Dantes Verse

Ohnmacht

Von Petra Bahr
02.09.2021
, 18:09
Dantes Verse
Am Ende der schönsten Liebesgeschichte der Commedia bricht Dante besinnungslos zusammen. Nur ein Detail? Für Petra Bahr ist es eine Mahnung.
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Ich stürze hin, wie ein toter Körper fällt.

e caddi come corpo morto cade.

(Inferno V, 142, übersetzt von Kurt Flasch)

Dante erzählt die ganze Welt. In diesem Wimmelbuch für Erwachsene scheint es keine Konstellation, keinen Frevel, ­keine Qual, keine Sehnsucht zu geben, die nicht ausbuchstabiert und in Sprache gefasst ist, jenes Ordnungs­regime der Dichter. Ich bin, beinahe zufällig, auf eine winzige Lücke gestoßen, die ich bei früheren Besuchen immer ­übersehen hatte. Doch jetzt geht es mir mit diesem Sätzchen wie mit einem Loch im Zahn, von dem die Zunge nicht lassen kann.

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„Ich stürzte hin, wie ein toter Körper fällt.“ Eigentlich ist die Episode ja abgeschlossen, jene berühmte Szene im Canto V, in der Francesca von ihrer tragischen Liebesgeschichte mit Paolo erzählt. Ein paar Jahrhunderte später wäre diese Story der Stoff, aus dem die dicken Liebesdramen sind. Aber es ist noch weit bis zur fast reli­giösen Verklärung der Liebe, die immer recht hat und sich deshalb ihr Recht auch nimmt, als Suspension einer gesellschaftlichen und religiösen Ordnung.

Dante weint vor Mitleid mit den Liebenden – oder mit sich selbst? Der Spannungsbogen verlangt nach Poesie, nach Pathos, nach Passion. Doch es folgt: nichts. Dante fehlen die Worte. Der Dichter stockt, er fällt, wie schon bei der Überfahrt über den Acheron in Canto III, in Ohnmacht. Vor den Augen Vergils sackt er zusammen.

„De rerum natura“

Als Gleichnis für den Tod, aber auch als körperlich vollzogene Reaktion auf eine erfahrene Unerträglichkeit interessiert dieses Phänomen schon die antike Medizin. Die Besinnungslosigkeit gilt als die kleine Schwester des Sterbenmüssens und wird schon früh als Körpergeste verstanden, als leibhaft vollzogener Kommentar zur Welt: „Scheint doch öfter die Seele durch irgendwelche Erschütterung schwankend zu werden und ganz vom Körper sich lösen zu wollen, schlaff werden die Züge, als nahe die Todesstunde, und an dem blutlosen Körper ermatten und sinken die Glieder“, schreibt Lukrez in „De rerum natura“. Das Phänomen, wenn das Blut in den Adern stockt und die Körpersäfte nicht mehr fließen, gilt als Grenzzeichen zwischen Körper und Geist und damit als Zeichen eigener Art, das gelesen werden muss. Das deutsche Wort Ohnmacht trägt den übertragenen Sinn der Bewusstlosigkeit schon in sich, die Erfahrung von Kontrollverlust und radikaler Unerträglichkeit.

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Dante spricht, wenn er fällt, nur ohne sein gewohntes Medium. Er scheint sich für diesen Anfall auch nicht zu genieren. So lese ich diese Ohnmacht des Dichters nicht nur als Eingeständnis einer ästhetischen Grenze, modern gesprochen, als Performance mit vollem Körpereinsatz. Der Dichter kollabiert unter dem Un­erträglichen, das er gehört hat. Das ist nicht nur Erweiterung des dichterischen Potenzials. Die Ohnmacht ist auch eine Kleinform der Moral, nicht jener aufdringlich übergestülpten, die irgendetwas besser wüsste, sondern als humane Intervention. Das Mitleid, das Dante spürt, ist ja schon ein Zeichen, dass die Hölle, diese ewige Strafordnung, befragbar wird.

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Vielleicht ist es zu kühn, die Ohnmächtigkeit des Dichters angesichts der brutalen Ordnung der Welt als ersten Ausbruchsversuch zu deuten, als Unterbrechungsversuch einer Logik, die der Dichter eigentlich bei vollem Bewusstsein zu verteidigen sucht. Warum gibt es keinen Ausweg aus der Hölle, nicht mal für die beiden Liebenden, die auf alten Stichen in inniger Umarmung in den Himmel steigen, während der Dichter am Boden liegt und der Begleiter wie eingefroren, eine andere Form der Ohnmacht? Weit werden die Liebenden bei ihrem Flug nicht kommen. Es gibt keinen Ausweg für sie.

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Sicher ist es nicht zu vermessen, in dieser Ohnmacht des Dante meine ­eigene zu lesen, jene Verzweiflung, die mich packt, weil mein Mitleid, jenes ­ziehend schmerzhafte Wohlgefühl, immer schon zu spät kommt. Das Furchtbare, dessen ich täglich ansichtig werde, ist immer schon passiert, das Leid der Nächsten und der Fernsten nicht mehr ungeschehen zu machen, allerhöchstens zu lindern, oft genug nur im Modus des Weitererzählens oder besser noch: des Weiter­erzählenlassens. Die Lehre vom guten Leben ist eine traurige Wissenschaft, sie kommt immer zu spät, sagt Adorno in einem anderen Jahrhundert mit einer anderen Höllenlogik.

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Fehlen darf sie trotzdem nicht, als unmögliche Möglichkeit, diese Logik zu durchbrechen. Das Eingeständnis der Ohnmacht, der Kollaps wohlfeiler Worte, wird so zu einer winzigen, aber widerständigen Geste, in deren Vergeblichkeit eine große Kraft steckt.

Petra Bahr ist Regionalbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Hannover.

Alle bisherigen Folgen unserer Serie und einen Link zu Übersetzungen finden Sie unter www.faz.net/dante.

Im Oktober wird die komplette Serie Dantes Verse als Buch beim Wallstein Verlag erscheinen.

Quelle: F.A.Z.
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