Dantes Verse

Lust und Wahrheit

Von Winfried Wehle
27.07.2021
, 13:59
Dantes Verse
Dante war kein Dichter, der die Phantasie an die Macht wünschte: Die Einbildungskraft ist ihm ein Hindernis der Wahrheit.
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Zwei Pratzen hatt’ es, haarig bis zur Achsel,
Und Rücken, Brust und beide Seiten waren
Mit Kreisen ihm und Schleifen bunt bemalet.

due branche avea pilose insin l’ascelle;
lo dosso e ’l petto e ambedue le coste
dipinti avea di nodi e di rotelle.

(Inferno XVII, 13–15, übersetzt von Philalethes)

Die Divina Commedia war eine Provokation. Dante hatte es gewagt, die sakrosankten Glaubenstatsachen mit den „schönen Lügen“ der Dichtung vorzutragen. Er behauptet damit, dass es nicht genügt, nur zu wissen, um zu glauben. Getroffen fühlen mussten sich die philosophischen und theologischen Diskursherren seiner Zeit. Gemeint sein dürfte unter anderen Thomas von Aquin („der Gebrauch von Bildern und Gleichnissen ist für die Wissenschaft [von der heiligen Schrift] nicht angebracht“, Sum. theol. 1,1.9). Dante ließ Beatrice ein vernichtendes Urteil sprechen: „Deine Denkschule ist vom göttlichen Weg so weit entfernt wie die Erde vom höchsten Himmel“ (Purg. XXXIII, 85–90). Seit ihrer Erscheinung am Ende des Purgatoriums tritt sie deshalb auch als Sprachführerin auf: „So muss man euren Verstand ansprechen, denn nur sinnlich kann er aufnehmen, was sich danach dem Verstand als würdig erweist“ (Par. IV, 40). Und so wie ihm Stufe um Stufe das Jenseits mehr aufgeht, so offenbart sich auch dem künftigen Dichter der Commedia Schritt um Schritt die erschließende Sprechweise – die sein Weltgedicht von Anfang an bereits praktiziert.

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Geradezu eine Initiation setzt der spektakuläre siebzehnte Gesang, die Mitte des Infernos, in Szene: Vergil nimmt „Dante“ den Gürtel seines Gewandes ab, wirft ihn in den Höllenschlund und bringt damit den monströsen Geryon auf die Bühne des Sündenortes von Lug und Trug (die F.A.Z. zeigte zum Start dieser Serie am 30. April auf der Titelseite eine Abbildung des Trios). Nichts ist zufällig bei Dante. Denn auf den zweiten Blick ist damit auch die Sinnestäuschung der Kunst und deren Ursache betroffen, die Macht und Übermacht der Einbildungskraft. Wer mit ihr denkt, wird dazu verführt, sich rücksichtslos über die Schranken der Wahrheit hinwegzusetzen, mit denen der Verstand sie zusammenhält. Wäre aber eine jenseitige Welt, göttliche Liebe, himmlische Glückseligkeit (und deren verdammte Verfehlungen) glaubhaft dem Diesseits zu vermitteln, ohne sich dem Bildersturm der Phantasie anzuvertrauen? Aber deren sündhafte Lust zur Ausschweifung? Dieses Dilemma wird anhand des chimärischen Untiers ausgetragen.

Es geht um Grundsätzliches. Dante hat in „der Bestie“ seine Anthropologie abgebildet. Der giftige Schwanz eines Skorpions spielt auf den Stachel des Fleisches, die Libido, an. Wird sie losgelassen, dringen ihre Begierden „über Berge, durch Mauern und Panzer“ und enden in Hybris. Ikarus und Phaeton, die hoch hinaus wollten, hat sie zu Fall gebracht. Der Kopf am anderen Ende des Monstrums zeigt dagegen das Gesicht eines „rechtschaffenen Menschen“ mit sympathischem Äußeren; menschliche Vernunft scheint ihm andererseits durchaus nicht fremd. Dahinter verbirgt sich eine verschwiegene Pointe: Dante anerkennt damit die verführerischen Leidenschaften als einen nicht länger auszugrenzenden Teil der menschlichen Natur und muss das Problem lösen, wie ihr gegensätzliches Wesen – „Dividuum“ wird Novalis sagen – im Sinne des Seelenheils bereinigt werden kann.

Auf diese Antwort hin ist der Auftritt Geryons angelegt. Vergil setzt die Zeichen; er hatte ihn gerufen. Solche Aus­geburten der Phantasie können offenbar zugelassen werden, wenn sie von – antikem – Kunstverstand gezähmt werden. Ja für Dichter sind sie geradezu notwendig. Denn demonstrativ nehmen die beiden übersinnlichen Weltreisenden deshalb auf seinem Rücken Platz. Aufschlussreich ist die Sitzordnung: Vergil lässt sich vor der Schwanzkralle nieder, um „Dante“ vor ihm mit seiner Wissenschaft vor den gefährlichen Anschlägen eines entfesselten Vorstellungsvermögens zu schützen. Er gibt ihm damit kulturellen Rückhalt, um den Blick nach vorn, zum Kopf des vielgestaltigen Wesens zu richten, dorthin wo die Phantasie Vernunft und humane Züge annehmen soll – unter der Bedingung allerdings, dass sie von ihm christlich überschrieben werden. Die Platzierung der beiden zwischen Kopf und Schwanz, Denken und Begehren, ist ein Signal: Die Dichtkunst ist es, die das Mittel bietet, um kreatürliches Begehren sittlichem Begreifen nahe zu bringen. Geryon, ihr geführter Führer, untermalt es auf seine anschauliche Weise. Der Luftschwimmer setzt die irdischen Gäste von einem Felsenufer auf ein anderes über, weist dadurch bildlich auf die übertragene Sprechweise, die Grundlage der „allegoria dei poeti“. Sein Körper ist im übrigen mit schillernden Aufmalungen (dipinti) bebildert, verkörpert insofern die Einbildungen, zu denen menschliches Vorstellungsvermögen Zugang hat.

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Will Dante durch ihn hindurch nicht zuletzt zu verstehen geben: Libido ist der wahre Anfang der Erkenntnis, Imagination ihre Denkweise, Bilder ihre Sprache, Dichtung aber die Liebessprache der Wahrheit, die das Universum bewegt? Sehr viel später wird der Philosoph Wittgenstein sagen: „Philosophie dürfte man eigentlich nur dichten.“

Winfried Wehle ist Vorsitzender der Deutschen Dante-Gesellschaft.

Alle bisherigen Folgen unserer Serie finden Sie unter www.faz.net/dante.

Quelle: F.A.Z.
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