicht als Person ab, leidet unter den Qualen der Sünder mit, aber sucht den Austausch mit ihnen und zollt ihnen so Respekt. Er steht damit wohl in der Tradition des sokratischen Dialoges.

Mit dieser Haltung repräsentiert Dante etwas, das unseren Gesellschaften im 21. Jahrhundert scheinbar verloren gegangen ist, das aber wesentlich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist: Respekt vor dem Einzelnen, auch wenn man seinen Einstellungen und seinem Verhalten nicht folgen mag. Dialogbereit bleiben, auch wenn man von den Argumenten des Anderen nicht überzeugt ist. Den anderen nicht auf Grund seiner Argumente als Anderen zu verurteilen, ihn gar zu dehumanisieren. Interesse zeigen, gesprächsbereit bleiben. Auch für Dante gilt dies nicht grenzenlos, aber es gilt für all jene, die als Person integer gewesen sind und deren Lebensleistung ihn beeinflusst haben.

Selbstredend ist Dante noch nicht so modern, als dass er sich mit Latinis Homosexualität, die ja der Grund für dessen Verweilen im dritten Höllenkreis ist, auseinandersetzte. Im Gegenteil: Er verschweigt sie. Aber Dante zeigt gegenüber seinem Lehrer und Mentor eine Haltung, die weit über seine Zeit hinausreicht und die uns wohl auch heute gut zu Gesicht stehen würde, um die immer tiefer werdende gesellschaftliche Polarisierung im Diskurs zu fast allen Themen (Pandemie, Klimapolitik, Inklusion et cetera) zu verringern. Sie könnte einen Beitrag leisten, die sich zunehmend verhärtende Sprachunfähigkeit zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu minimieren und gesellschaftliche Konflikte besser zu moderieren. Ein Traum? Ja, vielleicht, einer wie Dantes Weg durch das Inferno.

Carlo Masala lehrt Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in München.

Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

Quelle: F.A.Z.
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