Dantes Verse

Skulpteur der Worte

Von Stefan Trinks
12.08.2021
, 09:00
Dantes Verse
Wenn es um Superlative geht, hat die Commedia etwas geradezu Klassisches zu bieten: den Vergleich mit der griechischen Bildhauerkunst.

Von weißem Marmor war, und allerwegen
Voll Bildnerei, um Polyklet zur Scham,
Ja die Natur zum Neide zu erregen.

esser di marmo candido e addorno
d'intagli sì, che non pur Policleto,
ma la natura lì avrebbe scorno.

(Purgatorio X, 31–33, übersetzt von Karl Streckfuß)

Ruhigen Gewissens darf man Dante einen Künstler nennen. Bei all den außerdantesken künstlerischen Umsetzungen aber, die bereits zu Lebzeiten des Dichters etwa in Gestalt von Buchilluminationen begannen, denken die meisten wohl vorrangig an die Zeichnungen Botticellis und die Malereien der von ihm wie einer Droge abhängigen Präraffaeliten, die in den Phantasien des Renaissancemeisters besonders reinen Stoff für Träume besaßen. Eher nicht würde man Dante mit der Kunst der Bildhauerei verbunden sehen. Dabei erwähnt der vor siebenhundert Jahren gestorbene Dichter, für seine Zeit durchaus ungewöhnlich, expressis verbis im Purgatorio Polyklet, den antiken Bildhauer des fünften vorchristlichen Jahrhunderts.

Erwähnt wird er im Rahmen des Künstlervergleichs am Läuterungsberg, im ersten Kreis des Hochmuts, der Superbia, als Dante mit Vergil einen Felsengang entlangschreitet (Canto X). An dessen Wänden sind prachtvolle marmorne Reliefs zu sehen, die der Erzähler in ungemein anschaulicher Bildbeschreibung vor Augen führt: voran eine „Verkündigung an Maria“, sodann „König Davids Tanz vor der Bundeslade“ sowie – überraschenderweise aus der Antike, was aber bei dem gebildeten Antiquar Dante nicht verwundert – die „Gerechtigkeit Trajans“, die zwei Jahrhunderte nach Dante eines der großen Renaissancethemen werden sollt, etwa bei Cranach. Sie rühmt den Gerechtesten unter den römischen Kaisern, weil dieser selbst inmitten eines Krieges die Klage einer Mutter über die Ermordung ihres Sohnes verfolgt. Der Schöpfer all dieser Historien-Reliefs jedoch ist Dante zufolge Gott.

Durch die atmende Lebensnähe dieser marmornen Bildwerke (zum Verkündigungsengel Gabriel etwa schreibt er, „daß Niemand glaubt’, es sei ein stumm Gebilde. Man schwor, ein AVE schweb’ auf seinem Mund“, beim Tanz Davids wird es gar polysensual: „Sah Weihrauchduft sich in die Lüfte schwingen“) würde selbst der Meisterskulpteur Polyklet beschämt. Dabei war der für Dantes Zeitgenossen – also lange vor Winckelmanns archäologischer Apotheose des Bildhauers – keineswegs nur irgendwer. Vielmehr war Polyklet seinerzeit, was auf einer fehlerhaften lateinischen Übersetzung der Nikomachischen Ethik des Aristoteles beruhte, der gerühmteste Bildhauer der Antike, weit bekannter als etwa Phidias, der erst von 1330 an, also nach Dantes Tod, an Bekanntheit und Bedeutung gewann.

Bild: AFP

Soweit der rhetorische Topos der sich künstlerisch übertreffenden Superatio, die beim obersten Bildhauer passend scheint, weil dieser selbst ja zur Erschaffung der Stammeltern die beiden dreidimensionalen Ur-Künste eingesetzt hatte: zuerst die additionale Plastik – Adam wird vom Schöpfer aus Lehm aufgebaut, in manchen dantezeitlichen Miniaturen sogar frühindustriell auf der Töpferscheibe gedreht – und dann die subtraktive Skulptur, indem Eva als Werk der Schnitzkunst makellos weiß aus der Rippe Adams herausgearbeitet wird. Genauso jungfräulich weiß wie der von Dante keinesfalls tautologisch betonte „weiße Marmor“ (marmo candido), waren doch die italienischen Sorten meist von bläulichen oder grauen Adern durchzogen. Indem allerdings nicht nur Polyklet, sondern auch die Natur durch die göttliche Kunst beschämt werden, fällt Dante eine klare Trennung: Auch die als Personifikation gedachte Natura ist eines der vielen Geschöpfe Gottes und ebenso wie der begnadete Polyklet nur Nachahmer des obersten Künstlers, eben Gott.

Keine wertende Unterscheidung nimmt Dante hingegen zwischen Antike, Judentum und Christenheit vor – der heidnische Kaiser Trajan ist ebenso Gottes Geschöpf ante legem wie der alttestamentliche König David und die Magd Maria als Muttergottes und „neue Eva“. Äußerst kunstvoll verwebt der Dichterkünstler so die Äonen, und da er nichts von unterschiedlichen Stillagen der drei Reliefs schreibt, darf man von einem überzeitlichen, die Jahrhunderte der realen Personen David, Maria und Trajan verschleifenden Gottesstil, gewissermaßen einer „Gottik“, sprechen – als anzustrebendes Richtmaß aller kommenden Künstler. Dante allerdings wäre nicht der gefeierte Bildhauer der Worte, würde er es durch die Plastizität seiner Ekphrasis nicht vermögen, auf göttlichem Niveau die angeblich zu sehenden Bilder vor dem inneren Auge des Lesers auferstehen zu lassen. So wird die Passage mit ihren Reliefbildern an den Wänden zugleich zu einem Museum aus Worten, das keine Illustration, sondern nur unsere Phantasie benötigt. Dass Dante dieses Feuerwerk an Sprachkunst ausgerechnet am Berg der Superbia entzündet, dürfte der Gewitztheit und Selbstironie geschuldet sein, die ebenfalls aus vielen Zeilen der Divina Commedia sprüht.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Trinks, Stefan
Stefan Trinks
Redakteur im Feuilleton.
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