Dantes Verse

Kompass fürs Exil

Von Gina Thomas
04.05.2021
, 23:11
Dantes Verse
Als Kinder hatten wir unseren Spaß, wenn der mit unserem Vater befreundete SPD-Politiker Carlo Schmid Dante rezitierte. Die tiefere Bedeutung für die Freunde ging uns erst später auf.
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Auf der Hälfte unsres Lebensweges fand ich mich in finstrem Walde wieder, denn der gerade Weg war mir verloren.

Nel mezzo del cammin di nostra vita mi ritrovai per una selva oscura ché la diritta via era smarrita. (Inferno I, 1–3)

Uns Geschwistern haben sich die ersten Zeilen der „Göttlichen Komödie“ sehr früh eingeprägt. Das war kein Zeichen altkluger Bildung, sondern, wie wir erst später zu unserer Schande erkennen sollten, das Produkt infantiler Freude an den vermeintlichen tönernen Füßen der Erwachsenen. Unser Spaß verdankte sich einer Art von Ritual, das sich oft abspielte, wenn der mit unserem Vater befreundete SPD-Politiker Carlo Schmid bei uns zu Gast war. Auf einem geraden Stuhl sitzend, der dieser mächtigen Gestalt das Aufstehen erleichterte, bemühte sich Schmid, wohl aus Sorge, dass die langen Gespräche über die Politik sie gelangweilt hätten, auf die Kinder einzugehen, die nach dem Mittagessen in der Runde verharrten, weil diese Besuche immer etwas Feierliches hatten.

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Schmids von pädagogischer Anteilnahme motivierte Frage nach unseren Schul- oder Leseerlebnissen führte unweigerlich zu Dante und zu Schmids Erklärung, er kenne die ganze „Göttliche Komödie“ auswendig. Zum Beweis begann er mit sanftem Pathos, beinahe im Flüsterton, auf Italienisch zu deklamieren, derweil er eine auf der Höhe des Ohres seitlich erhobene Hand wie ein Metronom einsetzte. Es wirkte stets, als legte er zu einer langen Rezitation los. Sie brach jedoch abrupt nach der ersten Terzine ab, woraus wir Kinder schlossen, „Onkel Carlo“ habe uns wohl etwas weismachen wollen, zumal das gleiche Spiel mit Shakespeares „Hamlet“ geschah: Über „Wer da?“ ging die Darbietung nie hinaus. Wir mussten uns jedes Mal das Lachen verkneifen und mokierten uns noch so lange darüber, bis wir alt genug waren, um zu begreifen, welch tiefe Bedeutung Dante nicht nur für Carlo Schmid, sondern auch für unseren Vater und einen Kreis regimekritischer Freunde in den dreißiger Jahren besaß.

Damals war der spätere Mitgestalter des Grundgesetzes in Tübingen Privatdozent für Völkerrecht. Als Halbjude hatte unser Vater große Mühe, einen Betreuer für seine Promotion zu finden. Schmid, der seine Ablehnung des Nationalsozialismus unter anderem dadurch kundtat, dass er von Vermietern vor die Tür gesetzte jüdische Studenten unter hohem Risiko bei sich zu Hause aufnahm, bot sich als Doktorvater an. Die Beziehung war durch die gemeinsame Nähe zum Freundeskreis von Anhängern des Dichters Stefan George zustande gekommen, den der Renaissanceforscher Percy Gothein und der Schriftsteller Wolfgang Frommel um sich versammelt hatten. In dieser Gemeinschaft ging die Faszination für die Gedankenwelt des gehuldigten „Meisters“ mit der Verehrung Dantes als einen der Ahnherrn jener mystischen Vision einer geistigen Nation einher, die George mit den – später unterschiedlich gedeuteten – Begriffen vom „geheimen Deutschland“ oder vom „Neuen Reich“ verband. Beide Stränge kamen in dem Idealbild eines europäischen Humanismus zusammen, das Carlo Schmid der nationalsozialistischen Reichsvorstellung in verklausulierter Kritik gegenüberstellte.

Die geistige und seelische Nahrung, die ihm Dante sein Leben lang, aber gerade in diesen Jahren der Isolation in der Diktatur bot, suchte Schmid einem Kreis von Studenten zu vermitteln, mit dem er bei sich zu Hause einmal in der Woche die „Göttliche Komödie“ las und, wie mein Vater später berichtete, „die geheimnisvollen Tiefen des Dante’schen Weltbildes“ auslotete. „Dante, der verbannte Dichter, wurde zum Vorbild für die vom Nationalsozialismus Verfemten. Die Utopie des ,Neuen Reiches‘ stärkte den Widerstandswillen“, schreibt Schmids Biographin Petra Weber in einer berührenden Passage über die „essentielle Bedeutung“, die der Dichtung in der damaligen Situation beigemessen wurde. Einige aus diesem Kreis sahen sich zur Emigration gezwungen. In seinen Erinnerungen erzählt Schmid, dass er mit ihnen „das Hohelied eines anderen Verbannten, die ,Divina Commedia‘“ las, bevor sie auf die große Reise gingen. Sie nahmen dieses Gedankengut in ihrem geistigen Gepäck mit. Es sollte ihnen im dunklen Walde als Kompass dienen.

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Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Thomas, Gina (G.T.)
Gina Thomas
Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.
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