Dantes Verse

Die Reise ins Ich

Von Claudius Seidl
11.09.2021
, 10:59
Dantes Verse
Es gibt einen heutigen Erzähler, der Dante heißt: den Filmregisseur Joe Dante. Und da ist viel mehr als bloße Namensähnlichkeit.
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Der Sturm brach los dann an dem Tränenort;
Und ich sah einen roten Blitzes­funken,
Der mir nahm jede Empfindung fort;
Ich fiel wie einer, der vom Schlafe trunken.

La terra lagrimosa diede vento,
che balenò una luce vermiglia
la qual mi vinse ciascun sentimento
E caddi come l’uom cui sonno piglia.

(Inferno III, 133–136, übersetzt von Wilhelm G. Hertz​)

Der Filmregisseur Joe Dante hat sich seinen Nachnamen nicht ausgesucht; sein Vater hieß so, sein Großvater auch; aber was seine Vorfahren im vierzehnten Jahrhundert trieben, ist leider nicht mehr zu ermitteln. Es ist still geworden um Dante in den vergangenen Jahren, aber in den Achtzigern war er groß und erfolgreich, und dass er seinen Namen irgendwann als Auftrag und Herausforderung nehmen würde, lag in der Logik seiner Karriere.

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Man fragt sich ja immer, wo Dante, der Ältere, das alles gesehen hat, die Geisterscharen und Truggespenster, die fahlen Landschaften, das Gegenlicht. „Ganz kurz darauf sah ich ihn so zerfetzt, / Da er von Schlammesseelen so zerrissen . . .“ (Inferno VIII, 58/59). Bei Carl Theodor Dreyer, bei Andrei Tarkowski, bei George A. Romero, wo man tatsächlich alle Hoffnung fahren lässt? Weil aber selbst für Dante die Zeit nicht rückwärts läuft, ist nur die umgekehrte Frage gestattet: Wie viel Dante brauchte es im kollektiven Bewusstsein, damit, nur zum Beispiel, Francis Ford Coppola oder Christopher Nolan den Limbus und die Kreise des Infernos mit der Kamera durchmessen konnten? Die Commedia erzählt von Wesen, die nur Licht oder Schatten sind, was ja die Definition der Kinoprojektionen ist: keine Körper, nur die Illusion davon.

Eine, scheinbar, werkgetreue Verfilmung der Commedia wäre der längste und der teuerste Film der Geschichte; und fast nicht erträglich in seiner Wucht und Gewalt. Andererseits ist das Muster, sind Ausschnitte und Variationen so populär, dass man nicht weiß, mit welchen Filmen man anfangen soll. Ein Mann und sein Begleiter, der mal Sidekick und mal Führer ist, auf einer Reise ins Ungesehene und Unerhörte. Und am Schluss kommt er geläutert da heraus.

Ein Actionheld ist Dante nicht

Andererseits ist Dante kein Actionheld. Er schaut, er hört, und immer wieder vergeht ihm beides, das Sehen und das Hören. Joe Dante sah das und erkannte, dass ein wahrhaft werkgetreuer Film durch die Augen Dantes sehen, durch die Ohren Dantes hören musste. Und genauso inszenierte er seinen Film: Es geht um einen Mann, einen Piloten, der in eine Kapsel steigt, und dann werden Mann und Gefährt auf mikroskopische Größe verkleinert und einem anderen Mann in die Blutbahn gespritzt.

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Der Körper, mit den Fluten des Bluts und den zerklüfteten Hügeln und Höhlen der Organe, sieht wie der dritte Kreis der Hölle aus. Nur dass der Pilot seine Kapsel irgendwann mit den Sinnesnerven des anderen Mannes verbinden kann. So schaut der Film durch die Augen, hört durch die Ohren eines Mannes, der dem Helden der Commedia jedenfalls darin ähnelt, dass er, wenn alles zu viel wird, das Bewusstsein verliert. Es wird ihm häufig zu viel, auch wenn er nicht in die Hölle hinabsteigt, nur in die Unterwelt von San Francisco, zu Gangstern, verrückten Wissenschaftlern, bezahlten Killern.

Und der miniaturisierte Mann hat mit Vergil mindestens das gemein, dass auch er körperlich nicht präsent ist und sich doch mitteilen kann (und vieles besser weiß und kennt). Kein Schatten, aber eine Stimme. Und eine Konstellation, die von der Vorlage insofern abweicht, als es der Unsichtbare ist, der wieder sichtbar werden und seinen Körper zurückbekommen will. Weil da draußen in der Welt ein Mädchen ist, das er liebt und begehrt. Aber bis es so weit ist, sind die beiden eine der originellsten Dante/Vergil-Paarungen der Filmgeschichte.

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„Die Reise ins Ich“ heißt, mit dem ausnahmsweise einmal passenden deutschen Titel, diese Filmkomödie, deren Regisseur auch seine Grenzen kennt. Wer, danach vielleicht, mit den Augen des Kinogängers die Commedia liest, wird in den Terzinen eher Bilder als Metaphern finden; Bilder, so überwältigend, dass drei oder vier von ihnen schon einen ganzen Film ergeben. Die Hölle schauen und, auch wenn man alle Hoffnung hat fahren lassen, wieder heil herauskommen: Ist es nicht das, was Kinogänger tun?

Im Oktober wird die komplette Serie Dantes Verse als Buch beim Wallstein Verlag erscheinen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Seidl, Claudius
Claudius Seidl
Redakteur im Feuilleton.
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